→ Gedankenwelten-Notes: Demirovic und Lorey — Foucaults Gouvernementalitaet
Biographischer Snapshot
Wer spricht?
Alex Demirović (17. Mai 1952, Darmstadt) — Sozialwissenschaftler, Vertreter der Kritischen Theorie, Senior Fellow der Rosa-Luxemburg-Stiftung, apl. Professor an der Goethe-Universität Frankfurt.
Studium ab 1971 (Philosophie, Soziologie, Germanistik) in Frankfurt, Marburg und Paris. Promotion 1979 bei Alfred Schmidt. Habilitation 1992 in Politikwissenschaft. 1990–2001 am Institut für Sozialforschung Frankfurt (Horkheimer/Adorno-Institut). 2003 wurde seine Berufung auf eine Soziologieprofessur in Frankfurt vom Senat blockiert — internationale Petition u.a. von Judith Butler, Nancy Fraser, Wendy Brown. Host des Theorie-Podcasts tl;dr (Rosa-Luxemburg-Stiftung).
Wichtigste Werke: Der nonkonformistische Intellektuelle (1999/2023), Nicos Poulantzas (1987), Demokratie und Herrschaft (1997) Kernthemen: Materialistische Staatstheorie (Poulantzas, Gramsci), Demokratietheorie, Kritische Theorie, Diskursanalyse
Biografie
Alex Demirović ist einer jener seltenen Intellektuellen, die die Tradition der Frankfurter Schule nicht nur verwalten, sondern weiterdenken — und dabei offen genug sind, sie mit Foucault, Gramsci und Poulantzas zu kreuzen. Kein orthodoxer Marxist, aber ein linker Denker, der an der „Vision einer freien und humanen Gesellschaft jenseits des Kapitalismus” festhält.
Seine prägenden Jahre am Institut für Sozialforschung (1990–2001) verbinden ihn direkt mit der Tradition von Horkheimer und Adorno. Die blockierte Berufung 2003 — obwohl von internationalen Größen wie Butler und Fraser unterstützt — zeigt die politischen Grenzen kritischer Wissenschaft im deutschen Universitätssystem.
Der Theorie-Podcast tl;dr (Too long, didn’t read) ist sein aktuelles Vermittlungsprojekt: tiefe Gespräche über theoretische Texte mit wechselnden Expert:innen — von Marx über Gramsci bis Foucault. In gewisser Weise die Fortführung der Frankfurter Seminar-Tradition in Podcast-Form.
Seit 2025 im Vorstand der Rosa-Luxemburg-Stiftung. nd-Kolumnist (jeden 4. Montag). ver.di-Mitglied. Mitgründer der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung.
Bücher & Publikationen
| Werk | Jahr | Einordnung |
|---|---|---|
| Nicos Poulantzas. Eine kritische Auseinandersetzung | 1987 (Neuaufl. 2007) | Materialistische Staatstheorie |
| Demokratie und Herrschaft. Aspekte kritischer Gesellschaftstheorie | 1997 | Verhältnis von Demokratie und Herrschaft |
| Der nonkonformistische Intellektuelle | 1999 (Neuaufl. 2023) | Hauptwerk. Geschichte der Kritischen Theorie in der Nachkriegszeit |
| Demokratie in der Wirtschaft | 2007 | Wirtschaftsdemokratie |
| Wissenschaft oder Dummheit? | 2015 | Zerstörung der Rationalität in Bildungsinstitutionen |
| Marx als Demokrat oder: Das Ende der Politik | 2025 | Marx’ Demokratietheorie |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- tl;dr Podcast — Theorie-Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung — Demirovićs laufende Podcast-Reihe
- tl;dr #51: Michel Foucaults Gouvernementalität — mit Isabell Lorey
Kernthesen
- Der Staat ist kein monolithisches Ding: In der Tradition von Poulantzas versteht Demirović den Staat als Verdichtung gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse — nicht als neutralen Apparat oder bloßes Herrschaftsinstrument.
- Demokratie braucht Wirtschaftsdemokratie: Politische Demokratie ohne demokratische Kontrolle der Wirtschaft bleibt eine Halbheit — die ökonomische Rationalität muss demokratisch eingehegt werden.
- Kritische Theorie muss sich öffnen: Die Frankfurter Schule allein reicht nicht — Foucault (Diskursanalyse), Gramsci (Hegemonie), Poulantzas (Staatstheorie) ergänzen, was Adorno und Horkheimer offen ließen.
- Sozialistische Gouvernementalität muss erfunden werden: Mit Foucault: Der Sozialismus hat keine eigene Regierungskunst entwickelt — sie lässt sich nicht aus Texten ableiten, sondern muss in der Praxis erfunden werden.
- Intellektuelle als Nonkonformisten: Der kritische Intellektuelle steht quer zum akademischen Betrieb — nicht als Außenseiter, sondern als jemand, der die Regeln des Spiels sichtbar macht.
Politische Einordnung
Linkssozialistische, marxistische Position — hält an der Vision einer Gesellschaft jenseits des Kapitalismus fest. Parteinähe: Die Linke (2025 Wahlaufruf). Vorstand der Rosa-Luxemburg-Stiftung (parteinahe Stiftung der Linken). ver.di-Mitglied. Mitgründer der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung. Theoretisch fundierter Aktivist-Intellektueller in der Tradition der Frankfurter Schule, aber offen für poststrukturalistische und gramscianische Ansätze.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Michel Foucault — Demirovićs Podcast behandelt Foucaults Gouvernementalität; er liest Foucault als kompatibel mit materialistischer Staatstheorie
- Isabell Lorey — Gemeinsamer Podcast-Auftritt; Lorey bringt queer-feministische Prekaritätsanalyse ein, Demirović die staatstheoretische Rahmung
Gedankenwelten-Notes
- Demirovic und Lorey — Foucaults Gouvernementalitaet — Foucaults Gouvernementalitäts-Vorlesung: Neoliberalismus als Regierungskunst, Staat als Effekt, fehlende sozialistische Gouvernementalität, Sorgebeziehungen als Ausweg












