→ Gedankenwelten-Notes: Demirovic und Lorey — Foucaults Gouvernementalitaet
Biographischer Snapshot
Wer spricht?
Isabell Lorey (1964) — Politikwissenschaftlerin, Professorin für Queer Studies in Künsten und Wissenschaft an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM).
Promotion 1996 über Judith Butler (Goethe-Universität Frankfurt), Habilitation 2009 an der Universität Wien. Gastprofessuren an HU Berlin, UdK Berlin, Uni Basel, Uni Wien, Uni Kassel. Seit 2022 Kuratoriumssprecherin des Instituts Solidarische Moderne (ISM). Langjährige Mitherausgeberin der Publikationsplattform transversal texts (Wien). Fellow an der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Vor der akademischen Karriere auch Fernsehjournalistin (u.a. Kindernachrichten logo!).
Wichtigste Werke: Die Regierung der Prekären (2012, Vorwort Judith Butler), Demokratie im Präsens (2020, Suhrkamp), Figuren des Immunen (2011) Kernkonzepte: Gouvernementale Prekarisierung, Biopolitik, Immunisierung, präsentistische Demokratie
Biografie
Isabell Lorey gehört zu jener Generation europäischer Intellektueller, die sich zwischen akademischer Theorie und politischem Aktivismus nicht entscheiden wollen — und genau daraus ihre Stärke ziehen. Ihre frühe Beschäftigung mit Judith Butler — die erste deutschsprachige Monografie über Butler stammt von ihr (Immer Ärger mit dem Subjekt, 1996) — markiert eine Weichenstellung: Subjektivierung ist kein abstraktes Konzept, sondern eine politische Frage.
Die Habilitation an der Universität Wien (2009) zu Figuren des Immunen verschiebt den Fokus: Wer wird geschützt? Wer wird der Prekarität ausgesetzt? Die Antwort führt zu ihrem Hauptwerk Die Regierung der Prekären (2012), das Judith Butler so wichtig fand, dass sie das Vorwort schrieb. Loreys Kernthese: Prekarisierung ist kein Nebeneffekt des Neoliberalismus, sondern seine zentrale Regierungstechnik.
Ihr analytisches Modell unterscheidet drei Ebenen des Prekären: Precariousness (existenzielle Grundbedingung), Precarity (hierarchische Verteilung von Verletzbarkeit) und gouvernementale Prekarisierung (Prekarität als Regierungsmodus). Diese Dreiteilung macht präzise, was sonst diffus bleibt.
Seit 2022 ist sie Kuratoriumssprecherin des Instituts Solidarische Moderne — ein progressiver Think Tank im rot-rot-grünen Umfeld. Ihre aktuelle Forschung dreht sich um „Infrastrukturen der Sorge” — eine Perspektive, die Foucaults Gouvernementalitätsanalyse mit queerfeministischer Praxis verbindet.
Bücher & Publikationen
| Werk | Jahr | Einordnung |
|---|---|---|
| Immer Ärger mit dem Subjekt | 1996 (Neuaufl. 2017) | Erste deutschsprachige Monografie zu Judith Butler |
| Figuren des Immunen | 2011 | Habilitationsschrift — politische Theorie der Immunisierung |
| Die Regierung der Prekären | 2012 (Neuaufl. 2020) | Hauptwerk. Vorwort von Judith Butler. In 5 Sprachen übersetzt (EN: State of Insecurity, Verso 2015) |
| Foucaults Gegenwart (mit Ludwig & Sonderegger) | 2016 | Sammelband zu Foucaults Aktualität |
| Demokratie im Präsens | 2020 | Queer-feministische Demokratietheorie; Beitrag documenta 14 |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- tl;dr #51: Michel Foucaults Gouvernementalität | mit Isabell Lorey — Theorie-Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung
Kernthesen
- Prekarisierung ist Regierungstechnik: Soziale Unsicherheit wird im Neoliberalismus nicht bekämpft, sondern als Steuerungsinstrument eingesetzt — Freiheit und Prekarität sind strukturell gekoppelt.
- Dreiteilung des Prekären: Existenzielle Verletzlichkeit (precariousness), hierarchische Verteilung von Verwundbarkeit (precarity) und gouvernementale Prekarisierung als Machtform — drei analytisch verschiedene Ebenen.
- Immunisierung als Herrschaftslogik: Bestimmte Gruppen werden „immunisiert” (geschützt), andere der Prekarität ausgesetzt — die Grenze zwischen beiden ist ein Ort politischer Kämpfe.
- Demokratie als Präsenz: Demokratie ist kein Zustand, sondern eine Praxis des Präsentseins — Platzbesetzungen und neue Formen kollektiven Handelns als demokratische Innovation.
- Sorgebeziehungen als Gegenentwurf: Von Verbindungen und Sorge her denken statt vom atomisierten Individuum — eine Alternative zur neoliberalen Gouvernementalität.
Politische Einordnung
Links-emanzipatorisch, queer-feministisch. Klar im Spektrum kritischer Theorie verortet. Kuratoriumssprecherin des ISM (progressiver Think Tank). Bewegungsnah: Euromayday, präsentistische Demokratie, Platzbesetzungen. Neoliberalismus-Kritik als roter Faden. Intellektuelles Netzwerk: Judith Butler (persönliche Verbindung), transversal texts (Wien), eipcp.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Michel Foucault — Loreys gesamtes Werk baut auf Foucaults Gouvernementalitäts- und Biopolitikanalyse auf, wendet sie auf gegenwärtige Prekarisierung an
- Alex Demirovic — Gemeinsamer Podcast-Auftritt; beide verbinden kritische Theorie mit Foucault, aber Demirović aus materialistisch-staatstheoretischer, Lorey aus queer-feministischer Perspektive
Gedankenwelten-Notes
- Demirovic und Lorey — Foucaults Gouvernementalitaet — Foucaults Gouvernementalitäts-Vorlesung: Neoliberalismus als Regierungskunst, Humankapital, Prekarisierung, fehlende sozialistische Gouvernementalität












