Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Clara Elisabetta Mattei (1988, italienisch-amerikanisch) — Ökonomin, Professorin an der University of Tulsa, Oklahoma. Großnichte der italienischen Partisanin Teresa Mattei, die in den Widerstand gegen die Nazi-Besatzung ging.

Studium der Philosophie in Pavia und Cambridge; Promotion in Ökonomie an der Scuola Superiore Sant’Anna, Pisa (2016). Zuvor ~10 Jahre an der New School for Social Research, NYC.

Hauptwerk: The Capital Order: How Economists Invented Austerity and Paved the Way to Fascism (2022) — dt. Die Ordnung des Kapitals (Brumaire Verlag, 2025) Weiteres Buch: Escape from Capitalism (Simon & Schuster, 2026) Auszeichnungen: Herbert Baxter Adams Prize (2023), FT Best Book Economics 2022 Gründerin: FREE — Forum for Real Economic Emancipation (freefreeforum.org) Kernthemen: Politische Ökonomie, Geschichte des Kapitalismus, Austerität als strukturelles Merkmal, Kontinuität zwischen Liberalismus und Faschismus


Biografie

Clara Mattei wächst zwischen den Welten auf — geboren in den USA, wo ihre Eltern Jura studieren, aufgewachsen zwischen Kalifornien und Italien. In Berkeley erlebt sie als Kind die Klassenrealität der amerikanischen Gesellschaft: Mitschüler aus Oakland, die in der Schule ihre einzige Mahlzeit bekommen; eine Klassenkameradin, die erzählt, dass ihre Familie sich die nötige Herzoperation nicht leisten kann.

In Italien besucht sie das öffentliche Schulsystem, das in den 1990ern noch besser angesehen war als private Schulen. Der Libanonkrieg politisiert sie als Jugendliche — ein Geschichtslehrer gibt ihr Ilan Pappés Buch über die zwei Geschichtserzählungen Israels und Palästinas.

Sie studiert Philosophie in Pavia, verbringt ein Jahr in Cambridge (Trinity College), macht ihren Master in Pavia und promoviert in Ökonomie an der Scuola Superiore Sant’Anna in Pisa (Doppelpromotion mit Strasbourg, 2016). An der New School for Social Research in New York — dem intellektuellen Exil der europäischen Linken — lehrt sie fast zehn Jahre lang Ökonomie. Anwar Shaikh, heterodoxer Ökonom an der New School, war der erste, der ihre Forschung ernst nahm.

2022 wechselt sie bewusst nach Tulsa, Oklahoma — weg vom akademischen Elfenbeinturm, hinein in eine der ungleichsten Städte der USA. Dort gründet sie FREE und organisiert partizipatives Budgetieren mit 400+ Teilnehmern, von denen sich die meisten nicht als „links” bezeichnen. 2025 kündigt sie den Wechsel an das John Jay College of Criminal Justice (CUNY) an — zurück nach New York, aber in ein öffentliches System.

Mattei ist Großnichte von Teresa Mattei (1921–2013), einer der jüngsten Mitglieder der Verfassunggebenden Versammlung Italiens (1946), und von Gianfranco Mattei, der sich in einem Foltergefängnis der Nazi-Besatzung 1944 mit Schnürsenkeln das Leben nahm, um unter Folter keine Kameraden zu verraten.


Bücher & Publikationen

  • The Capital Order: How Economists Invented Austerity and Paved the Way to Fascism (2022) University of Chicago Press · Genialokal → FT Best Book Economics 2022, Herbert Baxter Adams Prize 2023

  • Die Ordnung des Kapitals: Wie Ökonomen die Austerität erfanden und dem Faschismus den Weg bereiteten (2025) Brumaire Verlag · Übers. Thomas Zimmermann · Genialokal

  • L’Economia è Politica (2023) Fuoriscena Edizioni

  • Escape from Capitalism (2026) Simon & Schuster · Genialokal


Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

  1. Austerität ist kein Politikfehler — sie ist der Kern des Kapitalismus. Ohne Austerität kann der Kapitalismus die Klassenverhältnisse nicht stabilisieren. Die „Trinität der Austerität” (fiskalisch, industriell, monetär) sichert Lohnabhängigkeit und private Kapitalakkumulation.

  2. Liberalismus und Faschismus konvergieren ökonomisch. Der einzige Unterschied ist die Methode: Faschisten verbieten Gewerkschaften und foltern; Liberale schaffen unabhängige Zentralbanken und technokratische Institutionen. Das ökonomische Programm — Austerität — ist identisch.

  3. Die neoklassische Ökonomie wurde gezielt als Gegenwaffe konstruiert. Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Arbeitswerttheorie die Arbeiter ermächtigte, erfanden Ökonomen die Grenznutzentheorie, um Klassenkonflikte unsichtbar zu machen und Reichtum als Verdienst des „tugendhaften Sparers” zu legitimieren.

  4. Demokratisierung der Wirtschaft erfordert Rätestrukturen. Inspiriert von den Fabrikräten (Gramsci, 1920) organisiert Mattei partizipatives Budgetieren als konkreten Schritt zur ökonomischen Emanzipation — Reform dient der Revolution (Rosa Luxemburg).

  5. Militärausgaben sind politisch sicherer als Sozialausgaben. Sozialausgaben reduzieren Marktabhängigkeit und ermächtigen Menschen — das ist für den Kapitalismus gefährlicher als Kriege. Deshalb wird die Wirtschaft über Militär statt über Soziales angekurbelt.


Politische Einordnung

Mattei bezeichnet sich als antikapitalistisch — nicht als kommunistisch oder sozialistisch, weil beide Begriffe historisch diskreditiert seien. Sie sieht den historisch realisierten Sozialismus (einschließlich USSR und Berlinguers Italien) als selbst auster: unfähig, die Lohnrelation zu überwinden. Ihre Position ist am ehesten als autonomistisch-marxistisch zu beschreiben — inspiriert von Gramsci, Luxemburg und der Tradition der Arbeiterselbstverwaltung.


Verbindungen zu anderen Denkern

  • Erich Fromm — Fromms „Haben oder Sein”-Kritik beschreibt die psychische Dimension dessen, was Mattei ökonomisch analysiert: der „tugendhafte Sparer” als Idealtypus der Haben-Orientierung
  • Heiner Flassbeck — Flassbeck teilt die Kritik an neoklassischer Ökonomie und Austeritätspolitik, bleibt aber im keynesianischen Rahmen — genau die Position, die Mattei als zu unpolitisch kritisiert
  • Maurice Hoefgen — Höfgens MMT-Perspektive auf Staatsfinanzierung ergänzt Matteis strukturelle Austeritäts-Analyse, geht aber nicht an die Eigentumsfrage

Gedankenwelten-Notes