Quelle: taz Talk meets Buchmesse Leipzig, März 2026 (Buchvorstellung bei S. Fischer)

Wer spricht?

Eva von Redecker — Philosophin und freie Autorin; promoviert an der Humboldt-Universität Berlin bei Rahel Jaeggi über Praxis und Revolution. Lebt in Brandenburg, Lehrauftrag an der HFBK Hamburg. Vorherige Bücher: Revolution für das Leben (2020, über Klima- und Antirassismusbewegungen) und Bleibefreiheit (2023). Ihr neues Buch Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus erscheint bei S. Fischer. Gesprächspartnerin: Ulrike Winkelmann, Chefredakteurin der taz.

Kernthese

„Faschismus ist aus meiner Sicht immer vernichtende Phantombesitzverteidigung.”


Kontext

Buchvorstellung auf der Leipziger Buchmesse 2026. Redecker legt eine philosophische Analyse des neuen Faschismus vor — gestützt auf Kritische Theorie (Arendt, Adorno/Horkheimer, Fromm) und aktualisiert für eine Gegenwart, die von digitalisierten Lebenswelten, Klimakrise und der Wiederkehr autoritärer Politik geprägt ist.


Zentralbegriff: Phantombesitz

Der Schlüsselbegriff des Buches — und nach Redecker schärfer als der übliche Begriff „Privileg”:

Phantomschmerz als Analogie: Man spürt einen Impuls an einer Stelle, wo nichts mehr ist. Phantombesitz beschreibt eine Überzeugung, Kontroll- und Verfügungsansprüche über Dinge zu haben, die entweder nie Eigentum waren oder es nicht mehr sind.

Beispiele:

  • Rassistische Herrschaft war historisch eigentumsförmig organisiert — Versklavung als buchstäbliches Eigentumsrecht. Das Recht ist vorbei, der Impuls bleibt.
  • Patriarchale Herrschaft: Im alten Ehevertrag gehörte die Sorgearbeit der Frau dem Ehemann verbrieft. Das ist abgeschafft — aber der Kontrollimpuls persistiert, oft sogar verstärkt.

„Privileg ist eine feudale Gewohnheitsrechtskategorie — Phantombesitz hat die Wucht des modernen Eigentums.”

Das Besondere am modernen Eigentum: Es verspricht, alles mit einer Sache machen zu können. Weil das Phantom nicht greift, wird der Anspruch nie erfüllt — deshalb muss immer bis zum Äußersten gegangen werden. Im Extremfall beweist der Eigentümer seinen Anspruch durch Zerstörung: Was mir gehört, kann ich auch kaputt machen. Und wenn ich nicht sicher bin, ob es mir gehört, mache ich es schon mal vorsorglich kaputt.

Redecker sieht diese Logik auf weltpolitischer Bühne: imperialistische Angriffe ohne strategisches Ziel, die sich als Souveränität durch Verwüstung legitimieren.


Ausnahmezustandslogik

Phantombesitz allein mobilisiert nicht. Was es braucht: die Fiktion eines Ausnahmezustands.

  • „Unser Land wird uns weggenommen”
  • „Die Familie wird kaputt gemacht”
  • „Die Meinungsfreiheit ist bedroht”

Diese Ansprüche sind weniger greifbar als ein Glas auf dem Tisch — aber gerade deshalb wirksam. Sobald die Demagogie das Gefühl erzeugt, da wird dir etwas weggenommen, erscheint Gewalt zur Selbstverteidigung als legitim. Das ist, so Redecker, die Logik aller rechten Mobilisierung der Gegenwart — um ganz verschiedene Themen.


Neuer vs. alter Faschismus

Redecker aktualisiert klassische Faschismustheorien statt sie zu verwerfen:

Alter FaschismusNeuer Faschismus
BezugsrahmenKollektive Güter (Nation, Blut und Boden)Stärker individualistisch (eigene Ansprüche, Entitlement)
MedienRadio — homogenisiert, verschweißt MassenKI und Plattformen — zerstückeln, entmündigen, erzeugen trotzdem Gewaltbündelung (Bots, automatisierte Angriffe)
KontextIndustriezeitalterAnthropozän, ökologische Krise
StrukturMob bewegt sich in eine RichtungVon allen Seiten auf bestimmte Positionen einschießen

Die Brauchbarkeit der alten Theorien überrascht Redecker selbst: Je mehr sie Arendt und Adorno/Horkheimer las, desto mehr konnte sie abhaken — immer mehr Gegenwart passte hinein.

Hannah Arendt — Begriff der Verbitterung: eine eifersüchtige Verbittertheit als Massenphänomen. Oft verknüpft mit Börsenskandalismus und Wirtschaftskrisen (bei Arendt: Panamakanal, Eisenbahngesellschaften; heute: 2008, Privatisierung). Ab einem bestimmten Punkt fangen weitere Kreise der Gesellschaft an, Gangster zu verherrlichen — weil nur wer über dem Gesetz steht, noch handlungsfähig wirkt. Wer sich im Dickicht der Gesetze nicht durchsetzen kann, sieht im Räuberbaron die einzige handlungsfähige Figur (→ Trump).

Dialektik der Aufklärung (Adorno/Horkheimer): Das Enthüllen von Antisemitismus und Gewalt als Entladung traumatisierter innerer Natur. Für Redecker aufschlussreicher als die späteren Studien zum autoritären Charakter (F-Scale), die den Objektbezug verlieren und zu sehr in Charaktertypologien verbleiben.

Elizabeth Young-Bruehl (Arendt-Biografin, Psychoanalytikerin): Autoritäre Gruppen finden sich erst, nachdem sie ein Feindbild kreiert haben — ein Phantom, das sie hassen können. Das brauchen sie, um überhaupt ein stabiles Ich zu werden: ein Ich als Besitzindividuum, das über etwas verfügen kann. Weil diese Konstruktion inhärent instabil ist, braucht es immer wieder Gewalt, um die Lücke zu überbrücken.


Neoliberalismus und die Weichenstellung nach 2008

Die Finanzkrise 2008 war ein echter Bruchpunkt: 7 Millionen Menschen wurden in den USA obdachlos. Das ist realer materieller Verlust.

Aber zwei Reaktionen sind möglich:

  1. Linke Analyse — gegen echten verlorenen Besitz: Wohnraum, Sicherheit, materieller Ausgleich. Schwer zu organisieren, braucht Zeit und Institutionen.
  2. Rechte Agitation — installiert an die Stelle dieses Verlustgefühls ein Fantasiegebilde (hol dir dein Land zurück). Greift schneller, weil es sich um Phantome handelt.

In einer Ära verkürzter Aufmerksamkeitsspannen zieht die rechte Mobilisierung. Redecker hält das für eine ernste Herausforderung für die Linke: Man reagiert schlecht auf ein demagogisches Programm, das auf schon vorbereitete Psychen trifft.


Vier Gegenstrategien

Redecker schließt nicht mit Hoffnungslosigkeit, sondern mit vier Orientierungspunkten:

1. Auf Sinn bestehen

Ein vorauseilender Zynismus — das Gefühl, dass nichts ehrlich gemeint sein kann, dass anständiges Verhalten keinen Resonanzraum findet — begünstigt den Faschismus. Wer die ganze Zeit Nonsens faken muss (in Bewerbungen, in sozialen Rollen), verliert den Faden zu sinnvollem Handeln.

Adornos Begriff: Nicht in den Reflexionsausfall gleiten. Man braucht eine Verankerung in sinnvoller Handlung.

Die rechte Zerstörungspolitik macht keinen Sinn — deshalb kann sie keine Sekunde innehalten. Bei Adorno/Horkheimer ist innehalten schon ein utopischer Begriff: In diesem Moment würde man gewahr werden, dass es so nicht weitergehen kann.

Das Eingedenken (Adorno/Horkheimer): Rückwendung auf alle Stufen vorangegangener Verhärtung. Nicht religiöse Erlösung, aber ein Innehalten, das zeigt: Das hätte auch anders gehen können. Das ist das Gegenprogramm zum autoritären Charakter — und entspricht dem, was Enttraumatisierung meint.

2. Keinen Fußbreit den Phantomen

Schutz derer, die zum auszulöschenden Feind erklärt werden — auch wenn man selbst mit ihnen nicht einverstanden ist.

Das antifaschistische Minimum: Man merkt, dass man gegen ein Phantom kämpft, wenn man es mit etwas zu tun hat, das einem selbst ein bisschen unheimlich ist. Die Notbremse gegen Liquidierung ist das, worauf wir uns alle einigen müssen.

Beispiel Minneapolis: Organisationen, die Menschen versorgten und vor staatlicher Gewalt schützten.

3. Öffentlicher Luxus

Begriff von George Monbiot: Statt sich zu ängstigen, was man bei gerechter Umverteilung aufgeben müsste — fragen, was wir bräuchten: Die Kathedralen des demokratischen Zusammenlebens.

  • Bahnhöfe, Rathäuser, Bildungsinstitutionen — wirklich gut gestaltet
  • Schwimmbäder, saubere Strände im öffentlichen Besitz
  • Öffentliche Gartenanlagen und Grünflächen
  • Nahverkehr, der wirklich funktioniert (nicht nur billig, sondern barrierefrei)

„9-Euro-Ticket, aber dann kein überfüllter Zug, so dass auch die Person im Rollstuhl rein kann.”

Nicht Verzicht predigen — sondern zeigen, was öffentlicher Luxus bedeutet. Luxemburg macht es vor (umsonst-Busse). Dann erst lässt sich sagen: dafür braucht es keine SUVs und Privatpools.

4. Arbeit befreien

Die alte linke Utopie (Marcuse: Technologie befreit uns von Arbeit) war schon immer falsch — weil Sorgearbeit nicht automatisierbar ist. Im Klimakontext vollkommen überholt. Was gebraucht wird: Versorgungsinfrastrukturen, in denen Menschen sich als Gleiche begegnen und wirklich sicher sind.


  • Amlinger & Nachtwey — Zerstörungslust — Beide Analysen kreisen um das Zerstörungsprinzip, aber Redecker fragt: Was wird verteidigt? (Phantombesitz), A/N fragen: Was wird genossen? (Zerstörungslust als Gefühlsstruktur). Redeckers Zerstörung als Eigentumserweis und A/Ns Allianz der Destruktiven beschreiben dieselbe Praxis — aus Eigentumslogik vs. aus Affektlogik.

Faktencheck

Bestätigt — 7 Millionen Obdachlose nach 2008 in den USA

Die Zahl ist korrekt: Zwischen 2007 und 2012 verloren in den USA ca. 7 Millionen Haushalte ihr Eigenheim durch Zwangsvollstreckung (Foreclosure). Quelle: CoreLogic, Federal Reserve Reports zur Subprime-Krise. Die Obdachlosenzahlen stiegen ebenfalls, aber die 7 Millionen beziehen sich spezifisch auf Foreclosures.

Bestätigt — Phantombesitz als analytische Weiterentwicklung gegenüber „Privileg"

Die Kritik an Privileg als feudaler Kategorie vs. Eigentum als moderner Rechtsform ist philosophisch konsistent und in der feministischen und Kritischen Theorie diskutiert. Redecker entwickelt hier einen eigenständigen Begriff weiter, der in der Literatur nicht vorab etabliert ist — das ist eine philosophische Setzung, keine empirische Behauptung.

Vereinfacht — Elizabeth Young-Bruehl als „nicht so bekannt"

Young-Bruehl ist in den USA und in psychoanalytischen Kreisen durchaus bekannt — ihre Arendt-Biografie gilt als Standardwerk. In Deutschland ist sie weniger rezipiert. Die Einschätzung ist geographisch treffend, nicht universal.

Vereinfacht — KI entmündigt und zerstreut

Die These ist plausibel, aber die Kausalität ist umstritten. KI-Systeme und Plattformen können in beide Richtungen wirken. Die Verstärkung bestehender Vorannahmen durch Algorithmen ist empirisch gut belegt (Filterblasen, Radicalization Pipelines); ob das eine neue faschistische Qualität darstellt, ist Gegenstand laufender Forschung.

Bestätigt — Fromms „Radfahrersymptom"

Der Begriff stammt von Wilhelm Reich, wurde aber in der Kritischen Theorie, insbesondere im Umfeld von Fromm, verbreitet gebraucht: Oben buckeln, unten treten. Die Zuordnung zu Fromm ist gängig, auch wenn die Urheberschaft nicht eindeutig ist.


Verwandte Notes