Gedankenraum
DenkerVita·8. Oktober 2026

Roger de Weck — DenkerVita

Konservativ ist demokratisch, reaktionär nicht: Roger de Weck, einst Chef der Zeit und der SRG, verteidigt die Langeweile, die Demokratie und die Konservativen vor sich selbst.

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Félix Vallotton — Holzschnitt; Schweizer, französischsprachig, Zeitungsillustrator wie de Weck ein Grenzgänger zwischen den Sprachen. Auf einer Brücke über die Schlucht zwischen zwei Städten (Fribourg, der Röstigraben) hält eine dunkle Gestalt zwei aufgeschlagene Zeitungen, darunter spielen zwei Kinder Memory.

Prompt: Hand-carved woodblock print in the manner of Félix Vallotton, 1890s, 1200x500 wide banner, printed in deep black ink on cream paper with the grain of the woodblock and rough gouge marks visible, large solid black masses and very few white lines. A night scene: an old stone arched bridge crosses a deep dark river gorge between two old towns on facing cliffs. On the bridge a single tall figure in a long black overcoat, almost a silhouette, holds a large pale newspaper open in each outstretched hand. Below him on the pale stones two small children, black silhouettes, kneel over a neat grid of white square cards. One lit window on each side of the gorge. Minimal, ironic, quiet, no faces visible, no text, no letters, no signature, no monogram, no initials, no cartoon style, no photorealism.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Roger de Weck (*1953 in Freiburg im Üechtland), Schweizer Publizist und Ökonom, zweisprachig, französischer Muttersprache. Chefredakteur des Tages-Anzeigers (1992–1997) und der Zeit (1997–2001), Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG (2011–2017), lange Moderator der Sternstunde Philosophie. Lehrbeauftragter am College of Europe, Stiftungsrat des Aachener Karlspreises. Lebt in Zürich und Bern.

Wichtigste Werke: Nach der Krise. Gibt es einen anderen Kapitalismus? (2009), Die Kraft der Demokratie (2020), Das Prinzip Trotzdem (2024), Glanz und Elend der Konservativen (2026) Kernkonzepte: konservativ gegen reaktionär, Lob der Langeweile, Aufregung gegen Aufmerksamkeit, Kumulierung der Kontrollverluste, Demokratie auf der Höhe des digitalen und ökologischen Zeitalters


Biografie

Freiburg und St. Gallen (1953–1976): De Weck wird als viertes von sieben Kindern des Bankiers Philippe de Weck und seiner Frau Alix, geborene de Saussure, in Freiburg im Üechtland geboren, an der Sprachgrenze. Er studiert Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Wirtschaftsgeschichte an der Universität St. Gallen.

Wirtschaftsjournalist (1976–1992): Er beginnt als Wirtschaftsredaktor und Zürcher Korrespondent der Tribune de Genève. 1977 veröffentlicht er mit Max Mabillard den Bestseller Scandale au Crédit Suisse über den Chiasso-Skandal der Kreditanstalt. 1979 geht er zur Weltwoche, 1983 zur Zeit nach Hamburg, als politischer Redaktor, Pariser Korrespondent, Reporter und schließlich Leiter des Wirtschaftsressorts. Weil er zweisprachig ist, wird er über die Jahre zum Spezialisten für die deutsch-französischen Beziehungen.

Zwei Chefredaktionen (1992–2001): 1992 übernimmt er die Chefredaktion des Tages-Anzeigers in Zürich, 1997 die der Zeit. Danach arbeitet er bis 2010 als freier Publizist in Deutschland, Frankreich und der Schweiz und moderiert regelmäßig die Sternstunde Philosophie im Schweizer Fernsehen. Von 2004 bis 2010 präsidiert er den Stiftungsrat des Genfer Graduate Institute; die Universitäten Luzern und Freiburg machen ihn zum Ehrendoktor.

Generaldirektor der SRG (2011–2017): Als Chef des öffentlichen Rundfunks der Schweiz wird er, wie er sagt, für drei Jahre unfreiwillig zum Politiker: Gegen die No-Billag-Initiative, die den gebührenfinanzierten Rundfunk abschaffen wollte, zieht er durch Verbände und Versammlungen. 2018 lehnen die Stimmberechtigten die Initiative mit über siebzig Prozent ab. Später, sagt er, scheiterte auch eine Halbierungsinitiative.

Bücher über Demokratie und Medien (seit 2009): Nach der Finanzkrise fragt er in Nach der Krise, ob es einen anderen Kapitalismus gibt. Die Kraft der Demokratie (Suhrkamp 2020) antwortet auf die autoritären Reaktionäre und erhält den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch. In Das Prinzip Trotzdem (2024) will er den Journalismus vor den Medien retten. 2021 tritt er in den Vorstand von SOS Méditerranée Schweiz ein, 2022/23 sitzt er kurz im Vorstand der Genossenschaft hinter dem Magazin Republik.

Glanz und Elend der Konservativen (2026): Im Herbst 2026 erscheint bei Suhrkamp sein Plädoyer, dass die Konservativen konservativ und damit demokratisch bleiben. Im August stellt er es auf der Utopie-Konferenz „Großzügigkeit, eine Utopie?“ der Leuphana Universität Lüneburg im Gespräch mit Wolfgang M. Schmitt vor. Seine Selbstbeschreibung leiht er sich bei Joachim Gauck: „ein linker liberaler Konservativer“. De Weck ist verheiratet und hat vier Kinder, darunter den Politologen Joseph de Weck und die Schauspielerin und Autorin Laura de Weck.


Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Glanz und Elend der Konservativen2026Konservative sind zugleich Stützen und Gefährder der Demokratie. Plädoyer, den Kulturkampf gegen „Wokeness“ aufzugeben und sich auf Europa und das Bewahren der Lebenswelt zu besinnen. Suhrkamp.
Das Prinzip Trotzdem. Warum wir den Journalismus vor den Medien retten müssen2024Plattformen, Aufregungsökonomie und der Rückzug des Publikums: wie Journalismus seine demokratische Aufgabe behalten kann. edition suhrkamp.
Die Kraft der Demokratie. Eine Antwort auf die autoritären Reaktionäre2020Wie sich die liberale Demokratie gegen ihre Verächter wehren und zugleich erneuern kann. Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch. Suhrkamp.
Sind die Schweizer die besseren Deutschen?2010Mit Jürg Altwegg: der Hass auf die kleinen Unterschiede. Nagel & Kimche.
Nach der Krise. Gibt es einen anderen Kapitalismus?2009Antwort auf die Finanzkrise: Eigentum verpflichtet, auch die Banken. Nagel & Kimche.
Kuhschweizer und Sauschwaben2003Mit Jürg Altwegg herausgegeben: Schweizer, Deutsche und ihre Hassliebe. Nagel & Kimche.
Der Fall Chiasso1977Mit Max Mabillard: der Finanzskandal bei der Kreditanstalt, auf Französisch ein Bestseller. Tribune.

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Kernthesen

  1. Konservativ ist demokratisch, reaktionär ist antidemokratisch. Das ist die kürzeste Fassung seines Buches. In Krisenzeiten kippten Konservative immer wieder ins Reaktionäre: Liberalkonservative trugen Mussolini an die Macht und ermächtigten 1933 Hitler. Heute rutschen viele in den USA und in der Schweiz erneut.
  2. Das doppelte Erbe Edmund Burkes. Burke lehnte die Demokratie ab und begründete zugleich die Politik der kleinen, korrigierbaren Schritte, Poppers „Stückwerkarbeit“. Die heutigen Konservativen haben die eine Hälfte übernommen und sind demokratisch geworden. Die Reaktionäre wollen die Revolution, die Burke hasste: Orbáns Umbau, MAGA.
  3. Konservative verteidigen, was sie bekämpft haben. Erst gegen die Demokratie, dann für sie; erst gegen die Industrialisierung, dann in Angst vor der Deindustrialisierung. Wenn die Lage reif ist, werden sie zu Aufräumern: de Gaulle entließ Algerien in die Unabhängigkeit, Nixon normalisierte die Beziehungen zu China, Begin schloss Frieden mit Ägypten.
  4. Wer die Reaktionäre kopiert, verliert. Les Républicains, die Tories unter Johnson, die ÖVP unter Kurz: Wo Konservative den Rechtspopulisten nacheiferten, schrumpften sie. Einzig Henri Bontenbal in den Niederlanden verweigerte sich und vervielfachte mit einem Wahlkampf der Mitte und der Menschenwürde den Anteil seiner CDA.
  5. Gegen den „Deliverism“. Eine Regierung, die nur Ergebnisse liefert, gewinnt die Leute nicht zurück. Die AfD biete keine Lösungen, aber Gemeinschaftsgefühl; demokratische Parteien müssten gemeinsame Werte und Haltungen vermitteln, ohne populistische Mittel. Die SPD habe die kleinen Leute mit den Hartz-Reformen verloren, lange vor jeder Debatte über „Wokismus“.
  6. Die Kumulierung der Kontrollverluste. Das Ende der männlichen Vorherrschaft, das Ende der Weltgeltung des Westens seit 1492, eine Erde, die sich in Hitzesommern zurückmeldet, eine Technik, die die Kontrolle übernimmt, eine Erinnerung, die den Kolonialismus einschließt: Viele erleben das als Demütigung, und diese Summe ist der Treibstoff der Rechtspopulisten.
  7. Aufregung ist das Gegenteil von Aufmerksamkeit. „Ich liebe die Langeweile.“ Journalismus mache einen strategischen Fehler, wenn er die sozialen Medien imitiert, statt sich von ihnen abzusetzen. Seine Zukunft sieht er bei vielen kleinen Publika, die zusammen ein großes ergeben, und bei Kommentaren, denen man zwei Wochen Arbeit anmerkt.
  8. Die Brandmauer hält aus gutem Grund. Niemand habe plausibel erklärt, wie ihr Fall die AfD schwächen soll. Die SVP regiere seit Jahrzehnten mit und radikalisiere sich weiter; die Einbindung von Reaktionären mäßige sie nicht. Ein Deutschland, das zwischen West- und Ostbindung flottiert, wäre für Europa der gefährlichste Kulturkampf.
  9. Demokratie auf die Höhe der Zeit bringen. Wer den Bürgern mehr Verantwortung gibt, bekommt verantwortungsbewusstere Bürger: Volksbegehren von unten sind für ihn eine Lernkurve, die auch fallen kann; das erste Schweizer Volksbegehren 1893 war antisemitisch. Bürgerräte nennt er eine laue, aber wichtige Form.
  10. Bewahren müsste urkonservativ sein. Die Ökologie stamme aus konservativen Reihen, von Herbert Gruhl bis Winfried Kretschmann. Dass die Konservativen sie den Grünen überlassen haben, hält er für ihr großes Versagen.

Politische Einordnung

De Weck steht im liberalen Zentrum mit linker Neigung und einer erklärten Zuneigung zu demokratischen Konservativen. Er ist Europäer, Verfechter des öffentlich finanzierten Rundfunks und der direkten Demokratie, ohne Schweizer Nationalist zu sein: Er erinnert daran, wie die Schweiz ihren Umgang mit Jüdinnen und Juden, Homosexuellen, Sinti und Roma in der NS-Zeit verdrängt. Die Kulturkämpfe gegen „Gutmenschen“ und „Wokismus“ hält er für lächerlich und schädlich.

Kritik und Grenzen: Er rechnet selbst mit Schimpf von beiden Seiten, von links, er sei zu gnädig mit den Konservativen, von rechts, er sei gemein. Seine Beispiele konservativer Modernisierer sind auswählend: Eine Frage aus dem Publikum hielt ihm in Lüneburg entgegen, dass Algeriens Unabhängigkeit erst nach einem langen, blutigen Krieg kam. De Weck räumte ein, Konservative hätten oft Richtiges aus schlechten Gründen getan und brauchten immer den Druck von links. Seine historische Erklärung des ostdeutschen Wahlverhaltens, Ostdeutschland sei „immer etwas anderes“ gewesen, stützt sich auf James Hawes' populärgeschichtliche Die kürzeste Geschichte Deutschlands: eine Deutung über Jahrhunderte, vom Limes bis zu den Wahlen von 1932, die im Gespräch eine These bleibt.


Verbindungen zu anderen Denkern

→ Wolfgang M. Schmitt

Sein Gesprächspartner in Lüneburg, der ihn als „liberale Stimme“ einlud und ihn dann bat, sich zu bekennen, weil die einen ihn für einen Linken, die anderen für einen Pragmatiker hielten. Schmitt fragte nach den Widersprüchen der Konservativen, etwa beim Eigentum an Häusern und dem Schweigen beim Eigentum an Daten. De Weck antwortete, der Konservatismus lebe vom Widerspruch, „inkohärent, aber konsequent inkohärent“.

→ Angela Merkel

Für de Weck der Inbegriff einer aufgeklärten Konservativen, die trotzdem gegen die Ehe für alle stimmte und sich dabei auf ihr Bauchgefühl berief. Unter ihr wuchs der Anteil der Wählerinnen der Union. Schmitt hielt ihm ihre asymmetrische Demobilisierung entgegen, eine Politik ohne Vision; de Weck verteidigte sie mit der Nuance des Gender Gap.

→ Bernhard Pörksen

Beide beschreiben eine Öffentlichkeit im Erregungszustand: Pörksen als große Gereiztheit, de Weck als Aufregungsbewirtschaftung, die Aufmerksamkeit zerstört. Pörksen setzt das Zuhören dagegen, de Weck die Langeweile und den Journalismus, der sich Zeit nimmt.

→ Ulf Poschardt

Der Gegenpol im bürgerlichen Lager. Poschardt führt als Herausgeber der Welt den Kulturkampf gegen ein linksliberales Milieu, den de Weck für eine Ablenkung hält, mit der Konservative sich selbst schaden. Wer verstehen will, worum es in Glanz und Elend der Konservativen geht, kann beide nebeneinanderlegen.


Cortex-Notes

Im Bestand

Roger de WeckWas ist konservativ, was…Wolfgang M. SchmittDenkerVitaAngela MerkelDenkerVitaBernhard PörksenDenkerVitaUlf PoschardtDenkerVitaJuli ZehDenkerVita

sechs gedachte Verweise

verlinktdieselbe Quelle, nie verlinkt
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