Biografie
Ulrike Herrmann (*13. Januar 1964, Hamburg) ist eine deutsche Wirtschaftsjournalistin und Publizistin. Sie ist seit 2000 Redakteurin bei der taz und seit 2006 Wirtschaftskorrespondentin — eine Position, die ihr Sichtbarkeit in der deutschsprachigen Mediendebatte gab.
Werdegang:
- Lehre als Bankkauffrau bei der Bayerischen Vereinsbank
- Henri-Nannen-Journalistenschule (renommierte Journalismusschule)
- Studium: Geschichtswissenschaft und Philosophie, Freie Universität Berlin
- Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Körber-Stiftung
- Pressesprecherin der Hamburger Gleichstellungssenatorin Krista Sager (Bündnis 90/Die Grünen)
- taz: zunächst Leiterin Meinungsredaktion und Parlamentskorrespondentin, ab 2006 Wirtschaftskorrespondentin
- Vorstandsmitglied der taz-Verlagsgenossenschaft (2008–2014)
Politische Orientierung: CDU-Mitglied (1984–1989), später Bündnis 90/Die Grünen (Mitgliedschaft seit 2021 ruhend). Sie ist kritischer Intellektueller ohne strikte Parteigebundenheit.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Älter werden, Neues wagen (mit Martina Wittneben) | 2008 | Portraits älterer Menschen, die Ruhestandsstereotype widerlegen |
| Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht | 2010 | Kritische Analyse: Mittelschicht sieht sich als Elite, obwohl sie abzugleiten droht; Lobbyisten fördern diesen Selbstbetrug |
| Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam | 2013 | Historische Genese des Kapitalismus; scharfe Begriffsunterscheidung: Markt ≠ Geld ≠ Kapital |
| Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie | 2016 | Kritik an Neoklassik als „quasi-religiösem Dogma”; Rehabilitation klassischer Ökonomen (Smith, Marx, Keynes) |
| Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen. Warum es kein Wunder ist, dass wir reich geworden sind | 2019 | Dekonstruktion der Wirtschaftswunder-Legende; Kritik an Export- und Sparorientierung |
| Das Ende des Kapitalismus: Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind | 2022 | Kernwerk zu „grünem Schrumpfen”; Britische Kriegswirtschaft 1940 als Modell einer geplanten Schrumpfung durch Rationierung |
| Geld als Waffe. Wie die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet | 2026 | Geopolitik durch ökonomische Linse: Autokratien greifen zu Krieg, wenn wirtschaftlich schwach |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Ulrike Herrmann — Jung & Naiv: Folge 605 (Das Ende des Kapitalismus) — Tiefgehendes Interview zu Wachstumskritik und Kriegswirtschaft (2022)
- Ulrike Herrmann im Salon — taz Talk meets Buchmesse Leipzig 2026 — Diskussion zu „Geld als Waffe” auf der Leipziger Buchmesse
- Ulrike Herrmann — Missverstehen Sie mich richtig! — ZDF-Gesprächsformat über Kapitalismuskritik und Klimakrise (2023)
- taz Salon über Kriegswirtschaft: Geld als Waffe — Podiumsdiskussion mit taz-Redaktion (2026)
- Energiewende, Grünes Schrumpfen und Ökoenergie-Grenzen — YouTube-Vortrag zu erneuerbaren Energien und Wachstumsgrenzen
Kernthesen
1. Grünes Schrumpfen statt grünes Wachstum
Herrmanns zentrale These: Wirtschaftswachstum und Klimaschutz sind strukturell unvereinbar. Die Hoffnung auf „Entkopplung” (Wachstum ohne Ressourcenverbrauch) ist eine Illusion — Kapitalismus muss wachsen, um zu überleben. Die einzige ehrliche Antwort auf die Klimakrise ist eine demokratisch kontrollierte Schrumpfung durch geordnete Rationierung.
Historisches Modell: Britische Kriegswirtschaft ab 1940 — eine Marktwirtschaft mit staatlicher Lenkung, bei der Firmenbesitz erhalten blieb, aber Manager/Besitzer Staatsquoten erfüllen mussten und Güter nach Bedarf (nicht Kaufkraft) verteilt wurden. Soziale Akzeptanz durch gleichmäßige Rationierung, nicht durch Zwang.
2. Geld als Waffe — Ökonomie erklärt Geopolitik
Neuere These: Autokratische Staaten (Russland, China) greifen zu Krieg, weil sie wirtschaftlich schwach sind. Krieg dient als Ablenkungsmanöver von innenpolitischen Krisen. Wirtschaftliche Stärke (westliche Allianzen, Dollardominanz) ist das eigentliche strategische Schachbrett — nicht ideologische oder historische „Gründe”.
3. Strukturelle Kapitalismusanalyse
- Wachstumszwang ist konstitutiv für Kapitalismus, nicht Politikfehler
- Neoklassische Ökonomie ist ein dogmatisches System, das die Klassiker (Smith, Marx, Keynes) verdrängt hat
- Unterscheidung Markt ≠ Geld ≠ Kapital — ihre Verwischung ist Quelle gravierender Missverständnisse
- Mittelschicht-Selbstbetrug: Sie wähnt sich in der Elite, während sie abzugleiten droht
4. Keynes-orientierte Wirtschaftspolitik
Post-keynesianisch orientiert; kritisch gegenüber:
- Exportorientierung Deutschlands (nicht nachhaltig)
- Restriktiver Geldpolitik (Austerität)
- Dogmatischer Marktwirtschaft ohne Lenkung
Politische / ideologische Einordnung
Links-kritischer Intellektueller — nicht Marxist, aber systemkritisch. Sie verbindet:
- Kapitalismuskritik (strukturell, nicht konjunkturell)
- Wachstumskritik (als notwendiger Bestandteil der Klimadebatte)
- Demokratische Planung (Kriegswirtschaft als Vorbild, nicht Stalinismus)
- Progressives Verständnis von Geld/Ökonomie (gegen libertäre und neoliberale Dogmen)
Kontrovers: Marktliberale Think Tanks kritisieren ihre Kriegswirtschaftsthese als „extremer als viele Sozialisten sie fordern würden”. Auch Links-progressive Kritiker (Karl-Martin Hentschel, Grüne) bemängeln ihre Fokus auf Zwang/Verzicht ohne Raum für innovative Lösungen.
Positionierung: Unabhängig, aber grünen Positionen näher als SPD; seit 2021 Grünen-Mitgliedschaft ruhend — ein Statement zu journalistischer Unabhängigkeit.
Verbindungen zu anderen Denkern
(wird von Montaigne befüllt — hier leer lassen)
Auszeichnungen & Anerkennung
- 2015: Preis für Wirtschaftspublizistik der Keynes-Gesellschaft (für taz-Beiträge)
- 2019: Otto-Brenner-Preis (Spezial) — „für ihren kritischen und pointierten Wirtschaftsjournalismus mit gutem Gespür für Sozialstaatlichkeit”
Gedankenwelten-Notes
Weiterdenken
Was Aristoteles vielleicht gefragt hätte
- Wenn Wachstum konstitutiv für Kapitalismus ist — wie könnte eine Wirtschaftsform aussehen, die absichtlich schrumpft, ohne in autoritäre Lenkung zu verfallen?
- Herrmann nennt die britische Kriegswirtschaft 1940 als Modell für “demokratische Rationierung” — aber gilt das nur für existenzielle Krisen (Krieg, Klimanotstand), oder ist es ein Dauerzustand?
- Stimmt ihre Diagnose, dass Autokratien zu Krieg greifen, weil sie wirtschaftlich schwach sind — oder vereinfacht das die geopolitischen Motive (NATO-Expansion, Taiwan, ressourcenstrategische Interessen)?
- Wer kontrolliert die “Rationierung” in ihrer Überlebenswirtschaft? Und unterscheidet sich das qualitativ von totalitärer Planwirtschaft?
- Können westliche Demokratien sich ein “grünes Schrumpfen” leisten, solange China und Indien weiter wachsen?












