GedankenraumFrederike Kaltheuner — DenkerVita
Märkte werden gemacht, nicht gefunden: Frederike Kaltheuner zeigt, wie Europas Rede von KI-Souveränität an US-Modellen und US-Infrastruktur hängt, und wo die EU gegensteuern könnte.
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Ben Shahn — sozialrealistische Satire, spröde Tuschelinien, flache erdige Gouache, handgemalte Worte im Bild. Shahns menschenrechtlich grundierte Kritik passt besser als reine Karikatur: Das Bild entlarvt das KI-Heilsversprechen (glänzende „A.I."-Flasche, EU-Sternen-Fassade) und zeigt die verborgene US-Infrastruktur dahinter — Kabel, dollargestempelte Server, ferne Konzerntürme. Shahns eingewobene Schrift trägt Kaltheuners eigene Sprache: „SNAKE OIL", „MARKETS ARE MADE, NOT FOUND".
Prompt: Wide panoramic banner, 1200×500, in the hand of Ben Shahn — social-realist satire, spare angular ink-line figures, flat earthy gouache, hand-lettered words woven into the scene. No photorealism, no realistic faces. A fairground "miracle cure" stall, seen from the side. In the bright center, a barker figure (angular, faceless, only a tilted hat and a long pointing arm) holds up a tall glowing elixir bottle on a little stage; the bottle is labelled in clumsy hand-lettering "A.I.", crowned with a halo of cheap golden stars and exclamation points, radiating fake light. Hand-painted across the stall's banner: the words "SNAKE OIL" in uneven block letters. But the stall is only a thin painted facade — a flat board, its front decorated with a ring of yellow EU stars on blue. Behind and beneath it, exposed: a tangle of black cables, stacked server crates stamped with dollar signs, all wired off toward a distant grey skyline of corporate towers — the hidden machinery the bright front conceals. Below, a small spare crowd of angular onlooker figures gaze up at the bottle, hands raised. Off to one side, smaller hand-lettering reads "MARKETS ARE MADE, NOT FOUND". Palette: flat and muted — ochre, dull teal, brick red, off-white ground, strong ink-black contour lines, with the elixir bottle the only source of artificial gold light. Spindly nervous Ben Shahn linework, dignified and critical, a poster that exposes rather than sells.
Biografie
Aktuelle Rollen:
- Senior Advisor für KI-Industriepolitik und europäische Governance, AI Now Institute (New York/London)
- Gründerin und Leiterin von new possible, Beratungsfirma für Technologiepolitik im Gemeinwohl
- Co-Autorin des EU AI Industrial Policy Monitor (mit Leevi Saari)
Werdegang & Prägungen:
- Ausbildung: MSc Internet Science (Universität Oxford), BA Liberal Arts (Philosophie & Politik, University College Maastricht)
- Stipendiatin der Deutschen Studienstiftung (2008–2013)
- Vielfältige technologische Perspektive: von atonal Kinder-Opern in der Jugend bis zu Podcast-Piloten über Internet-Infrastruktur (Nepal)
- Wendepunkt 1: Frühe Rolle als Redakteurin und Mitarbeiterin bei Philosophie Magazin (französisch-deutsch) — philosophische Grundausbildung im Zentrum ihrer Arbeit
- Wendepunkt 2: Leitung internationaler Untersuchungen bei Privacy International — Durchbruch bei Regulierungskampagnen über mehrere Jurisdiktionen
- Wendepunkt 3: Aufbau der Technologie und Menschenrechts-Division bei Human Rights Watch — erste strukturelle Erweiterung einer renommierten Menschenrechtsorganisation zum Thema Tech
- Wendepunkt 4: Führende Rolle als Direktorin des European AI and Society Fund (€4,5 Mio. Portfolio zur Gestaltung europäischer KI-Politik)
- Aktuell: Fokus auf die Lücke zwischen Europas KI-Souveränitätsrhetorik und der Marktkonzentration durch US-amerikanische Anbieter und Infrastruktur
Persönliches:
- Lebt in Berlin, verheiratet, ein Kind
- Kultureller Bezug: Atonal-Musik, Philosophie, Flussufer (lebte zeitweise auf Hausboot auf der Themse)
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Fake AI — Debunking AI Hype, Snake Oil and Pseudoscience | 2022 | Herausgeberin einer Anthologie, entstanden aus Mozilla Tech Policy Fellowship. Sammelt Perspektiven von Computerinformatik über Tech-Journalismus bis Kunst — alle Essays dekonstruieren KI-Hype und exaggerierte Fähigkeitsversprechen. |
| Redirecting Europe's AI Industrial Policy — From Competitiveness to Public Interest | 2024 | AI Now Research Paper (Co-Editor mit Leevi Saari, Amba Kak, Sarah Myers West). Kritische Analyse europäischer KI-Industriepolitik: Was verspricht die EU sich, welche Marktdynamiken sind hidden, wie könnten öffentliche Interessen stärker verankert werden? |
| EU AI Industrial Policy Monitor | laufend | Newsletter-Serie (mit Leevi Saari). Wöchentlich durchleuchtete europäische Debatten zu Wettbewerb, Souveränität, öffentlicher Investition, Regulation und Beschaffung — tracker für den realen AI-Markt in Europa vs. europäische Versprechen. |
Publikationen & Beiträge:
- Kolumnistin für MIT Technology Review
- Gastbeiträge in Le Monde Diplomatique (Atlas of Globalisation), Guardian, POLITICO Europe, ZEIT Online, Gizmodo
- Interviews: Al Jazeera, CNBC, BBC, Tagesschau, Deutschlandfunk
Anerkennung:
- Zitiert in New York Times, Financial Times, The Guardian
- 2026: Eine der „interessantesten Frauen in KI" (Deutschland) — wie von einer deutschsprachigen Publikation gewählt
Kernthesen
1. Europäische KI-Souveränität ist ein leeres Versprechen (ohne Marktumgestaltung)
Die EU spricht von KI-Souveränität, aber Europas erfolgreichste KI-Startups laufen auf US-amerikanischen Modellen und Infrastrukturen. Eine echte europäische Strategie müsste die Besitzverhältnisse und Kontrollstrukturen verändern, nicht nur Regulierung nach außen malen.
2. KI-Hype verschleiert echte Marktprobleme
Das zentrale Problem ist nicht übernatürliche Intelligenz, sondern Marktkonzentration, unzureichende Schutzmaßnahmen und pseudowissenschaftliche Versprechen. Der Hype lenkt ab von echten Regulierungsnotwendigkeiten.
3. Technologiemärkte werden gemacht, nicht gefunden
Märkte entstehen durch Investitionsentscheidungen, Regulierung und Procurement-Strategien von Staaten. Die EU könnte ihre Marktmacht aktiv einsetzen, um nicht-hegemoniale Strukturen zu schaffen — tut das aber nicht systematisch.
4. Gerechtigkeit muss im Design verankert sein
Ungerechtigkeiten durch KI sind nicht zufällig oder nachträglich behebbar — sie entstehen durch Design, Trainingsdata-Quellen und ökonomische Anreize. Policy muss diese Strukturen adressieren, nicht nur Schäden heilen.
Politische / ideologische Einordnung
Einordnung: Kritische Technologiepolitikerin aus menschenrechtlicher Perspektive. Nicht ideologisch links im klassischen Sinne (kritisiert weder Marktwirtschaft noch Kapitalismus per se), aber:
- Fundamental: Asymmetrische Machtstrukturen in Tech sind ein Governance-Problem, nicht nur ein Regulierungsproblem
- Skeptisch gegenüber Tech-Libertarianismus: „Disruption" ist eine Rhetorik zur Umgehung von Rechenschaftspflicht
- Pro Demokratische Kontrolle: Technologiemärkte sind zu bedeutsam, um nur von Konzernen und Investoren geformt zu werden
- Europäisch, nicht global-neutral: Sie argumentiert explizit pro europäische Gestaltungsfähigkeit, aber nicht nationalistisch — eher federalistisch-deliberativ
Nähe zu: Kritischer Tech-Journalismus (Evgeny Morozov, Shoshana Zuboff), europäischer progressiver Policy-Forschung
Verbindungen zu anderen Denkern
- Carsten Jung — DenkerVita — Ihr Bühnenpartner auf der re:publica 26 und ihr nächster Verbündeter, mit eigenem Akzent. Jung hält Souveränität ohne Vision für leer und will über Missionen lenken, welche Anwendungen entstehen; Kaltheuner stimmt zu und warnt, ohne Eingriff in die Marktkonzentration lande man mit jeder Mission bei OpenAI im Krankenhaus.
- Francesca Bria — DenkerVita — Beide halten Souveränität ohne Umbau der Machtverhältnisse für Rhetorik. Bria setzt beim Eigentum an, beim öffentlich gebauten Stack; Kaltheuner bei den Regeln für einen Markt, den Europa nicht besitzt und trotzdem gestalten könnte.
- Nicole Büttner — DenkerVita — Die Gegenstimme von derselben re:publica. Die Gründerin und Techoptimistin sucht Souveränität bei europäischen Champions und schrieb, wer keine Techmilliardäre im Land wolle, habe das Thema nicht verstanden. Kaltheuners dritter „fataler Fehler“ Europas ist genau diese Gleichsetzung von Firmeninteresse und europäischem Interesse.
- Georgina Neitzel — DenkerVita — Neitzel und Raphael Iltisberger beschreiben das Dilemma der Gegenstimmen: Wer das Aufmerksamkeitsspiel verweigert, wird nicht gehört, wer mitspielt, nährt es. Kaltheuners Eingeständnis, sie habe ihre Sprache den Politikerräumen angepasst und darin eine Selbstzensur erkannt, ist dieses Dilemma in der ersten Person.
- Rainer Mühlhoff (Note, keine DenkerVita) — Mühlhoff beschreibt die Desouveränisierung: Staaten geraten in die Abhängigkeit privater KI-Plattformen und geben Funktionen an sie ab. Kaltheuner sucht den politischen Gegenzug, Souveränität durch Marktgestaltung abzusichern. Diagnose und Gegenmittel, mit der offenen Frage, wie weit die Abhängigkeit schon reicht, wenn das Gegenmittel kommt.
- Christian Bauckhage — DenkerVita — Der Ingenieursblick auf denselben Standortnachteil. Bauckhage sagt, Europas Rechenkapazität stehe herum, es fehle an Willen, Datenrecht und Geld, und setzt auf kleine Spezialmodelle mit Industriedaten; Kaltheuner fragt, wem die Infrastruktur darunter gehört. Das Wettrennen um immer größere Modelle halten beide für keine europäische Strategie.
- Adam Tooze — DenkerVita — Am Streit zwischen Pentagon und Anthropic beschreibt Tooze die amerikanische Variante: Der Staat zwingt das KI-Kapital in seine Dienste, hier zur Militarisierung. Kaltheuner und Jung entwerfen dagegen eine demokratisch legitimierte Lenkung. Dieselbe Machtfrage, wer KI wohin steuert, mit entgegengesetzter Antwort.
Gedankenwelten-Notes
- rp26 — KI-Industriepolitik richtig gemacht — re:publica 26 Session
Weiterdenken
- Wenn europäische KI-Souveränität primär ein Marktgestaltungs-Problem ist, nicht ein Technologie-Problem — warum spricht die EU dann ständig von „technologischer Unabhängigkeit" statt von „wirtschaftlicher Kontrollierbarkeit"?
- Kaltheuner kritisiert, dass US-Infrastruktur europäische Startups dominiert. Aber woher kommt dieser Zustand? War es eine bewusste Entscheidung der EU, oder die Unfähigkeit, mitzuhalten?
- Sie argumentiert für stärkere öffentliche Investition in europäische KI-Märkte. Aber welche garantiert, dass öffentliche Investition zu besseren, gerechterer Systemen führt als private — oder repliciert sie nur die gleichen Fehler?
- Marktmacht durch Procurement ist elegant — aber wem schadet es, und wem nützt es, wenn Europa seinen KI-Markt bewusst von US-Anbietern abhängig hält, statt mit ihnen zu konkurrieren?
Ein Fehler, ein holpriger Satz, etwas fehlt? Anfassen erlaubt: Jeden Abschnitt kannst du neu fassen.
Im Bestand
zwölf gedachte Verweise