Biographischer Snapshot
Wer spricht?
Francesca Bria (1977, Rom) — Innovationsökonomin und eine der schärfsten Stimmen der europäischen Digitalpolitik. Sie hat als Chief Technology Officer die Datenpolitik Barcelonas neu erfunden, leitete Italiens nationalen Innovationsfonds und ist heute Kopf der EuroStack-Initiative, die Europa eine eigene digitale Infrastruktur geben will — jenseits der Abhängigkeit von den US-Plattformen. Honorarprofessorin am UCL Institute for Innovation and Public Purpose, Fellow der Stiftung Mercator, Beraterin von UN und EU-Kommission.
Biografie
Bria kommt aus Rom, Jahrgang 1977, und ist einen für Digitalpolitiker seltenen Weg gegangen: von der Sozialwissenschaft in die Ökonomie und von dort mitten in die Verwaltung einer Millionenstadt. Nach dem Studium der Sozialwissenschaften in Rom ging sie nach London — E-Business und Innovation am University College London, danach ein Doktortitel in Innovationsökonomie am Imperial College London. Acht Jahre arbeitete sie bei der britischen Innovationsstiftung Nesta an der Frage, die ihr ganzes Werk trägt: Wem gehört die technologische Zukunft, und wie holt man sie zurück ins Gemeinwesen?
Die Antwort erprobte sie ab 2016 im Praxistest. Als Chief Technology and Digital Innovation Officer der Stadt Barcelona unter der linken Bürgermeisterin Ada Colau baute sie eine Digitalpolitik auf, die weltweit Beachtung fand: Nicht die Stadt als Datenlieferant für Konzerne, sondern die Bürger als Eigentümer ihrer Daten. Ihr Flaggschiff war das EU-Projekt DECODE (Decentralised Citizen-Owned Data Ecosystems) — eine technische und rechtliche Architektur, mit der Menschen selbst entscheiden, wer was über sie erfährt. Barcelona wurde damit zum Gegenmodell der überwachten „Smart City”, in der Sensoren und Plattformen den öffentlichen Raum kartieren, ohne die Kartierten zu fragen.
Nach Barcelona kehrte sie nach Italien zurück und übernahm 2020 die Präsidentschaft des nationalen Innovationsfonds (unter dem Dach der CDP Venture Capital) — vom Stadtprojekt zur nationalen Investitionsstrategie. Heute ist sie unter anderem Präsidentin der Innovationsagentur der Region Emilia-Romagna, Honorarprofessorin am UCL Institute for Innovation and Public Purpose und Fellow der Stiftung Mercator. Vor allem aber ist sie die treibende Kraft hinter EuroStack: einer industriepolitischen Strategie, die Europa binnen etwa eines Jahrzehnts und mit rund 300 Milliarden Euro eine eigene, öffentlich verantwortete digitale Basisinfrastruktur geben soll — von Chips über Cloud bis zu KI-Modellen.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Die smarte Stadt neu denken (mit Evgeny Morozov) | 2019 | Wie „Smart City” von einem Überwachungs- und Konzernprojekt zu einem demokratischen Werkzeug werden kann — Daten als Gemeingut statt als Rohstoff der Plattformen |
| EuroStack — A European Alternative for Digital Sovereignty | 2025 | Leitreport (mit Paul Timmers, Fausto Gernone u.a.): Bauplan für Europas eigenen Technologie-Stack — Halbleiter, Cloud, Daten, KI; erschienen u.a. bei der Bertelsmann Stiftung |
| The Authoritarian Stack | 2025 | Interaktive Forschungsplattform: Wie US-Tech-Konzerne staatsähnliche Macht ausüben — Beschaffungsregeln schreiben, öffentliche Aufträge gewinnen, ihr Governance-Modell nach Europa exportieren |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- re:publica-Profil Francesca Bria — Übersicht ihrer Auftritte auf Europas größter Digitalkonferenz
- rp26: The Authoritarian Stack — ihr Vortrag darüber, wie sich Tech-Macht in staatliche Souveränität verwandelt und was das für Deutschland und Europa heißt
- Video-Interview (Deutsche Telekom) — kompaktes Gespräch über digitale Souveränität und öffentliche Verantwortung
- Reclaiming Europe’s Digital Sovereignty (NOEMA) — ausführlicher Essay als Einstieg in ihr EuroStack-Denken
Kernthesen
- Digitale Souveränität statt Big-Tech-Abhängigkeit. Europa hat seine kritische digitale Infrastruktur ausgelagert — Cloud, Chips, KI, App-Stores liegen bei einer Handvoll US- und chinesischer Konzerne. Das ist keine technische, sondern eine Machtfrage: Wer den Stack kontrolliert, kontrolliert die Regeln.
- Daten als Gemeingut, nicht als Rohstoff. Gegen das Modell, in dem persönliche Daten das Öl der Plattformökonomie sind, setzt sie die Idee der Daten-Commons: Bürger besitzen ihre Daten und stellen sie unter demokratischer Kontrolle für das Gemeinwohl bereit (DECODE als Prototyp).
- Öffentliches Digital-Investment (EuroStack). Der Markt allein baut keine souveräne Infrastruktur — dafür braucht es eine mission-orientierte Industriepolitik mit öffentlichem Kapital, klaren Zielen und europäischer Koordination.
- Smart City demokratisch statt überwachungskapitalistisch. Die vernetzte Stadt kann ein Werkzeug der Bürger sein oder ein Sensornetz für Konzerne und Behörden. Die Technik entscheidet das nicht — die politische Architektur tut es.
Politische Einordnung
Bria steht in der Tradition der europäischen digitalen Linken und der munizipalistischen Bewegung — jener Strömung, die mit Barcelona unter Ada Colau zeigen wollte, dass die Stadt der Ort ist, an dem sich Gegenmacht konkret bauen lässt. Ihr Denken verbindet marktkritische Innovationsökonomie (in der Nachbarschaft von Mariana Mazzucato und dem UCL-Institut für den entrepreneurial state) mit einem radikaldemokratischen Anspruch: Technologie ist kein neutrales Werkzeug, sondern verteilte Macht — und die gehört unter öffentliche Kontrolle. Damit ist sie zugleich anschlussfähig an einen pragmatischen europäischen Industriepolitik-Diskurs, der Souveränität längst nicht mehr nur links buchstabiert.
Verbindungen zu anderen Denkern
→ Yanis Varoufakis
Wo Varoufakis den Technofeudalismus als ökonomische Diagnose formuliert — die Plattformen kassieren keine Profite mehr, sondern feudale Renten von allen, die auf ihrem digitalen Boden wirtschaften —, liefert Bria die politische Gegenarchitektur dazu. Sie teilt seine Analyse der Cloud-Kapital-Macht, aber ihr Fluchtpunkt ist nicht die systemische Ohnmacht, sondern der öffentlich gebaute Stack als Gegenmacht.
→ Adam Tooze
Beide lesen Ökonomie als Machtfrage und Geopolitik. Tooze historisiert, wie Staaten in der Krise zu Investoren und Strategen werden; Bria macht daraus ein Programm: EuroStack ist mission-orientierte Industriepolitik, öffentliches Kapital mit klarem Ziel — genau die Rückkehr des handelnden Staates, die Tooze in den Polykrisen beschreibt.
→ Petra Gehring
Gehring denkt digitale Souveränität konsequent mit monetärer Souveränität zusammen — die Frage, wer die Infrastruktur des Geldes und der Daten kontrolliert, ist bei ihr eine. Brias EuroStack ist die industriepolitische Antwort auf genau diese Abhängigkeitsdiagnose; beide sehen Souveränität nicht als Autarkie, sondern als demokratische Verfügungsgewalt über kritische Infrastruktur.
→ Nicole Buettner
Büttner argumentiert für europäische KI-Souveränität aus der Perspektive von Unternehmertum und technologischer Eigenständigkeit. Bria teilt das Ziel, verankert es aber tiefer im Öffentlichen: Nicht der europäische Champion am Markt, sondern die gemeinwohlorientierte Basisinfrastruktur ist ihr Hebel — dieselbe Souveränitätsfrage, zwei politische Grammatiken.
→ Frederike Kaltheuner
Kaltheuner arbeitet an den konkreten Regeln und Schäden algorithmischer Systeme — Rechenschaft, Aufsicht, die Rechte der Betroffenen. Bria setzt eine Ebene höher an, bei Eigentum und Infrastruktur; zusammen ergeben beide die zwei Hälften einer demokratischen Techpolitik: wem die Systeme gehören (Bria) und wie man die einhegt, die man nicht besitzt (Kaltheuner).
Cortex-Notes
- Francesca Bria — The Authoritarian Stack — Brias Kartierung der staatsähnlichen Macht der US-Tech-Konzerne
- Yanis Varoufakis — Technofeudalism — Bria liefert die politische Machtarchitektur, Varoufakis die ökonomische Erklärung dahinter
- Gehring und Giessmann — Digitale Unabhaengigkeit und monetaere Souveraenitaet — die deutsche Debatte um digitale und monetäre Souveränität
- Buettner und Kaufmann — KI-Souveraenitaet in Europa — europäische KI-Souveränität, EuroStack-Kontext
- Fediverse - Die digitale Allmende — die dezentrale, gemeinwohlorientierte Alternative zu den Plattformen












