0:00
1:29
Gedankenraum
Zeitgeist·08.10.2026·1:29 h·108 Belegstellen

Roger de Weck — Was ist konservativ, was reaktionär?

Konservativ ist demokratisch, reaktionär ist es nicht: Roger de Weck zieht eine Grenze mitten durch das rechte Lager und fragt, warum Konservative in Krisen so oft hinüberkippen.

🎨

Künstlerhand: Vilhelm Hammershøi — Öl auf Leinwand, stille Kopenhagener Interieurs in Perlgrau und Knochenweiß, eine Figur mit dem Rücken zum Betrachter.

Warum: De Weck liebt die Langeweile, und niemand hat sie würdevoller gemalt als Hammershøi: leere Zimmer, offene Türen, ein Mensch, der einer kleinen Sache nachgeht. Hier kniet einer auf dem Dielenboden und setzt ein einziges neues Brett zwischen die alten, Burkes Reform der kleinen Schritte, bei der das Haus bewohnt bleibt. Links steht die dicke weiße Wand, durch die offene Tür sieht man über den Dächern ein Feuer. Der Mann schaut nicht hin. Ob das Gelassenheit ist oder Leichtsinn, lässt das Bild offen, und das Gespräch auch.

Prompt: Vilhelm Hammershøi oil painting, 1200x500 wide banner, a quiet grey Copenhagen interior seen in calm daylight, tall white panelled doors standing open in a long enfilade of empty rooms. In the foreground a man in a dark coat, seen only from behind, kneels on the bare wooden floor and carefully fits one single new pale floorboard into a row of old worn grey boards; a few simple tools lie neatly beside him. On the left a thick whitewashed brick wall with an old iron stove. On the right a tall window with thin muntins: far away over the grey rooftops a small orange glow of fire and a thin column of smoke rise into a pale sky. Muted palette of pearl grey, bone white, soft ochre and one small accent of orange, thin dry brushwork, matte surface, stillness, no faces, no text, no letters, no signature, no monogram, no photorealism.

Worum es geht

Konservativ ist demokratisch, reaktionär ist es nicht: Mit diesem Satz zieht der Schweizer Publizist Roger de Weck eine Grenze mitten durch das rechte Lager, und sein Buch Glanz und Elend der Konservativen ist ein Plädoyer, dass die Konservativen auf der richtigen Seite davon bleiben. In Lüneburg fragt ihn Wolfgang M. Schmitt aus, warum sie in Krisen so oft hinüberkippen. De Weck findet die Antwort in Edmund Burkes doppeltem Erbe, in einer Häufung von Kontrollverlusten, die viele als Demütigung erleben, und in einer Mediensucht nach Aufregung, gegen die er ein Lob der Langeweile hält. Am schärfsten wird er bei der Brandmauer und bei der Westbindung. Seine Definition bleibt dabei eine Setzung, und wer sie vornimmt, entscheidet mit, wer noch als konservativ gelten darf.

Quelle: Roger de Weck & Wolfgang M. Schmitt: Freiheit zurückholen? — Gespräch auf der Utopie-Konferenz 2026 „Großzügigkeit, eine Utopie?“, Leuphana Universität Lüneburg (26.–28.08.2026), Moderation Wolfgang M. Schmitt, 89 Min., veröffentlicht am 11.09.2026

Wer spricht?

Roger de Weck (1953) — Schweizer Publizist und Ökonom, französischer Muttersprache und im Deutschen zu Hause. Chefredakteur des Tages-Anzeigers, dann von 1997 bis 2001 der Zeit, von 2011 bis 2017 Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG. In dieser Zeit führte er drei Jahre lang den Abstimmungskampf gegen die No-Billag-Initiative, die den öffentlichen Rundfunk abschaffen wollte. Bücher u. a. Die Kraft der Demokratie (2020), Das Prinzip Trotzdem (2024) über den Journalismus und Glanz und Elend der Konservativen (edition suhrkamp, 2026). Er nennt sich selbst, mit Joachim Gauck, einen „linken liberalen Konservativen“.

→ DenkerVita

Wolfgang M. Schmitt (1988) — Film- und Kulturkritiker, marxistischer Ideologiekritiker, Co-Host der Neuen Zwanziger und einer der Gastgeber der Utopie-Konferenz. Er hat de Weck eingeladen und fragt ihn aus, an zwei Stellen hart. Eine Fußnote, die an diesem Abend Gewicht bekommt: Schmitt hat einmal eine Dissertation über Ernst Jüngers Spätwerk begonnen.

→ DenkerVita


Eine Grenze mitten durch das rechte Lager

0:49 — Schmitt will zuerst ein Bekenntnis. Eine Schweizerin habe ihm gesagt, de Weck sei eigentlich ein Linker, eine andere, er sei Pragmatiker. De Weck leiht sich die Antwort bei Joachim Gauck: ein linker liberaler Konservativer. Der Saal lacht. Die Antwort ist klüger, als sie klingt, denn wer in drei Lagern auf einmal steht, kann über eines davon ein Buch schreiben, ohne zu ihm zu gehören.

2:19 — Dann folgt die Unterscheidung, auf der das Buch ruht:

„Konservativ ist demokratisch, reaktionär ist antidemokratisch und antiaufklärerisch.“

Im Gespräch — 2:19

Das Plädoyer gilt der Kante dieses Satzes. Konservative sind in ihrer Geschichte, zumal in Krisen, immer wieder ins Reaktionäre gekippt, und zwar ein Großteil von ihnen. 3:06 Liberalkonservative haben Mussolini an die Macht getragen, Liberalkonservative haben 1933 Hitler ermächtigt, und heute sieht de Weck dieselbe Rutschbewegung in den USA und in seiner eigenen Schweiz. Trotzdem setzt er seine Hoffnung auf die, die demokratisch bleiben. 3:51 In Ungarn und Polen haben Erzkonservative die Reaktionäre abgelöst, und mit MAGA aufräumen könnte am ehesten ein konservativer Demokrat.

Es folgt eine Ahnengalerie konservativer Neuerer. Konservative haben die soziale Marktwirtschaft erfunden und die Bundesrepublik errichtet. 4:37 Der erzkonservative Nationalist de Gaulle stellte sich gegen die Nazis und entließ später Algerien in die Unabhängigkeit, teils gegen den Widerstand der Linken. Richard Nixon, „korrupt bis in die Knochen“, beendete den Vietnamkrieg und normalisierte die Beziehungen zu China. Der Falke Menachem Begin schloss Frieden mit Ägypten. 5:23 Und Friedrich Merz hat die Schuldenbremse ausgehebelt, „zum Glück“.

Die Definition ist elegant, weil sie die Grenze nicht an Positionen zieht, die sich verschieben, sondern am Verhältnis zur Demokratie. So lässt sich die CDU von der AfD trennen, ohne Migrationspapiere nebeneinanderzulegen. Sie ist aber auch eine Setzung. Wer die Demokratie verlässt, ist bei de Weck kein Konservativer mehr, gleich was er bewahren will, und damit kann keine Geschichte konservativen Versagens die Definition je widerlegen. Die Reaktionäre selbst nennen sich ja konservativ, und ein großer Teil der amerikanischen Öffentlichkeit nennt sie so. Wer entscheidet, wem das Wort gehört? De Weck beantwortet die Frage, indem er sie stellt. Das ist sein gutes Recht als Autor eines Plädoyers. Man sollte den Satz nur auch so lesen.

Burkes doppeltes Erbe

6:11 — Schmitt erinnert an Lampedusas Leopard: Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist. De Weck dreht den Satz um und macht daraus ein Gesetz der Geschichte:

„Die Konservativen verteidigen immer das, was sie bekämpft haben.“

Im Gespräch — 6:11

Vielleicht, sagt er, sei das gar keine politische Haltung, eher eine anthropologische. 6:58 Golo Mann, von der liberalkonservativen Zeitschrift Der Monat um eine Definition gebeten, verweigerte sie und beschrieb stattdessen konservative Charaktere. Der Konservatismus habe einen Stallgeruch. 7:44 Er sei ein Stamm, eine Großfamilie, in die man hineingeboren wird; Linke, die spät konservativ wurden, wie Rüdiger Safranski, gehörten nie richtig dazu. Nach außen übt der Stamm unbedingte Solidarität, nach innen bekämpft man sich heftig.

8:29 — Die Wurzel der Zweideutigkeit liegt für de Weck bei Edmund Burke und seinen Betrachtungen über die Französische Revolution von 1790. Burke war Reaktionär, weil er die Demokratie ablehnte. Und er begründete das Konservative, indem er der Revolution das britische Modell entgegenhielt: erst die Magna Carta, dann das Parlament mit Ober- und Unterhaus, das Kabinett, eine Monarchie, die über Jahrhunderte auf recht friedliche Weise eingegrenzt wurde. 9:17 Die heutigen Konservativen haben die eine Hälfte dieses Erbes übernommen: Reformen in kleinen Schritten, Politik als Stückwerk im Sinne Karl Poppers, jeder Schritt korrigierbar, und dazu sind sie durch und durch demokratisch geworden.

„Und die Reaktionäre wollen im Grunde genommen die Revolution heute.“10:02

Hören — 10:02

MAGA, Orbáns Gegenrevolution: der Umbruch, den Burke zutiefst hasste. Beide Lager zehren von derselben Wurzel, und darum kippt man so leicht hinüber. 10:48 Schmitt findet das Beispiel vor der Haustür. Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, verspricht: Alles ist möglich. Ein Konservativer würde das nie sagen, er wäre ein heilsamer Fortschrittsbremser, oft allerdings spät dran.

11:35 — Wie viel Bauch in diesem Temperament steckt, zeigt de Weck an Angela Merkel, für ihn „der Inbegriff einer aufgeklärten Konservativen“. Bei der Abstimmung über die Ehe für alle stimmte sie dagegen und berief sich auf ihr Bauchgefühl. Er spricht im Buch von einem Bauchgefühlskonservatismus, der Bauch sei oft stärker als der Kopf, auch bei ihm selbst. 12:20 Sein Vorbild ist Richard von Weizsäcker, der 1976 in der Süddeutschen Zeitung den Progressiven riet, sich punktuell mit den Konservativen zu verbünden, statt ihre Neuerungen gegen sie durchzusetzen; so nehme man die Mehrheit mit. 13:52 Und dann das Bild vom Kind: Das Baby hasst den Umzug in eine fremde Stadt und die Trennung der Eltern, es will, dass alles bleibt. Dasselbe Kind lernt sprechen, gehen, Fahrrad fahren, unersättlich. Seine Enkel schlagen ihn beim Memory.

Burkes Unterscheidung ist der stärkste Gedanke des Abends, weil sie der Setzung aus dem ersten Abschnitt ein Kriterium gibt, das man prüfen kann: Tempo und Umkehrbarkeit. Wer alles auf einmal umstürzen will, ist kein Konservativer, auf welche Tradition er sich auch beruft. Und Merkels Fall zeigt die Definition in ihrer genauesten Form. Ihr Bauch stimmte dagegen, aber sie gab die Abstimmung frei, und das Gesetz kam. Demokratisch heißt hier: sich überstimmen lassen.

Weitergedacht

Wenn Konservative von Burke die kleinen, korrigierbaren Schritte geerbt haben, was tun sie bei einem Problem, für das kleine Schritte zu spät kommen? De Weck nennt die Ökologie selbst das wichtigste Problem überhaupt. Kann man ein brennendes Haus Brett für Brett renovieren?

Aufregung ist das Gegenteil von Aufmerksamkeit

14:37 — Schmitt bohrt an der schwachen Stelle des Temperaments. Wer bremst und bewahrt, wie Odo Marquard es empfahl, wirkt bald langweilig, auch auf sich selbst, und flirtet dann mit Kräften, die mehr Feuerwerk versprechen. 15:23 Sein Beispiel ist Ernst Jünger, den er aus eigener Forschung kennt: In Stahlgewittern, die Konservative Revolution, der Umsturz statt des Bewahrens. 16:09 Jünger blieb im Dritten Reich in Deutschland, paktierte nicht richtig mit den Nazis, verachtete aber die Demokratie, und auf einen Satz aus den Zwanzigern, der ihm zugeschrieben wird, er hasse die Demokratie wie die Pest (→ Faktencheck), habe er in den Siebzigern gesagt, er habe nichts hinzuzufügen. Trotzdem suchten Konservative bis hin zu Kanzler Kohl seine Nähe. Schmitt liest darin eine konservative Lust an der Gefahr, aus Überdruss an der eigenen Langeweile.

16:55 — De Weck antwortet mit einer Liebeserklärung: Ich liebe die Langeweile. Er kann die Nicht-Langeweile, die von Donald Trump ausgeht, nicht mehr ausstehen. Ein Chefredakteur von Le Monde habe seinen Journalisten einst aufgetragen, langweilig zu schreiben, gegen die Aufregungsökonomie, die wir heute haben:

„Und viele jetzt heute denken, Aufregung sei Aufmerksamkeit, und Aufregung ist das Gegenteil von Aufmerksamkeit.“17:41

Im Gespräch — 17:41

Wer aufgeregt ist, liest nichts konzentriert und hört den Podcast nur nebenbei. 18:27 Viele Konservative, so de Weck, wollten der Langeweile entkommen, spitzten zu und ahmten den Populismus der Reaktionäre nach, und das bekomme ihnen schlecht. 19:12 Populistisch könne nur sein, wer in Problembewirtschaftung denkt und nicht in Problemlösung. Das genauere Wort für diese Leute sei ohnehin rechtsautoritär.

19:57 — Dann entwirft er, ausdrücklich „allzu schematisch“, eine Zeittafel: die Kalte-Kriegs-Mentalität etwa fünfzig Jahre, 68 etwa vierzig, der Neoliberalismus von Thatcher bis zur Finanzkrise dreißig. Die nachhaltigste Tendenz der Gegenwart sei die Ökologie, das wichtigste Problem überhaupt, und gerade darum nicht aufregend; man brauche einen Sinn für Langeweile, um wichtige Probleme zu erkennen. 20:42 Den Rechtsautoritären gibt er vielleicht zwanzig Jahre, denn wer keine Probleme löst, scheitert, wie Orbán nach sechzehn Jahren. 21:29 „Ich bin jetzt 73. Ich möchte es erleben, wie sie einkrachen.“ Applaus.

22:15 — Schmitt fragt nach dem Journalismus, der in dieser Taktung mitläuft, nach der dritten Podcast-Sondersendung am Tag und nach Häusern wie NIUS, die noch schriller sind als die Bild. 23:02 De Weck hält dagegen, dass langweilige Blätter oft erfolgreich sind, seine frühere Zeit etwa oder die New York Times. 24:34 Der große Fehler vieler Redaktionen sei, die sozialen Medien zu imitieren, statt sich von ihnen abzusetzen; die schnelle pointierte Meinung gebe es dort zu 99 Prozent. Einem großen Hamburger Medium habe er gesagt, ihn interessierten ihre Kommentare nicht, er wolle Kommentare, „wo man bei der Lektüre spürt, dass da zwei Wochen dran gearbeitet worden ist“. 25:19 Die gedruckte Zeitung war ein kuratiertes Ganzes aus vielen kleinen Publika, die eine liest den Wirtschaftsteil, der andere die Opernkritik. Online jagten die Medien Blockbuster und vergaßen, dass on demand gerade die vielen kleinen Publika erlaubt. 26:51 Das Feuilleton werde wenig gelesen und habe die treuesten Leser; wer es vernachlässigt, schieße sich kommerziell ins Bein.

Sein Satz über Aufregung und Aufmerksamkeit trifft sich mit dem, was am selben Wochenende in Lüneburg über Simone Weil gesagt wurde: Aufmerksamkeit ist eine Anstrengung, das eigene Denken auszusetzen, und Aufregung ist das eigene Denken auf voller Lautstärke. Die Zeittafel dagegen ist ein Bekenntnis zur Hoffnung, und de Weck sagt das selbst. Mit ihr legt er außerdem einen Satz ab, der ihm im nächsten Abschnitt in die Quere kommt: Wer keine Probleme löst, scheitert.

Gegen den Deliverism

27:36 — Von den treuen Lesern kommt Schmitt zu den treuen Wählern. Im Januar 2025, vor seiner Wahl, brachte Friedrich Merz einen Antrag zur Migration in den Bundestag, der mit den Stimmen der AfD eine Mehrheit fand. Viele in der CDU schämten sich, und die Linke bekam mit Heidi Reichinneks Rede einen Schub. 28:21 Empfohlen war ein Wahlkampf über die Wirtschaft, gemacht wurde ein lauter über Migration. Warum?

29:07 — Fast alle konservativen und christdemokratischen Parteien tun das, sagt de Weck, obwohl es eine Erfahrungstatsache und wissenschaftlich belegt sei, dass Konservative, die Reaktionäre imitieren, verlieren. Die Républicains in Frankreich sind praktisch nichts mehr, Boris Johnson hat die Tories ruiniert, 29:53 und die ÖVP ist seit Sebastian Kurz nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie tun es unter dem Druck von Wählern, die das Gefühl haben, Migration gefährde ihre herkömmliche Welt, und sie hoffen, sich mit der Lösung dieses Problems zu stabilisieren, „wenn es denn überhaupt wirklich ein Problem ist, ich sehe das anders“. Das Gegenteil trete jedes Mal ein. 30:38 Die einzige Ausnahme sei Henri Bontenbal in den Niederlanden: ein Erzkonservativer, der mit seiner Familie täglich die Bibel liest, an der Spitze des Christen-Democratisch Appèl, der früher den Ministerpräsidenten stellte und durch das Kopieren von Geert Wilders auf ein paar Prozent geschrumpft war. 31:26 Bontenbal machte einen Wahlkampf von Maß und Mitte und der Menschenwürde und vervielfachte den Stimmenanteil seiner Partei. De Weck schränkt selbst ein: ein fragiles Ergebnis in einer volatilen Parteienlandschaft.

32:14 — Dann die Wendung, die über die Kopierfrage hinausgeht. De Weck wendet sich gegen den Deliverism, einen Begriff aus der amerikanischen Debatte: die Vorstellung, eine Regierung sei dazu da, Ergebnisse zu liefern, und wenn die gut sind, sei alles gut. Ergebnisse müsse es geben, aber das reiche bei Weitem nicht.

„Was bietet die AfD? Die bietet ja keine Lösungen, aber sie bietet so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl.“32:14

Im Gespräch — 32:14

Wer in einer Gesellschaft, die sich atomisiert, nur Lösungen anbietet, fahre nicht gut; das besiegele den Untergang der SPD und gelte für die Union ebenso. 32:59 Und er dreht eine bürgerliche Lieblingserzählung um. Als Gerhard Schröder mit Hartz IV den größten Niedriglohnsektor Europas schuf, applaudierten die Konservativen; heute sagen sie, die Linke habe sich durch Wokismus von den kleinen Leuten entfernt. 33:45 „Nein, sie hat sich entfernt zu Zeiten der Hartz-Reformen.“ Das Gemeinschaftsgefühl habe die älteste Partei Europas über Jahrzehnte getragen.

In der Kopierfrage steht die Forschung weitgehend auf seiner Seite. Über mehr als hundert Wahlen in Westeuropa fand sich kein Hinweis, dass die Übernahme rechter Positionen die radikale Rechte schwächt, mit Ausnahmen unter Bedingungen, etwa wenn die Partei weiter geächtet bleibt (→ Was holt Wähler zurück?). Beim Deliverism wird es heikler. Aladin El-Mafaalani beschreibt die AfD-Anhängerschaft ganz ähnlich als Gemeinschaft, die nur das Misstrauen verbindet, zieht aber den umgekehrten Schluss: Man müsse den Vertrauensverlust in der Mitte stoppen, mit einem Staat, der Schulen, Bahn und Infrastruktur wieder zum Laufen bringt. Und de Weck widerspricht sich selbst. Eine Viertelstunde zuvor gab er den Rechtsautoritären zwanzig Jahre, weil scheitert, wer keine Probleme löst. Wenn das stimmt, ist das Liefern eben doch die Waffe, nur eine langsame. Was ein demokratisches Gemeinschaftsgefühl jenseits „gemeinsamer Werte“ wäre, bleibt an diesem Abend offen.

Weitergedacht

Wenn die AfD Gemeinschaft statt Lösungen bietet: Welche Gemeinschaft kann eine demokratische Partei stiften, ohne selbst zu der „Kolonne“ zu werden, die de Weck an der AfD beschreibt?

Die Kumulierung der Kontrollverluste

35:15 — Hier drückt Schmitt zum ersten Mal richtig. Merkel habe gesellschaftlich viel vorangetrieben und fiskalisch gebremst, Schuldenbremse, schwarze Null, und dazu die asymmetrische Demobilisierung betrieben: froh, wenn die Wähler nicht politisiert waren, 36:00 kein Gemeinschaftsangebot, nur „Sie kennen mich“. Thomas Biebricher frage in Mitte/Rechts, was die Konservativen überhaupt zusammenhält, und finde es kaum. Ist Merkel bei allem Guten Teil des Problems?

36:45 — De Weck antwortet mit einer „Nuance“. Die Union sei immer eine Partei mit mehr Wählerinnen als Wählern gewesen, unter Merkel sei deren Zahl emporgeschnellt, 37:34 erst mit Merz' Kandidatur habe es wieder eine leichte Mehrheit von Männern gegeben. Bei den Bürgerinnen also habe Merkel durchaus ein Gemeinschaftsgefühl zu wecken gewusst. Auf Biebricher geht er nicht ein. Er lenkt auf den Gender-Gap um: Junge Frauen wählen links, weil sie Gleichstellung, Ökologie und soziale Gerechtigkeit wollen, 38:19 viele Männer rechts, weil sie „ihre archaische Vorherrschaft verlieren und das nicht ertragen“. „Machos“, sagt er. Dann bittet er um einen Ausflug.

39:04 — Hinter dem Streit, wer was falsch gemacht hat, Schröder oder Merkel, sieht er einen tieferen Grund: die Kumulierung von Kontrollverlusten. Die jahrtausendealte Vorherrschaft der Männer geht zu Ende, „zu langsam“. Seit Kolumbus galt fast überall auf der Welt das Gesetz Europas, dann des Westens, und das ist vorbei, in Afghanistan, am Golf, am Aufstieg Chinas. 39:49 Er begrüßt das ausdrücklich, es sei eine Einladung, die eigenen Werte erst recht zu betonen, keine Demütigung; aber es werde als eine empfunden. Über Jahrtausende hieß es, macht euch die Erde untertan, 40:35 und nun richtet die Erde in Gestalt von Hitzesommern; daher der abgrundtiefe, auch kulturelle Hass auf die Grünen. Man glaubte, dank der Technik endlich die Kontrolle zu haben, und merkt, dass die Technik, erst recht die künstliche Intelligenz, die Kontrolle über uns übernimmt. 41:20 Und mit der Globalisierung kamen andere historische Erfahrungen ins Land, zu Nationalsozialismus und Stalinismus tritt der Kolonialismus ins Geschichtsbild, bei allen Exzessen des Identitären, für die er wenig übrig hat.

„Und diese Kumulierung so vieler Demütigungen, das ist natürlich ein Treibstoff für die Rechtspopulisten.“42:05

Hören — 42:05

42:51 — Schmitt hält ihm die Widersprüche des Konservatismus vor: Er verteidigt das Eigentum des Hausbesitzers, beim Eigentum an unseren Daten hört man von ihm nichts. De Weck nimmt den Vorwurf an und macht daraus eine Dialektik. Erst gegen die Demokratie, dann für sie; 43:36 erst gegen die Industrialisierung, jetzt in Angst vor der Deindustrialisierung; erst ein tiefes Misstrauen gegen den Kapitalismus, man lese Fontane oder Balzac, dann sein Herold bis in den Neoliberalismus. 44:22 Der Konservative sei „inkohärent, aber konsequent inkohärent“, und das mache ihn lebensnah.

Die Liste der Kontrollverluste ist der analytische Kern des Abends und schließt an das an, was Arlie Hochschild in den Kohlerevieren Kentuckys als gestohlenen Stolz gefunden hat. Zwei Einwände liegen nahe. Der erste betrifft die Gewichte: Der Verlust ungerechter Vorrechte, der Männer, des Westens, ist etwas anderes als der Kontrollverlust gegenüber Hitze und Algorithmen, der kein Wahrnehmungsfehler ist. Wer beides in eine Reihe stellt, macht die zweite Sorge kleiner, als sie ist. Der zweite betrifft den Ton. De Weck diagnostiziert Demütigung und nennt die Gedemütigten im selben Atemzug Machos, die es nicht ertragen. Hochschild und der Schamforscher Stephan Marks beschreiben genau diesen Moment als den, der das Zurückbrüllen auslöst. Seine Analyse ist besser als sein Ton. Biebrichers Frage, was die Konservativen zusammenhält, bleibt unbeantwortet stehen, und das ist ein Befund.

Weitergedacht

Wenn der Verlust von Vorherrschaft als Demütigung erlebt wird: Kann eine Politik diesen Verlust anerkennen, ohne die Vorherrschaft zurückzuversprechen und ohne die, die ihn betrauern, zu verachten?

Kein Szenario für den Abriss

44:22 — Die Wahl in Sachsen-Anhalt steht bevor, in konservativen Reihen werden die Stimmen lauter, die Brandmauer zu den Akten zu legen, 45:09 und einige Medienhäuser arbeiten daran. Schmitt fragt, ob Konservative auf ihre eigene Anziehung vertrauen oder mit SPD, Grünen und Linken koalieren sollen, 45:54 und benennt die Falle: Wer immer mit allen Demokraten koaliert, liefert der AfD das Bild der „Altparteien“, die unter einer Decke stecken.

„Aber keiner hat auch nur ein Szenario vorgelegt, um zu sagen, wenn wir die Brandmauer beseitigen, was sind dann die politischen Mechanismen, die dazu führen, dass die AfD geschwächt wird?“46:39

Hören — 46:39

47:24 — Sein Beleg ist die Schweiz, die fast strukturell von einer großen Koalition aller großen Parteien regiert wird. Die Schweizerische Volkspartei Christoph Blochers, den er einen Populisten und Oligarchen nennt, sitzt lange mit in der Regierung und radikalisiert sich von Jahr zu Jahr. Wilders hat sich in der Regierung nicht gemäßigt, Trump schon gar nicht. Die Vorstellung, der Einbezug der Reaktionäre würde sie mäßigen, sei „faktisch widerlegt“.

48:10 — Dann schaut er von außen auf Deutschland. Das wichtigste Land Europas, mit neun Nachbarn, Stütze der EU und der NATO oder dessen, was aus ihr wird: 48:58 Eine Minderheitsregierung, mal von der AfD, mal von den Grünen gestützt, wäre nicht verantwortungsbewusst. Europa steht drei autoritären Mächten gegenüber, dem totalitären China, dem diktatorischen Russland, dem zusehends autoritär regierten Amerika, 49:43 alle drei von echten Reaktionären geführt: Xi mit seinem Neomaoismus und seinen Säuberungen, Putin als Revanchist, Trump mit MAGA. 50:30 Die vierte Macht sind die globalen Plattformen, autoritär, vielleicht mit totalitären Zügen, und rundherum ein Chaosbogen von der Ukraine über den Kaukasus und den Nahen Osten bis in die Sahelzone. 51:15 In dieser Lage eine Regierung, die auf das Wohlwollen der AfD als „Putinpartei“ angewiesen ist? Mehr Schweizer würde davor erschrecken.

52:02 — Schmitt stellt die Gegenfrage des Abends: Dann brauchen wir eben eine starke linke Regierung, Rot-Rot-Grün. Warum überhaupt die Konservativen? „Wenn das reicht, Rot, Rot, Grün, wunderbar“, antwortet de Weck, aber es reiche nicht. 52:47 Seit die Rechtsautoritären erstarkt sind, ist das Regieren in halb Europa schwieriger geworden, große Koalitionen, die klein sind, Dreier- und Viererbündnisse. Paradoxerweise haben die Nationalisten ihre Nationen geschwächt, weil sie schwerer regierbar geworden sind. 53:32 Ein Dilemma, sagt er, aber kein ewiges.

Beim Mäßigungsargument hat de Weck die Forschung hinter sich: Ausgegrenzte radikale Parteien werden nicht gemäßigter, eingebundene aber auch nicht. Nur schneidet dieser Befund in beide Richtungen. Auch für das Stehenlassen der Brandmauer hat an diesem Abend niemand ein Szenario vorgelegt, wie sie die AfD schwächt; sie verhindert, dass etwas Schlimmeres geschieht, und das ist eine konservative Begründung im besten Sinn, aber eine defensive. Der NZZ-Rezensent Thomas Ribi fand die Argumente für die Brandmauer im Buch nur überzeugend, wenn man konkrete Fragen ausblendet, Sachsen-Anhalt etwa. Und auf Schmitts Frage, warum es Konservative braucht, antwortet de Weck mit Arithmetik. Das ist ehrlich, und es lässt offen, was die Konservativen aus sich selbst heraus anzubieten haben.

Weitergedacht

Wenn weder Ausgrenzung noch Einbindung eine radikale Partei mäßigt: Für wen ist die Brandmauer dann da, für die Partei, für ihre Wähler oder für die, die sie errichten?

Der gefährlichste Kulturkampf

53:32 — Schmitt bringt die Gegenerzählung auf die Bühne, ohne sie sich zu eigen zu machen. Alexander Gauland sagt, er erkenne die Konservativen nicht wieder, Merkel habe keine konservative Politik gemacht. 54:19 Julian Reichelt wünscht sich ein neues bürgerliches Lager aus dem rechten Teil der CDU und dem Teil der AfD, der für NATO, Euro und Westbindung ist und einen radikal anderen Migrationskurs will, ohne den Höcke-Flügel. Was hält de Weck von dieser Erzählung?

55:04 — Die CDU würde implodieren, die Hälfte oder zwei Drittel würden nicht mitmachen, die AfD dagegen nicht. Eine Partei, die Konrad Adenauer, der Kanzler der Westbindung, geprägt hat, könne sich nicht mit einer Partei der Ostbindung, der Orientierung nach Russland, einlassen. 55:49 Von Bismarck bis Hitler hatte Europa es mit einem Deutschland zu tun, das weder in ein demokratisches Wertesystem noch in ein Sicherheitssystem eingebunden war: drei Kriege, zwei Weltkriege, der Holocaust. Darum singe sein Freund Joschka Fischer heute das hohe Lied Adenauers.

„Der Kulturkampf Woke gegen Antiwoke, den halte ich für lächerlich.“56:34

Im Gespräch — 56:34

Er habe das deutsche Feuilleton ein Jahrzehnt beherrscht und sei nicht die wichtige Frage gewesen. Ein Deutschland, das wieder flottiert, mal nach Westen, mal nach Osten, das wäre „der gefährlichste Kulturkampf“. 57:21 Hier greift er zu James Hawes' Kürzester Geschichte Deutschlands: Ostdeutschland sei immer etwas anderes gewesen, jenseits des Limes, dreißig Jahre von Karl dem Großen bekriegt, die Reformation von Wittenberg aus im Osten stärker verwurzelt, Preußen stets zum Zaren orientiert; 58:08 noch in der Weimarer Republik übte Seeckts Schattenarmee mit Duldung Lenins in der Sowjetunion. Daher Adenauers Misstrauen gegen Preußen. Dazu nennt er Wahlergebnisse von 1932 (→ Faktencheck) und folgert: Das aufzuarbeiten sei die große kulturelle Aufgabe. 58:54 Als Zweisprachiger wurde er Spezialist der deutsch-französischen Beziehungen und sah, wie viel nach dem Krieg in sie investiert wurde, Jugendwerk, Institutionen, Foren. Die deutsch-deutsche Verständigung sei viel weniger gepflegt worden.

Die Verschiebung ist sein mutigster Zug. Er nimmt den Kulturkampf aus der Genderdebatte und legt ihn auf die Landkarte, wo er mit der Russlandnähe der AfD tatsächlich liegt. Es ist auch die riskanteste Passage des Abends. Die These vom ewig anderen Osten ist unter Historikern umstritten, sie erklärt mit tausend Jahren, was die Wahlforschung an zwei Generationen ablesen kann: In Sachsen-Anhalt wählten 2026 die über 70-Jährigen, die ihr halbes Leben in der DDR verbrachten, deutlich seltener AfD als ihre Kinder (→ Warum im Osten doppelt so viel?). Was vererbt wird, ist jünger als Karl der Große. Und doch zieht de Weck aus der fragwürdigen Herleitung die richtige Folgerung. Wer die deutsch-deutsche Verständigung so pflegen will wie die deutsch-französische, behandelt den Osten als Partner, und das ist das Gegenteil jener westdeutschen Herablassung, vor der man ihn sonst warnen müsste.

Die Schweiz als Lernkurve

59:40 — Zum Schluss holt Schmitt das Thema der Konferenz herein. Gibt es in der Schweiz eine größere diskursive Großzügigkeit, während in Deutschland die Debatten verhärten, schnell bei der Schuldzuschreibung landen und Leute hinausdrängen? 60:26 Für de Weck liegt in der Großzügigkeit zuerst Lebenslust, Unbekümmertheit, Humor: „Wenn ich humorlos bin, kann ich nicht großzügig sein.“ 61:11 Das sagt sich in der Schweiz leichter, wirft Schmitt ein, und de Weck gibt ihm recht: Die Schweiz verdränge vieles, was sie aufarbeiten müsste, ihren Umgang mit Juden, Homosexuellen, Sinti und Roma im Zweiten Weltkrieg.

61:56 — Trotzdem hält er Elemente direkter Demokratie im digitalen Zeitalter für unverzichtbar. Wer mehr Ausdrucksmöglichkeiten hat, braucht mehr Einwirkungsmöglichkeiten, sonst bleibt es beim Kommentieren. 62:42 Er meint Volksbegehren von unten. Referenden von oben, wie beim Brexit oder wenn ein französischer Präsident alle dreißig Jahre eines ansetzt, weil es ihm ins Konzept passt, zählen für ihn nicht dazu. Wer den Bürgern mehr Verantwortung überbürdet, bekommt verantwortungsbewusstere Bürger, nicht von heute auf morgen. Sein Beispiel für die Lernkurve ist ehrlich gewählt:

„Das allererste Volksbegehren in der Schweiz war 1893 und das war ein antisemitisches Volksbegehren, ein Schächtverbot, nicht aus Tierschutz, sondern um den Juden eins auszuwischen. Und das wurde angenommen.“62:42

Im Gespräch — 62:42

63:27 — Die Kurve steige, sie könne auch wieder fallen, wie bei einem Schüler. Vor einer wichtigen Abstimmung befassten sich dreißig bis vierzig Prozent mit dem Dossier, und am Ende wüssten vierzig Prozent so viel wie ein durchschnittlicher Bundestagsabgeordneter; eine Schätzung, für die er keine Quelle nennt. 64:12 Bürgerräte hält er für eine laue, aber wichtige Form. 64:57 Die Demokratie wurde im 17. Jahrhundert angedacht, im 18. geformt, im 19. durchgesetzt, im 20. erlebte sie ihre Blüte; im 21. müsse man sie mit neuen Institutionen auf die Höhe des ökologischen und digitalen Zeitalters bringen. Schmitt ergänzt, die neue Beteiligung ströme heute in die Empörungskultur der sozialen Medien: Wir können ständig mittun, aber nicht mitwirken. 65:43 De Weck nennt die Legitimation, die Abstimmungen stiften, und erzählt von seinen drei Jahren als ungeplanter Politiker im Kampf gegen No Billag. 66:29 72 Prozent lehnten die Abschaffung ab, die Halbierungsinitiative scheiterte ebenfalls, und über die Coronamaßnahmen stimmte die Schweiz dreimal ab, jedes Mal dafür (→ Faktencheck zur Höhe). Niemand könne dort sagen, das sei eine Diktatur gewesen.

Das Schächtverbot ist ein starkes Beispiel, weil es gegen ihn spricht und er es trotzdem bringt. Die Lernkurve lässt sich auch nach unten verlängern, mit dem Minarettverbot von 2009, über das vor allem Gemeinden ohne Minarett entschieden. Herfried Münkler hat in Hamburg eingewandt, außerhalb der Schweiz seien Plebiszite meist zu Denkzetteln geworden, und Deutschland bräuchte dreißig Jahre Lernzeit (→ Was kann direkte Demokratie — und was nicht?). De Weck würde vermutlich antworten, dass die Lernzeit irgendwann beginnen muss. Seine Beispiele zeigen auch etwas über ihn selbst: Die Legitimation, die er preist, hat er beim No-Billag-Entscheid selbst empfangen. Das macht das Argument nicht falsch, aber man sollte es wissen.


Publikumsfragen

Schmitt öffnet nach 67 Minuten für den Saal; vier Fragen und ein Votum, dann wird der Raum zum Durchgangsraum für die nächsten Veranstaltungen und das Gespräch endet abrupt.

Woraus speist sich Ihre Hoffnung? Algerien war doch die Frucht eines blutigen Krieges. 67:17 — Eine Zuhörerin nimmt sich de Wecks Ahnengalerie vor. Die Unabhängigkeit Algeriens kam nach einem langen, blutigen Krieg, de Gaulle hat sie nicht gewollt, und bei Magyar oder Merz sei es ähnlich; gibt es eine konservative Agenda, die Hoffnung macht? 68:49 De Weck räumt mehr ein, als man erwartet. Die mehr oder weniger linken Regierungen der Vierten Republik hätten sich alle gegen die Unabhängigkeit gewehrt und einen der grausamsten Kolonialkriege geführt, ohne der Lage Herr zu werden. Erst dann kam de Gaulle, „ordentlich autoritär“, mit einer auf ihn zugeschnittenen Verfassung, anfangs mit Unterstützung der Ultranationalisten, 69:36 und setzte die Unabhängigkeit dann gegen die rechtsterroristische OAS durch, die Attentate auf ihn verübte. 70:22 „Oft haben sie Neuerungsschritte gemacht mit großem Erfolg, aber aus schlechten Gründen.“ Die Lage war reif, die Linke ohnehin dafür, und so entstanden Möglichkeiten, die es vorher nicht gab, wie bei Péter Magyar, der in Ungarn viele Linke mitnahm, weil es der einzige Weg war, Orbán loszuwerden. 71:07 Ohne Druck von links gehe es nicht. Als gelungenes Beispiel eines modernen Konservatismus nennt er ausgerechnet die Grünen, Cem Özdemir zumal, was viele Grüne nicht hören wollen. 71:53 Den Konservativen fehle dagegen ein Stadtkonservatismus: Ihre Stadtpolitik bestehe darin, Parkplätze wiederherzustellen, zur Wohnungsnot hätten sie nichts zu bieten. 72:40 Er rechne mit Schimpf von beiden Seiten, „ich wollte fair sein“.

Gibt es Hoffnung, dass Konservative beim Klimaschutz oder in der Migrationspolitik bald die großen Befürworter werden? 72:40 — Beim Klima sieht de Weck das große Versagen der herkömmlichen Konservativen, denn der ökologische Gedanke stamme aus ihren eigenen Reihen. 73:26 Herbert Gruhl, rechtsnationaler CDU-Abgeordneter, schrieb Ein Planet wird geplündert und verlor seinen Platz in der CDU, ein strategischer Fehler, ebenso wie Helmut Schmidts Versuch, das Ökologische aus der SPD herauszuhalten. 74:11 Winfried Kretschmann habe Bücher über einen ökologischen Konservatismus geschrieben, Özdemir gehe in diese Fußstapfen. Das Bewahren der Lebenswelt müsse ein urkonservatives Anliegen sein. 74:57 Die große Schwäche vieler konservativer Parteien sei, dass sie sich nach den Mächtigen ausrichten. Die CDU etwas weniger, wegen des C, das sie „manchmal vor dem Schlimmsten“ bewahre, und weil sie National-, Wirtschafts- und Sozialkonservative zusammenhalte. 75:43 In Wolfgang Schäubles Memoiren las er, wie dieser sich vorwirft, für die Ökologie nicht mehr getan zu haben; im konservativen System seiner Zeit sei der Spielraum gering gewesen. „Ein bisschen Hoffnung.“ Zur Migration, der zweiten Hälfte der Frage, sagt er nichts.

Wie kommen wir als Leserinnen und Leser zurück zu den relevanten Themen, wenn das laute Grundrauschen die Reizschwelle so hoch gesetzt hat? 76:30 — Eine Zuhörerin beobachtet an sich und ihrem Umfeld das Gegenteil des Rückzugs: Man gewöhnt sich an das Schrille, liest nur noch Schlagzeilen, und es braucht einen großen Impuls, bis sich überhaupt etwas rührt. 77:16 „Ihre Frage überfordert mich ein Stück weit“, sagt de Weck. 78:03 Er sei sicher, dass ein großer Teil gerade der jungen, bestausgebildeten Generation Substanz will; der Zynismus von Medienmanagern, die Junge nur mit Aufregung und Unpolitischem erreichen zu können glauben, werde durch deren Engagement gegen ungerechte Kriege und für die Ökologie widerlegt, mit allen Widersprüchen, fürs Klima auf die Straße und dann mit Easyjet in den Urlaub. Eine „unbefriedigende Antwort“, gibt er selbst zu. 78:50 Ein weiterer Gast hilft mit einem Votum aus: Er höre die Lage der Nation, einmal die Woche eine Stunde; 79:36 wer sich intensiv mit einzelnen Themen befasst, werde von den Nachrichten nicht überwältigt, weil Verstehen die Ohnmacht mindert, Vertiefung als Selbstfürsorge. De Weck nimmt es dankbar auf: Lange Podcasts zeigen, dass es ein Publikum für Vertiefung gibt, „nicht die Laber-Podcasts“.

Nehmen die Konservativen den Rechtsruck vielleicht bewusst in Kauf? Bitte nehmen Sie mir diesen Gedanken. 80:22 — Ein Zuhörer hält es für zu einfach, den Konservativen Unwissen zu unterstellen, und kaut auf einem Gedanken, den er nicht haben möchte: dass sie den Schaden in Kauf nehmen, weil die Schnittmenge mit rechts außen größer geworden ist. 81:09 Er hat keine Frage, sondern eine Bitte um begründete Hoffnung. De Weck spinnt den Gedanken „freestyle“ weiter. 81:55 Eine neue Generation junger CDU-Abgeordneter sei, wie die ganze Welt, nach rechts gerutscht und wünsche sich einen harten Stahlhelm-Konservatismus wie einst in Hessen unter Alfred Dregger, habe dafür aber keine Machtperspektive, weil die CDU mit Grünen oder SPD koalieren muss. Das frustriere, und das Ventil seien Kulturkämpfe, 82:40 gegen die Grünen, gegen „Gutmenschen“, gegen den Wokismus, mit einem eigens dafür ins Kabinett geholten Kulturminister, theatralisch und höchst schädlich. Ein Teil, vielleicht Jens Spahn mit seiner Nähe zu einem Antidemokraten wie Peter Thiel, wolle die CDU wirklich nach ganz rechts reißen, 83:29 was sie nicht überleben würde; andere Kräfte würden diesen Weg niemals gehen. Darum sein Buch: Die Konservativen müssten sich besinnen, was konservativ ist. In den Sechziger- und Siebzigerjahren habe die CDU Walter Jens und Martin Walser auf ihren Parteitag geladen, um die geistige Armut der deutschen Debatte zu diskutieren. 84:17 Jede Partei sei eingeladen, wieder Grundsatzarbeit zu machen statt nur Krisenmanagement. „Auch wieder eine unbefriedigende Antwort.“ Schmitt: „Keineswegs.“

Wie kann die größte Volkspartei mit ihren Spitzenberatern, die die Forschung kennen, trotzdem den Weg der Selbstzerstörung gehen? 84:17 — Die Nachfrage, wer sie stellt, lässt der Mitschnitt offen, spitzt die Bitte zur Analyse zu. 85:03 De Weck widerspricht der Prämisse: Er sehe die CDU nicht auf dem Weg der Selbstzerstörung. Sie sei eine der wenigen großen Mitte-rechts-Parteien Europas, im Buch nennt er sie „politisches Weltkulturerbe“, unter Gelächter, „aber nicht fürs Museum“. 85:49 Sonst gebe es in Europa nur noch zwei große christdemokratische Parteien, den Partido Popular in Spanien und die Nea Dimokratia in Griechenland, beide in Ländern mit Diktaturerfahrung und für ihn an der Grenze zum Reaktionären. 86:34 Dann, „auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen“, ein Lob der CSU: Sie habe in Bayern alles gemacht, was Konservative nicht machen sollten, Industriepolitik nach französischer Art, aber besser, eine Infrastrukturpolitik für die Randregionen, und aus einem der ärmsten Länder eines der reichsten gemacht, 87:20 mit viel Wissenschaftspolitik, manchmal zu weit, etwa als sie Hochschulen zur Zusammenarbeit mit der Bundeswehr verpflichten wollte. „Es ist immer so bei den Konservativen, es gibt das Beste und das Schrecklichste nebeneinander.“ Damit muss das Gespräch enden.


Nachbesprechung

Zwei Behauptungen des Abends reichen über ihn hinaus: dass Liefern gegen die Rechtsautoritären nicht reicht, und dass direkte Demokratie ihre Bürger mit der Zeit verantwortungsvoller macht. Was man darüber hinaus weiß.

Reicht Liefern gegen die Rechtsautoritären?

De Weck stellt das Liefern gegen die Gemeinschaft: Die AfD biete keine Lösungen, aber ein Gemeinschaftsgefühl, und wer in einer atomisierten Gesellschaft nur Lösungen anbiete, gehe unter32:14. Woher das Wort Deliverism kommt und wie Brosda es am selben Wochenende vom Inhalt auf die Frist umbiegt, steht in der Nachbesprechung zu Brosda. Hier geht es um de Wecks eigentliche Frage: Bringt Liefern Stimmen?

Für die amerikanische Probe, auf die er anspielt, fällt die Antwort nüchtern aus. Das Geld des Inflation Reduction Act floss vor allem in republikanische Wahlkreise (→ Tooze). Eine erste Auswertung der Wahl 2024 vergleicht Countys mit IRA-Investitionen mit ähnlichen ohne und findet weder Lohn noch Strafe, nicht bei der Präsidentenwahl, nicht für Kongress oder Gouverneure (Miao, Finnegan & Andersson 2026, Preprint, doi:10.33774/apsa-2026-98gg9-v2). Das ist noch nicht begutachtet; eine Analyse der parteinahen Center for American Progress Action sieht einen kleinen Vorteil für Harris, „but not by much“ (CAP Action). Fabriken allein stiften keine Treue.

Der Gegenfall kommt aus Spanien und zeigt, woran es liegt. Ende 2018 handelte die sozialistische Regierung mit Gewerkschaften und Unternehmen ein Abkommen für den Kohleausstieg aus, mit Hilfen für die Bergleute und Investitionen in die betroffenen Gemeinden. Dort legte die PSOE bei der Wahl kurz darauf messbar zu, und Interviews führen den Zuwachs auf die Gewerkschaften zurück, die das Abkommen mittrugen (Bolet, Green & González-Eguino 2023, APSR, doi:10.1017/S0003055423001235). Dasselbe Muster fand Alexander Hertel-Fernandez beim amerikanischen Pandemie-Arbeitslosengeld: knapp eine Billion Dollar für ein Drittel der Beschäftigten, kaum politische Folgen. Wer dabei von einer Kirche, einem Arbeiterzentrum oder einer Gewerkschaft angesprochen wurde, meldete sich weit häufiger bei Politikern, nur traf das auf sieben Prozent zu (Hertel-Fernandez, Beyond Deliverism, Essay 2025). Was wirkt, ist Liefern, das durch eine Gemeinschaft läuft.

Umgekehrt treibt der Verlust solcher Orte die Rechte. In britischen Bezirken, in denen eine weitere Nachbarschaftskneipe schloss, stieg die Neigung zu UKIP um 4,3 Prozentpunkte, stärker dort, wo ohnehin Armut herrschte (Bolet 2021, doi:10.1177/0010414021997158). Als Italien die öffentlichen Dienste in Gemeinden unter 5.000 Einwohnern zurückfuhr, wuchs dort die extreme Rechte, die Dienste und Migration fortan in einem Atemzug nannte (Cremaschi et al. 2024, AJPS, doi:10.1111/ajps.12936). Noam Gidron und Peter Hall messen dasselbe am Einzelnen: Wer sich gesellschaftlich abgehängt fühlt, ohne Respekt und ohne Bindung, wählt eher radikal (Gidron & Hall 2017, doi:10.1111/1468-4446.12319; 2019, doi:10.1177/0010414019879947). Die Kneipe, die Post, der Bahnhof sind Lösung und Gemeinschaft zugleich. De Wecks Gegensatz löst sich dort auf, und El-Mafaalanis Staat, der liefert, und de Wecks Gemeinschaftsgefühl meinen am Ende denselben Ort.

Beim Hartz-IV-Bruch hat er die Forschung auf seiner Seite, aus einem Grund, den er selbst nennt. In 166 Wahlen seit 1980 trieb Sparpolitik die Nichtwahl und die Stimmen für Parteien am Rand nach oben, am stärksten, wenn die großen Parteien links und rechts beide für den Sparkurs standen (Hübscher, Sattler & Wagner 2023, doi:10.1017/S0007123422000734). Genau das war die Agenda 2010, die im Bundesrat mit den Stimmen der Union kam; wie viel sie die SPD direkt kostete, steht im Faktencheck. Und die Lösung, die de Weck an diesem Abend selbst lobt, ist eine des Lieferns: die bayerische Infrastruktur für die Randregionen86:34.

→ Weiter im Panorama: Was holt Wähler zurück?, mit El-Mafaalanis Staat, der liefert, Tom Krebs' drei Schüben der AfD und Ulrich Siegmund als Kümmerer, der einen freien Platz besetzt hat.

Macht direkte Demokratie verantwortungsbewusster?

Wer den Bürgern mehr Verantwortung überbürdet, bekommt verantwortungsbewusstere Bürger, sagt de Weck62:42, und vor einer wichtigen Abstimmung wüssten am Ende vierzig Prozent so viel wie ein Bundestagsabgeordneter63:27. Für den Vergleich mit dem Abgeordneten gibt es keine Erhebung. Für das Lernen gibt es mehrere, und sie trennen sauber, was er zusammenzieht.

Zur einzelnen Vorlage lernen die Leute tatsächlich. Matthias Benz und Alois Stutzer fanden Bürger mit mehr Mitspracherechten politisch besser informiert, in EU-Ländern mit Referenden wie in Schweizer Kantonen mit ausgebauten Volksrechten (Benz & Stutzer 2004, Public Choice, doi:10.1023/B:PUCH.0000024161.44798.ef). Panelbefragungen rund um vier dänische EU-Referenden zeigen, dass das Sachwissen zur Vorlage im Abstimmungskampf deutlich wuchs, und zwar abhängig vom Medienangebot, kaum von Bildung oder Motivation (Fenger 2026, EJPR, doi:10.1017/s1475676526100826). Das ist de Wecks Schüler, der vor der Prüfung lernt. Ob daraus über die Jahre ein mündigeres Volk wird, ist weit weniger sicher. In den USA fanden Daniel Smith und Caroline Tolbert einen bildenden Effekt der Initiativen (Educated by Initiative, 2004, doi:10.3998/mpub.11467), Joshua Dyck und Edward Lascher später kaum einen (Initiatives without Engagement, 2019, doi:10.3998/mpub.9993024), und das Review über 67 Studien im Panorama findet einen schwachen, mit der Zeit schwindenden Effekt. Gelernt wird für die Vorlage. Eine Kurve, die über Generationen steigt, ist nicht belegt.

Seine dreißig bis vierzig Prozent unterschätzen dagegen, wie breit die Schweiz abstimmt. Die meisten Stimmberechtigten gehen nur selektiv hin, je nach Thema; in Genf nahmen über zwanzig Abstimmungen hinweg mehr als neun von zehn mindestens einmal teil (Sciarini et al. 2016, doi:10.1111/spsr.12178; swissinfo). Intensive Kampagnen holen gerade diese Gelegenheitswähler an die Urne, sogar viele, die sonst fast nie stimmen (Goldberg, Lanz & Sciarini 2019, doi:10.1016/j.electstud.2018.11.008). Wer nicht jede Woche dabei ist, ist deshalb nicht draußen.

Die Lernkurve selbst hat er ehrlich mit dem Schächtverbot begonnen (→ Faktencheck). Ihr langsamstes Stück ist das Frauenstimmrecht: 1959 lehnten die Schweizer Männer es mit 66,9 Prozent ab, 1971 nahmen sie es mit 65,7 Prozent an, und Appenzell Innerrhoden musste am 27. November 1990 vom Bundesgericht dazu gezwungen werden (Frauenstimmrecht in der Schweiz). Die Kurve stieg, aber den letzten Schritt tat ein Gericht. Dass Volksabstimmungen über die Rechte von Außengruppen wie Muslimen in der Schweiz durchweg zu deren Lasten wirkten, belegt das Panorama mit dem Minarettverbot und den Einbürgerungen an der Urne. Verantwortung lernt ein Volk an Sachfragen offenbar schneller als an der Frage, wer dazugehört.

→ Weiter im Panorama: Was kann direkte Demokratie — und was nicht?, mit Herfried Münklers dreißig Jahren Lernzeit, Tilo Wesches verbindlichen Volksentscheiden und dem Minarettverbot, über das vor allem Gemeinden ohne Minarett entschieden.

Weitergedacht

Die Schweizer lernen, worüber sie abstimmen, kaum darüber hinaus; Spaniens Kohlereviere belohnten eine Hilfe, die durch ihre Gewerkschaften kam. Ist das, was de Weck Gemeinschaftsgefühl nennt, am Ende die Erfahrung, an etwas beteiligt gewesen zu sein — und kann ein Staat diese Erfahrung liefern, ohne sie zu verordnen?


Faktencheck

Falsch — Schweizer Corona-Abstimmungen: „dreimal etwa 80 %“

De Weck, 1:06:29. Tatsächlich waren es 60,2 % (13.06.2021), 62 % (28.11.2021) und 61,9 % (18.06.2023). Der Kern hält — dreimal deutliche Mehrheiten —, die Zahl liegt aber rund 20 Punkte zu hoch und überhöht genau das Argument für die direkte Demokratie, das er führt. Quelle: SRF: 13.06.2021 · SRF: 28.11.2021 · SRF: 18.06.2023

Falsch — NSDAP 1932 „im Westen und Süden nicht über 20 %, im Osten 40 %“

De Weck, 58:08, zur Stütze der Hawes-These vom „anderen“ Osten. Im Juli 1932 (Reich 37,3 %) war die NSDAP im Norden und Osten tatsächlich stärker — aber ihr stärkster Wahlkreis war Schleswig-Holstein mit über 50 %, ihre höchsten Kreisergebnisse erzielte sie im süddeutschen Mittelfranken (Rothenburg 83 %), bei 20 % blieben nur katholische Gebiete. Die eigentliche Trennlinie war die Konfession, nicht Ost und West (Spenkuch & Tillmann 2018, AJPS, doi:10.1111/ajps.12328). Hawes’ Buch ist ein populäres, als monokausal kritisiertes Werk, kein Forschungskonsens. Quelle: Wikipedia: Reichstagswahl Juli 1932 · Perlentaucher: Rezensionen zu Hawes

Bestätigt — No-Billag und Halbierungsinitiative abgelehnt

1:05:43. No-Billag scheiterte am 4. März 2018 mit 71,6 % Nein, die Initiative „200 Franken sind genug“ am 8. März 2026 mit 61,9 % Nein, kein Kanton stimmte zu. Quelle: SRF: SRG-Initiative scheitert

Vereinfacht — Schächtverbot 1893 „um den Juden eins auszuwischen“

1:02:42. Es war die erste Volksinitiative, die zur Abstimmung kam, am 20. August 1893 mit rund 60 % angenommen, im Abstimmungskampf stark antisemitisch geprägt. Die Initianten kamen aber aus Tierschutzvereinen; Historiker beschreiben eine Mischung aus Antisemitismus und neuem Tierschutzgedanken. Alle Westschweizer Kantone lehnten ab. Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz: Schächtverbot

Bestätigt — Bontenbals CDA: von 3,3 % auf rund 12 %

30:38. 2023 kam die CDA auf 3,3 %, am 29. Oktober 2025 auf rund 12 % und 18 Sitze — gut das Dreieinhalbfache; seit Februar 2026 regiert sie mit. De Weck relativiert selbst („fragiles Ergebnis“). Quelle: parlement.com: CDA und Wahl 2025

Vereinfacht — Konservative, die Reaktionäre kopieren: „Jeder hat verloren“

29:07. Die Forschung stützt den Kern: Anpassung an rechtsradikale Positionen schwächt deren Erfolg nicht, eher wandern Wähler ab (Krause, Cohen & Abou-Chadi 2023, doi:10.1017/psrm.2022.8). „Jeder hat verloren“ widerlegt aber sein eigenes Beispiel: Johnson gewann 2019 mit einem Kurs, der die Brexit Party beerbte, eine große Mehrheit, Kurz gewann 2017 und 2019 deutlich — der Absturz kam später, oft über Skandale.

Bestätigt — Die Union hatte stets mehr Wählerinnen, außer unter Stoiber

36:45. Für 1990–2025 lagen die Frauen vorn, ausgenommen 2002 (Stoiber: Frauen 37,8 %, Männer 39,2 %) und 2025 (Merz: 28,2 % zu 28,8 %); 1998 Gleichstand. Unter Merkel wuchs der Vorsprung der Frauen stark (2017: 36,4 % zu 29,2 %). Quelle: Bundestag, Datenhandbuch Kap. 1.10

Bestätigt — Gender Gap: junge Männer rechts, junge Frauen links

38:19. Europaweit wählten 2024 über 21 % der jungen Männer rechtsextrem, gegenüber rund 14 % der jungen Frauen (Milosav, Hobolt, Klüver et al. 2025, doi:10.1080/13501763.2025.2481181); bei der Bundestagswahl 2025 wählten 37,1 % der Frauen zwischen 18 und 24 die Linke, 17,6 % der Männer. Seine Erklärung („archaische Vorherrschaft verloren“) ist Deutung, teilweise gestützt durch Forschung zu Männlichkeitsbildern.

Vereinfacht — Hartz IV, „größter Niedriglohnsektor Europas“

32:59. Deutschland gehörte mit rund 22 % (2010) zur Spitzengruppe, war aber nicht Spitzenreiter, und der Sektor wuchs schon vor Hartz; Schröder selbst sprach 2005 in Davos von „einem der besten Niedriglohnsektoren“. Die Forschung bestätigt die Richtung der Wahlfolgen anders als zugespitzt: Die direkten Verluste bei den „Agenda-Verlierern“ waren begrenzt, dauerhaft war die Verankerung einer Partei links der SPD (Schwander & Manow 2017, doi:10.1093/ser/mww011).

Vereinfacht — SVP „seit 40 Jahren an der Regierung“

47:24. Eher zu niedrig: Die Vorläuferin BGB sitzt seit 1929 im Bundesrat. Der Fall stützt seine These nur halb — die Partei war jahrzehntelang eingebunden und gemäßigt, radikalisiert hat sie sich ab den späten 1980ern unter Blocher, dann allerdings trotz Einbindung. Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz: BGB/SVP

Bestätigt — Bürgerliche Parteien ermächtigten Hitler 1933

3:06. Beim Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933 stimmten DNVP, Zentrum, BVP, Staatspartei und weitere bürgerliche Parteien zu; nur die SPD stimmte geschlossen dagegen, die KPD-Mandate waren annulliert. Quelle: LeMO/DHM: Ermächtigungsgesetz

Vereinfacht — Nixon beendete den Krieg, „den Kennedy eingeleitet hatte“

4:37. Die US-Verstrickung begann unter Truman und Eisenhower, Kennedy stockte die Berater auf, zum Krieg mit Bodentruppen eskalierte Johnson ab 1965; Nixon zog sich bis 1973 zurück, weitete den Krieg vorher aber auf Kambodscha und Laos aus.

Bestätigt — Orbán nach 16 Jahren abgewählt

20:42. Am 12. April 2026 gewann Péter Magyars Tisza mit 53,2 % und einer Zweidrittelmehrheit; Fidesz kam auf 38,6 %. Quelle: IEP-Wahlmonitor Ungarn 2026

Bestätigt — Merkel stimmte gegen die Ehe für alle · Bayern vom Nehmer- zum Geberland

Schmitt, 11:35: Am 30. Juni 2017 stimmte Merkel mit Nein (Gesetz mit 393 zu 226 angenommen), begründet mit dem Ehebegriff des Grundgesetzes. De Weck, 1:26:34: Bayern war 1950–1986 durchgehend Empfänger im Länderfinanzausgleich und ist heute größter Zahler. Quelle: LTO: Ehe für alle · NRW-Finanzverwaltung: Länderfinanzausgleich

Bestätigt — Reichinnek-Rede, „30 Millionen mal geklickt“

Schmitt, 28:21. Die Zahl stammt von der Linken selbst; eine unabhängige TikTok-Feed-Studie bestätigt die außergewöhnliche Reichweite — die Rede erschien bei über 500 von 681 Teilnehmenden. Quelle: Stuttgarter Zeitung: Diese 5 Videos haben fast alle gesehen

Nicht verifizierbar — Jünger: „Ich hasse die Demokratie wie die Pest“

Schmitt, 16:09. Das Zitat wird Jünger für 1925 zugeschrieben, ohne Werk- oder Briefangabe; das angebliche Interview aus den 1970ern ließ sich nicht finden. Jüngers Demokratieverachtung in den 1920ern ist gut belegt — das Zitat bleibt eine Zuschreibung. Keine unabhängige Quelle gefunden.

Vereinfacht — Herbert Gruhl aus der CDU „ausgeschlossen“

1:13:26. Gruhl trat nach einem Ultimatum mit angedrohtem Ausschlussverfahren am 11./12. Juli 1978 selbst aus und gründete die Grüne Aktion Zukunft, später war er erster ÖDP-Vorsitzender. Quelle: KAS: Biogramm Herbert Gruhl

Nicht verifizierbar — Golo Mann definiert in

Der Monat die „konservativen Charaktere“ 6:58. Mann publizierte in Der Monat, den konkreten Text fand Sherlock nicht; nachweisbar ist sein Beitrag zur ZEIT-Umfrage „Was heißt hier konservativ?“ (16.10.1981). Am Rand: Mann lebte in Kilchberg bei Zürich, starb aber 1994 in Leverkusen. Quelle: Deutsche Biographie: Golo Mann

Bestätigt — „Asymmetrische Demobilisierung“

Schmitt, 35:15. Der Begriff ist als Beschreibung von Merkels Wahlkämpfen 2009 und 2013 etabliert; wie bewusst gesteuert und wie wirksam, ist umstritten. Quelle: Wikipedia: Asymmetrische Demobilisierung


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Das Buch und seine Kritik:

Im Gespräch erwähnt:

Aus dem Faktencheck


Verbindungen

→ Andreas Püttmann — Werte NEU DENKEN

Püttmann ist der Konservative, der de Weck von innen bestätigt. Auch er erinnert an die Weimarer Konservativen, die vor dem Nationalsozialismus dahinschmolzen, und auch er hält das C für das, was die CDU vor dem Abgleiten bewahrt: ein Vorzeichen vor der Klammer, das das Konservative von Blut und Boden wegrückt. Wo de Weck das Bewahren über das Verfahren definiert, über die Demokratie, definiert Püttmann es über einen Glauben. Die beiden Definitionen schützen vor derselben Gefahr und setzen etwas anderes voraus, und die zweite setzt mehr voraus, als eine Partei garantieren kann, deren Mitglieder seltener glauben.

→ Jonathan Haidt — Die moralischen Wurzeln von Liberalen und Konservativen

Haidt zitiert denselben Burke und kommt zu einem anderen Konservatismus. Für ihn sehen Konservative etwas Wahres, das Liberale strukturell unterschätzen: dass Ordnung, Loyalität und Autorität echte Koordinationsprobleme lösen und erst sichtbar werden, wenn sie fehlen. Bei de Weck ist das Konservative vor allem ein Tempo und ein Bekenntnis zur Demokratie, sein Inhalt bleibt merkwürdig leer. Haidt ist das Gegengewicht, das fragt, welche dieser Wahrheiten de Weck den Reaktionären überlässt. Sein Bauchgefühlskonservatismus wiederum ist Haidts Elefant, der den Reiter trägt.

→ Aladin El-Mafaalani — Misstrauensgemeinschaften und was die AfD wirklich stoppt

Beide beschreiben die AfD-Anhängerschaft als Gemeinschaft, die sich über etwas anderes als Lösungen zusammenfindet, und beide halten das Kopieren ihrer Themen für schädlich. Dann trennen sich die Wege. De Weck warnt vor dem Deliverism, El-Mafaalani verlangt einen Staat, der seine Kernaufgaben wieder erfüllt, weil Vertrauen spürbare Bewegung in die richtige Richtung braucht. Und wo de Weck den Rechtsautoritären zwanzig Jahre gibt, hält El-Mafaalani Misstrauensgemeinschaften für nicht entzauberbar. Einer von beiden wird sich irren, und Ungarn spricht vorerst für de Weck.

→ Steffen Mau — Triggerpunkte: Konsens und Konflikt

Mau beschreibt das Dilemma, das de Wecks Plädoyer übergeht. In einer extrem dynamisierten Gesellschaft bleibt dem Konservatismus mit Armin Nassehi nur die Wahl zwischen dem Ewiggestrigen, das die AfD besetzt, und Merkels defensiver Modernisierung, die alles abräumt. Eine positive konservative Gesellschaftsvision fehlt dazwischen. De Weck setzt auf die zweite Spur und lobt Merkel; Schmitts Frage nach Biebricher zielte genau auf diese Lücke. Beide sind sich einig, dass die Wähler lieber das Original als die Kopie nehmen.

→ Arlie Hochschild — Stolen Pride: Scham, Verlust und der Aufstieg der Rechten

De Wecks Kumulierung der Kontrollverluste ist Hochschilds gestohlener Stolz im großen Maßstab, vom Kohlerevier auf den ganzen Westen übertragen. Hochschild zeigt aber auch, was de Weck im selben Atemzug tut: Wer die Gekränkten als Machos beschämt, liefert den Moment, auf den das Zurückbrüllen wartet. Und ihre Beobachtung, dass die Empörungsökonomie der Liberalen Komplizin des Rituals ist, liest sich wie eine Fußnote zu seinem Lob der Langeweile.

→ Simone Weil — Aufmerksamkeit, die seltenste Großzügigkeit

Am selben Wochenende in Lüneburg sprachen Mae Bengert und Barbara Bleisch über Weils Aufmerksamkeit als negative Anstrengung, ein Aussetzen des eigenen Denkens. De Wecks Satz, Aufregung sei das Gegenteil von Aufmerksamkeit, ist die medienkritische Kehrseite davon. Wo Weil die Aufmerksamkeit eine Großzügigkeit nennt, nennt de Weck die Großzügigkeit eine Sache von Humor und Unbekümmertheit. Beide meinen eine Haltung, die man üben muss und die eine Aufregungsökonomie systematisch verhindert.

→ Annette Dittert — Dear Britain: Großbritannien als Europas Frühwarnsystem

Dittert hat aus London berichtet, was de Weck an Boris Johnson nur in einem Satz streift: wie die Tories Farage kopierten und sich aus der Existenz kopierten. Ihr verzweifelter Appell an die CDU und de Wecks Plädoyer laufen auf dieselbe Warnung hinaus. Dittert fügt hinzu, was bei de Weck nur Andeutung bleibt: Ohne eine demokratische konservative Mitte wird das ganze Gefüge instabil, gleich wie man zu ihr steht.

→ Warum wählen Menschen Autoritäre?

Das wachsende Panorama sammelt die Forschung, an der sich de Wecks Thesen messen lassen. Unter Was holt Wähler zurück? steht der Befund zum Kopieren, der ihm recht gibt, und der zur Mäßigung durch Einbindung, der in beide Richtungen schneidet. Unter Warum im Osten doppelt so viel? stehen die Altersdaten aus Sachsen-Anhalt, die seiner Hawes-Lesart widersprechen. Und Ist der Backlash der Preis des Fortschritts? ist die Frage, auf die seine Kontrollverluste eine Antwort sind.

→ Carsten Brosda — Nächste Demokratie?

Am selben Konferenzwochenende biegt Brosda den Deliverism vom Inhalt auf die Frist um: Die Lücke zwischen Versprechen und Erfüllung sei kein Scheitern, sondern der Ansporn.

→ Oschmann und Kowalczuk — Kränkung oder Freiheitsschock

Kowalczuk geht gegen den Deliverism von der Bürgerseite an: Kretschmers „wenn das System nicht liefert“ hält er für das Problem selbst, denn Demokratie sei keine Dienstleistung. Hawes' tausendjährigen Osten brauchen weder er noch Oschmann.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Wenn konservativ heißt: demokratisch, in kleinen Schritten, korrigierbar, was bleibt dann am Konservativen, das ein Sozialdemokrat oder eine Grüne nicht auch unterschreiben würde? Ist de Wecks Konservatismus am Ende ein Tempo ohne Inhalt, und wäre das ein Mangel oder seine Stärke?
  • Haidt sagt, Konservative sähen Wahrheiten über Ordnung und Loyalität, die Liberale unterschätzen. Welche dieser Wahrheiten lässt de Wecks Definition unbesetzt liegen, und wer hebt sie dann auf?
  • De Weck nennt das Liefern von Ergebnissen notwendig, aber unzureichend, und gibt den Rechtsautoritären zugleich zwanzig Jahre, weil sie nicht liefern. Woran würde man erkennen, ob eine Regierung an ihren Ergebnissen scheitert oder an ihrem fehlenden Gemeinschaftsgefühl?
  • Wem nützt die Erzählung, der Osten sei schon immer anders gewesen, und wem die Gegenerzählung, er sei nur gekränkt worden? Was müsste eine deutsch-deutsche Verständigung tun, die keine von beiden braucht?
  • Aufregung ist das Gegenteil von Aufmerksamkeit. Was hast du in der letzten Woche mit Aufregung gelesen, und was mit Aufmerksamkeit, und woran merkst du den Unterschied?

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

Warum wählen Menschen…Roger de WeckDenkerVitaCarsten BrosdaNächste Demokratie?Aladin El-MafaalaniMisstrauensgemeinschaften und…Simone WeilAufmerksamkeit, die seltenste…Wolfgang M. SchmittDenkerVitaWie kann Demokratie…Andreas PüttmannWerte NEU DENKENJonathan HaidtDie moralischen Wurzeln von…Steffen MauTriggerpunkte: Konsens und…Rechtspopulismus und der…Robin CelikatesFaschisierung, Hoffnung und die…Sigl-Glöckner & KaczmarczykGeld ist genug da?Stephan Marks und Aladin…Unter der Wut die Scham?Henrike von Scheliha und…Susanne BoshammerWas heißt verzeihen?Roberto SimanowskiSprachmaschinen und der…Maja Göpel und Jagoda MarinićVertrauen, utopisch?Mithu Sanyal und Şeyda KurtEntgegenkommen, wenn es…Harald Welzer und Barbara…Großzügigkeit und Gegenwärtigkeit

zehn gedachte Verweise · zehn geteilte Quellen, die noch niemand verlinkt hat · 7 weitere nicht gezeigt

verlinktdieselbe Quelle, nie verlinkt
▶
bei 0:00schließen P