Biographischer Snapshot
Wer spricht?
Claudia Kemfert (*1968 in Delmenhorst) ist Deutschlands bekannteste Energieökonomin — seit 2004 leitet sie die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und lehrt als Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg. Sie rechnet vor, dass die Energiewende keine teure Zumutung ist, sondern ökonomisch die vernünftigere Wahl — und zahlt für diese Klarheit den Preis der öffentlichen Wissenschaftlerin: Beifall von der einen, organisierte Anfeindung von der anderen Seite.
Biografie
Kemfert wuchs in Delmenhorst auf, einer Kleinstadt am Rand von Bremen — keine Herkunft, die eine Karriere als meistzitierte Energieökonomin des Landes vorzeichnet. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Bielefeld und Oldenburg, ging für einen Abschnitt an die Stanford University in Kalifornien und promovierte 1998. Es folgten Stationen als Wissenschaftlerin in Stuttgart und am renommierten Fondazione Eni Enrico Mattei in Mailand — ausgerechnet ein von einem Ölkonzern gestifteter Thinktank, was ihr später die Ironie erspart hätte, könnte man meinen; tatsächlich lernte sie dort früh die Modellierung von Energiemärkten von innen.
Seit April 2004 leitet sie am DIW Berlin die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt — eine der einflussreichsten Positionen der deutschen Energieforschung. Parallel hält sie eine Professur für Energieökonomie und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg. Von 2016 an gehörte sie dem Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) an, dem wissenschaftlichen Beratungsgremium der Bundesregierung, und übernahm dort zeitweise den stellvertretenden Vorsitz.
Bekannt wurde sie über die Fachwelt hinaus als Erklärerin: Zahllose Talkshow-Auftritte, Zeitungskolumnen und seit 2021 der „Kemferts Klima-Podcast” (MDR), in dem sie alle zwei Wochen aktuelle Klimaforschung, Energiepolitik und die Strategien der fossilen Industrie seziert. Diese Sichtbarkeit hat einen Preis. Kemfert gehört zu den Wissenschaftlerinnen, die für ihre Positionen systematisch angegriffen werden — von koordinierten Kampagnen der fossilen Lobby über Klagen bis zu persönlichen Diffamierungen. Sie hat das öffentlich gemacht und daraus einen eigenen Gegenstand ihrer Arbeit gemacht: wie Desinformation und Einschüchterung als Werkzeuge eingesetzt werden, um wissenschaftliche Evidenz aus der Debatte zu drängen.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Das fossile Imperium schlägt zurück | 2017 | Wie die fossile Industrie die Energiewende mit Desinformation, Lobbyismus und Verzögerungstaktik bekämpft — eine frühe Anatomie der Gegenkräfte. |
| Mondays for Future | 2020 | Klimaschutz als ökonomische Chance — Antwort auf die Fridays-for-Future-Bewegung mit den harten Zahlen dahinter. |
| Schockwellen | 2023 | Nach dem russischen Angriffskrieg: Wie fossile Abhängigkeit zur geopolitischen Erpressbarkeit wird — und warum die Energiewende die eigentliche Sicherheitspolitik ist. |
| Weitere Titel und Fachpublikationen | — | Gesamtübersicht der Bücher von Claudia Kemfert bei genialokal. |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
| Titel | URL | Beschreibung |
|---|---|---|
| Kemferts Klima-Podcast (Playlist) | YouTube / MDR | Das zentrale Format — alle zwei Wochen zu Klimaforschung, Energiepolitik und den Strategien der fossilen Industrie. |
| Die neuen Lügen der Ölkonzerne | YouTube | Kemfert erklärt die aktuellen Greenwashing-Strategien der Öl- und Gaskonzerne. |
| Viele Hitzetote: Was läuft in Deutschland falsch? | YouTube | Die gesundheitlichen Folgen der Erderwärmung — und das politische Versagen bei der Anpassung. |
| Dekarbonisierung der Kraftwerksflotte | YouTube | Fachvortrag zum Umbau des deutschen Kraftwerksparks (August 2023). |
| Offizielle Website | claudiakemfert.de | Vorträge, Publikationen, Termine. |
Kernthesen
- Die Energiewende ist ökonomisch rational, kein Luxus. Erneuerbare Energien sind heute die günstigste Form der Stromerzeugung; die Kosten des Nichtstuns (Klimaschäden, Importabhängigkeit, verpasste Wertschöpfung) übersteigen die Investitionen bei Weitem. Klimaschutz ist Wirtschaftsförderung, nicht ihr Gegner.
- Fossile Abhängigkeit ist geopolitische Erpressbarkeit. Wer Öl und Gas importiert, macht sich von Autokratien abhängig — der russische Angriffskrieg hat vorgeführt, was das kostet. Energiewende ist damit auch Sicherheits- und Friedenspolitik (Kernargument von Schockwellen).
- Brückentechnologie-Mythen verzögern. Erdgas als „Brücke”, CCS als Rettung für fossile Kraftwerke, ein Comeback der Atomkraft — für Kemfert sind das teure Ablenkungen, die den nötigen Ausbau der Erneuerbaren bremsen und die Abhängigkeit verlängern. Die „Brücke” führe meist zurück ins Fossile.
- Eine Vollversorgung aus Erneuerbaren ist machbar. Mit Wind, Sonne, Speichern, Netzausbau und Sektorkopplung lässt sich ein klimaneutrales Energiesystem realisieren — das Hindernis sei nicht die Technik, sondern politischer Wille und die Gegenwehr etablierter Interessen.
- Desinformation ist Teil des Geschäftsmodells. Die Verzögerung der Energiewende wird aktiv organisiert — Kemfert macht die Mechanik der fossilen Gegenkampagnen selbst zum Forschungs- und Aufklärungsgegenstand.
Politische Einordnung
Kemfert argumentiert wissenschaftsbasiert und klar pro Energiewende — ihre Position ist keine parteipolitische, sondern folgt dem energieökonomischen Forschungsstand, den sie in Modellen und Studien vertritt. In der öffentlichen Wahrnehmung gilt sie dennoch als Gegenspielerin der fossilen Industrie und wird entsprechend zugeordnet; Angriffe kommen vor allem aus dem Umfeld von Öl-, Gas- und Atomlobby sowie aus energiepolitisch konservativen und rechtspopulistischen Milieus.
Fairerweise gehört dazu: Nicht jede Kritik an Kemfert ist Lobbyismus. Es gibt fachliche Kontroversen — etwa über die Kosten von Vollversorgungs-Szenarien, die Rolle von Reservekapazitäten und Speichern, den Umgang mit Versorgungssicherheit in Dunkelflauten oder die Frage, wie schnell der Ausbau realistisch skaliert. Kemfert steht am optimistischen Ende dieses Spektrums; ihre Szenarien sind seriös, aber sie sind ein Punkt in einer wissenschaftlichen Debatte, kein abgeschlossener Konsens. Die Unterscheidung zwischen ehrlichem fachlichem Dissens und interessengeleiteter Desinformation ist dabei selbst umkämpft — und ein Kern ihrer Arbeit.
Verbindungen zu anderen Denkern
→ Volker Quaschning
Das engste Bündnis — beide rechnen vor, dass die Vollversorgung aus Erneuerbaren machbar und ökonomisch die vernünftigere Wahl ist. Quaschning liefert die ingenieurwissenschaftliche Systemtechnik (Photovoltaik, Speicher, Sektorkopplung), Kemfert die energieökonomische Kostenrechnung. Zwei Disziplinen, dieselbe Botschaft: Das Hindernis ist nicht die Technik, sondern der politische Wille.
→ Michael Sterner
Sterner ergänzt Kemferts Kostenargument um die Speicher- und Power-to-Gas-Frage — genau jene Dunkelflauten-Lücke, die Kritiker gegen ihre Szenarien ins Feld führen. Wo Kemfert die Brückentechnologie-Mythen als Verzögerung entlarvt, zeigt Sterner technisch, wie das erneuerbare System die vermeintlichen Lücken selbst schließt.
→ Andreas Löschel
Die produktive Spannung im Fach: Löschel argumentiert stärker marktökonomisch und instrumentenoffen (CO2-Bepreisung, Technologieneutralität), wo Kemfert auf gezielten Erneuerbaren-Ausbau und politische Steuerung setzt. Beide sind seriöse Energieökonomen — ihr Dissens markiert genau die fachliche Kontroverse, die Kemfert von interessengeleiteter Desinformation unterscheidet.
→ Maja Göpel
Beide verbinden Ökonomie mit Zukunftsfähigkeit, aber auf verschiedenen Ebenen. Kemfert liefert die harten Energie-Zahlen, Göpel den transformativen Rahmen — die Frage, welchen Wohlstand und welches Wirtschaftssystem die Wende überhaupt tragen soll. Evidenz und Sinnhorizont greifen ineinander.
→ Silke Stremlau
Stremlau bringt die Finanzierungsseite: Wie lenkt man Kapital in die nachhaltige Transformation? Kemfert zeigt, dass die Energiewende sich rechnet — Stremlau, wie das Geld dorthin fließt. Zwei Hälften desselben Arguments, dass Klimaschutz und Ökonomie keine Gegner sind.
→ Ulrike Herrmann
Der schärfste Gegenpol im eigenen Lager: Beide wollen die fossile Wirtschaft überwinden, aber Kemfert glaubt an grünes Wachstum durch Erneuerbare, während Herrmann bezweifelt, dass eine vollständig regenerative Vollversorgung den heutigen Wohlstand tragen kann, und für Schrumpfung plädiert. Die Reibung verläuft an der Machbarkeitsfrage der Energiewende selbst.
Cortex-Notes
- Claudia Kemfert — Ist die Abhängigkeit vom Öl unser Untergang? (Der Standard)
- Volker Quaschning — Sprit-Abzocke und Ölabhängigkeit
- MONITOR — Energiewende rückwärts? Katharina Reiche und der E.ON-Lobbyismus
- Michael Sterner — Soeders Energie-Irrtum Faktencheck
- Mario Buchinger — Es gibt keine Renaissance der Kernenergie
- Presseclub — Reiches Energiewende
- Energie
Erstellt: 2026-07-07 Quellen: claudiakemfert.de · DIW Berlin — Personenprofil · Kemferts Klima-Podcast (MDR)












