Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Paul Klee (1879–1940) — deutsch-schweizerischer Maler, Grafiker und Kunsttheoretiker, einer der eigenständigsten Köpfe der klassischen Moderne. Meister am Bauhaus in Weimar und Dessau, später Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie. Klee war nicht nur Bildermacher, sondern Denker der Kunst: Seine Schrift „Schöpferische Konfession” (1920) und die Bauhaus-Vorlesungen begründen eine ganze Philosophie des Sehens und Werdens. 1933 von den Nationalsozialisten entlassen, ins Berner Exil vertrieben, 1937 als „entartet” verfemt — und doch bis zuletzt produktiv, mit einem Spätwerk, das aus Krankheit und Verlust eine karge, zeichenhafte Sprache destillierte.

Biografie

Geboren am 18. Dezember 1879 in Münchenbuchsee bei Bern, wächst Paul Klee in einer musikalischen Familie auf — der Vater Musiklehrer, die Mutter Sängerin. Klee spielt selbst zeitlebens hervorragend Geige, und die Musik bleibt der heimliche Taktgeber seiner Bilder: Rhythmus, Polyphonie, das Werden in der Zeit. Er studiert Malerei in München, reist nach Italien, ringt lange mit der Farbe.

Der Durchbruch kommt 1914 auf der Tunisreise mit August Macke und Louis Moilliet. Vor dem Licht Nordafrikas notiert er den berühmten Satz ins Tagebuch: „Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.” Von hier an ist Klee ganz Kolorist.

1921 beruft ihn Walter Gropius als Meister ans Bauhaus in Weimar, 1926 zieht die Schule nach Dessau um. Ein Jahrzehnt lang unterrichtet Klee Formlehre und Gestaltung — aus den Vorlesungsnotizen entsteht sein theoretisches Hauptwerk, das „Pädagogische Skizzenbuch” (1925) und die posthum edierten Bände „Das bildnerische Denken”. 1931 wechselt er als Professor an die Düsseldorfer Kunstakademie.

Dann der Bruch. 1933 setzen die Nationalsozialisten Klee ab — die Nazi-Presse verhöhnt ihn, sein Atelier wird durchsucht. Klee emigriert Ende 1933 zurück nach Bern. 1935 zeigen sich die ersten Symptome der Sklerodermie, einer unheilbaren Autoimmunerkrankung, die die Haut verhärtet und die Organe angreift (zu Lebzeiten nie sicher diagnostiziert). Sein Körper wird ihm langsam fremd — und sein Spätwerk verändert sich radikal: dicke, schwarze Balken, Engel, Zeichen, eine karge Bildschrift des Abschieds.

1937 beschlagnahmen die Nationalsozialisten 102 seiner Werke aus deutschen Museen; 17 davon hängen in der Femeschau „Entartete Kunst”, die am 19. Juli 1937 in München eröffnet. Klee, der Schweizer Wurzeln hat und in der Schweiz lebt, beantragt die Einbürgerung — doch die Berner Behörden zögern, seine Kunst gilt ihnen als zu revolutionär, gar selbst als „entartet”. Er stirbt am 29. Juni 1940 in einer Klinik in Locarno-Muralto im Tessin, ohne die Schweizer Staatsbürgerschaft je erhalten zu haben. Sein Einbürgerungsgesuch wird sechs Tage nach seinem Tod bewilligt — eine späte, bittere Ironie: Das Land seiner Geburt nahm ihn erst an, als er ihm nichts mehr kosten konnte.

Heute bewahrt das Zentrum Paul Klee in Bern, ein Wellenbau von Renzo Piano, rund 4.000 seiner Werke — die weltweit größte Sammlung.

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Schöpferische Konfession1920Klees künstlerisches Manifest — Ursprung des Satzes „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar”. Der Punkt, der zur Linie wird: Bewegung als Grund allen Werdens.
Pädagogisches Skizzenbuch1925Bauhaus-Lehrbuch (Band 2 der Bauhausbücher) — anschauliche Formlehre von Punkt, Linie, Fläche und Bewegung.
Tagebücher 1898–1918ed. postumDie frühen Aufzeichnungen — Werdegang, Tunisreise, das Ringen um die Farbe. Ein Schlüsseldokument der Moderne.
Das bildnerische Denkened. 1956Die gesammelten Bauhaus-Vorlesungen zur Form- und Gestaltungslehre — Klees theoretisches Hauptwerk, herausgegeben von Jürg Spiller.
Unendliche Naturgeschichteed. 1970Zweiter Band des bildnerischen Denkens — Natur, Wachstum und Struktur als Bildgesetze.

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Kernthesen

  • „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.” Der wohl berühmteste Satz der Moderne. Malerei kopiert nicht die Welt, sie bringt das Verborgene, das Werdende, das noch nicht Erschienene zur Erscheinung.
  • Bewegung ist der Grund allen Werdens. Für Klee beginnt das Bild mit dem Punkt, der sich in Bewegung setzt und zur Linie wird — „ein Punkt, der spazieren geht”. Kunst ist kein Zustand, sondern ein Prozess, ein Wachsen wie in der Natur.
  • Das Werk als Gleichnis der Schöpfung. Der Künstler steht zur Natur nicht als Nachahmer, sondern als Schöpfer neben ihr — er arbeitet nach denselben bildnerischen Gesetzen, nach denen die Natur selbst gestaltet. Genesis, nicht Kopie.
  • Das Kindliche und „Primitive” als Erkenntnisweg. Klee sucht bewusst die Unmittelbarkeit der Kinderzeichnung, der Kritzelei, der frühen Kulturen — nicht aus Naivität, sondern weil dort die Form noch ursprünglich, ungezähmt und wahr ist.
  • Polyphonie des Bildes. Aus der Musik übernimmt Klee das Denken in Stimmen — Farbflächen, Linien und Rhythmen, die gleichzeitig und gegeneinander klingen wie in einer Fuge.

Politische Einordnung

Klee war kein politischer Künstler im engeren Sinn — kein Agitator, kein Programmatiker. Seine Kunst zielte nach innen, auf Schöpfung und Form, nicht auf Tagespolitik. Und doch machte ihn genau diese Freiheit zur Zielscheibe: Das NS-Regime sah in seiner abstrakten, kindlich-verspielten, tief individuellen Bildsprache das Gegenteil seiner Blut-und-Boden-Ästhetik. Klee wurde Opfer, nicht Akteur der Kulturpolitik — entlassen, verfemt, ins Exil getrieben.

Die faire Doppelseite: Die Verfolgung hat sein Werk nicht gebrochen, sondern verdichtet. Das Berner Spätwerk, entstanden unter Krankheit und politischer Ächtung, gehört zum Eindringlichsten, was Klee schuf. Zugleich sollte man die Schweiz nicht vorschnell zum sicheren Hafen verklären — auch das Land seiner Geburt begegnete seiner Kunst mit Misstrauen und verweigerte ihm bis über den Tod hinaus die Einbürgerung. Verfemung kam von rechts außen wie aus der bürgerlichen Mitte.

Verbindungen zu anderen Denkern

  • Edgar Morin — Klees Formel vom Bösen als „mitschaffender Kraft“ nimmt Morins principe dialogique vorweg: zwei gegensätzliche Logiken, die einander brauchen statt sich aufzuheben.
  • Hartmut Rosa — „Feuerbachs Stuhl“ ist Resonanz im Kleinen: die antwortende, unverfügbare Begegnung gegen die Beschleunigung — ein Kunstdenker und ein Soziologe mit demselben Widerstand gegen den flüchtigen Blick.
  • Robert Musil — Zeitgenossen der klassischen Moderne, beide über den Primärtext erschlossen: dasselbe Ringen um das Böse als Teil des Ganzen, einmal als Malerei-Metaphysik, einmal als Romanpsychologie.
  • Götz Aly — Die zwei Millionen Besucher der Schandausstellung sind Alys Thema: die aktive Zustimmung des Volks. Klees Biografie liefert das ästhetische Kapitel zum „Teufelspakt“.
  • Michel Foucault — Produktiver Gegenpol: Klee feiert das Sichtbarmachen als Erkenntnis, Foucault entlarvt Sichtbarkeit als Machttechnik. Die Ausstellung von 1937 war beides zugleich.

Cortex-Notes