Gedankenraum
DenkerVita·4. Oktober 2026

Barbara Bleisch — DenkerVita

Was schulden wir einander, wenn nicht Dank? Barbara Bleisch, Zürcher Ethikerin und Stimme der Sternstunde Philosophie, denkt Pflicht von der Beziehung her.

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Künstlerhand: Vilhelm Hammershøi — stille Kopenhagener Interieurs, Perlgrau und Weiß, dünne Lasuren, die Figur von hinten.

Warum: Bleisch hat sechzehn Jahre lang Gespräche geführt, in denen zwei Stühle einander zugewandt stehen und die Frage mehr zählt als das Urteil. Hammershøi malt die Aufmerksamkeit selbst: einen Raum, der zuhört. Die Frau am Fenster wendet sich ab, als dächte sie über das eben Gesagte nach, und die Tür zum helleren Nebenraum steht offen.

Prompt: Vilhelm Hammershøi interior painting, 1200x500 wide banner. A quiet pearl-grey room with tall white doors and wooden floorboards. Two simple wooden chairs stand facing each other across a small round table, close enough for a conversation; on the table an open book and two cups. Between them, a woman in a dark dress stands with her back to us at a tall window, her head slightly bowed as if listening. Soft northern daylight falls diagonally across the floor, a door on the right stands ajar to a further, brighter room. Muted palette of greys, pearl white and a faint warm ochre, thin translucent oil glazes, matte surface, deep stillness. No visible face, no text, no signature, no monogram, no photorealism.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Barbara Bleisch (1973, Basel) — Schweizer Philosophin und Ethikerin, seit 2010 Moderatorin der SRF-Sendung Sternstunde Philosophie, Dozentin der Advanced Studies in Applied Ethics an der Universität Zürich. Promoviert 2007 am Ethik-Zentrum der Universität Zürich über Weltarmut und individuelle Verantwortung, danach Forschung zur Ethik der Familienbeziehungen; als Autorin bekannt geworden mit einem Buch, das dem Satz „Du sollst Vater und Mutter ehren“ den Boden der Schuld entzieht. Ende 2026 gibt sie die Fernsehmoderation ab und widmet sich dem Podcast Zimmer 42 und dem Schreiben.

Wichtigste Werke: Pflichten auf Distanz (2010), Warum wir unseren Eltern nichts schulden (2018), Kinder wollen (2020, mit Andrea Büchler), Ethische Entscheidungsfindung (2021, mit Markus Huppenbauer und Christoph Baumberger), Mitte des Lebens (2024) Kernkonzepte: relationales statt transaktionales Pflichtmodell, Pflichten auf Distanz, reproduktive Autonomie, die Lebensmitte als freieste Jahre, Großzügigkeit jenseits der Gerechtigkeit


Biografie

Basel, Zürich, Tübingen (1973–2001): Barbara Bleisch kommt am 19. Mai 1973 in Basel zur Welt. Von 1994 bis 2001 studiert sie Philosophie, Germanistik und Religionswissenschaft in Zürich, Basel und Tübingen. Die Breite bleibt ihr erhalten: Später wird sie mit Romanautoren, Nobelpreisträgern und Mönchen gleichermaßen ins Gespräch kommen.

Weltarmut als erste Frage (2001–2012): Am Ethik-Zentrum der Universität Zürich arbeitet sie als Assistentin am Lehrstuhl von Helmut Holzhey und leitet von 2005 bis 2009 die Weiterbildung Advanced Studies in Applied Ethics, in der sie bis heute unterrichtet. 2004 geht sie für die Hilfsorganisation SolidarMed als Journalistin nach Lesotho und absolviert ein Praktikum bei der UNO in New York. Ihre Dissertation bei Peter Schaber (2007, erschienen 2010) fragt, was der Einzelne den Fernen schuldet: Pflichten auf Distanz. Weltarmut und individuelle Verantwortung. Sie engagiert sich im Vorstand der entwicklungspolitischen Erklärung von Bern (heute Public Eye). Die Frage nach Gerechtigkeit über Grenzen hinweg zieht sich durch bis in ihre jüngsten Auftritte.

Von den Fernen zu den Nächsten (2012–2020): An der Universität Bern forscht sie von 2012 bis 2015 im Nationalfonds-Projekt Gründe der Parteilichkeit — Zur Ethik der Familienbeziehungen, 2014 als Senior Research Fellow an der Queen's University Belfast. Daraus wächst 2018 das Buch, das sie über die Fachwelt hinaus bekannt macht: Warum wir unseren Eltern nichts schulden. Mit der Rechtsprofessorin Andrea Büchler folgt 2020 Kinder wollen, eine Ethik der Fortpflanzungsmedizin. Von 2017 bis 2019 ist sie akademischer Gast am Collegium Helveticum von Universität und ETH Zürich; seit 2020 ist sie wieder am Zürcher Ethik-Zentrum.

Die Stimme am Sonntagmorgen (2010–2026): Sechzehn Jahre lang moderiert sie im Wechsel mit Wolfram Eilenberger und anderen die Sternstunde Philosophie auf SRF 1. Daneben schreibt sie Kolumnen für das Philosophie Magazin (2013–2019) und den Tages-Anzeiger/Der Bund (2018–2023), führt das „Café Philo“ im Literaturhaus Hamburg (2019–2023) und die Reihe „Barbara Bleisch trifft“ in der Dampfzentrale Bern (seit 2021). 2020 kürt sie der Schweizer Journalist zur Journalistin des Jahres in der Kategorie Gesellschaft, 2024 erhält sie mit Yves Bossart den Prophil-Preis der Deutschen Gesellschaft für Philosophie. Seit 2024 leitet sie zusammen mit Konrad Paul Liessmann das Philosophicum Lech.

Die besten Jahre (seit 2024): Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre wird 2024 zum Spiegel-Bestseller. Im Mai 2025 bekommt sie mit Sternstunde Philosophie: Zimmer 42 einen eigenen Podcast. Seit April 2026 ist sie Mitglied von PEN Berlin. Im August 2026 leitet sie auf der Utopie-Konferenz der Leuphana Universität Lüneburg erstmals das „Utopie-Quartett“. Ende September 2026 gibt SRF bekannt, dass sie auf eigenen Wunsch die Fernsehmoderation abgibt; ihr Nachfolger ist der Philosoph Michael Räber. „Es drängt mich nach Neuland“, sagt sie, und meint den Podcast und mehr Zeit für Bücher. Bleisch lebt mit ihrer Familie und zwei Töchtern in Zürich.


Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre2024Gegen das Klischee der Midlife-Crisis: die Lebensmitte als Phase, in der existenzielle Fragen neu drängen und die in die freiesten Jahre eines erwachsenen Lebens führen kann. Spiegel-Bestseller.
Ethische Entscheidungsfindung. Ein Handbuch für die Praxis2021Mit Markus Huppenbauer und Christoph Baumberger: ein Werkzeugkasten, um moralische Konflikte in Organisationen schrittweise und begründet zu entscheiden.
Kinder wollen. Über Autonomie und Verantwortung2020Mit der Juristin Andrea Büchler: reproduktive Autonomie im Zeitalter von Eizellspende, Leihmutterschaft, Schwangerschaftsabbruch und Embryonenauswahl.
Warum wir unseren Eltern nichts schulden2018Kinder stehen nicht in der Schuld ihrer Eltern. An die Stelle von Schuld und Dankbarkeit setzt Bleisch die Beziehung selbst, aus der eine wechselseitige Verantwortung erwächst.
Familiäre Pflichten2015Mit Monika Betzler herausgegeben: Sammelband zur Frage, was Familienmitglieder einander moralisch schulden.
Müssen Ethiker moralisch sein?2011Mit Christoph Ammann und Anna Goppel: Essays über das Verhältnis von Philosophie und Lebensführung.
Pflichten auf Distanz. Weltarmut und individuelle Verantwortung2010Die Dissertation: Was schuldet der Einzelne in reichen Ländern den Armen der Welt, und woraus folgt diese Pflicht?
Weltarmut und Ethik2007Mit Peter Schaber herausgegeben: die Grundtexte der Debatte um globale Gerechtigkeit.

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Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

  1. Beziehung statt Schuld. Eltern und erwachsene Kinder sind durch kein Schuldverhältnis verbunden. Das „transaktionale Modell“, nach dem Kinder für Pflege und Zuwendung Dank und Gegenleistung schulden, hält nicht. Was trägt, ist die besondere Beziehung aus geteiltem Wissen, Vertrauen und gegenseitigem Ausgeliefertsein. Aus ihr folgt Verantwortung in beide Richtungen, auch die der Eltern für ihre Kinder, ein Leben lang.
  2. Pflichten reichen weit. Wer in einem reichen Land lebt, trägt Mitverantwortung für Armut in der Ferne. Schuldenerlass oder Entwicklungszusammenarbeit als „Großzügigkeit“ auszugeben, verschleiert, dass es um Ansprüche der globalen Gerechtigkeit geht. Wer schenkt, wo er schuldet, versetzt den Empfänger zudem in die unbequeme Lage, sich dankbar und würdig erweisen zu müssen (mit Marcel Mauss).
  3. Großzügigkeit beginnt, wo die Gerechtigkeit endet. Großzügig ist, wer mehr tut, als die Gerechtigkeit verlangt: auf ein Patent verzichten, das einem zustünde; eine Position gelten lassen, die man nicht teilt. Wie jede aristotelische Tugend hat sie ihr Maß zwischen Geiz und Verschwendung, und auch die epistemische Großzügigkeit kennt ihre Grenze, etwa bei Verschwörungserzählungen. Ihre reinste Form ist, mit Simone Weil, die Aufmerksamkeit.
  4. Die Lebensmitte ist eine Freiheit. Über Kindheit und Alter haben Philosophen viel geschrieben, über die Mitte wenig. Bleisch liest sie als die Jahre, in denen viele große Entscheidungen getroffen sind und die existenziellen Fragen mit neuer Dringlichkeit wiederkehren. Wer sich ihnen stellt, kann in die freiesten Jahre seines Erwachsenenlebens gehen.
  5. Vertrauen braucht einen Vorschuss. In der vermessenen Gesellschaft wird jeder vorab durchleuchtet, etwa bei jeder Kreditprüfung. Der Raum für den Satz „Wir trauen ihr das zu“ schrumpft. Großzügigkeit heißt auch, Vertrauen zu geben, bevor es sich beweisen lässt, gerade Kindern gegenüber.

Politische Einordnung

Bleisch argumentiert aus der analytischen Ethik und versteht sich als Gesprächsführerin, nicht als Parteistimme. Ihre Grundierung ist liberal-egalitär: globale Gerechtigkeit als Pflicht der Reichen, reproduktive Selbstbestimmung, Gleichheit als normatives Ziel, an dem sich auch bei gesellschaftlichem Gegenwind „nichts ändern darf“ (Lüneburg 2026). Ihr Engagement im Vorstand der entwicklungspolitischen Erklärung von Bern und die Mitgliedschaft in PEN Berlin passen in dieses Bild. In der Moderation fällt sie durch Widerspruch auf, der die Gäste fordert, statt sie vorzuführen.


Verbindungen zu anderen Denkern

→ Lukas Bärfuss

Sie sprach mit ihm in der Sternstunde über Vaters Kiste, und ihre beiden Themen treffen sich in einem Gegenstand. Bärfuss schlug ein Erbe aus, das nur aus Schulden bestand. Bleisch bestreitet in Warum wir unseren Eltern nichts schulden, dass Kinder ihren Eltern Dank als Gegenleistung schulden. Beide setzen an die Stelle der Rechnung die Frage, was Menschen einander tatsächlich hinterlassen.

→ Wolfgang M. Schmitt

Ihr Gegenspieler in Lüneburg. Schmitts Utopie nach Marx, „jedem nach seinen Bedürfnissen“, besteht für sie aus lauter Gerechtigkeitsfragen; Großzügigkeit beginnt erst jenseits des Geschuldeten. Er rettet die Großzügigkeit, indem er sie aus der Struktur in die Haltung verlegt. Damit messen die beiden an verschiedenen Linien.

→ Rutger Bregman

In der Sternstunde hielt sie seinem Optimismus Arendt und den Holocaust entgegen. Sein Befund, dass ein misstrauisches Menschenbild sich selbst erfüllt und Hierarchie rechtfertigt, ist das Fundament ihres späteren Gedankens. Großzügigkeit verstehen beide als Vertrauensvorschuss, und beide sehen, dass eine Gesellschaft, die alles vermisst, wenig Raum dafür lässt.

→ Simone Weil

Bleischs Lüneburger Gedanke, Aufmerksamkeit sei die reinste Form der Großzügigkeit, ist Weils Satz. Zugleich nimmt sie Weil als Mahnung: ein Leben überschäumender Großzügigkeit, das sich bis zur Entkräftung verausgabte. Für Bleisch die Frage nach der aristotelischen Mitte, an einer Person gestellt, die sie verfehlte.

→ Aladin El-Mafaalani

Im Utopie-Quartett stellt sie ihm die Frage, die ihre beiden Themen verbindet: Woher kommt das Misstrauen, das den Vertrauensvorschuss unmöglich macht? Seine Misstrauensgemeinschaften beschreiben empirisch, was sie normativ vermisst. Beim Tocqueville-Paradox trennen beide sauber: Er beschreibt, dass Großzügigkeit irgendwann erlahmt, sie hält daran fest, dass sich am Gleichheitsanspruch nichts ändern darf.

→ Agnes Callard

Zwei Philosophinnen, die das Fach aus dem Seminar holen. Callard will das Leben dem sokratischen Fragen unterwerfen, Bleisch hielt ihr in der Sternstunde den Zen-Gedanken entgegen, das Fragen auch ruhen zu lassen.


Cortex-Notes

Im Bestand

Göpel, Bleisch,…Verhärten. Überall. Und nun?Harald Welzer und Barbara…Großzügigkeit und GegenwärtigkeitSusanne BoshammerWas heißt verzeihen?Simone WeilAufmerksamkeit, die seltenste…Agnes CallardDenkerVitaAgnes CallardWarum lohnt sich ein…Lukas BärfussDenkerVitaWolfgang M. SchmittDenkerVitaRutger BregmanDenkerVitaSimone WeilDenkerVitaAladin El-MafaalaniDenkerVitaLukas BärfussDie Fesseln der eigenen HerkunftRutger BregmanIst der Mensch wirklich gut?Matthieu RicardGlück, Mitgefühl und die…Omar YaghiDie Welt retten mit Chemie?Sternstunde PhilosophieDroht ein neuer Faschismus?Helen KellerVölkerrecht: Ein zahnloser Tiger?Dietmar DathDenkerVitaHarald WelzerDenkerVitaHenrike von SchelihaDenkerVita

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