Wer spricht?

Sari Nusseibeh (geb. 1949 in Damaskus) ist Philosoph, ehemaliger Präsident der Al-Quds-Universität und einer der prominentesten Vertreter des gewaltfreien palästinensischen Widerstands. Seine Familie gehört zu den ältesten Jerusalems und verwahrt seit Jahrhunderten den Schlüssel der Grabeskirche. Er hat in Oxford und Harvard studiert, saß drei Monate ohne Anklage in israelischer Haft, und er vertritt Positionen, die auf beiden Seiten unbeliebt sind — darunter die, dass Palästinenser begreifen müssten, warum die Gründung Israels aus israelischer Sicht gerecht erschien.

Biografie

  • Beruf / Fachgebiet: Philosoph (islamische Philosophie, Erkenntnistheorie), Hochschullehrer, Autor, politischer Aktivist
  • Geburtsjahr / Nationalität: Februar 1949, Damaskus — Palästinenser, Jerusalemer
  • Familie: Vater Anwar Nusseibeh, jordanischer Verteidigungsminister und Botschafter. Die Familie Nusseibeh verwahrt seit Jahrhunderten den Schlüssel der Grabeskirche in Jerusalem, weil die christlichen Konfessionen einander die Obhut nicht anvertrauen; die Familie führt ihre Herkunft auf eine Gefährtin des Propheten zurück. Nusseibeh selbst über diese Genealogie: „In dem Maße, in dem man Märchen gern hört”
  • 1971: BA in Philosophie, Politik und Ökonomie (PPE), Oxford
  • 1978: Promotion in islamischer Philosophie, Harvard
  • bis 1990: Dozent für Philosophie an der Universität Birzeit
  • 1987–1990: führende Rolle im gewaltfreien Flügel der ersten Intifada; sein Programm: Entkopplung vom Besatzungssystem plus ziviler Aufbau, mit dem Ziel einer Unabhängigkeitserklärung und anschließender Verhandlungen
  • 1991: drei Monate Administrativhaft im Gefängnis von Ramle, ohne Anklage, unter dem Vorwurf, ein irakischer Agent zu sein. Amnesty International erkannte ihn als gewaltlosen politischen Gefangenen an; auch US-amerikanische und britische Stellen intervenierten
  • ab 1995: Professor für islamische Philosophie und Präsident der Al-Quds-Universität in Jerusalem
  • Heute: lebt in Ost-Jerusalem, in einem alten Familienhaus an der Grenze zwischen Ost und West

Bücher & Publikationen

  • Once Upon a Country: A Palestinian Life (2007) — Memoiren, sein bekanntestes Buch
  • What Is a Palestinian State Worth? (2011) — die philosophische Zuspitzung seiner Position: was ein Staat leisten soll und was nicht
  • Arbeiten zur islamischen Philosophie, teils auf Arabisch

Öffentliche Arbeit & Engagement

  • The People’s Voice (Mifkad Ha’ami) — gemeinsam mit dem früheren Schin-Bet-Chef Ami Ayalon initiierte Volksinitiative für eine Zweistaatenregelung, mit Unterschriftensammlungen auf beiden Seiten
  • Vier-Freiheiten-Preis (Roosevelt Foundation) für sein Engagement

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Die Schahrazad-Lehre. Warum nahm Schahrazad kein Messer mit ins Schlafgemach? Weil der Nachfolger des Königs genauso schlimm gewesen wäre oder schlimmer. Gewalt beendet Gewalt nicht — nur Gespräch, Verständnis, Geduld, „bis sichergestellt ist, dass keine Gewalt nachfolgt”
  2. „Sie müssen die Menschlichkeit im anderen suchen. Und Sie werden überrascht sein.” Ben-Gvir und Smotrich „repräsentieren nicht”; unter der sichtbaren Gewalt liege eine Alltagsrealität funktionierender Beziehungen — Baustellen, Krankenhäuser, Geschäfte
  3. Gegen äußeren Druck. Anders als fast alle anderen Stimmen dieser Debatte hält er internationale Erzwingung nicht für den Schlüssel: Israelis und Palästinenser müssten es selbst lösen, „in ihrer eigenen Zeit” — notfalls über Jahrhunderte
  4. „Vergesst die Rechtsbegriffe.” Zur Genozid-Frage: „Es ist mir gleich, wie Sie es nennen.” Entscheidend seien die Tatsachen und der Plan, Gaza zu leeren. Sein Zynismus gegenüber dem Völkerrecht ist erfahrungsgesättigt: „Sie sind Werkzeuge, die je nach Interesse benutzt werden”
  5. Die Asymmetrie der Prioritäten. Israelis stellen Sicherheit vor Freiheit, Palästinenser Freiheit vor Sicherheit — „und es wird nie funktionieren”
  6. Rückkehrrecht gegen Staat. Beide Rechte bestehen, aber sie schließen einander aus. Er wählt den Staat — und wirft der eigenen Führung vor, diese Entscheidung faktisch getroffen und den Menschen verschwiegen zu haben
  7. Die Zumutung an die eigene Seite. Palästinenser müssten verstehen, dass die Gründung Israels aus israelischer Sicht „das einzig Gerechte war, das sie tun konnten”
  8. Philosophie ist kein Fach. „In jedem von uns steckt ein kleiner Philosoph. Philosophieren ist Denken. Nehmt euch nicht Kant vor oder Hegel — denkt eure eigenen Fragen”

Politische / ideologische Einordnung

Säkularer palästinensischer Nationalist mit philosophischer Grundierung, konsequent gewaltfrei seit den 1970er Jahren. Positionell schwer einzuordnen, weil er die Lager wechselt, ohne die Haltung zu wechseln: erst Ein-Staat (aus jugendlichem Antikolonialismus), dann Zwei-Staaten (weil die Menschen es wollten), heute pragmatisch offen — sein Zwischenvorschlag lautet, Israel solle den Bewohnern der besetzten Gebiete zunächst schlicht Bürgerrechte geben und die Staatsfrage vertagen. Zerwürfnis mit Mahmud Abbas, den er „einen guten stalinistischen Führer” nennt. Auf palästinensischer Seite gilt er vielen als zu nachgiebig, auf israelischer manchen als Feigenblatt — was seine Position eher stützt als schwächt.

Verbindungen zu anderen Denkern

  • Ami Ayalon — Weggefährte seit Jahrzehnten, gemeinsame Volksinitiative; beide erzählen unabhängig denselben Stammbaum-Dialog
  • Xavier Abu Eid — dieselbe Enttäuschung über das Völkerrecht, entgegengesetzte Konsequenz
  • Chantal Mouffe — Schahrazad als erzählerische Antwort auf Mouffes Frage, wie aus Feinden Gegner werden

Gedankenwelten-Notes