Wer spricht?

Marlene Engelhorn (*1992, Wien) — österreichisch-deutsche BASF-Erbin (Urenkelin Friedrich Engelhorns), die 2024 insgesamt 25 Millionen Euro ihres Erbes per Bürgerrat an 77 Organisationen verteilte. Gründete 2021 die Initiative «Tax Me Now» für höhere Erbschafts- und Vermögenssteuern.


Biografie

Marlene Engelhorn wurde 1992 in Wien geboren. Sie ist die Ururenkelin Friedrich Engelhorns, des Gründers und Namensgebers von BASF, und Großnichte von Traudl Engelhorn-Vechiatto, deren Vermögen in den 1990er Jahren auf über 3,8 Milliarden Euro geschätzt wurde.

Das Erwachen zur Ungleichheit (2021–2022)

2021 erfuhr Engelhorn, dass sie direkt von ihrer Großmutter erben würde. Dieser Moment markierte einen Wendepunkt: Sie erkannte, dass sie im «Glücks-Lotto» gewonnen hatte — nicht durch Verdienst, sondern durch Geburt. Im September 2022 starb Traudl Engelhorn-Vechiatto, und Marlene erbte etwa 25 Millionen Euro.

Statt diese Erbschaft stille zu genießen, beschloss Engelhorn, sie zum Ausgangspunkt einer strukturkritischen Intervention zu machen. 2021 gründete sie «Tax Me Now» — eine Initiative mit mittlerweile über 250 Unterstützern (darunter Abigail Disney und Valerie Rockefeller) — um für progressive Erbschafts- und Vermögenssteuerreformen zu lobbyen.

Der Guter Rat: Bürgerrat über Vermögen (2023–2024)

2023 kündigte Engelhorn an, dass ein Bürgerrat entscheiden sollte, wie 25 Millionen Euro ihrer Erbschaft verteilt werden. Sie lud 50 zufällig ausgewählte Österreicher ein, Vorschläge für Organisationen einzubringen. Der Prozess war demokratisch, transparent und bewusst nicht-paternalistisch: Die Erbin setzte sich selbst nicht in Jury- oder Vetopositionen.

Im März 2024 wurde die Verteilung abgeschlossen: Die 25 Millionen gingen an 77 Organisationen in den Bereichen:

  • Klima und Umwelt
  • Gesundheit
  • Soziale Sicherheit und Wohlfahrt
  • Integration und Bildung

Dieser Schritt war nicht symbolisch, sondern strukturell: Engelhorn demonstrierte, dass es kein technisches Problem ist, Vermögen umzuverteilen — es ist ein politisches. Der Staat könnte dies durch progressive Besteuerung routinemäßig tun.


Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Geld2022Behandelt Gesellschaft in Relation zu Geld und präsentiert eine Vision, dass faire Umverteilung nur demokratisch funktionieren kann. Engelhorns programmatisches Werk zur Kritik des Vermögenssystems.

Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

1. Geld arbeitet nicht — Menschen arbeiten für Kapital

Engelhorns schärfste konzeptuelle Kritik richtet sich gegen die Phrase «mein Geld arbeitet für mich». Dies ist, so Engelhorn, eine Verschleierung: In Wahrheit seien es immer konkrete Menschen, die für das Kapital anderer arbeiten. Beispiel: Ein Vermieter mit 100 Wohnungen «verdient» nicht durch eigene Arbeit, sondern weil Mieter — die nach Steuern, Lebensmittel und Kinderbetreuung rechnen — sein Eigentum abzahlen. Das Kapital ist passiv. Die Relationen sind imperativ.

Weitergedacht

Wenn Kapital parasitär von menschlicher Arbeit lebt — wird das System nachhaltig, wenn es unendlich wächst? Oder ist es strukturell auf Eigentumskonzentration angewiesen, um zu funktionieren?

2. Eigentum ist ein Anspruch, nicht ein Verdienst

Engelhorn separiert radikal zwischen moralisch legitimem Einkommen (für geleistete Arbeit) und moralisch illegitimem Vermögen (Erbschaft, Renditenerwerb ohne Tätigkeit). Ihr Erbe ist — in ihrer eigenen Analyse — unverdient. Sie hatte keine Wahl, nicht geboren zu werden als Tochter einer Engelhorn-Tochter. Diese Kontingenz ist das Kernproblem.

Der Staat sollte nicht so tun, als hätte das System damit ein «Problem» — das System funktioniert genau so: Es verteilt Lebenschancen willkürlich. Das ist die intentionale Struktur des Kapitalismus, nicht ein Bug. Es ist ein Feature.

3. «Glück abschaffen» — Systemkritik statt Symptomkritik

Engelhorns übergeordnetes Ziel ist es, die willkürliche Zuweisung von Lebenschancen durch Geburtszufälligkeit zu reduzieren. Sie spricht von «Glück» (im Sinne von Lucky Draw): Man sollte eine Gesellschaft entwerfen können, in der Geburtsumstände — Reichtum der Eltern, Herkunftsregion, ethnische Zugehörigkeit — weniger determinant sind. Diese Vision ist nicht radikal kommunistisch (sie will nicht Eigentum abschaffen), sondern reformerisch-progressiv: Hohe progressive Steuern, starke Erbschaftssteuern, universelle Grundversorgung.

4. Vermögen sollte wie Einkommen besteuert werden

Engelhorn fordert explizit, dass Vermögen (Erbschaften, Renditen, unrealisierte Gewinne) dem gleichen progressiven Steuersatz unterliegen sollten wie Arbeitseinkommen — unabhängig davon, ob die Person behauptet, dass das Vermögen «arbeitet» oder nicht. Eine 90%-Besteuerung auf Vermögen lehnt sie nicht ab; sie würde dies sogar begrüßen.

5. Strukturelle Feminisierung und Intersektionalität des Reichtums

Sie verweist darauf, dass extreme Vermögen statistisch überproportional älteren, weißen, akademisch gebildeten männlichen Personen vorbehalten sind — nicht weil diese intelligenter sind, sondern weil das System diese Gruppe bevorzugt und anderen strukturell Hürden aufbaut. Dies ist keine individuelle Schuld, sondern eine architektonische Entscheidung des Staates.

Weitergedacht

Wenn das System «die Rutsche legt» für bestimmte Gruppen — ist eine Lösung, einzelne Millionäre zu besteuern, oder müssen wir die Rutsche selbst ändern?

6. Der Bürgerrat als strukturkritische Geste

Dass Engelhorn ihre Umverteilung einem Bürgerrat übertrug — statt sie paternalistisch vorzunehmen — ist philosophisch bedeutsam: Sie demonstriert, dass Verteilungsfragen nicht technisch, sondern demokratisch gelöst werden sollten. Der Staat sollte dies durch Steuern und Sozialausgaben permanent tun — ohne dass einzelne Millionäre ihre Gewissen beruhigen müssen.


Politische Einordnung

Radikal-reformerisch, links-liberal mit systemkritischem Subtext

Engelhorn vertritt kein sozialistisches Manifest — sie argumentiert nicht gegen Eigentum oder Marktwirtschaft per se. Ihr Ziel ist eine radikale Umgestaltung des Steuersystems, um Vermögenskonzentration zu brechen. Sie ist europäisch (Austria/Germany), progressiv, umweltbewusst und arbeitet mit klassischen Protestformen (Aktivismus, Petition, Öffentlichkeitsarbeit).

Ihre Radikalität liegt in der konzeptuellen Kohärenz: Sie nimmt die bürgerlich-liberale Rhetorik von »fairness« und »Leistung« ernst und zeigt, dass sie unter Vermögenskonzentration zerreißt. Sie ist nicht anti-kapitalistisch, aber anti-kapitalistisches Kapitalismus — anti-feudal im neuen Gewand.


Verbindungen zu anderen Denkern

(wird von Montaigne befüllt — hier leer lassen)


Gedankenwelten-Notes

  • Studio Bonn — Extremer Reichtum — Panel mit Engelhorn, Kühnert, Friedrichs, Pfeffer; zentrale Quelle ihrer Kernthesen
  • Martyna Linartas — Forschung zu Erbengesellschaft und unverdientes Vermögen; strukturelle Parallele zu Engelhorn
  • Clara Mattei — Geschichte der Austeritätspolitik; zeigt wie Klassenpolitik die Umverteilung verhindert
  • Evan Osnos — Megayachten und Oligarchie; Gegenperspektive auf Ultrareiche
  • Erich Fromm — »Haben oder Sein«; Fromm als theoretischer Vorgänger zu Engelhorns Kritik

Weiterdenken

Was Aristoteles vielleicht gefragt hätte

  • Wenn Eigentum wirklich unverdient ist, warum fühlt es sich dennoch «mein» an? Ist das ein psychologisches oder ein juridisches Problem?
  • Engelhorn sagt, die Elite «legt die Rutsche» — aber wer oder was legt die Rutsche dann der Elite selbst? Wann wurde das System entworfen, und wer hatte die Macht dazu?
  • Ist die Umverteilung durch einen Bürgerrat ein Modell für Steuerpolitik, oder zementiert sie das System, indem Millionäre ihre Gewissen beruhigen können, ohne dass strukturelle Reformen folgen?
  • Wenn 25 Millionen von einer Person auf 77 Organisationen verteilt werden — ist das Solidarität, oder ist es Paternalismus in neuer Form?
  • Was ist das Ziel: Einzelne reiche Menschen zur Umverteilung zu bewegen, oder die Institution des Staates so zu verändern, dass Vermögenskonzentration unmöglich wird?