Ronen Steinke

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Ronen Steinke (1983, Erlangen) — Journalist, Sachbuchautor und Jurist. Aufgewachsen in Nürnberg als Sohn jüdischer Eltern. Studium an der Bucerius Law School und der Temple University Japan, Promotion im Völkerstrafrecht über die politische Funktion von Kriegsverbrechertribunalen (FAZ: „Meisterstück”). Arbeitete am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien.

Seit 2011 bei der Süddeutschen Zeitung — zunächst Außenpolitik-Redakteur, seit 2017 rechtspolitischer Korrespondent in Berlin. Interviewte Radovan Karadžić, berichtete als erster Journalist aus dem UN-Gefängnis Scheveningen. Seit 2023 Lehrbeauftragter an der Goethe-Universität Frankfurt (Kriminalwissenschaften/Rechtsphilosophie). Seit 2025 Host des SZ-Podcasts Ist das gerecht?. Mitglied der Jüdischen Gemeinde Berlin.


Biografie

Steinke wuchs in Nürnberg als Sohn jüdischer Eltern auf — eine Herkunft, die sein späteres Engagement für jüdisches Leben in Deutschland und gegen Antisemitismus tief geprägt hat. Am Willstätter-Gymnasium machte er Abitur, studierte dann Rechtswissenschaft und Kriminologie an der Bucerius Law School in Hamburg und der Temple University Japan in Tokio.

Der Wendepunkt kam am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag: Hier erlebte Steinke, wie Völkerrecht in der Praxis funktioniert — und wo es scheitert. Seine Promotion analysierte die politische Funktion von Kriegsverbrechertribunalen seit 1945 und argumentierte, dass hinter menschenrechtlicher Rhetorik oft machtpolitische Interessen stecken.

2012/13 am Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt vertiefte sich Steinke in die Figur des jüdischen Staatsanwalts Fritz Bauer, der in der Nachkriegszeit gegen eine gesamte Gesellschaft ankämpfte, um die Auschwitz-Prozesse zu erzwingen. Diese Begegnung wurde prägend — Bauer bleibt sein erklärtes Vorbild: „Die Art von juristischem Engagement, die mich sehr anspricht.”

Bei der SZ entwickelte sich Steinke vom Außenpolitik-Redakteur zum profiliertesten rechtspolitischen Journalisten seiner Generation in Deutschland. Er interviewte den Kriegsverbrecher Karadžić, berichtete als erster aus dem UN-Gefängnis Scheveningen, und wurde zum jüngsten Redner bei der traditionellen Neujahrsansprache im Bundesjustizministerium.


Bücher & Publikationen

  • Fritz Bauer. Oder: Auschwitz vor Gericht (Piper, 2013) — Biografie des jüdischen Staatsanwalts, wurde Vorlage für den preisgekrönten Kinofilm Der Staat gegen Fritz Bauer. Daniel Kehlmann nannte es „grandios”.
  • Der Muslim und die Jüdin: Die Geschichte einer Rettung in Berlin (Berlin Verlag, 2017) — Über den ägyptischen Arzt Mohamed Helmy, der als erster Araber von Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern” ausgezeichnet wurde. The Guardian: „Book of the week”.
  • Antisemitismus in der Sprache (Dudenverlag, 2020) — Essay über antisemitische Wendungen in der deutschen Alltagssprache.
  • Terror gegen Juden (Berlin Verlag, 2020) — Kritik am systematischen Versagen des Staates im Umgang mit antisemitischer Gewalt. Platz 2 der Sachbuch-Bestenliste von Zeit und Deutschlandfunk Kultur.
  • Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich (Berlin Verlag, 2022) — Über Klassenjustiz: Arme werden schneller inhaftiert, seltener auf Bewährung entlassen. Löste die Debatte um die Ersatzfreiheitsstrafe aus.
  • Recht gegen rechts (Fischer, seit 2020, jährlich) — Jahrbuch, Mitherausgeber. Dokumentiert rechte Tendenzen in Justiz, Verwaltung und Parlamenten.
  • Verfassungsschutz — Wie der Geheimdienst Politik macht (Berlin Verlag, 2023) — Kritische Analyse des deutschen Inlandsgeheimdienstes.
  • Meinungsfreiheit — Wie Polizei und Justiz unser Grundrecht einschränken (Piper, 2026) — Sein aktuelles Werk: systematische Aushöhlung der Meinungsfreiheit durch Exekutive und Judikative.

Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

  1. Staatliche Meinungsfreiheitseinschränkung — Nicht die Gesellschaft („Cancel Culture”) ist das Hauptproblem, sondern Polizei und Justiz, die mit einer unübersichtlichen Paragraphenlandschaft Bürger einschüchtern.
  2. Verfassungsschutz als Demokratieproblem — Der Inlandsgeheimdienst ist kein neutrales Expertengremium, sondern ein politisches Instrument der jeweiligen Regierung mit Einschüchterungspotenzial.
  3. Klassenjustiz — Das deutsche Strafrechtssystem benachteiligt systematisch Arme: Ersatzfreiheitsstrafen, Schwarzfahren, fehlender Zugang zu Anwälten.
  4. Fritz Bauer als Kompass — Juristische Aufklärung als Kampfform: Die Gesellschaft zum Hinsehen zwingen, auch wenn die Mehrheit nicht hinsehen will.
  5. Völkerrecht ernst nehmen — Die juristischen Hürden für Genozid sind hoch, aber Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind ebenso gravierend und strafbar.

Politische Einordnung

Steinke verortet sich selbst nicht parteipolitisch, ist aber klar progressiv-liberal im klassischen Sinne: maximale Meinungsfreiheit, Misstrauen gegenüber staatlicher Macht, Engagement für soziale Gerechtigkeit. Er verbindet eine libertäre Grundhaltung bei Meinungsfreiheit mit einem sozialstaatlichen Ansatz beim Schutz von Schwächeren. Als Mitglied der Jüdischen Gemeinde Berlin nimmt er eine eigenständige Position in der Antisemitismus- und Israel-Debatte ein — kritisch gegenüber der israelischen Regierung, aber auch gegenüber vereinfachenden Genozid-Zuschreibungen.


Verbindungen zu anderen Denkern

  • Valentina Chiofalo — Beide Juristen, die Verfassungsschutz als demokratische Praxis begreifen; Steinke legt institutionelle Schwachstellen des Verfassungsschutzes journalistisch frei (V-Leute-Problem), Chiofalo ersetzt den staatsinternen Beweis durch zivile Massendatenanalyse — methodisch unterschiedlich, strukturell komplementär.
  • Helen Keller — Beide Völkerrechtler mit Praxiserfahrung an internationalen Gerichten; Keller als EGMR-Richterin, Steinke am Jugoslawien-Tribunal
  • Gesine Schwan — Demokratietheorie: Schwans Betonung demokratischer Partizipation ergänzt Steinkes Warnung vor staatlicher Meinungseinschränkung

Gedankenwelten-Notes