Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Bernhard Pörksen (1969, Freiburg im Breisgau) — Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Geprägt durch die Begegnung mit Heinz von Foerster und Humberto Maturana, verbindet er Konstruktivismus, Systemtheorie und Kommunikationspsychologie zu einer konkreten Bildungsvision für die vernetzte Gesellschaft. Sohn des Sprachwissenschaftlers Uwe Pörksen.

Wichtigste Werke: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners (1998), Die große Gereiztheit (2018), Die Kunst des Miteinander-Redens (2020), Zuhören (2025) Kernkonzepte: Filterclash, Redaktionelle Gesellschaft, Ich-Ohr/Du-Ohr, Medienmündigkeit


Biografie

Pörksen wächst in einer Familie auf, die von Sprache lebt: Sein Vater Uwe Pörksen ist Sprachwissenschaftler und Schriftsteller, seine Mutter Publizistin, die die Werke des Paracelsus übersetzt, sein Bruder wird Dramaturg und Filmemacher. Die sprachkritische Tradition liegt gewissermaßen im Familienerbgut.

Studium der Germanistik, Journalistik und Biologie in Hamburg. Auf Einladung von Ivan Illich Forschungsaufenthalte an der Penn State University — eine frühe Prägung durch herrschaftskritisches, systemisches Denken. Parallel arbeitet er als Journalist, was ihm die Praxisnähe zum Medienbetrieb verschafft, die sein Werk durchzieht.

Der Wendepunkt kommt 1996: Der 27-jährige, „unglückliche Volontär” hört einen Vortrag von Heinz von Foerster in Hamburg, führt ein Interview — und schreibt dem 87-jährigen Kybernetiker in einem „Anfall von Größenwahn” einen Brief: Können wir ein Buch zusammenschreiben? Von Foerster ruft an: „Wann können Sie kommen?” Pörksen kündigt, bereitet sich drei Monate auf Konstruktivismus und systemisches Denken vor, verbringt drei Wochen auf einem Hügel bei San Francisco mit ihm — und komponiert daraus Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Diese Erfahrung des Gelingens von Kommunikation prägt sein gesamtes Werk.

Dissertation (1999) über Feindbilder in neonazistischen Medien — geschrieben im Schatten von Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda. Die Schlüsselfrage: Wie verwandelt man rein über Sprache andere in Feinde? Die Antwort zeigt den Weg von der Etikettierung über die Dehumanisierung zur Enthemmung der Gewalt.

Seit 2008 Professor in Tübingen, 2008 „Professor des Jahres”. In den folgenden Jahren schreibt er Dialogbücher mit Humberto Maturana und Friedemann Schulz von Thun — immer auf der Suche nach den Gelingensbedingungen von Kommunikation.


Bücher & Publikationen


Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

  1. Filterclash statt Filterblase: Wir leiden nicht unter algorithmischer Isolation, sondern unter dem permanenten Aufeinanderprallen verschiedener Weltbilder — das erzeugt die „große Gereiztheit” als Grundstimmung der Netzgesellschaft.
  2. Redaktionelle Gesellschaft: Jeder Bürger muss zum eigenen journalistischen Gatekeeper werden — Medienmündigkeit als zentrale Bildungsaufgabe des 21. Jahrhunderts.
  3. Konstruktivismus als Korrektiv: Der Konstruktivismus ist keine Heilslehre, sondern ein Werkzeug gegen Dogmen — eine „Philosophie der Unterlegenen”, die in Zeiten des Wahrheitsrelativismus selbst ein Gegenkorrektiv braucht.
  4. Du-Ohr-Zuhören: Die Frage „In welcher Welt stimmt das, was der andere sagt?” ist der kategorische Imperativ gelingender Kommunikation — und ein anderes Wort für Offenheit.
  5. Respektvolle Konfrontation: Die Zukunftstugend liegt nicht im permanenten Dialog, sondern in der Fähigkeit, Positionen scharf zu kritisieren, ohne Personen abzuwerten — hit the ball, not the player.

Politische Einordnung

Liberal-progressiv, deliberativ-demokratisch. Kein Parteipolitiker, sondern öffentlicher Intellektueller mit Bekenntnis zu Diskurs und Aufklärung. Verteidigt sowohl Meinungsfreiheit als auch die Pflicht zur verantwortungsvollen Kommunikation. Kritisiert Teile der progressiven Bewegung für Belehrungshaltung, ohne den Populisten das Feld zu überlassen.


Verbindungen zu anderen Denkern

  • Maja Goepel — Gemeinsamer Auftritt im NEU-DENKEN-Podcast; beide verbindet das Interesse an Gelingensbedingungen gesellschaftlicher Transformation
  • Heinz von Foerster — Mentor, Konstruktivismus-Prägung
  • Humberto Maturana — Dialogpartner, systemisches Denken
  • Friedemann Schulz von Thun — Freund und Ko-Autor, Kommunikationspsychologie
  • Niklas Luhmann — Systemtheorie als Bezugsrahmen

Gedankenwelten-Notes