Quelle: AI Industrial Policy, Done Right – re:publica 26
Wer spricht?
Frederike Kaltheuner — unabhängige KI-Policy-Expertin, Advisor beim AI Now Institute (New York/London), früher Director of Technology bei Human Rights Watch. Mitherausgeberin des Newsletters EU AI Industrial Policy Monitor (mit Levi Sari). Seit über zehn Jahren auf der re:publica aktiv; 2022 präsentierte sie dort ein Buch über KI-Hype. Ihre aktuelle Arbeit fokussiert auf Marktkonzentration, strukturelle Abhängigkeiten und die politische Ökonomie des KI-Sektors.
Carsten Jung — Associate Director for Economic Policy in AI beim Institute for Public Policy Research (IPPR), London. Früherer Ökonom bei der Bank of England. Entwickelte das Konzept AI Directionism — staatliche Lenkung von KI nicht nur auf Infrastrukturebene, sondern auf der Anwendungsseite. Sein Ansatz: missionsorientierte Industriepolitik nach dem Vorbild erneuerbarer Energien.
Moderation: Elisabeth Nöfer
Ist KI ein Hype? Die Ausgangsdiagnose
Carsten Jung nimmt den Hype-Vorwurf ernst, dreht ihn aber: KI sei nicht Hype im Sinne von substanzlos, sondern zu wenig gesteuert. In Großbritannien haben bereits eine Million Menschen einen KI-Freund, unterhalten andauernde Gespräche mit Modellen — das sei keine Science Fiction mehr. Jung:
„Ich glaube, dass es die Wirtschaft tief verändern wird und auch die Öffentlichkeit und die Gesellschaft. Wir sind mittendrin, dass KI die Gesellschaft verändert.”
Das Problem sei nicht der technologische Wandel selbst, sondern dass Politik fast ausschließlich zwei Antworten kenne: beschleunigen oder sicherer machen. Eine positive Vision — welche Gesellschaft, welche Wirtschaft wollen wir mit KI bauen? — fehle fast vollständig.
Kaltheuner widerspricht der Dichotomie Hype/kein Hype: Es sei beides gleichzeitig — überhypt und underhyped je nach Anwendungsbereich. Wichtiger als die Hype-Frage seien jedoch strukturelle Fragen: Wie ist der globale KI-Markt organisiert? Wie kann und will Europa sich dazu verhalten? Die entscheidende Frage lautet nicht ob KI, sondern unter welchen Bedingungen KI.
Weitergedacht
Wenn Jungs These stimmt, dass Technologie nie neutral ist — warum fällt es der Politik so schwer, die Richtungsfrage zu stellen, statt immer nur über Tempo zu reden?
Die drei fatalen Fehler Europas
Kaltheuner benennt drei strukturelle Irrtümer, die Europas KI-Politik seit Jahren prägen:
Erstens: Die Annahme, Souveränität sei möglich ohne aktive Marktgestaltung. Digitale Souveränität ist kein Zustand, der durch Investitionen allein erreicht wird — sie erfordert politische Eingriffe in Marktstrukturen.
Zweitens: Öffentliche Gelder wurden in einen Markt gepumpt, der strukturell nicht für Europa funktioniert. Die Investitionslogik kopiert das US-amerikanische Scaling-Paradigma, obwohl Europa nicht die Ressourcen hat, dieses Rennen zu gewinnen.
Drittens: Die Verwechslung von Unternehmensinteressen mit strategischen Interessen Europas:
„Wir gehen davon aus, dass die Interessen von europäischen Firmen automatisch die strategischen Interessen Europas sind — also dass mehr KI-Firmen, mehr KI-Anwendung erstmal grundsätzlich was Gutes für Europa sind.”
Die Analogie zu Social Media sitzt: Auch das hätte unglaublich Gutes sein können. Was herausgekommen ist, ist bekannt. KI drohe denselben Weg zu gehen — wenn keine gezielte Marktgestaltung stattfindet.
Weitergedacht
Die Social-Media-Analogie ist stark — aber stimmt sie wirklich? Social Media war von Anfang an werbefinanziert und manipulativ optimiert. Gilt dasselbe Geschäftsmodell für Foundation Models und Cloud-Infrastruktur?
Der KI-Markt: Konzentration, Fragilität, Subventionen
Kaltheuner seziert die Marktstruktur nüchtern: Es gibt keinen freien Markt. Der KI-Markt ist in drei Dimensionen pathologisch:
Konzentration: Sowohl auf Infrastrukturebene (Chips, Cloud) als auch bei Spitzenmodellen dominieren wenige Firmen. Zugleich ist der Markt nicht nur horizontal, sondern vertikal integriert. Google ist das Paradebeispiel: eigene Chips, dominant in Cloud, führende Modelle, direkter Endkundenzugang über die Suche. Die europäischen KI-Startups — selbst gefeierte wie das schwedische Lovable — basieren fast vollständig auf US-Infrastruktur.
„Sie sind nicht nur abhängig — sie sind genau von denjenigen abhängig, die gleichzeitig ihre Konkurrenten sind.”
Fragilität: Die Investitionen der letzten Jahre seien hochspekulativ. Aus der Financial Times des Veranstaltungstags: Damit sich die getätigten Investitionen mit 10% Rendite rechnen, müssten die großen Techfirmen zwischen 3 und 5 Billionen Dollar mehr Profite machen.
Subventionen: Es handelt sich nicht um Marktmechanismen, sondern um massive staatlich geförderte oder staatlich geduldete Umverteilung — in die Hände weniger Akteure.
Die Schlussfolgerung: Wenn Europa einfach KI-Anwendung pusht, ohne an Marktstrukturen zu rühren, bedeutet das in voller Konsequenz OpenAI im Bildungswesen, im Gesundheitswesen, in den Schulen.
AI Directionism: Den Anwendungslayer lenken
Carsten Jungs konzeptioneller Beitrag ist das Konzept des AI Directionism — staatliche Lenkung nicht bloß durch Regulierung oder Subvention von Infrastruktur, sondern durch gezielte Steuerung, welche KI-Anwendungen entstehen. Die These: Selbst wenn Europa digitale Souveränität vollständig erreichen würde, hätte es damit noch nichts gewonnen. Souveränität ohne Vision ist leer.
„Neben der digitalen Souveränität brauchen wir viel stärkeres Investment in verschiedenen Sektoren, um diese Lenkung zu erreichen.”
Die Investitionsasymmetrie ist dramatisch: Die EU Apply AI Strategy — die einzige Initiative, die Deployment von KI ernst nimmt — hat ein Milliarden-Budget. Frankreich erhält von Brookfield allein 20 Milliarden pro Jahr. Hyperscaler investieren über 600 Milliarden in 2026. Das Verhältnis: Fast nichts für Deployment, massiv für Compute.
Jungs Gegenvorschlag mit konkreten Zahlen (aus dem Gedankenexperiment mit 100 Milliarden Sondervermögen): 5 Milliarden für Sovereign AI dort, wo es kritisch ist — 15 Milliarden für Anwendung. Der Referenzpunkt ist Frankreichs France 2030-Initiative: 5 Milliarden pro Jahr, missionsorientiert, ministerienübergreifend, mit staatlicher Anteilsbeteiligung an geförderten Firmen.
Missionsorientierte Politik: Das Gesundheits-Paradigma
Das konkreteste Beispiel des Abends: Nur 10% der KI-Firmen im Gesundheitsbereich arbeiten an präventiven Anwendungen — obwohl genau dort der gesellschaftliche Hebel am größten wäre, besonders für sozioökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen.
Das Modell: Analogen zu erneuerbaren Energien bauen. Der Staat subventioniert zuerst Entwicklung und Deployment, bis Anwendungen marktfähig werden. Die Mission:
„Wir wollen innerhalb von 10 Jahren die Anzahl der Menschen, die vom Gesundheitssystem ausgeschlossen sind, halbieren — und dafür wollen wir KI einsetzen.”
Nicht abstrakte Risikovermeidung, sondern konkrete positive Vision mit Meilenstein. Das ist das Modell, das Jung Mission-Based Policy Making nennt.
Kaltheuner stimmt prinzipiell zu: Das Gesundheitssystem ist öffentliche Aufgabe, und es macht Sinn, den Markt so zu beeinflussen. Ihr Vorbehalt: Wenn gleichzeitig nichts an der Marktkonzentration geändert wird, landet man nicht bei gemeinwohlorientierter KI, sondern bei OpenAI im Krankenhaus.
Weitergedacht
Die Erneuerbaren-Analogie ist verlockend — aber Solarmodule sind physische Güter. Lässt sich das Subventionsmodell auf KI-Anwendungen übertragen, die von proprietären Modellen und Clouds abhängig sind — oder fließt das Geld letztlich zu den Hyperscalern?
Verteilungsfragen: Wer profitiert?
Jung benennt eine blinde Stelle in der gesamten politischen Debatte: die Verteilung der Gewinne. Alle wollen KI-Investment — niemand redet darüber, wie die Profite besteuert werden, wer Anteilseigner wird. Sein Vorschlag: Der Staat ermöglicht es Bürgerinnen und Bürgern, Anteilseigner an KI-Firmen zu werden — ähnlich wie Frankreich Anteilseigner an Mistral ist.
„Wenn die Profite machen, sollten damit auch die Bürger profitieren können — und es gibt kaum Politiker, die momentan davon reden.”
Der Ökonom im Hintergrund: Wenn KI massive Produktivitätsgewinne bringt, aber die klassischen Steuersysteme auf Arbeit ausgelegt sind, kollabiert die Umverteilungslogik. Das Economist-Modell: Kapitalbeteiligung und breiterer Kapitalmarktzugang statt reiner Lohnbesteuerung.
Politische Repräsentation und das Ende der Depolitisierung
Der schärfste Moment des Gesprächs: Kaltheuner benennt, dass KI fast vollständig depolitisiert wurde. Fast alle Parteien sind irgendwie für mehr KI — aber dabei geht es um Verteilungsfragen, Zielkonflikte, fundamentale Zukunftsfragen. Diese werden nicht verhandelt:
„Wen muss ich in Deutschland wählen, um für diese Themen repräsentiert zu werden? Ich habe das Gefühl, dass KI fast depolitisiert wurde.”
Der Raum, in dem Lobbyisten gegenüber unabhängigen Stimmen dominieren, ist extrem unausgewogen — hundert Lobbyisten, zwei unabhängige Stimmen, berichtet Kaltheuner aus eigener Erfahrung. Das Thema bewegt unfassbar viel Geld, und die Kapazitäten auf Seiten der Zivilgesellschaft reichen nicht, um durchzudringen.
Der Doktorand im Q&A — Verfechter sozialer Marktwirtschaft und Wettbewerb — fragt, wie Jungs Directionism mit Marktentdeckung vereinbar sei. Jungs Antwort: Das Modell ist der Inflation Reduction Act — Industriepolitik, die vollständig von Märkten geliefert wird. Picking winners ist explizit nicht das Ziel. Der Staat setzt Missionen und Anreize; der bessere Anbieter gewinnt.
Zuschauerfragen
Kommunen als de-facto Industriepolitiker: Ein Zuhörer macht auf eine oft übersehene Realität aufmerksam: Die tatsächlichen Industriepolitikakteure bei Datenzentren sind Kommunen — über Gewerbeflächen, Stromnetzzugang, Steuereinnahmen. Ihre Interessen sind Arbeitsplätze und Gewerbesteuer, nicht Gemeinwohl-KI. Jung stimmt zu und verweist auf die USA, wo lokale Opposition gegen Datenzentren bereits über Parteigrenzen hinweg reicht und Bürgermeister abgewählt werden.
Urheberrecht und narrative Macht: Ein Komponist und Publizist (Matthias Hchu, Initiative Urheberrecht) stellt die grundsätzliche Frage nach Narrativen und gesellschaftlichem Widerstand: Wie kann man über Souveränität reden, ohne die Narrative anzugehen — das “Lern KI, sonst wirst du ersetzt”-Framing, die Macht der Straße, die Konzerne durch Katzenbilder aufgebaut haben? Kaltheuner reagiert mit seltener Offenheit: Sie habe ihre Sprache so angepasst, dass sie in Politikerräumen bestehen kann. Das sei eine Selbstzensur — legitime Kritik an der Richtung, die jetzt wieder lauter werden muss.
Was sagt man dem Freund ohne Job? Eine Zuhörerin bricht das Abstraktionsniveau: Jemand, der jahrelang programmieren gelernt hat, findet keine Stelle mehr. Kaltheuner macht keine Ausweichbewegung: Das sei auf individueller Ebene richtig richtig mies — und dafür gebe es noch keine politische Antwort.
Faktencheck
Bestätigt — Marktkonzentration in KI-Infrastruktur
Der KI-Markt ist auf Infrastrukturebene (Chips, Cloud, Modelle) hochkonzentriert. Google, Microsoft/Amazon und Nvidia dominieren vertikal integriert. Quelle: AI Now Institute: AI Index 2024 · EU AI Act Impact Assessment
Bestätigt — Lovable (schwedisches KI-Startup) auf US-Infrastruktur
Lovable, ein europäisches Vibe-Coding-Startup, nutzt fast vollständig US-Cloud und US-Modelle (primär Anthropic/Claude). Quelle: Lovable’s öffentliche Dokumentation
Vereinfacht — 3–5 Billionen Dollar Rendite-Lücke
Kaltheuner zitiert einen FT-Artikel, dem zufolge Tech-Firmen 3–5 Billionen Dollar mehr Profite brauchen, um eine 10%-Rendite auf KI-Investitionen zu erzielen. Die Zahl kursiert in verschiedenen Varianten — die grundlegende Analyse (Capex weit über erwartbaren Renditen) ist durch mehrere Quellen gestützt. Die genaue Zahl variiert je nach Modell. Quelle: Goldman Sachs: Gen AI — too much spend, too little benefit? (Keine unabhängige Verifikation der exakten FT-Zahl gefunden)
Bestätigt — Frankreich France 2030 mit staatlicher Anteilsbeteiligung
Frankreich ist Anteilseigner von Mistral AI. Das France 2030-Programm investiert über 5 Milliarden Euro jährlich in strategische Missionen, darunter Gesundheit und Energie. Quelle: Elysée: France 2030 · Mistral AI Funding rounds (Le Monde, 2024)
Vereinfacht — 10% KI-Firmen im präventiven Gesundheitsbereich
Jung nennt 10% als IPPR-Analyseergebnis. Plausibel als Größenordnung, da der lukrative klinische Markt Diagnose und Billing dominiert, nicht Prävention. Unabhängige Verifikation der genauen Zahl: Keine unabhängige Quelle gefunden; der qualitative Befund ist jedoch durch andere Studien gestützt. Quelle: IPPR: The economy 2030 — AI and work
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- re:publica 26 Playlist — Alle Videos der Konferenz
- re:publica Session-Seite — Session-Details und Speaker-Profile
Im Gespräch zitierte Quellen und Konzepte:
- Levi Sari & Frederike Kaltheuner: EU AI Industrial Policy Monitor (Newsletter) — regelmäßige Analyse der EU-KI-Politik
- IPPR: Carstens Institutionen-Reports zu AI Directionism und missionsorientierter Politik — ippr.org
- Lightmotiv (Netherlands Think Tank): Open Market for Compute — Vorschlag zur Aufbrechung der Cloud-Marktkonzentration
- Somo: Kritische Analyse des EU-Chips Act (Geld floss primär zu Intel, ohne Bedingungen)
- Karen Hao (Montag-Vortrag rp26): Skalierung ist keine Strategie — mehrfach referenziert
Verbindungen
→ Christian Bauckhage — KI: Wir haben noch gar nichts gesehen
Die Ingenieursperspektive zur hier geforderten Industriepolitik: Europas Rechenpower „steht rum“, es fehlen Wille, Geld und Daten — Bauckhages Verticals-Strategie (kleine Modelle, nicht-öffentliche Industriedaten) ist der konkrete Hebel, den die politische Debatte oft nur abstrakt fordert.
→ Lacina Koné — Afrikas digitale Souveränität
Konés „nützlichste, nicht mächtigste KI” ist praktisch Jungs AI Directionism; sein institutioneller Optimismus (Smart Africa) trifft auf Kaltheuners Skepsis, ob Souveränitätsrhetorik ohne Marktumbau trägt.
→ Gehring und Giessmann — Digitale Unabhaengigkeit und monetaere Souveraenitaet (rp26)
Beide Sessions kreisen um denselben strukturellen Befund: Digitale Souveränität ist ohne aktive Marktgestaltung nicht erreichbar. Gehring/Gießmann kommen von der Geldseite (Bitcoin, Zentralbanken), Kaltheuner/Jung von der KI-Infrastruktur — aber der Kern ist derselbe: Abhängigkeit von US-Strukturen ist kein neutrales Schicksal, sondern politische Entscheidung.
→ Buettner und Kaufmann — KI-Souveraenitaet in Europa (rp26)
Büttner und Kaufmann diskutieren europäische KI-Souveränität aus Unternehmer-Perspektive. Kaltheuners schärfster Einwand dagegen: Firmeninteressen sind nicht identisch mit europäischen Interessen — europäische KI-Firmen können dieselben Abhängigkeiten reproduzieren wie amerikanische.
→ rp26 — KIs unsichtbare Arbeitskraefte
Die unsichtbare Arbeit hinter KI-Systemen (Datenlabeling, RLHF) ist die Kehrseite der Marktkonzentrations-Debatte: Die Wertschöpfung findet oben in der Pyramide statt — bei den Hyperscalern. Die Menschen, die KI tatsächlich trainieren, profitieren am wenigsten.
→ Adam Tooze — Pentagon vs. Anthropic
Tooze und Kaltheuner/Jung analysieren dasselbe Strukturproblem von entgegengesetzten Seiten: Wie verhält sich staatliche Macht zu KI-Unternehmen? Tooze beschreibt die US-Variante — Staat zwingt Kapital zur Militarisierung. Kaltheuner entwickelt den europäischen Gegenentwurf: AI Directionism als demokratisch legitimierte Steuerung. Beide machen die Frage “Wer lenkt KI wohin?” zur zentralen Machtfrage.
→ Rainer Mühlhoff — Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus
Mühlhoffs Konzept der Desouveränisierung — Staaten werden strukturell abhängig von privaten KI-Plattformen — ist der Problemhorizont, auf den Kaltheuner eine Antwort versucht. Wo Mühlhoff die vollzogene Übernahme staatlicher Funktionen diagnostiziert, formuliert diese Note den politischen Gegenzug: Souveränität nicht nur fordern, sondern durch Marktgestaltung strukturell absichern.
→ Morpheus — Warum alle chinesische KI nutzen
Chinas Strategie — staatlich subventionierte API-Preise als gezielte Marktwaffe — ist das empirische Gegenstück zu Kaltheuners Forderung nach europäischer Industriepolitik. Morpheus zeigt, was passiert, wenn ein Nationalstaat bewusst KI-Märkte lenkt; Kaltheuner/Jung fragen, warum Europa dasselbe Instrument nicht demokratisch und gemeinwohlorientiert einsetzt.
→ Jan-Keno Janssen — Nvidia Tokenextremismus
Janssen beschreibt von innen, was Kaltheuner strukturell kritisiert: Ein einziger Hardwareanbieter kontrolliert den Flaschenhals der gesamten KI-Infrastruktur. Das ist die Marktkonzentration, die Kaltheuner als “Fragilität” benennt — und die europäische Fördergelder in ein schwarzes Loch der Abhängigkeit fließen lässt, wenn die Infrastrukturebene nicht mitgedacht wird.
→ Felix Goldbach (MoneyForFuture) — Batteriespeicher und die ignorierte Lösung der Energiewende
Kaltheuner/Jung verwenden die Energiewende explizit als Analogiemodell für KI-Industriepolitik. Goldbach liefert das Fleisch zu diesem Vergleich: Er zeigt, wie missionsbasierte Staatslenkung in der Energiepolitik tatsächlich funktioniert — mit Kostendegression, volkswirtschaftlichem Nutzen und lokalem Wertschöpfungsaufbau. Die Erneuerbaren-Analogie wird durch diese Note zur konkreten Blaupause.
Weiterdenken
Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
- Wenn der Markt so konzentriert ist wie beschrieben — welche demokratische Legitimation hat dann eine Regierung, öffentliche Gelder in diesen Markt zu pumpen, ohne vorher die Konzentration zu adressieren?
- Kaltheuner sagt, KI sei depolitisiert worden. Aber ist das nicht gerade das, was mächtige Akteure wollen — dass alle Parteien für mehr KI sind, damit niemand die Verteilungsfrage stellt?
- Jungs Direktionismus klingt pragmatisch. Aber wer definiert die Missionen? Wenn es Lobbyisten sind, reproduziert die missionsbasierte Politik genau die Interessen, die sie überwinden soll.
- Kaltheuners Selbstkritik am Ende ist selten ehrlich: Sie hat ihre Sprache den Politikerräumen angepasst. Was geht verloren, wenn Zivilgesellschaft immer die Sprache der Mächtigen spricht — um gehört zu werden?
- Was wäre die europäische KI-Politik, wenn nicht Ökonomen und Policy-Experten die Agenda setzen würden, sondern die Menschen, die Jobs verlieren?
→ Neitzel und Iltisberger — Hype Is a System
Neitzel/Iltisberger modellieren die systemische Architektur des Hypes, dem Kaltheuner und Jung mit AI Directionism begegnen. Das Contrarian-Dilemma (wer das Spiel verweigert, wird nicht gehört) erklärt Kaltheuners eigenes Eingeständnis, die Sprache den Politikräumen anzupassen. Jungs missionsbasierte Handlungsaufforderung ist der strukturelle Hebel, um den Capital System Bandwagon Loop politisch umzuleiten.











