Biografie
- Philosoph, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich 1171 „Affective Societies” an der Freien Universität Berlin — Forschung zur Soziologie und Philosophie der Affekte und Emotionen.
- Geboren 1981 in Saudi-Arabien, mit einer brasilianischen Mutter aufgewachsen; lebt und arbeitet in Berlin.
- Studium der Philosophie, Ethnologie sowie Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft.
- Promotion 2018 am Philosophischen Institut der Freien Universität Berlin — die Dissertation über die Rache wurde zur Grundlage seines Hauptwerks. Der Doktortitel entstand im Umfeld des Exzellenzclusters „Languages of Emotion” / SFB „Affective Societies”.
- Forschungsschwerpunkte: Affekt- und Emotionsphilosophie, Gewalt, Kolonialismus/Postkolonialismus, Rechts-, Sozial- und politische Philosophie, Sprach- und Religionsphilosophie.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Rache. Über einen blinden Fleck der Moderne | 2021 | Sein Hauptwerk (aus der Dissertation). Kulturgeschichtliche und philosophische Untersuchung des Stellenwerts der Rache in der modernen Gegenwartskultur — gegen die Fortschrittserzählung, die Moderne habe die Rache durch das Recht „überwunden”. Achilles neben Batman, Marcel Mauss neben Kant. Platz 4 der „Sachbücher des Monats” (Literarische Welt, rbb Kultur, NZZ, ORF Ö1). Matthes & Seitz Berlin, ISBN 978-3-95757-866-2. |
Aufsätze & weitere Beiträge (Auswahl):
- Die Rache und wir (frei zugänglich auf academia.edu)
- Unseen Wounds sowie On being stuck: the pandemic crisis as affective stasis (im Kontext der „Affective Societies”-Forschung)
- Lexikon-/Handbuchbeiträge zu Vergebung und Rache (u.a. im Umfeld phänomenologischer Affektforschung)
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Rache – der Ursprung der Moral? (Sternstunde Philosophie, SRF) — Gespräch mit Wolfram Eilenberger über die wahre Macht der Rache, Moral und Vergebung. Das zentrale Format zum Thema.
- Ist die Rache der Ursprung der Moral? (SRF Kultur, YouTube) — YouTube-Fassung des Sternstunde-Gesprächs.
- Fabian Bernhardt im Gespräch mit Sebastian Schirrmeister über sein Buch „Rache” (YouTube) — ausführliches Buchgespräch.
- Liebe, Rache, Hass – Müssen wir alles verzeihen? (Philosophisches Forum, ORF 2) — TV-Diskussion zu Vergebung und Versöhnung.
- Philosophie der Rache: Die verdrängte Seite der Moderne (Deutschlandfunk Kultur) — Radiogespräch mit Stephanie Rohde.
Kernthesen
- Rache ist ein blinder Fleck der Moderne. Seit der Aufklärung gilt sie als das „dunkle Andere” — als überwundene Vorstufe des Rechts. Diese Fortschrittserzählung verdeckt, dass der Wunsch nach Vergeltung in modernen Gesellschaften uneingestanden weiterwirkt.
- „Ohne Rache keine Moral.” Rache ist wesenhaft reaktiv — eine Antwort auf erlittenes Unrecht — und damit möglicherweise eine Ursprungserfahrung von Moral überhaupt: das frühe Gespür dafür, dass etwas nicht hätte geschehen dürfen.
- Kritik am „Fantasma der blinden Rache”. Die Moderne stellt sich Rache notwendig als blind, maßlos und eskalierend vor. Bernhardt liest diese Vorstellung gegen den Strich: In „primitiven” Gesellschaften hatte Vergeltung oft eine ordnende, maßvolle, reziproke Funktion (Nähe zu Marcel Mauss’ Gabentausch).
- Rehabilitierung als Verstehen, nicht als Apologie. Es geht nicht darum, Rache gutzuheißen, sondern die verdrängten Affekte sichtbar zu machen, für die die Moderne „keinen legitimen Platz mehr” bereithält — und so Recht, Gerechtigkeit und Vergebung schärfer zu fassen.
- Spannungsfeld Rache – Recht – Vergebung: Im Rachebegriff scheint „die dunkle Seite der Gerechtigkeit” auf; Vergebung ist keine schlichte Überwindung, sondern eine eigene, voraussetzungsreiche Geste.
Politische / ideologische Einordnung
Akademischer Philosoph ohne ausgeprägtes parteipolitisches Profil. Sein Zugriff ist affekttheoretisch und postkolonial sensibilisiert (Forschung am SFB „Affective Societies”; Interesse an Kolonialismus/Postkolonialismus und Gewalt). Die Kritik an der Selbsterzählung der Moderne — die „primitive” Gesellschaften als das überwundene Andere setzt — steht in der Tradition kulturanthropologischer Aufklärungskritik, ohne ins Anti-Aufklärerische zu kippen.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Erich Fromm — Destruktivität als verfehltes Leben (Fromm) vs. kanalisierte Vergeltung (Bernhardt): beide gegen das Bild blinder Zerstörungswut.
- Matthieu Ricard — schärfster Gegenpol: den Groll auflösen statt ausgleichen; Gleichmut gegen den thymotischen Pol.
- Markus Gabriel — Vernunft-Fundament der Moral gegen Bernhardts Kränkungs-Fundament.
- Jonathan Haidt — moralische Intuitionen (Haidt) vs. die Kränkung als Ursprung darunter (Bernhardt).
- Schmitz & Maio — dieselbe Wunde der Verletzlichkeit, zwei Ausgänge: Wachstum vs. Rache.
- Eva von Redecker — Phantombesitz und Rache als Verteidigung eines verletzten Ordnungsanspruchs.










