Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Prof. Dr.-Ing. Volker Quaschning (*1969) — Professor für Regenerative Energiesysteme an der HTW Berlin (seit 2004), Autor des deutschen Standardwerks Regenerative Energiesysteme. Mitinitiator von Scientists for Future (2019), betreibt mit seiner Frau Cornelia den YouTube-Kanal und den Podcast „Das ist eine gute Frage”. Träger des Deutschen Solarpreises. Einer der reichweitenstärksten Wissenschaftskommunikatoren der Energiewende — und einer, der sich bewusst als aktivistischer Wissenschaftler versteht: Klimaschutz ist für ihn keine neutrale Fachfrage, sondern moralische Verpflichtung.

Biografie

Quaschning kam von der Ingenieurseite zur Energiewende, nicht von der Aktivistenbühne. Er studierte Elektrotechnik in Karlsruhe, promovierte an der TU Berlin und arbeitete am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) an solarthermischen Kraftwerken — Photovoltaik und Sonnenenergie waren seine Sache lange bevor sie Schlagzeilen machten. 2004 wurde er auf die Professur für Regenerative Energiesysteme an die HTW Berlin berufen, wo er über Jahre auch Studiengangssprecher der Erneuerbaren war.

Der eigentliche Bruch in seiner öffentlichen Rolle kam später. Aus dem Verfasser eines trockenen, viel zitierten Lehrbuchs — Regenerative Energiesysteme erscheint inzwischen in elfter Auflage und steht in halben Ingenieurbibliotheken des Landes — wurde ein Mann, der komplizierte Technik auf YouTube erklärt, als säße man mit ihm am Küchentisch. Der Kanal zählt mehr als eine Million Aufrufe pro Jahr. 2019 gehörte er zu den Initiatoren von Scientists for Future, jener Wissenschaftler-Stellungnahme, die den Schülerprotesten von Fridays for Future ihre fachliche Rückendeckung gab.

Ungewöhnlich für die deutsche Wissenschaftslandschaft ist die Rolle seiner Frau: Cornelia Quaschning, ausgebildete Informatikerin und seit Jahren selbst Klimaschutz-Aktivistin, steht in den Videos und im gemeinsamen Podcast „Das ist eine gute Frage” (Start 2020) gleichberechtigt neben ihm — die Wissenschaftskommunikation als Duo, nicht als Solo-Autorität.

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Regenerative Energiesystemelfd. (11. Aufl.)Das deutschsprachige Standard-Lehrbuch zu Technologie, Berechnung und Simulation erneuerbarer Energien — Grundlage für Studium und Praxis
Erneuerbare Energien und Klimaschutz2021 (6. Aufl.)Das Sachbuch für ein breites Publikum: Hintergründe, Fakten, Perspektiven — der zugänglichere Bruder des Lehrbuchs
Energierevolution jetzt!2022Mit Cornelia Quaschning. Mobilität, Wohnen, grüner Strom und Wasserstoff: Was führt aus der Klimakrise heraus — und was nicht? Konkrete Wege, wie Deutschland die Pariser Klimaziele noch einhalten könnte

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  • Sektorenkopplung — alles elektrifizieren. Strom, Wärme und Verkehr sind keine getrennten Welten. Der Weg aus der Klimakrise führt über die Elektrifizierung von allem: Wärmepumpe statt Gasheizung, E-Auto statt Verbrenner, alles gespeist aus erneuerbarem Strom. Wer die Sektoren einzeln denkt, rechnet sich die Energiewende künstlich schwer.

  • Photovoltaik ist die billigste Energiequelle der Geschichte. Solarstrom ist heute an vielen Orten die günstigste Form der Stromerzeugung, die die Menschheit je hatte — der ökonomische Fall für die Erneuerbaren ist längst gewonnen, nicht nur der ökologische.

  • Das 1,5-Grad-Budget verlangt ein anderes Tempo. Nicht das Ob der Energiewende ist die Frage, sondern das Wie schnell. Das verbleibende CO₂-Budget lässt keine gemächlichen Zielkorridore bis 2045 zu — es verlangt einen Faktor-Sprung im Ausbautempo, jetzt.

  • Wasserstoff nur, wo es nötig ist — nicht im Heizungskeller. Grüner Wasserstoff ist knapp und teuer und gehört dorthin, wo es keine bessere Lösung gibt (Industrie, Teile der Chemie, ggf. Flugverkehr). Ihn als Heizungs- oder Pkw-Lösung zu verkaufen, ist meist ein Ablenkungsmanöver, das echte Elektrifizierung verzögert.

Politische Einordnung

Quaschning macht kein Geheimnis daraus, dass er nicht nur beschreibt, sondern eingreifen will. Als Mitinitiator von Scientists for Future vertritt er ein Wissenschaftsverständnis, in dem Fachleute sich einmischen dürfen — ja müssen —, wenn die Faktenlage eindeutig und die politische Reaktion unzureichend ist. Klimaschutz ist für ihn kein Meinungsthema, sondern eine physikalische Randbedingung, über die man nicht verhandeln kann.

Das trägt ihm regelmäßig den Vorwurf ein, er sei „Aktivist statt Wissenschaftler” — Kritiker (vor allem aus dem fossil-nahen und wirtschaftsliberalen Lager) werfen ihm vor, seine Rolle als Professor mit politischer Werbung zu vermischen. Fair betrachtet steht dahinter eine echte Debatte über die Grenze zwischen wissenschaftlicher Autorität und politischem Engagement — eine Grenze, die Quaschning bewusst und offen überschreitet, ohne sie zu verschleiern. Seine fachlichen Aussagen zur Technik der Erneuerbaren sind dabei selten das Angriffsziel; umstritten ist die Haltung, nicht die Rechnung.

Verbindungen zu anderen Denkern

Claudia Kemfert

Die natürliche Schwesterstimme — wo Quaschning die Systemtechnik der Erneuerbaren erklärt, liefert Kemfert die energieökonomische Kostenrechnung. Beide teilen die Überzeugung, dass die Vollversorgung machbar ist und das Hindernis der politische Wille ist, und beide zahlen den Preis der öffentlich angefeindeten Wissenschaftler. Technik und Ökonomie derselben These.

Michael Sterner

Sterner ist der Speicher- und Power-to-Gas-Spezialist zu Quaschnings Sektorenkopplung. Sie ergänzen sich fast lückenlos: Quaschning elektrifiziert alles, Sterner zeigt, wie überschüssiger Ökostrom gespeichert und für die schweren Fälle in Wasserstoff verwandelt wird — beide einig, dass Wasserstoff nicht in den Heizungskeller gehört.

Maximilian Fichtner

Fichtner liefert die Batterie- und Speicherforschung, die Quaschnings „alles elektrifizieren” erst tragfähig macht. Wo Quaschning das System denkt, arbeitet Fichtner an der Zelle — die materialwissenschaftliche Grundlage dafür, dass Elektromobilität und Netzspeicher die Erneuerbaren-Schwankung auffangen.

Jan Hegenberg

Verwandte Rolle in der Wissenschaftskommunikation: Hegenberg („Der Graslutscher”) entkräftet mit Zahlen die gängigen Energiewende-Mythen, wie Quaschning es aus der Ingenieursperspektive tut. Beide bekämpfen dieselben Verzögerungs-Narrative — der eine polemisch-datengetrieben, der andere lehrbuchhaft-erklärend.

Andreas Löschel

Die produktive Reibung: Löschel argumentiert marktökonomisch und technologieoffen, wo Quaschning auf raschen, gezielten Erneuerbaren-Ausbau drängt. Löschel würde eher auf CO2-Preis und Instrumentenneutralität setzen, Quaschning auf physikalische Dringlichkeit und Tempo — ein echter Dissens über das Wie, nicht das Ob.

Ulrike Herrmann

Der grundsätzliche Gegenpol: Quaschning glaubt, die Erneuerbaren könnten den Wohlstand technisch tragen, wenn man nur schnell genug ausbaut. Herrmann bezweifelt genau das und fordert Schrumpfung statt grünes Wachstum. Ihre Reibung markiert die offene Kernfrage — reicht die regenerative Vollversorgung für die Welt, die wir gewohnt sind?

Cortex-Notes