Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Martyna Linartas (8. Mai 1990, Poznań/Polen) — Politikwissenschaftlerin, Ungleichheitsforscherin, Autorin.

Geboren in Polen, mit knapp zwei Jahren nach Deutschland immigriert — das erste Jahr in einem Obdachlosenheim in Kiel-Gaarden. Aufgewachsen zwischen zwei Welten: Brennpunktviertel in Kiel und dem mexikanischen Großbürgertum einer entfernten Verwandten. Diese Achterbahn prägte den Blick auf Ungleichheit früh und persönlich. Studium der Politikwissenschaft und Kunstgeschichte in Kiel, Master und Promotion (summa cum laude, 2023) an der Freien Universität Berlin — Dissertation zu Erbschaftsteuer-Narrativen der Wirtschaftseliten in Deutschland und Mexiko. Mitgründerin der Wissensplattform ungleichheit.info.

Wichtigste Werke: Unverdiente Ungleichheit (Rowohlt, 2025) — NDR Sachbuchpreis nominiert, Platz 1 Sachbuch-Bestsellerliste. Kernkonzepte: Erbengesellschaft, Vermögensungleichheit, Grunderbe, Theaterstück Neoliberalismus


Biografie

Martyna Linartas kommt 1990 in Poznań (Polen) zur Welt. Ihr Vater, Sohn eines Deutschen, sieht in Deutschland bessere Chancen und wandert aus — die Mutter, Physikerin mit Magisterabschluss, folgt ihm mit den Kindern nach. Das erste Jahr verbringt die Familie zu viert in einem Zimmer im Obdachlosenheim in Kiel-Gaarden, einem der härtesten Stadtteile der Stadt. Kein eigenes Bad, keine eigene Küche. Innerhalb weniger Jahre gelingt den Eltern der Aufstieg — ein Reihenhaus, akademische Bildung. Eine Geschichte, die in der deutschen Leistungserzählung als Beweis gilt.

Linartas selbst sieht es anders: Ihr Aufstieg war von Glück geprägt — engagierte Lehrerinnen, Stipendienhinweise eines prägenden Professors, günstiges Timing. Als Achtjährige besucht sie das erste Mal Mexiko: Eingeladen von einer Großtante, die in die mexikanische Elite eingeheiratet hatte. Das Kontrastarrangement — Brennpunkt Kiel und Großbürgertum México-Stadt, Chauffeur und Gated Community — ist für das Kind unbegreiflich und unvergesslich.

Nach dem Abitur Freiwilligenarbeit in Chile, dann Politikwissenschaft und Kunstgeschichte in Kiel, Wechsel nach Berlin für den Master. 2017 Praktikum in der Bundesgeschäftsstelle der Grünen während des Bundestagswahlkampfs. Promotion an der FU Berlin 2023 (summa cum laude) im Exzellenzcluster “Contestations of the Liberal Script” — Betreuer: Marianne Braig und Philipp Lepenies. Thema: Erbschaftsteuer-Narrative der Wirtschaftseliten in Deutschland und Mexiko.

Heute Postdoc an der FU Berlin, Lehrbeauftragte an der HfG Koblenz, Co-Herausgeberin des Wirtschaftsmagazins Surplus, Mitgründerin von ungleichheit.info, Mitglied der Inequality Research Group (Think Tank Forum New Economy).


Bücher & Publikationen

  • Unverdiente Ungleichheit: Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann (Rowohlt, 2025, 320 S.) — genialokal — Platz 1 Sachbuch-Bestsellerliste, nominiert für den NDR Sachbuchpreis 2025
  • Dissertation: Different But Same. The Role of The Inheritance Tax and Narratives of the Economic Elites for Wealth Inequality in OECD States: The Cases of Mexico and Germany (FU Berlin, 2023)
  • Regelmäßige Beiträge im Surplus Magazin: u.a. „Die drei größten Mythen der Wirtschaftselite gegen höhere Steuern”, „Mythen der Erbengesellschaft”, „Grunderbe als Lösungsansatz”

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Kernthesen

  1. Deutschland ist eine Erbengesellschaft — Mehr als 50% aller Privatvermögen stammen heute aus Erbschaft und Schenkung, Tendenz steigend. Bei Milliardenvermögen sind es 80%. Das macht die Behauptung “Leistungsgesellschaft” zur Fiktion.

  2. Vermögensungleichheit ist das Schlüsselproblem — Nicht Einkommensungleichheit, sondern Vermögensungleichheit ist in Deutschland “obszön” (im OECD-Vergleich unter den schlechtesten Demokratien). Wer nur Einkommen diskutiert, verfehlt das eigentliche Problem.

  3. Das Theaterstück Neoliberalismus hat versagt — Die Versprechen von Reagan/Thatcher/Kohl (Wachstum, Arbeitsplätze, Wohlstand für alle) wurden empirisch nicht eingelöst. Der einzige messbare Effekt: wachsende Schere. Trickle-down-Economics ist empirisch widerlegt (Hope/Limburg, 2022).

  4. Ungleichheit bedroht Demokratie und Klima — Konzentration von Vermögen führt zu Interessenrepräsentation der Oberschicht in der Politik (empirisch belegbar), zu sozialer Desintegration und zu überproportionalem ökologischen Fußabdruck der Reichen.

  5. Das Grunderbe als Synthese — Aktiver Vermögensaufbau von unten (Grunderbe ~190.000€ für alle jungen Erwachsenen) kombiniert mit Erbschaftsteuerreform und Vermögenssteuer. Inspiriert von Anthony Atkinson — kein Allheilmittel, aber notwendige Ergänzung zur reinen Umverteilung von oben.


Politische Einordnung

Linartas ordnet sich klar als Demokratin ein — nicht als Parteipolitikerin. Wissenschaftliche Herkunft aus dem Grünen-Umfeld (Praktikum 2017), aber dezidiert überparteilich in der Analyse. Sie kritisiert SPD, CDU und FDP gleichermaßen für das Fehlen ernsthafter Vermögensbesteuerungspolitik. Ihr Anspruch: empirische Evidenz liefern, nicht Links-Rechts-Frames bedienen.


Verbindungen zu anderen Denkern

  • Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer — Mausfeld beschreibt, wie das neoliberale Narrativ der Leistungsgesellschaft als Manipulationsmittel funktioniert; Linartas konkretisiert diesen Mechanismus empirisch, indem sie zeigt, dass Vermögenskonzentration durch die Legitimation der “verdienten Ungleichheit” verschleiert wird. Beide diagnostizieren, wie Bewusstseinskontrolle das tatsächliche Machtsystem schützt.

  • Erich Fromm — Haben oder Sein — Fromm analysiert den “Haben-Modus” als strukturelles Merkmal kapitalistischer Gesellschaften; Linartas zeigt konkret, wie dieser Modus durch Erbschaftssysteme generationell verfestigt wird. Wo Fromm philosophisch von psychischer Entfremdung spricht, macht Linartas die ökonomische Mechanik sichtbar, die diese Entfremdung strukturell erzeugt.

  • Erich Fromm — Die Welt lieben, SRF 1979 — Fromm beschreibt die Internalisierung von Unterwerfung als psychischen Mechanismus; Linartas erklärt das Komplement: Vermögensungleichheit wird nicht nur akzeptiert, sondern als verdient naturalisiert — das System funktioniert, weil die Unterdrückten die “Leistungsgesellschaft”-Erzählung selbst internalisieren.

  • Hannah Arendt — Denken ohne Geländer — Arendt zeigt, dass Gedankenlosigkeit die Bedingung des Bösen ist; Linartas zeigt, dass strukturelle Ungleichheit sich genau dadurch perpetuiert, dass sie als “natürliche Konsequenz von Verdienst” nie eigentlich gedacht wird. Mausfelds Manipulationsmechanismus und Arendts Urteilslosigkeit konvergieren in der Leistungslüge.

  • Hartmut Rosa — Resonanz und Unverfügbarkeit — Rosas Beschleunigungsdiagnose und Linartas’ Erbengesellschaft berühren denselben Krisenpunkt: Die strukturelle Entkopplung von Leistung und Ergebnis macht Resonanz unmöglich — wer nicht erbt, arbeitet im Hamsterrad ohne aufzuholen. Linartas macht sichtbar, was Rosa als Hintergrundstruktur voraussetzt.


Gedankenwelten-Notes