Wer spricht?

Xavier Abu Eid (geb. 1985 in Santiago de Chile) ist palästinensischer Politikwissenschaftler, Publizist und ehemaliger Berater des PLO-Verhandlungsteams. Er studierte Politikwissenschaft mit dem erklärten Ziel, „Palästina zu befreien”, brauchte zwölf Jahre, um seine palästinensische Identitätskarte zurückzuerlangen, und hat den Weg durch alle völkerrechtlichen Instanzen tatsächlich beschritten — Internationaler Gerichtshof, Strafgerichtshof, Sicherheitsrat, Generalversammlung. Sein Buch über palästinensische Christen ist die erste englischsprachige Gesamtdarstellung des Themas von palästinensischer Hand.

Biografie

  • Beruf / Fachgebiet: Politikwissenschaftler, Autor, Kommunikationsberater; ehemals PLO-Verhandlungsabteilung mit Schwerpunkt Siedlungen, Jerusalem und christliche Belange
  • Geburtsjahr / Nationalität: 1985, Santiago de Chile — palästinensischer Christ aus einer Familie aus Beit Jala bei Bethlehem
  • Herkunft: Bethlehem und Beit Jala haben seit über hundert Jahren eine große Auswanderergemeinde in Chile — eine der größten palästinensischen Diasporas weltweit. Seine Familie ging nach der Nakba 1948; der größere Teil darf bis heute nicht zurückkehren, weil Israel das Melderegister kontrolliert
  • Studium: BA Politikwissenschaft, Universidad Diego Portales, Santiago
  • 2008: Praktikum bei der Verhandlungsabteilung der PLO während eines Heimatbesuchs, danach Anstellung — von der Pressemitteilung bis zum Diplomaten- und Journalisten-Briefing
  • Zwölf Jahre dauerte der Kampf um seine eigene palästinensische Identitätskarte
  • Heute: nicht mehr Teil des politischen Establishments („es gibt einen Grund, warum ich nicht mehr im System bin”), sondern unabhängiger Analyst; lebt in Bethlehem, wählt in Ramallah

Bücher & Publikationen

  • Rooted in Palestine: Palestinian Christians and the Struggle for National Liberation 1917–2004 (Dar al-Kalima University Press, Bethlehem, 2022) — die erste englischsprachige Studie zum Thema von einem palästinensischen Autor. Zeichnet die Rolle palästinensischer Christen von der Mandatszeit bis in die Gegenwart nach, über Bildung (Edward Said, Hanan Aschrawi), Recht (Camille Mansour), Menschenrechtsarbeit und PLO-Führung (George Habasch)

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Zwei Optionen seit Oktober 2023. Entweder die Welt schützt das regelbasierte internationale System und schreitet ein — „das hat nichts mit pro-israelisch oder pro-palästinensisch zu tun” — oder sie zerstört es durch Straflosigkeit
  2. Gegen den bewaffneten Kampf, aber kein Pazifist. Das Recht auf Widerstand gegen Besatzung existiert völkerrechtlich; entscheidend sei aber, ob ein Weg gangbar ist. „Wenn man dazu verurteilt ist, der Nachbar der anderen Seite zu sein, sollte man über die künftige Beziehung nachdenken”
  3. Der 7. Oktober als vorhersehbare Rechnung. Er sagte noch am selben Abend rund 12.000 palästinensische Tote voraus — „tötest du einen Israeli, sind es tausend Palästinenser” — und traf in den ersten Wochen jede Zahl. „Man muss kein Experte sein. Es war so klar”
  4. Rechenschaft für beide Seiten. Als der Strafgerichtshof Haftbefehle gegen Netanjahu und Hamas-Führer erließ, hätte man sie für alle durchsetzen müssen. „Es fehlt nicht an Werkzeugen, es fehlt am Willen”
  5. Deutschland ist das europäische Nadelöhr. Es zahlt Projekte und blockiert zugleich jedes gemeinsame EU-Handeln; rund 20 % der europäischen Agrarimporte aus Israel stammen aus Siedlungen, und die vom EuGH 2019 verlangte Kennzeichnung wird nicht umgesetzt — „Sie sind sehr streng darin, mir zu sagen, ob ein Ei bio ist”
  6. Korruption ist real und wird instrumentalisiert. Er bestreitet das Problem der eigenen Führung nicht, benennt aber seine Funktion im Gespräch mit Europäern: Ablenkung von der Besatzung
  7. Ein Staat mit gleichen Rechten wäre annehmbar — „die einzige moralische Alternative zur Zweistaatenlösung”. Was Israel baue, sei dagegen „ein Staat mit zwei Systemen”

Politische / ideologische Einordnung

Steht in der säkular-nationalen, PLO-nahen Tradition palästinensischer Politik, nicht in der islamistischen. Kritisiert Hamas’ Oktober-Angriff klar als Angriff auf Zivilisten und verweist auf Umfragen, wonach Menschen in Gaza Hamas-Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen wollen; kritisiert zugleich die eigene Führung für ausgebliebene Wahlen und Einheitslisten. Seine Rhetorik gegenüber deutschen Institutionen ist scharf und stellenweise polemisch — die Charakterisierung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ist ein Werturteil, kein Befund (→ Faktencheck der Note). Seine überprüfbaren Zahlen erwiesen sich dagegen als bemerkenswert präzise.

Verbindungen zu anderen Denkern

  • Sari Nusseibeh — dieselbe Enttäuschung, entgegengesetzter Schluss: Abu Eid fordert äußeren Druck, Nusseibeh hält ihn für nachrangig
  • Dror Etkes — richtet unabhängig von ihm denselben Auftrag an dasselbe deutsche Publikum
  • Adam Johnson — die medienkritische Entsprechung seiner These vom organisierten Wegsehen

Gedankenwelten-Notes