Wer spricht?
Ingrid Brodnig (*1984, Graz) ist österreichische Journalistin, Buchautorin und eine der profiliertesten deutschsprachigen Stimmen zu Hass im Netz und Desinformation. Sie war Redakteurin bei Falter und Profil, wurde 2017 zur „Digitalen Botschafterin” Österreichs bei der EU ernannt und schreibt seit 2024 eine Kolumne im Standard. Ihre Bücher — von Hass im Netz bis Feindbild Frau — verbinden nüchterne Analyse digitaler Enthemmung mit konkreten Handreichungen: Sie will nicht nur erklären, warum die Debatte verroht, sondern zeigen, was man dagegen tut.
Biografie
Ingrid Brodnig wird am 9. November 1984 in Graz geboren. Sie studiert an der FH Joanneum „Journalismus und Unternehmenskommunikation” — ein bodenständiger, praxisnaher Weg in einen Beruf, den sie später zur öffentlichen Aufklärungsarbeit ausweitet.
Nach dem Studium arbeitet sie zunächst für das Wiener Stadtmagazin Falter, dann als Redakteurin des Nachrichtenmagazins Profil, dort mit Schwerpunkt Medien und Digitalthemen. Der Wendepunkt kommt im Februar 2017: Sie verlässt die feste Redaktion, um sich als Publizistin und digitale Expertin selbstständig zu machen — von da an gehört ihr das Thema ganz. Wenige Wochen später, im April 2017, ernennt die österreichische Bundesregierung sie zur „Digitalen Botschafterin” (Digital Champion) Österreichs in der EU.
Seither ist Brodnig weniger Berichterstatterin als Übersetzerin: Sie erklärt, wie Algorithmen Empörung belohnen, wie Desinformation je nach Generation anders funktioniert, wie sich Betroffene von Hass wehren können. Sie hält Vorträge und Workshops, tritt in Talkshows auf, schreibt Bücher, die regelmäßig in Bestsellerlisten und auf Preislisten landen. Seit Mai 2024 ist sie Kolumnistin der Tageszeitung Der Standard.
Ausgezeichnet wurde sie unter anderem mit dem Bruno-Kreisky-Sonderpreis für das politische Buch (2016, für Hass im Netz), als „Medienjournalistin des Jahres” (2021) und „Kolumnistin des Jahres” (2023).
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Der unsichtbare Mensch | 2013 | Wie die Anonymität im Internet die Gesellschaft verändert — ihr erstes großes Buch über digitale Debattenkultur. |
| Hass im Netz | 2016 | Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können. Ausgezeichnet mit dem Bruno-Kreisky-Sonderpreis. |
| Lügen im Netz | 2017 | Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren — Anleitung zum Erkennen und Kontern. |
| Übermacht im Netz | 2019 | Warum wir für ein gerechtes Internet kämpfen müssen — über die Marktmacht der Plattformkonzerne. |
| Einspruch! | 2021 | Verschwörungsmythen und Fake News kontern — ein praktischer Argumentations-Werkzeugkasten. |
| Wider die Verrohung | 2023 | Über die gezielte Zerstörung öffentlicher Debatten und wie man ihr begegnet. |
| Feindbild Frau | 2026 | Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden — und was wir alle dagegen tun können. Auf Basis von Gesprächen mit Abgeordneten und Spitzenpolitikerinnen aus Deutschland und Österreich. |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- re:publica 26 — Gegenstrategien zum Frauenhass — Brodnig zeigt an konkreten Fällen, wie Frauen im Netz eingeschüchtert und verdrängt werden, und was rechtlich, technisch und strategisch dagegen hilft (Mai 2026).
- re:publica 25 — Desinformation je nach Generation — Warum Falschinformation altersspezifisch wirkt: von TikTok-Erzählungen für Junge bis zu Boomer-Content auf Facebook (Mai 2025).
- Feindbild Frau — Ein Gespräch mit Ingrid Brodnig — Ausführliches Gespräch zum Buch: warum digitale Gewalt Politikerinnen besonders trifft (2026).
- Hass & Verschwörungsmythen — Wiener Stadtgespräch — Grundlagenvortrag zu Hass und Verschwörungserzählungen im Netz (2021).
- Sollten wir Social Media verbieten? — Brodnig über Plattformregulierung, Jugendschutz und die Grenzen des Verbots.
Kernthesen
- Enthemmung ist kein Zufall, sondern Design. Anonymität, algorithmische Belohnung von Empörung und die ökonomische Logik der Plattformen erzeugen die Verrohung — Hass ist die vorhersehbare Folge der Architektur, nicht nur individueller Bosheit.
- Frauen, besonders Politikerinnen, sind das bevorzugte Ziel. Digitale Gewalt gegen Frauen ist kein Nebenschauplatz, sondern eine gezielte Verdrängungsstrategie: Wer eingeschüchtert wird, zieht sich zurück — und genau das ist der Zweck. Oft befeuert von rechten Netzwerken.
- Desinformation wirkt generationenspezifisch. Es gibt nicht die Falschinformation — sie passt sich Plattform und Alter an, von TikTok bis Facebook. Wer sie bekämpfen will, muss die Zielgruppe verstehen.
- Man kann kontern — und sollte es lernen. Brodnigs Markenzeichen ist der Werkzeugkasten: rhetorische Techniken gegen Verschwörungsmythen, rechtliche und technische Wege für Betroffene. Ohnmacht ist eine Haltung, keine Notwendigkeit.
- Zivilgesellschaft und Regulierung müssen zusammenwirken. Weder reine Selbsthilfe noch reines Verbot reichen — es braucht mündige Nutzer und Plattformverantwortung.
Politische Einordnung
Brodnig ist keiner Partei zuzuordnen, aber klar demokratie- und aufklärungsorientiert. Sie benennt rechte und rechtsextreme Netzwerke als treibende Kraft organisierter digitaler Gewalt und plädiert für stärkere Plattformregulierung — Positionen, die ihr aus dem rechten Lager selbst Anfeindungen einbringen. Ihr Ton bleibt dabei betont sachlich und lösungsorientiert; sie versteht sich als Vermittlerin zwischen Betroffenen, Publikum und Politik, nicht als Aktivistin einer bestimmten Seite. Ihre Arbeit ist Teil einer breiteren journalistischen Auseinandersetzung mit Desinformation, Meinungsfreiheit und der Ökonomie der Empörung.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Katharina Nocun — die engste Weggefährtin im Feld: Beide sezieren, wie Plattformmechanik und KI-Bildwelten rechte und frauenfeindliche Dynamiken tragen — Nocun vom Verschwörungs- und KI-Content her, Brodnig von der digitalen Gewalt gegen Frauen.
- Renée DiResta — teilt Brodnigs Blick auf Schaden ohne benennbaren Täter: Propaganda und Misogynie als Systemeffekte, nicht als Gesinnung Einzelner.
- Eva von Redecker — liefert die Eigentums- und Männerbund-Theorie zu Brodnigs empirischem Befund vom „Zugriff auf Frauenkörper als Machtdekor“.












