Wer spricht?

Anat Saragusti (geb. 1953 in Jerusalem) ist eine israelische Journalistin, Publizistin und Juristin — und Israels erste Kriegsfotografin. 1982 schmuggelte sie sich trotz IDF-Verbot ins belagerte Beirut und führte das erste israelische Interview mit Jassir Arafat. Heute leitet sie das Ressort Pressefreiheit bei der israelischen Journalistengewerkschaft und dokumentiert, wie unter Netanjahu die freie Presse Stück für Stück ausgehöhlt wird. Zeit ihres Lebens Friedensaktivistin und Menschenrechtsverfechterin.

Biografie

  • Beruf / Fachgebiet: Journalistin, Dokumentarfilmerin, Buchredakteurin, Juristin; Pressefreiheits-Beauftragte der Union of Journalists in Israel
  • Geburtsjahr / Nationalität: 1953, Jerusalem — Israelin. Nachfahrin einer der ältesten jüdischen Familien Jerusalems (Herkunft Zaragoza/Saragossa, nach der Vertreibung durch die Spanische Inquisition Ende des 15. Jh. nach Jerusalem gekommen)
  • Herkunft & Prägung: Mit 17 schloss sie sich der Bewegung der israelischen Black Panthers an (mizrachische Bürgerrechtsbewegung) und nahm 1971 an deren großer Demonstration teil. Während des Militärdienstes erlebte sie 1973 den Jom-Kippur-Krieg.

Wendepunkte im Werdegang:

  • 1980 — Nach dem Fotografie-Studium Einstieg als Fotografin und Reporterin beim Wochenmagazin Ha’olam Hazeh („Diese Welt”) unter dem legendären Herausgeber und Friedensaktivisten Uri Avneri. Hier prägt sich ihre Doppelrolle als Bild- und Wort-Journalistin.
  • 1982 — Ihr bekanntester Coup: Im Ersten Libanonkrieg missachtet sie ein Verbot der IDF-Sprechereinheit, das weiblichen Journalisten das Betreten Libanons untersagte, und schmuggelt sich mit den Kolleginnen Carmela Menashe und Tali Lipkin-Shahak über die Grenze — bis ins belagerte Beirut zum ersten israelischen Interview mit Jassir Arafat, dem PLO-Chef. Ein Meilenstein israelischer Pressegeschichte, bis heute an Journalistenschulen studiert. Laut der Fotohistorikerin Rona Sela ist Saragusti Israels erste Kriegsfotografin.
  • 1984 — Dokumentiert die Bus-300-Affäre (Parashat HaShabak): Agenten des Inlandsgeheimdiensts Shin Bet, wie sie gefangene Attentäter abführen, die später außergerichtlich getötet wurden — Titelseite von Ha’olam Hazeh.
  • 1994 — Mitaufbau der Nachrichtenredaktion von Channel 2, Israels erstem kommerziellem TV-Sender. Erste Frau als TV-Reporterin für den Gazastreifen, zeitweise in Gaza wohnend. Später leitende Redakteurin der Hauptnachrichten und des Wochenmagazins Ulpan Shishi.
  • 2001–2002 — Hubert-H.-Humphrey-Stipendium (US-Außenministerium); als Channel-2-Korrespondentin in Washington berichtet sie umfassend über die Anschläge des 11. September.
  • 2007–2008 — Zieht nach Sderot in Reichweite der Gaza-Raketen, um aus erster Hand über das Leben in der wiederholt beschossenen Stadt zu berichten (Kurzdoku Yoman Sderot / „Das Sderot-Tagebuch”).
  • 2008 — Verlässt Channel 2, um Agenda (Israeli Center for Strategic Communications) zu leiten — eine NGO für Medien- und sozialen Wandel. Doku The Citizen Aloni über die Bürgerrechtlerin Shulamit Aloni.
  • 2020 — Wechsel zur Union of Journalists in Israel, wo sie heute das Ressort Pressefreiheit leitet.

Weiteres Engagement: Vorstandsmitglied der Association for Civil Rights in Israel (ACRI, seit 2006), Mitgründerin von Itach-Maaki – Women Lawyers for Social Justice, Initiatorin von Ausbildungskursen, die äthiopisch-jüdische und arabisch-palästinensische Jugendliche für den Journalismus qualifizierten (Absolventen wurden Channel-2-Reporter bzw. Knesset-Abgeordnete). Mitbegründerin von Ta Ha’Itonaiyot und dem Gender Media Center.

Öffentliche Arbeit, Kanäle & Engagement

FeldBeschreibung
Union of Journalists in IsraelLeitet das Ressort Pressefreiheit — journalists.org.il
+972 MagazineBeiträge als Autorin — Anat Saragusti bei +972
HaaretzAutorin — Haaretz-Autorenseite
DokumentarfilmeYoman Sderot (2008), The Citizen Aloni (2008)
Buch (Mitautorin)Women Confronting Peace: Voices from Israel (International Women’s Commission, 2009)
LinkedInAnat Saragusti

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  • Pressefreiheit ist kein Nebenschauplatz, sondern Frühwarnsystem der Demokratie. Wo die Presse verstummt, ist der Frieden in Gefahr — die Aushöhlung der freien Presse ist Vorbote autoritärer Verhärtung.
  • Die Aushöhlung geschieht systematisch, nicht zufällig. Sie benennt einen „Masterplan” mit mehreren Hebeln: Gesetze gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wirtschaftliche Schwächung des kommerziellen Fernsehens, Bevorzugung des regierungsnahen Channel 14, staatliche Anzeigenboykotte gegen kritische Blätter wie Haaretz.
  • Der Krieg als Aufmerksamkeits-Blockade. Sperrzonen, der Ausschluss internationaler Journalisten aus Gaza und die Tötung palästinensischer Journalisten erzwingen ein Informationsvakuum — nicht mangelndes Interesse, sondern verhinderte Sicht.
  • Journalismus als Grenzüberschreitung. Ihr eigenes Werk — vom Arafat-Interview bis zum Shin-Bet-Bild — steht für einen Journalismus, der Verbote missachtet, wo das öffentliche Wissen es verlangt.
  • Der Journalist hat eine Agenda — und soll dazu stehen. „Ich schäme mich nicht, eine Agenda zu haben; wer keine hat, sollte sich schämen.” Haltung statt vorgeblicher Neutralität, offengelegt statt versteckt.

Politische / ideologische Einordnung

Saragusti steht klar im linken, friedensbewegten Spektrum Israels — geprägt von der mizrachischen Bürgerrechtsbewegung der Black Panthers, der Avneri’schen Ha’olam-Hazeh-Tradition und dem Engagement für einen israelisch-palästinensischen Ausgleich. Menschenrechte, Gleichstellung von Frauen und die Integration von Minderheiten (äthiopische Juden, palästinensische Bürger Israels) sind durchgehende Linien. Ihre Kritik richtet sich gegen die Netanjahu-Regierung und deren Umbau der Medienlandschaft — nicht gegen den Staat Israel als solchen, sondern im Namen seiner demokratischen Substanz.

Verbindungen zu anderen Denkern

  • Yonatan Zeigen — derselbe Jung-&-Naiv-Israelbesuch, zwei Tage später: Wo Saragusti diagnostiziert, wie die Öffentlichkeit die Unsichtbaren verliert, macht Zeigen sie zum Parteiprogramm.
  • Adam Johnson — dieselbe Anatomie der Gaza-Unsichtbarmachung, von der US-Seite: Johnson quantitativ von außen, Saragusti als Innenansicht der israelischen Selbstzensur.
  • Tilo Jung — der Fragende des Gesprächs; sein Interview-Stil (naive, beharrliche Nachfragen) bringt Saragustis Unterscheidung von operativer und politischer Zensur erst zum Vorschein.
  • Ronen Steinke — beide vermessen, wie Staaten das Wort „Völkermord” sanktionieren: Steinke juristisch in Deutschland, Saragusti als Tabu der israelischen Presse.

Gedankenwelten-Notes