Gedankenraum
DenkerVita·30. April 2026

Isabell Lorey — DenkerVita

Isabell Lorey liest Prekarität mit Foucault als Regierungstechnik, die Unsicherheit gezielt verteilt, und setzt dagegen Sorge und eine Demokratie, die im Präsens geübt wird.

🎨

Oskar Schlemmer (Bauhaus) — Stilisierte Röhrenfiguren balancieren prekär auf dünnen, kippenden Plattformen und einem Seil über einem unsicheren Gitterboden, in fragilem Gleichgewicht gehalten von feinen Führungslinien von oben. Schlemmers geometrische Bühne trägt Loreys Denken — die Regierung der Prekären.

Prompt: Oskar Schlemmer Bauhaus style, geometric mannequin figures, stage-like space, 1200x500 wide banner. Several stylised tubular figures balancing precariously on thin tilting platforms and a tightrope over an uncertain grid floor, held in fragile equilibrium by faint guiding lines from above; the governed precarious. Muted rose, grey, blue, ochre, clean geometric abstraction. No photorealism, no realistic faces.

→ Gedankenwelten-Notes: Alex Demirović und Isabell Lorey — Foucaults Gouvernementalität


Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Isabell Lorey (1964) — Politikwissenschaftlerin, Professorin für Queer Studies in Künsten und Wissenschaft an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM).

Promotion 1996 über Judith Butler (Goethe-Universität Frankfurt), Habilitation 2009 an der Universität Wien. Gastprofessuren an HU Berlin, UdK Berlin, Uni Basel, Uni Wien, Uni Kassel. Seit 2022 Kuratoriumssprecherin des Instituts Solidarische Moderne (ISM). Langjährige Mitherausgeberin der Publikationsplattform transversal texts (Wien). Fellow an der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Vor der akademischen Karriere auch Fernsehjournalistin (u.a. Kindernachrichten logo!).

Wichtigste Werke: Die Regierung der Prekären (2012, Vorwort Judith Butler), Demokratie im Präsens (2020, Suhrkamp), Figuren des Immunen (2011) Kernkonzepte: Gouvernementale Prekarisierung, Biopolitik, Immunisierung, präsentistische Demokratie


Biografie

Isabell Lorey gehört zu jener Generation europäischer Intellektueller, die sich zwischen akademischer Theorie und politischem Aktivismus nicht entscheiden wollen — und genau daraus ihre Stärke ziehen. Ihre frühe Beschäftigung mit Judith Butler — die erste deutschsprachige Monografie über Butler stammt von ihr (Immer Ärger mit dem Subjekt, 1996) — markiert eine Weichenstellung: Subjektivierung ist kein abstraktes Konzept, sondern eine politische Frage.

Die Habilitation an der Universität Wien (2009) zu Figuren des Immunen verschiebt den Fokus: Wer wird geschützt? Wer wird der Prekarität ausgesetzt? Die Antwort führt zu ihrem Hauptwerk Die Regierung der Prekären (2012), das Judith Butler so wichtig fand, dass sie das Vorwort schrieb. Loreys Kernthese: Prekarisierung ist kein Nebeneffekt des Neoliberalismus, sondern seine zentrale Regierungstechnik.

Ihr analytisches Modell unterscheidet drei Ebenen des Prekären: Precariousness (existenzielle Grundbedingung), Precarity (hierarchische Verteilung von Verletzbarkeit) und gouvernementale Prekarisierung (Prekarität als Regierungsmodus). Diese Dreiteilung macht präzise, was sonst diffus bleibt.

Seit 2022 ist sie Kuratoriumssprecherin des Instituts Solidarische Moderne — ein progressiver Think Tank im rot-rot-grünen Umfeld. Ihre aktuelle Forschung dreht sich um „Infrastrukturen der Sorge" — eine Perspektive, die Foucaults Gouvernementalitätsanalyse mit queerfeministischer Praxis verbindet.


Bücher & Publikationen

WerkJahrEinordnung
Immer Ärger mit dem Subjekt1996 (Neuaufl. 2017)Erste deutschsprachige Monografie zu Judith Butler
Figuren des Immunen2011Habilitationsschrift — politische Theorie der Immunisierung
Die Regierung der Prekären2012 (Neuaufl. 2020)Hauptwerk. Vorwort von Judith Butler. In 5 Sprachen übersetzt (EN: State of Insecurity, Verso 2015)
Foucaults Gegenwart (mit Ludwig & Sonderegger)2016Sammelband zu Foucaults Aktualität
Demokratie im Präsens2020Queer-feministische Demokratietheorie; Beitrag documenta 14

Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

  1. Prekarisierung ist Regierungstechnik: Soziale Unsicherheit wird im Neoliberalismus nicht bekämpft, sondern als Steuerungsinstrument eingesetzt — Freiheit und Prekarität sind strukturell gekoppelt.
  2. Dreiteilung des Prekären: Existenzielle Verletzlichkeit (precariousness), hierarchische Verteilung von Verwundbarkeit (precarity) und gouvernementale Prekarisierung als Machtform — drei analytisch verschiedene Ebenen.
  3. Immunisierung als Herrschaftslogik: Bestimmte Gruppen werden „immunisiert" (geschützt), andere der Prekarität ausgesetzt — die Grenze zwischen beiden ist ein Ort politischer Kämpfe.
  4. Demokratie als Präsenz: Demokratie ist kein Zustand, sondern eine Praxis des Präsentseins — Platzbesetzungen und neue Formen kollektiven Handelns als demokratische Innovation.
  5. Sorgebeziehungen als Gegenentwurf: Von Verbindungen und Sorge her denken statt vom atomisierten Individuum — eine Alternative zur neoliberalen Gouvernementalität.

Politische Einordnung

Links-emanzipatorisch, queer-feministisch. Klar im Spektrum kritischer Theorie verortet. Kuratoriumssprecherin des ISM (progressiver Think Tank). Bewegungsnah: Euromayday, präsentistische Demokratie, Platzbesetzungen. Neoliberalismus-Kritik als roter Faden. Intellektuelles Netzwerk: Judith Butler (persönliche Verbindung), transversal texts (Wien), eipcp.


Verbindungen zu anderen Denkern


Gedankenwelten-Notes

Im Bestand

Alex Demirović und Isabell…Foucaults GouvernementalitätAlex DemirovićDenkerVitaMichel FoucaultDenkerVitaAchille MbembeThe Earthly CommunityJoan KinyuaDenkerVitaRainer MausfeldDenkerVita

sechs gedachte Verweise

verlinktdieselbe Quelle, nie verlinkt
▶
bei 0:00schließen P