Gedankenraum
DenkerVita·8. Oktober 2026

Mae Bengert — DenkerVita

Mae Bengert liest Simone Weil zuerst als Mystikerin und Lehrerin der Aufmerksamkeit. Die Berliner Romanistin trägt Weils Denken in Kunsträume, Kirchen und Hörsäle.

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Vilhelm Hammershøi — Räume, aus denen jemand gerade gegangen ist, und das Licht, das bleibt. Ein offenes Buch, ein halbes Brot, ein Glas Wasser und ein zurückgeschobener Stuhl im Sonnenstaub: Aufmerksamkeit als Warten, die Leserin, die von sich absieht und nur durch die Dinge anwesend ist.

Prompt: A painting in the manner of Vilhelm Hammershøi, Sunbeams or Dust Motes Dancing in the Sunbeams (1900), oil on coarse canvas with the weave showing through, soft dry painterly brushstrokes, blurred edges, a narrow muted palette of pearl grey, pale ochre and chalky white, 1200x500 wide banner. An almost empty room around 1900 with plain bare grey walls and bare floorboards. A tall white paned window on the right throws broad slanting beams of pale sunlight diagonally across the room, dust motes floating in the beams. In the middle of the light stands a simple wooden table with a large open book, a broken half loaf of bread on a linen cloth and a glass of water; an empty wooden chair stands pushed back from the table and turned away, as if someone has just stood up. A white panelled door on the left stands ajar onto a brighter room. Silence, waiting, attention. No people, no figures, no faces, plain empty walls, no switches, no fittings, no text, no letters, no signature, no monogram, no photorealism.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Mae Bengert (publiziert lange als Martina Bengert) — Literatur- und Religionswissenschaftlerin, Professorin für Literatur, Religion und Gender Studies in romanischen Kulturen am Institut für Romanistik der Humboldt-Universität zu Berlin. 2019 gründete sie mit Max Walther und Thomas Sojer das trans | disziplin Simone Weil denʞkollektiv. Barbara Bleisch stellte sie in Lüneburg als „eine der wichtigsten Kennerinnen von Simone Weil im deutschsprachigen Raum“ vor.

Wichtigste Werke: Nachtdenken. Maurice Blanchots „Thomas l'Obscur“ (2017), Santa Teresa (Hrsg., 2019), Zukunft, gefaltet (Hrsg., 2021), T(r)opologie (Hrsg., 2026) Kernkonzepte: Weil als Mystikerin zuerst, Aufmerksamkeit als „negative Anstrengung“, Dekreation, radikale Hoffnung, Verwurzelung, Gewalt als Verdinglichung, achtsames Lesen


Biografie

Pessoa und die Unruhe: Bengerts erstes Buch ist eine komparatistische Studie über Fernando Pessoa, Identität und Unruhe – Fernando Pessoa als Denker der Moderne (2009), eine Lektüre des Buchs der Unruhe auf den Identitätsbegriff hin. Die Linie, die sich hier zeigt, bleibt: Texte an den Rändern der Philosophie, die das Ich ins Wanken bringen.

Blanchots Nacht: Ihre Dissertation, 2015 an der Ludwig-Maximilians-Universität München angenommen, schreibt sie über Maurice Blanchot: Nachtdenken. Maurice Blanchots „Thomas l'Obscur“ (2017). An Blanchot und den Denkern, die man unter die Poststrukturalisten fasst, fällt ihr auf, wie nah sie an das heranarbeiten, was Mystik ist, und wie entschieden sie zugleich sagen, das sei es nicht. Diese Grenze will sie, so erzählt sie es in Lüneburg, „von der anderen Seite“ berühren. Daraufhin habe man ihr gesagt: „Du musst Simone Weil lesen.“ Seitdem sei sie „nicht mehr von ihr weggekommen“. 2022 folgt an der Humboldt-Universität eine zweite große Blanchot-Studie, Berührung auf Todeshöhe: Maurice Blanchots Uneingestehbare Gemeinschaft (Bataille, Nancy, Duras).

Mystik als Forschungsfeld: Mit Iris Roebling-Grau gibt sie 2019 den Band Santa Teresa. Critical Insights, Filiations, Responses heraus, aus einer internationalen Konferenz über Teresa von Ávila. Sie arbeitet in Verbünden mit Jörg Dünne und anderen über Katastrophe und Spektakel (2018), über Choreographien des Als-Ob (2021) und über die Räumlichkeit von Texten (T(r)opologie, mit André Otto, 2026). Sie versteht sich als Literaturwissenschaftlerin und als Religionswissenschaftlerin; Weils Texte liest sie mit ihren Studierenden „nicht als Theologieprofessorin“, sondern als Leserin.

Das Denkkollektiv (seit 2019): 2019 gründet sie mit Max Walther (Bauhaus-Universität Weimar) und Thomas Sojer (Max-Weber-Kolleg Erfurt) das trans | disziplin Simone Weil denʞkollektiv, eine egalitäre, internationale Plattform für Menschen aus Wissenschaft, Kunst und Kultur, die zu Weil arbeiten. Der Name ist Programm: Ein Denken wie das Weils, schreiben die drei, lasse sich nicht mehr von Autoritäten mit Deutungshoheit „mansplainen“, es verlange ein gemeinsames, nie fertiges Gespräch. 2021 halten sie beim steirischen herbst in Graz eine öffentliche Lecture-Performance neben Thomas Hirschhorns Simone Weil Memorial. 2022 ist Bengert bei der Festivaleröffnung „Alarm und Utopie“ in Leipzig dabei, deren Abend in einen „Club der toten Philosoph*innen“ mit Simone Weil mündet. Sie unterrichtet auch „achtsames Lesen“ und beobachtet, dass der Hunger danach an den Universitäten gewachsen ist.

Lüneburg (2026): Im August 2026 spricht sie auf der Utopie-Konferenz „Großzügigkeit, eine Utopie?“ der Leuphana Universität mit Barbara Bleisch über Weils Satz, Aufmerksamkeit sei die seltenste und reinste Form der Großzügigkeit. Es ist, wie sie sagt, ihr erstes Mal in Lüneburg. Weil sei überall zu Hause, „in Kunsträumen, Universitätsräumen, kirchlichen Räumen“.


Öffentliche Arbeit, Kanäle & Engagement

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
T(r)opologie. Die Relationalität textueller Räumlichkeit2026Mit André Otto herausgegeben: wie Texte Räume bilden und Räume Texte. Brill | Fink.
Berührung auf Todeshöhe: Maurice Blanchots Uneingestehbare Gemeinschaft (Bataille, Nancy, Duras)2022Blanchots Gemeinschaftsdenken im Gespräch mit Bataille, Nancy und Duras. Online an der Humboldt-Universität erschienen.
Zukunft, gefaltet – Choreographien des Als-Ob2021Mit Jörg Dünne und Max Walther herausgegeben: Zukunft als Möglichkeitsform.
Santa Teresa. Critical Insights, Filiations, Responses2019Mit Iris Roebling-Grau herausgegeben: Teresa von Ávila, ihre Schriften und ihr Nachleben. Narr Francke Attempto.
Catastrophe & Spectacle2018Mit Vittoria Borsò, Jörg Dünne, Jean-Pierre Dupuy u. a.: Variationen einer Begriffsbeziehung vom 17. bis zum 21. Jahrhundert. Neofelis.
Nachtdenken. Maurice Blanchots „Thomas l'Obscur“2017Die Dissertation (LMU München 2015) über Blanchots ersten Roman. Narr Francke Attempto.
Identität und Unruhe – Fernando Pessoa als Denker der Moderne2009Komparatistische Studie über den Identitätsbegriff im Buch der Unruhe.

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Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

  1. Weil ist zuerst Mystikerin. Ihr marxistisches und politisches Denken lasse sich ohne die Gotteserfahrung nur einseitig verstehen. Weil passt in keine Schublade, Philosophin, Syndikalistin, Lehrerin, Mystikerin, und gerade dass sie diese vermeintlichen Widersprüche zusammenhält, macht sie für Bengert zeitgemäß.
  2. Mystik muss ins Leben übersetzt werden. Die mystische Erfahrung ist die Erfahrung einer „wirklichen Wirklichkeit“, die durch das Gewohnte bricht. Viele Menschen machen sie einmal; zur Mystikerin wird, wer nicht anders kann, als das Gesehene als Liebe zu den Menschen in die Welt zurückzubringen. Lehren lässt sie sich nicht: Sie ist unverfügbar, man kann nur den Boden bereiten.
  3. Aufmerksamkeit ist eine negative Anstrengung. Sie heißt, das Denken auszusetzen und von sich abzusehen, um den anderen in seiner nackten Wirklichkeit zu empfangen, statt die Welt mit eigenen Bedeutungen zu überziehen. Das lässt sich üben wie ein Sport; Weil spricht von Gymnastik. Gegen die Aufmerksamkeitsökonomie heißt das: selbst entscheiden, wem man Aufmerksamkeit schenkt. Kritisches Nachfragen schließt sie nicht aus.
  4. Aufmerksamkeit ist immer geschenkt. Man kann ein Gespräch verlangen, aber nicht, dass einem wirklich zugehört wird. Wer gesehen wird, empfängt eine Gabe ohne Anspruch. Geben kann so nur, wer verwurzelt ist: Aus dem Mangel heraus entsteht wieder Mangel.
  5. Gewalt verdinglicht Täter und Opfer. Mit Weils Ilias-Essay beschreibt Bengert die Seele wie einen Schieberegler zwischen Liebe und Gewalt; am äußersten Ende wird man selbst zum Ding und macht andere dazu. Aus der Spirale führt nur, im Feind wieder den leidenden Menschen zu sehen, wie Achill, der dem Vater Hektors den Leichnam zurückgibt. Großzügigkeit heißt hier Verzicht auf Rache; gemeinsames Trauern ist ihr Ritual.
  6. Großzügigkeit muss spürbar sein. Eine Spende, die im eigenen Leben nichts verändert, ist in Weils Sinn keine. Großzügig ist, was einen aus dem eigenen Sicherheitsraum herausführt; Weil gab große Teile ihres Lehrerinnengehalts weg und legte Geld so hin, dass niemand wusste, von wem es kam.
  7. Weil nicht nachahmen. Weil lebte ihre Großzügigkeit auch selbstzerstörerisch und starb mit 34 Jahren entkräftet. Bengert will sie nicht pathologisieren, aber auch nicht zum Vorbild machen: Man kann viel von ihr lernen, ohne ihr zu folgen. Wer mit Mystik nichts anfangen kann, dem empfiehlt sie Iris Murdoch, die Weils Aufmerksamkeit religionsfern als Kunst des genauen Hinsehens weiterdachte.

Verbindungen zu anderen Denkern

→ Simone Weil

Der Mensch, um den Bengerts Arbeit seit Jahren kreist. Sie liest Weil vom mystischen Kern her und sieht von dort aus die Fabrikarbeiterin, die Lehrerin und die politische Denkerin als eine Gestalt. Ihr Denkkollektiv versucht, mit Weil so umzugehen, wie Weil mit Texten umging: aufmerksam und ohne Deutungshoheit.

→ Barbara Bleisch

Bleisch brachte Weils Satz von der Aufmerksamkeit als reinster Großzügigkeit nach Lüneburg und lud Bengert dazu ein. Im Gespräch stellt Bleisch die aristotelische Frage nach dem Maß; Bengert gibt die Frage zurück, ob man es mit Großzügigkeit übertreiben kann, und lässt sie offen.

→ Hartmut Rosa

Bengert greift selbst zu Rosas Begriff: Wer aus der Begrenzung des eigenen Ichs heraustritt und im anderen Schönheit erkennt, lässt Resonanz zu. Weils Aufmerksamkeit und Rosas Resonanz teilen die Unverfügbarkeit: Beide lassen sich vorbereiten, nicht erzwingen.

→ Erich Fromm

Aus dem Publikum kam der Vergleich mit Haben oder Sein. Bengert räumte ein, Fromm nicht eingehend studiert zu haben, sah die Verbindung aber: der Schritt aus dem Sichern und Besitzenwollen in ein losgelassenes Sein.


Cortex-Notes

Im Bestand

Simone WeilAufmerksamkeit, die seltenste…Simone WeilDenkerVitaBarbara BleischDenkerVitaHartmut RosaDenkerVitaErich FrommDenkerVita

fünf gedachte Verweise

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