Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Suraj Milind Yengde (1988, Nanded, Maharashtra) — Dalit-Gelehrter, Autor des Bestsellers Caste Matters (2019) und Mitherausgeber von The Radical in Ambedkar (2018). Aufgewachsen in armen Verhältnissen einer ambedkaritischen Dalit-Familie — „I grew up in slum”, sagt er selbst —, führte sein Weg über Jura in Nanded, einen LLM in Birmingham und eine Promotion an der Witwatersrand-Universität (Johannesburg, 2016) an die Harvard Kennedy School und das Hutchins Center for African & African American Research; 2025 folgte der DPhil in Oxford (Dalit-Black Worlds). Seit Januar 2026 Assistant Professor of History and Africana Studies an der University of Pennsylvania.

Biografie

Suraj Yengde wächst in Nanded auf, einer Stadt im Marathwada-Hinterland Maharashtras, in der Enge und Armut einer Dalit-Gemeinschaft — und zugleich in ihrem Reichtum: Die Familie ist ambedkaritisch-buddhistisch, und die zwei Bücher, die man Kindern seiner Nachbarschaft als Siegprämie schenkte, wenn sie einen Wettbewerb gewannen, waren Annihilation of Caste auf Marathi und The Buddha and His Dhamma. Ambedkar ist für Yengde kein angelesener Studiengegenstand, sondern Erbstück — der Geburtstag Babasahebs war, wie er erzählt, das größte Fest seiner Kindheit.

Die Bildungsbiografie ist eine Treppe, die es für Kinder seiner Herkunft eigentlich nicht gab: Jura in Nanded, dann als erster aus seiner Gemeinschaft ins Ausland — LLM an der University of Birmingham, anschließend die anthropologische Promotion an der University of the Witwatersrand in Johannesburg (2016), wo er über Migration und Arbeit forschte. Der südafrikanische Umweg ist kein Zufall, sondern Programm: Yengde denkt Kaste von Anfang an im Dreieck Indien–Afrika–afroamerikanische Welt. In Harvard (Kennedy School, Shorenstein Center, später Hutchins Center for African & African American Research) wird er zur öffentlichen Stimme; er gehört zum Gründungsteam der Initiative for Institutional Anti-Racism and Accountability (IARA). 2025 schließt er in Oxford seinen DPhil ab — die Dissertation trägt den programmatischen Titel Dalit-Black Worlds: An Intellectual History of Race and Caste. Seit Januar 2026 lehrt er als Assistant Professor of History and Africana Studies an der University of Pennsylvania (Ford Foundation Presidential Fellow).

Daneben schreibt er unermüdlich: Seine Kolumne „Dalitality” im Indian Express war nach eigener Angabe die einzige dezidiert Dalit-zentrierte Meinungskolumne der indischen Printmedien (heute als Substack „My Dalitality” fortgeführt), dazu über 180 Essays in mehreren Sprachen.

Bücher & Publikationen

  • Caste Matters (Penguin Viking, 2019) — der Bestseller, mit Vorwort-Nähe zu Cornel West; von The Hindu unter die „Best Non-Fiction Books of the Decade” gewählt → genialokal
  • The Radical in Ambedkar: Critical Reflections (hrsg. mit Anand Teltumbde; Penguin Allen Lane, 2018) — preisgekrönte Anthologie zu Ambedkars radikalem Erbe → genialokal
  • Caste: A Global Story (C. Hurst / Oxford University Press / Allen Lane, 2025) — Kaste als globales Phänomen, von den Indenture-Arbeitern der Karibik bis zu Wanderarbeitern im Nahen Osten → genialokal
  • Ambedkar-Biografie (Juggernaut, angekündigt)
  • Kolumne „Dalitality” im Indian Express · Substack „My Dalitality”

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Dalitality — Dalit-Sein ist eine eigene epistemische und ästhetische Perspektive, nicht bloß ein Opferstatus: „Dalit als neuer politischer und epistemischer Horizont.”
  2. Kaste ist global. Sie ist kein indisches Sonderphänomen, sondern reist mit Migration, Diaspora und Arbeit — und steht in struktureller Parallele zum Anti-Schwarzen-Rassismus (Dalit–Black solidarity, der „Harlem-Moment” der Dalits).
  3. Ambedkar radikal lesen. Gegen die Ikonisierung: Annihilation of Caste ist ein lebendiger, unerledigter Auftrag — Kaste kann nur vernichtet, nicht reformiert werden.
  4. Kaste ist ein Geisteszustand („not a barbed wire”) — sie wird in Familien reproduziert (Eltern als „caste cops”); Befreiung beginnt beim Verlernen, zu Hause.
  5. Liebende Dalit-Ästhetik statt bloßer Anklage — eine bejahende Kultur der Würde, Kunst als zentrales Medium der Bewegung; zugleich wachsende Skepsis gegenüber jedem amerika-zentrierten Blick, auch dem antikapitalistischen.

Politische Einordnung

Yengde steht in der progressiven, ambedkaritischen Anti-Kaste-Linken: scharfer Kritiker des Brahmanismus und der Hindutva (die er als Brahmanisierung der Politik liest), Verteidiger der Reservierungspolitik als „eines der raffiniertesten Umverteilungsinstrumente” — und zugleich unbequem gegenüber den eigenen Reihen, etwa wenn er „Ambedkar Godism” kritisch seziert oder die Assimilation der indischen Kommunisten in die EWS-Quote geißelt. International ist er anschlussfähig an Black Studies und postkoloniale Diskurse (Cornel West, Du Bois-Tradition). Auszeichnungen u.a.: GQ India „25 Most Influential Young Indians” (2021), Dr. Ambedkar Social Justice Award (Kanada, 2019), Finalist Sahitya Akademi Yuva Puraskar.

Verbindungen zu anderen Denkern

  • B.R. Ambedkar — sein Lebensthema: Yengde liest Ambedkar nicht als Studienobjekt, sondern als Erbstück; The Radical in Ambedkar und die kommende Biografie machen ihn zu einem der wichtigsten Ambedkar-Vermittler seiner Generation.
  • Silvia Rivera Cusicanqui — beide denken den inneren Kolonisator, den die Unabhängigkeit nie mitmeinte, und misstrauen der metropolitanen Theorie über die eigene Befreiung.
  • S.N. Goenka — der Gegenpol im Haus des Buddha: Navayanas „Buddha mit offenen Augen” gegen den Weg nach innen — dieselbe Quelle, zwei Befreiungsbegriffe.
  • Abdolkarim Soroush — Reform von innen vs. Sprengung und Exodus: zwei Strategien gegenüber einer Religion, die Unrecht heiligt.
  • Erich Fromm — der Kastenstatus als Haben ohne Besitz; Ambedkars tätiger Buddha als Sein-Modus in sozialer Aktion.
  • W.E.B. Du Bois & Cornel West — die Dalit-Black-Brücke ist Yengdes biografischer roter Faden (Oxford-Dissertation Dalit-Black Worlds; West schrieb das Vorwort-Umfeld zu Caste Matters).

Cortex-Notes