Quelle: tl;dr #51: Michel Foucaults Gouvernementalität | mit Isabell Lorey
Wer spricht?
Alex Demirović (1952, Darmstadt) — Sozialwissenschaftler und Vertreter der Kritischen Theorie. Senior Fellow der Rosa-Luxemburg-Stiftung, apl. Professor an der Goethe-Universität Frankfurt. 1990–2001 am Institut für Sozialforschung (Horkheimer/Adorno-Institut). Host des Theorie-Podcasts tl;dr (Rosa-Luxemburg-Stiftung). Wichtigste Werke: Der nonkonformistische Intellektuelle (1999), Nicos Poulantzas (1987), Demokratie und Herrschaft (1997) Kernthemen: Materialistische Staatstheorie (Poulantzas, Gramsci), Demokratietheorie, Kritische Theorie → DenkerVita
Isabell Lorey (1964) — Politikwissenschaftlerin, Professorin für Queer Studies an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM). Promotion 1996 über Judith Butler, Habilitation 2009 (Uni Wien). Kuratoriumssprecherin des Instituts Solidarische Moderne. Wichtigste Werke: Die Regierung der Prekären (2012, Vorwort Judith Butler), Demokratie im Präsens (2020, Suhrkamp), Figuren des Immunen (2011) Kernkonzepte: Gouvernementale Prekarisierung, Biopolitik, Immunisierung, präsentistische Demokratie → DenkerVita
Inhalt
Gouvernementalität — Macht jenseits von Verbot und Disziplin
▶ 0:46 — Demirović führt in Foucaults Vorlesungsreihe von 1978/79 ein — insbesondere in Die Geburt der Biopolitik. Foucault entwickelt dort ein Machtmodell in drei Stufen: Erstens das juridische Recht (Verbot/Erlaubnis), zweitens die Disziplin (Einübung von Verhaltensweisen bis in die Mikrophysik des Körpers), drittens die Gouvernementalität — eine Regierungskunst, die auf statistische Regelmäßigkeiten großer Bevölkerungen zielt.
▶ 8:25 — Das Entscheidende: Gouvernementalität normiert nicht im Sinne von erlaubt/verboten, sondern operiert im Medium von Normalverteilungen. Eine bestimmte Zahl von Verkehrstoten, Selbsttötungen, Touristen — erst wenn die Normalitätskurve abweicht, greift die Macht ein. Regierung wird zur Steuerung von Wahrscheinlichkeiten.
„Es geht darum, sich im Medium dieser Regelmäßigkeiten mit Macht einzugreifen oder zu handeln und das zu kontrollieren und bestimmte Normalitätskurven unter Kontrolle zu halten.”
Der Staat als Effekt — nicht als Wesen
▶ 14:33 — Eine der radikalsten Thesen der Vorlesung: Der Staat existiert nicht als eigenständige Entität. Er hat kein Wesen, keine Innereien, keine Gefühle. Er ist vielmehr „der bewegliche Effekt eines Systems von Gouvernementalitäten” — das Ergebnis von Regierungspraktiken, nicht deren Voraussetzung.
„Der Staat ist nichts anderes als die Wirkung, das Profil, der bewegliche Ausschnitt einer ständigen Staatsbildung von endlosen Transaktionen.”
▶ 16:52 — Diese Position ist kein Anti-Etatismus, sondern ein methodologischer Nominalismus: Statt vom Staat auszugehen und seine Funktionen zu untersuchen, fragt Foucault, wie Regierungspraktiken den Staat erst herstellen. Am Beispiel der Bundesrepublik nach 1945 zeigt er: Wo kein Staat war, schufen neoliberale Praktiken erst so etwas wie Staatlichkeit.
Neoliberalismus als Regierungskunst
▶ 22:17 — Foucault unterscheidet Liberalismus und Neoliberalismus entlang einer Achse: Wer denkt von wem her? Der klassische Liberalismus denkt vom Staat her und fragt, wie viel Marktfreiheit er gewähren soll. Der Neoliberalismus (Freiburger Schule: Hayek, Eucken, Rüstow) dreht die Perspektive um — er denkt von der Wirtschaftsfreiheit her und fragt, wie viel Staat der Markt braucht.
▶ 24:37 — Der neoliberale Staat hat dabei keineswegs weniger Aufgaben — im Gegenteil. Franz Böhm (Rektor der Uni Frankfurt, erster Botschafter in Israel): „Der Staat muss das wirtschaftliche Werden dominieren.” Die Anzahl der Interventionen kann so groß sein wie in einer Planwirtschaft — ihr Wesen ist jedoch verschieden: Alles zielt auf die Garantie des reinen Wettbewerbs.
Neoliberalismus als antifaschistische Selbstbegrenzung?
▶ 44:35 — Eine der provokantesten Linien der Vorlesung: Foucault liest die Gründung der Bundesrepublik als antifaschistisches Projekt der Neoliberalen. Die Ordoliberalen — fast alle aus dem Exil zurückgekehrt — sahen die Übermacht des Staates als Kern des nationalsozialistischen Problems. Ihre Antwort: Begrenzung des Staates durch Wirtschaftsfreiheit.
▶ 46:06 — Lorey ergänzt eine entscheidende Pointe: Foucault macht deutlich, dass der Preis dieser Verschiebung auf die Marktwirtschaft die Geschichtsvergessenheit war. Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus wurde zugedeckelt durch Wirtschaftswachstum. Die Selbstbegrenzung des Bürgertums war eine Vermeidung, keine Aufarbeitung.
Eigene Einschätzung
Dieser Gedanke hat erhebliche Sprengkraft für die aktuelle Debatte: Wenn der Neoliberalismus historisch als antifaschistisches Projekt gedacht war — und gleichzeitig die Aufarbeitung verhindert hat — dann ist die heutige Krise (AfD-Sympathien, Trump/Musk) nicht sein Scheitern, sondern seine Konsequenz. Die Verdrängung kehrt zurück.
Humankapital und die Subjektivierung des Selbst
▶ 35:24 — Lorey beschreibt, wie sie Foucaults Analyse des US-amerikanischen Neoliberalismus für ihr Buch Die Regierung der Prekären genutzt hat. Kernbegriff: Humankapital. Der Mensch wird zum Unternehmer seiner selbst — investiert in sich, kapitalisiert sich, evaluiert sich permanent anhand von Benchmarks.
▶ 37:45 — Demirović macht die Alltagsdimension greifbar: sich selbst bewerten, die eigene Exzellenz messen, Partner nach Performance beurteilen. Was aus der Ökonomie kommt, wird zur gesellschaftlichen Logik — und bekommt dabei „etwas unglaublich Rigides”.
Freiheit als Köder — Prekarisierung als Regierungsmodus
▶ 39:17 — Demirović stellt die Schlüsselfrage: Wo bleibt die Freiheit, wenn Selbstoptimierung in Erschöpfung mündet? Lorey antwortet differenziert: Die neoliberale Individualisierung ist nicht neu — schon das Bürgertum des 19. Jahrhunderts lernte, den eigenen Körper zu gestalten, die Gesundheit zu steuern. Der Neoliberalismus setzt darauf auf und radikalisiert es durch Ökonomisierung.
▶ 40:02 — Freiheit ist dabei der Köder: Wer autonom ist, wer für sich selbst sorgt, ist selbstverantwortlich für die eigene Misere. Gleichzeitig werden Sozialstaaten abgebaut. 25 Jahre nach Agenda 2010 ist das Ergebnis: Erschöpfung und Zumutung statt Autonomie.
Eigene Einschätzung
Loreys Analyse der Freiheit als Köder trifft einen Nerv. Die neoliberale Freiheit ist strukturell eine Falle: Man darf alles werden — und ist schuld, wenn man nichts wird. Dass Foucault diese Dynamik bereits in den späten 1970ern analysiert hat, lange vor Agenda 2010 und der Gig-Economy, zeigt die diagnostische Kraft seiner Gouvernementalitäts-Analyse.
Fehlende sozialistische Gouvernementalität
▶ 27:40 — Einer der politisch brisantesten Punkte: Foucault diagnostiziert, dass dem Sozialismus nicht eine Staatstheorie fehlt, sondern eine eigene Regierungskunst. Die sozialistische Tradition hat nie eigenständig über das Wie des Regierens nachgedacht, sondern immer nur versucht, Antworten aus bestehenden Texten abzuleiten (Marx, Lenin).
„Man kann sie nicht daraus ableiten, man muss sie erfinden.”
▶ 63:34 — Im Schlussgespräch greifen beide diesen Faden auf: Eine sozialistische Gouvernementalität müsste von Sorgebeziehungen her gedacht werden — Infrastrukturen der Sorge, soziale Ökologie, kollektive Lebensorganisation statt individualisierter Selbstoptimierung.
Erotisierung der Macht und Faschisierung
▶ 55:14 — Lorey bringt eine Dimension ein, die über die ökonomische Analyse hinausgeht: Foucaults Beschäftigung mit der Erotisierung der Macht. Am Beispiel des Films Der Nachtportier (Liliana Cavani, 1974) diskutiert Foucault die Erotisierung des Nationalsozialismus — und ist entschieden dagegen.
▶ 57:31 — Foucaults Interpretation: Die Erotisierung der Staatsmacht unter Giscard d’Estaing war eine rechte Besetzung der emanzipatorischen Begehren von 1968. Die freiflottierenden Begehren der neuen sozialen Bewegungen werden von rechts vereinnahmt — über die attraktive Figur des Präsidenten.
▶ 60:33 — Lorey weitergedacht: Der Kern der faschistischen Subjektivierung ist nicht primär die Erotik, sondern das Überlegenheitsgefühl — die Lust, leiden zu machen und leiden zu lassen, als Selbstaffirmation der weißen, bürgerlichen Identität. (Faktencheck: eigene theoretische Weiterentwicklung Loreys, nicht Foucault direkt)
Entindividualisierung — gegen Identitätspolitik
▶ 52:13 — Lorey macht deutlich, dass Foucault radikal anti-identitätspolitisch denkt: Die Kämpfe gehen darum, die Bindung an sich selbst zu überwinden — Befreiung von der zugewiesenen Identität, nicht ihre Fixierung. Der rechte Vorwurf an die Linke, nur „Identitätspolitik” zu betreiben, verkennt genau diesen Punkt.
Demirović ergänzt mit Marx: Auch die Arbeiterklasse will ihre Identität als Klasse letztlich loswerden. Es geht nicht um Fixierung, sondern um die Möglichkeit, auf etwas ganz Neues zuzugehen — eine „nichtfaschistische Lebensweise zu erfinden”.
Sorgebeziehungen als Ausweg
▶ 62:49 — Im Schluss warnt Lorey davor, sich in den aktuellen Faschismusdiskussionen zu sehr an alten Kategorien festzuhalten. Es brauche neue Analysewerkzeuge — und neue Praxisformen. Der Ansatz: Von Verbindungen und Sorgebeziehungen her denken, nicht vom atomisierten Individuum. Loreys aktuelle Forschung zu „Infrastrukturen der Sorge” setzt genau dort an.
Eigene Einschätzung
Der Schluss des Gesprächs verbindet Foucaults analytische Kraft mit einer politischen Perspektive: Wenn der Neoliberalismus als Individualisierungsmaschine die Bedingung für die aktuelle Faschisierungstendenz geschaffen hat, dann liegt die Antwort nicht in mehr Staat (das wäre die alte linke Reflexreaktion), sondern in neuen Formen des Zusammenlebens — Sorge, Verbindung, kollektive Praxis. Das resoniert stark mit Rosas Resonanztheorie und mit Maios Sorgekultur.
Faktencheck
Bestätigt — Foucaults Vorlesungen zur Gouvernementalität
Die Vorlesungen Sicherheit, Territorium, Bevölkerung (1977/78) und Die Geburt der Biopolitik (1978/79) am Collège de France sind vollständig publiziert und gelten als Schlüsseltexte der politischen Theorie. Quelle: Suhrkamp Verlag — Foucault Vorlesungen
Bestätigt — Ordoliberale im Exil
Die Freiburger Schule (Walter Eucken, Friedrich Hayek, Alexander Rüstow) war tatsächlich prägend für die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik. Rüstow und Hayek lebten während der NS-Zeit im Exil. Franz Böhm war erster Leiter der deutschen Delegation bei den Wiedergutmachungsverhandlungen mit Israel. Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung — Soziale Marktwirtschaft
Vereinfacht — SPD und Godesberg als neoliberale Unterwerfung
Foucaults Deutung des Godesberger Programms (1959) als vollständige Unterwerfung der SPD unter die neoliberale Gouvernementalität ist eine zugespitzte Lesart. Das Programm markierte zwar den Abschied vom Marxismus, aber die SPD behielt starke sozialstaatliche Positionen bei. Die Gleichsetzung mit neoliberaler Kapitulation vereinfacht die innerparteiliche Debatte. Keine unabhängige Quelle gefunden, die Foucaults spezifische Deutung stützt.
Vereinfacht — Neoliberalismus beginnt 1948
Foucaults Periodisierung (Neoliberalismus ab 1948 in Westdeutschland) steht quer zur regulationstheoretischen Periodisierung (Fordismus bis ca. 1973, dann neoliberale Wende). Beide Perspektiven haben empirische Grundlagen, betrachten aber verschiedene Phänomene: Foucault analysiert Regierungsrationalitäten, die Regulationstheorie Akkumulationsregime. Die Spannung wird im Gespräch thematisiert, aber nicht aufgelöst. Quelle: David Harvey — A Brief History of Neoliberalism (2005)
Bestätigt — Agenda 2010 und Prekarisierung
Loreys Analyse der Agenda 2010 (2003/2004) als Implementierung neoliberaler Gouvernementalität in Deutschland ist gut belegt. Hartz-IV-Reformen verschoben Verantwortung auf Individuen und koppelten Sozialleistungen an Eigeninitiative. Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung — Agenda 2010
Weiterführende Quellen
Im Gespräch erwähnte Werke und Bezüge:
- Michel Foucault: Die Geburt der Biopolitik (Vorlesung 1978/79, Suhrkamp) — genialokal
- Michel Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung (Vorlesung 1977/78, Suhrkamp) — genialokal
- Michel Foucault: Überwachen und Strafen (1975) — genialokal
- Michel Foucault: Der Wille zum Wissen (Sexualität und Wahrheit Bd. 1, 1976)
- Gilles Deleuze / Félix Guattari: Anti-Ödipus (1972) — Foucaults Vorwort: „eine antifaschistische Lebensweise entwickeln”
- Isabell Lorey: Die Regierung der Prekären (2012, Turia+Kant) — genialokal
- Isabell Lorey: Demokratie im Präsens (2020, Suhrkamp)
- Alberto Toscano: Faschismusanalysen — im Gespräch als aktueller Bezug erwähnt
- Dagmar Herzog: Sexualität im Nationalsozialismus — Demirović verweist auf ihre Forschung zur nicht-repressiven Seite nationalsozialistischer Sexualpolitik
- Liliana Cavani: Der Nachtportier (1974) — Film, an dem Foucault die Erotisierung des Faschismus diskutiert
Verbindungen
→ scobel — Foucault Aufklaerung als Haltung
Komplementäre Perspektive: scobel behandelt Foucaults Spätwerk (Aufklärung als Ethos), diese Note sein Mittelwerk (Gouvernementalität als Machtanalyse). Zusammen bilden sie den Übergang vom analytischen zum ethischen Foucault
→ Walther Ziegler — Foucault in 60 Minuten
Kompakter Einstieg in Foucaults Frühwerk (Panoptikum, Wahnsinn, Dispositiv), ergänzt durch die Gouvernementalitäts-Analyse der Vorlesung von 1979
→ Michel Foucault
Vollständige DenkerVita mit Biografie, Werkübersicht und Kernthesen
→ Eva von Redecker — Über den neuen Faschismus (Jung & Naiv 811)
Redeckers Phantombesitz ist die subjektive Kehrseite neoliberaler Gouvernementalität: Wenn das unternehmerische Selbst scheitert, kippt die versprochene Freiheit in faschistisches Ressentiment
→ Erich Fromm — Psychoanalyse des Faschismus
Fromms „Flucht vor der Freiheit” ist das psychoanalytische Pendant zu Foucaults „Freiheit als Köder”: Wo Foucault die Technik beschreibt, liefert Fromm die Psychodynamik autoritärer Unterwerfung
→ Clara Mattei — Geschichte der Austeritaetspolitik
Matteis These, dass Austerität gezielte Disziplinierung ist, ist Gouvernementalität avant la lettre — Wirtschaftspolitik als Regierungstechnik, exakt Foucaults Analyse der Freiburger Schule
→ Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer
Mausfelds unsichtbare Machttechniken konkretisieren Foucaults Gouvernementalität für die Gegenwart: Die „Lämmer” sind die erfolgreich regierten Subjekte, die ihre Lenkung als eigene Überzeugung erleben
→ Mouffe — Das Politische und die Politik
Mouffe und Foucault sind komplementäre Kritiken des liberalen Konsens-Projekts: Foucault zeigt, wie neoliberale Gouvernementalität das Subjekt als unternehmerisches Selbst konstituiert; Mouffe zeigt, was dabei politisch verloren geht — der Antagonismus, der produktive Konflikt, das Politische selbst
→ Crouch — Postdemokratie nach den Krisen
Crouchs Postdemokratie ist die institutionelle Seite des Gouvernementalitäts-Projekts: Foucaults “Freiheit als Köder” und Crouchs “neoliberale leere Hülle” beschreiben denselben Mechanismus — einmal als Subjektivierungsform, einmal als Systemdiagnose
→ Christoph Butterwegge — Armut NEU DENKEN
Butterwegge dokumentiert empirisch, was Demirović/Lorey theoretisieren: Prekarisierung nicht als Politikversagen, sondern als neoliberaler Regierungsmodus
→ Gesine Schwan — Macht NEU DENKEN
Schwans demokratisch-kooperativer Machtbegriff ist der normative Gegenentwurf zu Foucaults deskriptiver Gouvernementalitätsanalyse — wo Foucault die fehlende sozialistische Gouvernementalität konstatiert, skizziert Schwan Ansätze
→ Hannah Arendt — Denken ohne Geländer
Arendts Macht als kollektives Handeln steht in produktivem Widerspruch zu Foucaults disperser Machtanalytik — beide lehnen den souveränitätstheoretischen Machtbegriff ab, aber verorten Macht gegensätzlich
→ Dominik Finkelde — Nietzsche Ueber Wahrheit und Luege
Finkelde liefert die epistemologische Grundlegung für die Gouvernementalitäts-These: Wenn Wahrheit ein Sozialvertrag ist (Nietzsche), dann sind Regierungstechniken immer auch Wahrheitsregime (Foucault).
→ Heinz Bude — Boomer-Soziologie
Foucault saß buchstäblich in der zweiten Reihe am Tunix-Kongress 1978 — dem Gründungsmoment der Boomer-Kultur. Bude beschreibt, wie Foucaults Denken der Immanenz und Mikropolitik zur intellektuellen Grundlage einer „nichtrepräsentativen, nichtexemplarischen Politik” wurde — ein direktes Echo der Gouvernementalitätsvorlesung.
→ Julie Pagis — Psychologie der charismatischen Kontrolle
Pagis’ Fall zeigt Foucaults Selbstregierung im Extrem: Die maoistische Selbstkritik als Instrument, durch das die Gruppenmitglieder Fernandos Bewertungsmaßstäbe so vollständig internalisierten, dass sie sich gegenseitig überwachten. Foucaults Theorie als erschreckender Praxisfall.
→ Panorama — Politik verstehen
Gouvernementalität als Mechanik hinter politischer Macht: Macht ohne Verbot, Freiheit als Regierungsinstrument — die strukturelle Erklärung dafür, warum Bürger still bleiben ohne Zwang.
→ Wendy Brown - Wie Neoliberalismus die Demokratie bedroht
Brown und Demirović/Lorey nutzen denselben Foucault-Begriff — aber von verschiedenen Seiten: Demirović/Lorey zeigen, wie neoliberale Gouvernementalität das Subjekt formt; Brown fragt, was aus dem demos wird, wenn alle Subjekte so geformt sind. Ihr “Undoing the Demos” ist die politiktheoretische Konsequenz aus der Gouvernementalitäts-Analyse.











