Wer spricht?
Yonatan Zeigen ist israelischer Friedensaktivist, Sozialarbeiter und ausgebildeter Mediator aus Tel Aviv-Jaffa, aufgewachsen im Kibbuz Be’eri an der Gaza-Grenze. Seine Mutter, die israelisch-kanadische Friedensaktivistin Vivian Silver, wurde am 7. Oktober 2023 in ihrem Haus ermordet — während er mit ihr am Telefon war. Aus dieser Trauer heraus gab er seinen Beruf auf und kehrte ins Zentrum der israelischen Friedensbewegung zurück. Er kandidiert nun für die neue jüdisch-arabische Partei Makom Lekulanu („A Place For Us All”) zur Knesset-Wahl im Oktober 2026.
Biografie
- Herkunft: Aufgewachsen im Kibbuz Be’eri, wenige Kilometer von der Grenze zu Gaza — einer der am 7. Oktober 2023 am schwersten getroffenen Orte. Lebt heute in Tel Aviv-Jaffa.
- Beruf: Sozialarbeiter und ausgebildeter Mediator. Bachelor in Rechtswissenschaft, Master in klinischer Sozialarbeit.
- Familie: Jüngster Sohn von Vivian Silver (1949–2023), einer aus Winnipeg (Kanada) stammenden Friedensaktivistin, die über 30 Jahre in Be’eri lebte, Mitbegründerin von Women Wage Peace war und jahrelang kranke Gazaner zur Behandlung in israelische Krankenhäuser fuhr.
Der Wendepunkt — 7. Oktober 2023. An jenem Morgen versteckte sich die 74-jährige Vivian Silver in ihrem Schutzraum, während Hamas-Kämpfer in ihr Haus eindrangen. Yonatan war mit ihr am Telefon, bis sie verstummen musste, um nicht gefunden zu werden — der Austausch lief weiter über Textnachrichten. Ihre letzten Zeilen an ihn, um 10:54 Uhr: „I’m with you”, schrieb er. „I feel you”, antwortete sie. Dann Stille. Über einen Monat lang galt sie als Geisel in Gaza; erst im November wurde durch DNA-Analyse bestätigt, dass sie am 7. Oktober in ihrem niedergebrannten Haus gestorben war.
Der Weg von der Trauer in die Politik. Zeigen beschreibt den Tod seiner Mutter als Moment, der „ihn wachgerüttelt” habe — und ein starkes Gefühl der Verantwortung auslöste, sich für Veränderung einzusetzen. Seine Überzeugung: Ihr Tod und der so vieler anderer war und ist vermeidbar. Er kündigte seine Stelle als Sozialarbeiter, um das Lebenswerk seiner Mutter fortzusetzen — Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Im Jahr nach dem Anschlag sprach er in Medien, hielt Reden, pflegte Kontakte zu Diplomaten und traf im Ausland Regierungsvertreter. 2026 machte er den Schritt von der Bewegung in die Parteipolitik: Er steht auf der Liste von Makom Lekulanu.
Öffentliche Arbeit, Kanäle & Engagement
- Makom Lekulanu / „A Place For Us All” — neue jüdisch-arabische Partei aus dem Umfeld von Standing Together, gegründet 2026, geführt von Rula Daood (erste palästinensische Frau an der Spitze einer landesweiten israelischen Partei) und Alon-Lee Green. Tritt zur Knesset-Wahl (bis 27.10.2026) an. Zeigen kandidiert auf der Liste, neben u.a. Sally Abed, Itamar Avneri und Ghadir Hani.
- Standing Together — 2015 gegründete jüdisch-arabische Basisbewegung, nach dem 7. Oktober zu einer der sichtbarsten Anti-Kriegs- und „Shared Society”-Bewegungen Israels gewachsen (über 7.000 zahlende Mitglieder). Zeigens politisches Zuhause; die Partei ist rechtlich und finanziell unabhängig davon.
- Rednerische Arbeit — u.a. Auftritt bei der 19. gemeinsamen israelisch-palästinensischen Gedenkzeremonie (Alliance for Middle East Peace / Combatants for Peace).
- Vivian Silvers Erbe — Zeigen trägt die Arbeit seiner Mutter und ihrer Organisationen (Women Wage Peace, Arab-Jewish Center for Empowerment) öffentlich weiter.
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Yonatan Zeigen — Jung & Naiv, Episode 837 — ausführliches Gespräch (09.07.2026) über die neue Partei, den 7. Oktober und den Weg von der Trauer in die Politik.
- „Oct. 7 didn’t start time; it was an outcome” — CBC News — Interview über das Erbe seiner Mutter und seine Sicht auf Ursache statt Nullpunkt.
- „Mein Schmerz wird nicht durch Krieg gelindert” — Amnesty Journal (deutsch, 04/2024) — Interview über Rache, Trauer und den Bruch mit der Logik der Vergeltung.
- PeaceCast #307 — „Back to Peace with Yonatan Zeigen” — Podcast-Gespräch (Americans for Peace Now).
Kernthesen
- „Der 7. Oktober war kein Anfang, sondern ein Ergebnis.” Der Massaker-Tag markiert keinen Nullpunkt der Geschichte, sondern das Resultat eines ungelösten Konflikts — wer ihn als Startpunkt liest, verwechselt Symptom mit Ursache.
- Der Tod war vermeidbar — und ist es weiter. Aus dieser Prämisse folgt die Verantwortung zu handeln: nicht Schicksal, sondern politisches Versagen, das umkehrbar ist.
- Schmerz wird nicht durch Krieg gelindert. Die Absage an Vergeltung als Trauerarbeit — die eigene Wunde rechtfertigt keine neue Gewalt, sondern verpflichtet zum Gegenteil.
- Jüdisch-arabische Partnerschaft beginnt in einer Partei. Nicht ein arabischer Vertreter in einer jüdischen Liste (oder umgekehrt), sondern echte, gleichberechtigte Partnerschaft im selben politischen Körper (Position von Makom Lekulanu).
- Frieden als politische Praxis, nicht als Gefühl. Die Fortsetzung von Vivian Silvers Lebenswerk übersetzt Versöhnung in konkrete Wahlpolitik: Kriegsende, Gleichheit von Juden und Arabern, soziale Gerechtigkeit.
Politische / ideologische Einordnung
Zeigen steht in der israelischen Friedensbewegung links der Mitte — Anti-Kriegs-Position, Zwei-Völker-Perspektive, jüdisch-arabische Gleichheit. Über Makom Lekulanu ist er Teil des Anti-Netanyahu-Blocks, explizit gegen Ben Gvir und Smotrich gerichtet. Standing Together, sein Herkunftsmilieu, ist von beiden Rändern angefeindet worden: von Teilen der jüdischen Öffentlichkeit als „Verrat”, von manchen Palästinensern als „Normalisierung des Zionismus” — ein Hinweis darauf, dass die Bewegung eine dritte Position zwischen den Lagern zu besetzen versucht. Zeigens Haltung ist dabei weniger ideologisch als biografisch grundiert: Sie speist sich aus der Weigerung, den Mord an seiner Mutter in Rache zu übersetzen.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Maoz Inon — das Schwesterstück des Verlusts: Inon verlor beide Eltern am 7. Oktober und wählte wie Zeigen Aufbau statt Rache; Inon baut Bewegung, Zeigen geht in die Knesset.
- Aziz Abu Sarah — die palästinensische Entsprechung derselben Haltung: Trauer (sein Bruder starb nach israelischer Haft), die zu gemeinsamer statt gegeneinander gerichteter Politik wird.
- Anat Saragusti — dieselbe Jung-&-Naiv-Israelreise: Ihre Diagnose der verhärteten, selbstzensierten Öffentlichkeit ist die Mauer, gegen die Zeigens Wette vom „vorläufigen Zeitgeist” anläuft.
- Tilo Jung — der Fragende des Gesprächs; seine DDR-Erfahrung („neuer Zeitgeist in wenigen Wochen, 1989”) liefert Zeigen im Interview selbst das stärkste Argument.












