Quelle A: Reason, Freedom and Democracy in Islam (Kenyon College, 2014, ~108 Min.) Quelle B: Discussion on Revelation, Reform, and Secularism (American Academy of Religion, 2011, ~95 Min.)

Wer spricht?

Abdolkarim Soroush (1945, Teheran) — iranischer Religionsphilosoph, Reformdenker und pro-demokratischer Aktivist. Eine der unwahrscheinlichsten intellektuellen Biografien unserer Zeit: Als junger Mann studierte er Pharmazie in Iran, dann analytische Chemie in London, dann Wissenschaftsphilosophie am Chelsea College — und kehrte 1979 nach der Islamischen Revolution als überzeugter Revolutionsanhänger in sein Land zurück.

Khomeini selbst ernannte ihn in den Cultural Revolution Council, jenes Gremium, das die nach der Revolution geschlossenen Universitäten wieder öffnen sollte. Soroush trug zum Aufbau des islamischen Bildungssystems bei — und wurde in den 1990ern zu seinem schärfsten Kritiker. Er gründete die Zeitschrift Kean, veröffentlichte dort Artikel über religiösen Pluralismus und die Grenzen des Gottesstaates, bis die Regierung ihn 1995 mit Lehr- und Publikationsverbot belegte. 1996 soll Ajatollah Khamenei ihn in einer Rede schärfer angegriffen haben als die USA oder Israel.

Erasmus-Preis 2004. Time Magazine — Top 100 einflussreichste Intellektuelle der Welt (2005). Lehre an Harvard, Princeton, Columbia und Georgetown. Im Exil.

Hauptwerke: Qabz va Bast (Kontraktion und Expansion des religiösen Wissens), Reason, Freedom and Democracy in Islam (Oxford University Press, 2000), The Expansion of Prophetic Experience (Brill, 2009) Kernkonzepte: Historizität religiösen Wissens, Kontingenz der Offenbarung, minimales Glaubensfundament, Reform von innen

DenkerVita


Die unsichtbare Reformation

▶ 16:13 — Soroush beginnt seinen Vortrag mit einer ungewöhnlichen Behauptung: Was die Medien über den Islam zeigen — Gewalt, IS, Fundamentalismus — ist real, aber es ist nicht das Wichtigste, was gerade passiert. Darunter, für westliche Öffentlichkeiten unsichtbar, verläuft seit über hundert Jahren eine andere Bewegung:

„There is an invisible, underground movement in the Islamic world which usually we do not notice because our media do not actually let us know about it — and that is a movement of religious reform in the Islamic land.”

Diese Reformbewegung ist intellektuell, gelehrt, religiös — und vollständig von autoritären Regierungen unterdrückt. Die meisten ihrer Vertreter sind mit Lehrverboten belegt, ins Exil getrieben oder bedroht. Soroush zählt zu ihnen — und er versteht seine Arbeit als Teil einer jahrhundertealten Tradition, die er bis zu den Mu’taziliten zurückverfolgt: jene frühe islamische Schule, die im 8. Jahrhundert die Unabhängigkeit der Vernunft von der Offenbarung lehrte. Die Moral ist erkennbar ohne Religion. Gut und Böse sind objektive Qualitäten des Verstandes.

▶ 19:17 — Die Fundamentalisten, sagt Soroush, begehen einen kategorialen Fehler: Sie wollen zum Samen zurück, der die Religion war. Aber der Samen ist längst eine Erde, ein Garten. Man kann nicht zurück:

„Religion is like a seed which has been cultivated by the prophet at his time — but now in the soil of history it’s grown, it’s a very big tree, not only a big tree but a big garden. We are now living in this garden and we are not going back to the original seed.”

Weitergedacht

Wenn das Bild stimmt — der Garten wächst und niemand kann ihn zurückpflanzen — wer entscheidet dann, was im Garten erlaubt ist und was nicht? Wer ist Gärtner?


Qabz va Bast — Kontraktion und Expansion

▶ 8:00 — Soroushs erstes großes Werk unterscheidet zwei Dinge, die im religiösen Diskurs regelmäßig verwechselt werden: Religion und das Verstehen von Religion.

Religion, in den Augen der Gläubigen: heilig, göttlich, widerspruchsfrei, heilsbringend.

Das Verstehen von Religion — also das, was wir als religiöses Wissen bezeichnen: historisch, widersprüchlich, veränderlich, menschlich. Es unterliegt denselben Entwicklungsgesetzen wie alle anderen Wissenssysteme.

„I made a separation, a distinction between two things: religion on the one hand and understanding of religion on the other. Although in the eyes of religious people religion is sacred, heavenly, without contradiction — none of these characteristics can be assigned to religious knowledge.”

Die politische Implikation ist unmittelbar: Ein Staat, der seine Herrschaft auf eine Interpretation des heiligen Textes gründet, begeht einen epistemischen Fehler. Er verwechselt menschliches Verstehen mit göttlichem Willen. Soroush war damit nicht abstrakt philosophisch — er zielte auf die Iranische Republik, die genau das beanspruchte: die einzig wahre Auslegung des Islams zu verkörpern.

▶ 10:18 — Ein Schlüsselsatz aus diesem Werk, der sein ganzes Denken trägt:

„According to the Muslim belief, the last prophet has come. But the last interpreter of his book has not yet come — and there will be no last or final interpreter of the book.”

Eigene Einschätzung

Das ist einer der wichtigsten philosophischen Sätze zur Religionskritik aus dem Inneren einer religiösen Tradition. Soroush sagt nicht: Die Religion ist falsch. Er sagt: Kein Mensch hat Zugang zur unverstellten Religion. Was wir haben, sind immer Interpretationen — und Herrschaft, die das verleugnet, ist Tyrannei, die sich sakraler Autorität bedient. Das ist eine Form von Kant (Grenzen der Vernunft) angewandt auf islamische Theologie.


Offenbarung als Regen — Die Kontingenz des Heiligen

▶ 14:55 — Zehn Jahre später macht Soroush den nächsten und radikaleren Schritt. Es genügt ihm nicht mehr zu sagen, dass unser Verstehen von Religion historisch ist. Er argumentiert nun, dass Religion selbst und die Offenbarung selbst historisch sind.

Der Ausgangspunkt ist eine schlichte aristotelische Metaphysik, die er auf zwei Prinzipien reduziert:

  1. Alles in der Natur ist natürlich — auch Seelen werden leiblich, werden naturalisiert.
  2. Alles in der materiellen Welt ist durch Zeit und Materie bedingt — das ist Historizität.

Wenn Propheten Menschen sind (und der Koran besteht darauf), dann geschieht Offenbarung in der Natur. Und alles, was in der Natur geschieht, ist historisch bedingt. Soroush formuliert das mit einem unvergeslichen Bild:

„Revelation is like raining. Rain comes from the heavens — it is unpolluted, uncontaminated. But the moment it falls on the ground, it becomes polluted. It cannot be helped. By the same token: you won’t have a pure revelation on earth. It is always naturalized. It is always historicized.”

▶ 32:33 — Dies bedeutet nicht, dass Soroush die Offenbarung leugnet. Er glaubt an sie — und das ist der entscheidende Unterschied zu den westlichen Orientalisten, die er würdigt, aber von denen er sich abgrenzt: Sie nähern sich dem Islam von außen, ohne Glauben. Soroushs Methode ist von innen, mit Glaube und Liebe:

„I come from within a believer’s community — I not only believe in Prophet Muhammad myself but I love him. And therefore what I say, although it might seem a little bit detached, I can distance myself from my love and discuss things more objectively.”

Eigene Einschätzung

Dieser Punkt ist zentral und wird oft übersehen: Soroushs Kritik ist keine Religionskritik im westlichen Sinne (Feuerbach, Marx, Freud — die Religion von außen auflösen). Es ist Theologie von innen. Vergleichbar mit den christlichen Theologen der historisch-kritischen Bibelforschung. Das macht ihn für die Hardliner gefährlicher, nicht harmloser — weil er die Waffe der Schrift selbst gegen das Establishment wendet.


Kontingentes und Wesentliches im Koran

▶ 52:24 — Soroushs kontroverseste These: Der Koran enthält accidentals — Zufälliges, Kontingentes — und essentials — Wesentliches. Und das Verhältnis ist nicht zu Gunsten des Wesentlichen.

Als Beispiele für Kontingentes nennt er: Die Sure über Abu Lahab (den Feind des Propheten) hätte nicht existiert, wenn es ihn nicht gegeben hätte. Die Verse über den Vorwurf der Unzucht gegen Aischa wären nie offenbart worden, wenn Feinde des Propheten diesen Vorwurf nicht erhoben hätten. Beschreibungen von Schlachten fehlen, wenn die Schlachten nicht stattgefunden hätten. Und dann dieser Gedanke:

„Had the prophet lived more than he lived — he was 63 when he died — the Quran would have become much longer than this. Perhaps a second volume would have come.”

Das Wesentliche hingegen ist minimal: die Einheit Gottes (Tawhid), das Prophetentum Muhammads, die Auferstehung, die Ziele der Scharia (Schutz von Leben, Glauben, Vernunft, Nachkommen, Eigentum). Über das Kontingente darf gestritten werden — in einem Gespräch mit Nasr Hamid Abu Zayd war Soroush der Meinung, auch die arabische Sprache sei kontingent: Wäre Muhammad in Deutschland geboren, würde der Islam auf Deutsch sprechen.

Weitergedacht

Wenn fast alles im Koran kontingent ist — welche Konsequenz hat das für die Scharia? Kann Soroush einem gläubigen Muslim überzeugend erklären, warum er trotzdem beten, fasten und die Pilgerfahrt antreten soll?


Islam und Demokratie — kein Oxymoron, keine Ableitung

▶ 23:53 — Eine der klarsten und am häufigsten missverstandenen Thesen Soroushs:

Demokratie lässt sich nicht aus dem Islam ableiten. Kein modernes Konzept — weder Demokratie noch Menschenrechte noch politische Freiheit — lässt sich aus irgendeiner Religion ableiten, egal ob Islam, Christentum oder Buddhismus. Der Versuch ist gescheitert und war von Anfang an verfehlt.

„None of these modern concepts can be derived — can be extracted — from any religion whatsoever, be it Christianity, Islam, Judaism, Buddhism. None of this concept you can find in the religion.”

Trotzdem ist die Kombination von Islam und Demokratie kein Widerspruch. Denn der Verbindungspunkt liegt anderswo: in der Gerechtigkeit. Alle Religionen kennen und fordern Gerechtigkeit. Demokratie ist — in der Moderne — die beste bekannte Methode, Gerechtigkeit umzusetzen für Menschen, die ihr Recht auf Rechte betonen. Die Brücke ist nicht theologisch, sondern praktisch-ethisch.

▶ 50:53 — Hier liegt auch Soroushs scharfsinnigste kulturdiagnostische Beobachtung: Alle Religionen sprechen die Sprache der Pflichten, nicht der Rechte. Die Sprache der Rechte ist modern. Die Deklaration der Menschenrechte ist von 1948. Demokratie als politisches System ist auf Rechte gebaut — deshalb findet man sie nicht in religiösen Texten, die 1400 Jahre alt sind.

„The language of all religions is the language of obligations, not the language of rights. Democracy is a politics based on human rights, not human obligation. That is why democracy cannot be derived from any religious text.”

Eigene Einschätzung

Das ist philosophisch sauber und politisch mutig. Soroush räumt auf mit zwei gegensätzlichen Irrtümern: dem islamistischen (“der Islam enthält die Demokratie bereits”) und dem westlichen Fundamentalismus (“Islam und Demokratie sind unvereinbar”). Er zeigt: Beides ist falsch, aber aus verschiedenen Gründen. Muslime können demokratisch leben — wenn sie Gerechtigkeit wollen, nicht weil ihre heiligen Texte Mehrheitsabstimmungen vorschreiben.


Die Pflicht zur Reformation — und ihr Preis

▶ 64:45 — Soroushs Schlusswort ist das eines Mannes, der weiß, was es kostet, diese Dinge zu denken und zu sagen:

„All religions should be sources of meaning of life. If they do not give you a meaning for your life, then they are not worth it. It is the obligation of religious reformers to bring religion to life — to make it compatible with the modern way of life, to eradicate the corruptions.”

Er selbst hat diesen Preis bezahlt: Berufsverbot in seinem Heimatland, Exil, physische Bedrohungen. Kollegen, die dieselbe Arbeit taten — Nasr Hamid Abu Zayd aus Ägypten, Muhammad Arkoun aus Algerien, Muhammad al-Jabri aus Marokko — wurden ebenfalls vertrieben, manche gerichtlich verfolgt (Abu Zayd wurde per Gericht von seiner Frau zwangsgeschieden, weil man ihn zum Apostaten erklärte). Alle drei starben 2010. Ein einziges Jahr.

Soroush überlebt, im Exil, weiter schreibend, weiter lehrend. Das ist seine Form des Widerstands.

Weitergedacht

Soroush reformiert den Islam von innen — aus Liebe, sagt er. Aber kann ein Reformer, der im Exil lebt und für dessen Ideen im Heimatland Buchverbote gelten, wirklich von innen wirken? Oder ist die Reform — sobald sie aus dem Exil kommt — strukturell eine Reform von außen?


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung und in den Vorträgen genannt:

  • Reason, Freedom and Democracy in Islam: Essential Writings of Abdolkarim Soroush (Oxford University Press, 2000) — das verarbeitete Hauptwerk
  • The Expansion of Prophetic Experience (Brill, 2009) — Basis für Video B; englische Übersetzung der Aufsätze zur Offenbarungshistorizität
  • Qabz va Bast (Kontraktion und Expansion des religiösen Wissens) — Hauptwerk auf Persisch; auf Arabisch zugänglich (Beirut)
  • Nasr Hamid Abu Zayd — ägyptischer Reformdenker, Freund Soroushs; 2010 verstorben. Werke zur Koran-Hermeneutik
  • Muhammad Arkoun (Algerien, 1928–2010) — islamischer Reformdenker; Humanwissenschaften und Islam
  • Berggruen Institute — Soroush 2004 Erasmus Prize — Kontext der internationalen Anerkennung

Verbindungen

scobel — Foucault: Aufklärung als Haltung

Foucaults Kernunterscheidung zwischen Dogma und kritischer Haltung spiegelt Soroushs These direkt: Beide trennen das historisch-kontingente Wissen über Religion vom religiösen Kern — und plädieren für Aufklärung von innen, nicht als äußere Absage. Für Foucault ist Aufklärung eine Ethos, keine Epoche; für Soroush ist Reform eine Berufung, kein Systemwechsel.

Michel Foucault

Foucaults Machtanalytik des Diskurses erklärt, warum Soroushs Qabz va Bast so brisant ist: Wer das Verstehen kontrolliert, kontrolliert die Religion. Die iranische Staatstheologie ist in Foucaults Begriffen eine Diskursmacht, die sich als transzendente Wahrheit tarnt — Soroush demontiert genau diese Tarnung.

Erich Fromm — Haben oder Sein

Fromm befreit die prophetische jüdische Tradition von ihrer institutionellen Erstarrung und verbindet Marx mit Meister Eckhart. Derselbe intellektuelle Schritt wie Soroush: das Wesentliche einer religiösen Tradition vom Historischen und Institutionellen trennen. Reform aus Liebe zur Tradition, nicht Bruch mit ihr.

Walther Ziegler — Rawls in 60 Minuten

Rawls’ “Overlapping Consensus” ist das westlich-liberale Komplement zu Soroushs Befund: Demokratie kann nicht aus dem Islam abgeleitet werden — aber Muslime können sich, wie alle anderen, auf gemeinsame Gerechtigkeitsprinzipien einigen. Soroush kommt philosophisch zum selben Ergebnis, aber von innen der Tradition.

John Rawls

Rawls’ “Public Reason” ist der westliche Versuch derselben Übersetzungsarbeit, die Soroush von innen betreibt: Wie kann religiöse Überzeugung — mit ihrer Sprache der Pflichten — im pluralistischen öffentlichen Raum sprechen, ohne zu dominieren? Soroush beantwortet es epistemologisch; Rawls politisch-philosophisch.

Sternstunde Philosophie — Der Iran-Krieg und die Geopolitik der Gegenwart

Soroushs intellektuelle Biografie — Verfolgung, Lehrverbot, Exil — ist der persönliche Hintergrund zu dem, was diese Note strukturell analysiert: wie das Regime der Islamischen Republik jeden Versuch einer innerislamischen Reform vernichtet. Geopolitik und Epistemologie greifen ineinander.

Spur: Iran — hat der Krieg das Regime gestärkt?

Soroush ist das Gegenmodell zur Spur-These: Wandel reift von innen. Wenn der äußere Krieg das innere Reformfenster zugeschlagen hat, ist sein Weg genau das, was die Intervention zerstörte.

Konfuzius

Strukturell analoges Problem: Wie bewahrt man den lebendigen Kern einer Tradition gegen ihre institutionelle Erstarrung? Konfuzius trennt Ritual (Li) von echter Mitmenschlichkeit (Ren) — Soroush trennt kontingente Koraninterpretation vom wesentlichen Glaubensfundament. Reform als Rückkehr zum Kern, nicht als Bruch.

Silvia Rivera Cusicanqui — Dekolonisierung und lo Chixi

Dieselbe Grundbewegung in einer anderen Welt: Reform nicht als Import von außen, sondern als Arbeit am Eigenen von innen. Cusicanqui dekolonisiert die Subjektivität durch die Aymara-Episteme, wie Soroush den Glauben durch seine eigene Tradition — beide gegen die doppelte Front aus heimischer Orthodoxie und westlicher Bevormundung, beide mit dem Preis des Bruchs mit der eigenen Institution.

Soroush und Heck — Politische Tradition des Islam

Die Schwester-Note: dort die politische Seite desselben Denkens — was folgt aus fehlbarem religiösem Wissen für Staat, Gesetz und Identität? Soroushs Drei-Phasen-Lesart der islamischen Zivilisation, die These „Häresie entsteht erst durch Macht”, im Dialog mit dem katholischen Islamwissenschaftler Paul Heck — samt dem wunden Punkt, an dem die Reform an die Autorität der Gelehrten stößt (Georgetown 2008).


Suraj Yengde — Annihilation of Caste

Reform vs. Exodus: Wo Soroush den Glauben von innen erneuert und Wesenskern von historischem Ballast trennt, richtet Ambedkar (in Yengdes Lesart) das Dynamit auf die heiligen Texte selbst und verlässt den Hinduismus 1956 mit Hunderttausenden. Zwei Antworten darauf, ob eine Unrechtsordnung durch Neulesen ihrer Schriften heilbar ist.

Souleymane Bachir Diagne — Der Philosoph als Uebersetzer

Diagnes „Koran des Pluralismus” (Verschiedenheit, „damit ihr einander kennenlernt”; der Wettstreit in guten Taten) ist die übersetzungsphilosophische Fassung von Soroushs religiösem Pluralismus: Beide retten das Universale von innen gegen den Absolutismus — Soroush theologisch, Diagne über die Gastfreundschaft zwischen den Sprachen.

Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Soroush sagt: Religiöse Erkenntnis ist menschlich und damit veränderlich — aber dann: Wer entscheidet, was sich verändern darf und was das unveränderliche Fundament ist? Und ist diese Entscheidung nicht selbst wieder eine menschliche, kontingente?
  • Er unterscheidet “Kontingentes” und “Wesentliches” im Koran — aber welche Methode schützt diese Unterscheidung davor, politisch missbraucht zu werden? Wer sagt heute: das ist kontingent, das ist essentiell?
  • Soroush reformiert aus Liebe zum Propheten und zum Glauben. Byung-Chul Han würde vielleicht fragen: Ist Kritik aus Liebe noch Kritik — oder ist sie schon Apologie?
  • Wenn Demokratie nicht aus dem Islam ableitbar ist, sondern aus dem Konzept der Gerechtigkeit: Was hindert dann einen Muslim, eine andere Form der Gerechtigkeit zu bevorzugen — zum Beispiel Scharia-basiert — solange er ehrlich glaubt, dass sie gerechter ist?
  • Soroush im Exil, seine Werke in Iran verboten: Ist das ein Scheitern seiner Strategie — oder der Beweis, dass sie wirkt?