Gedankenraum
Gedanken·17. Oktober 2026

Wir sind keine Propheten — nicht einmal für uns selbst

Wenn wir über die Zukunft sprechen, beschreiben wir oft uns selbst. Eine Prophezeiung ist ein Selbstporträt, in die Zukunft gehängt — und wer sich über seine Haltung definiert, verteidigt mit ihr sich selbst.

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Caspar David Friedrich — Zwei Rückenfiguren stehen auf einem Felsen über dem Nebelmeer und halten je einen leeren Bilderrahmen gegen den Horizont. Im einen Rahmen formt der Nebel eine Werkstatt aus Zahnrädern, im anderen einen blühenden Garten mit Weg. Außerhalb der Rahmen liegt für beide derselbe offene Nebel im Morgenlicht. Friedrich, weil seine Rückenfiguren seit zweihundert Jahren in eine Zukunft schauen, die man nicht sieht — und weil jeder hier sein eigenes Bild in den Rahmen hält.

Prompt: A wide 1200x500 banner painting in the style of Caspar David Friedrich — Romantic oil painting, luminous dawn light, vast sea of fog, quiet awe, fine glazed brushwork, muted blue-grey, rose and pale gold, no text, no lettering, no faces visible. Two small figures seen from behind (Rückenfiguren), a man in a dark coat and another in a lighter coat, stand side by side on a rocky outcrop above an endless sea of mist that stretches to a pale horizon. Each holds up an empty wooden picture frame toward the horizon at arm's length, as if framing the future. Inside the left figure's frame the mist has shaped itself into a faint workshop of interlocking gears and cables; inside the right figure's frame the mist has shaped itself into a blossoming garden with a path. Outside the frames, beyond them, the same open, formless fog continues for both, undivided, softly lit by the rising sun. Stillness, contemplation, the gentle irony of two certainties facing one unknown.

Worum es geht

Wenn wir über die Zukunft sprechen, beschreiben wir oft uns selbst. Eine Prophezeiung ist ein Selbstporträt, in die Zukunft gehängt. Und wer sich über seine Haltung definiert, verteidigt mit ihr sich selbst — auch dann noch, wenn das Leben sie längst bewegt hat. Ein Gedanke, entstanden an der Frage, was die KI uns nimmt und was sie uns gibt. Er reicht weiter als dieses Beispiel.

Entstanden am 17.10.2026, nach einem Gespräch mit einem Freund und beim Hören eines Podcasts, in dem es um KI in der Mathematik ging. Ausgearbeitet im Gespräch mit Claude: Die Erfahrungen sind meine. Wo Claude einen Gedanken beigetragen oder mir widersprochen hat, steht es dabei.


Die Wurzel

Wenn wir über die Zukunft sprechen, sprechen wir oft über uns.

Wir nehmen, was wir heute brauchen, was wir lieben und fürchten, und verlängern es nach vorn. Es klingt wie eine Vorhersage. Meist ist es ein Bild von uns selbst, nur weiter weg aufgehängt.

Die Psychologie hat für einen Teil davon einen Namen. Über 19.000 Menschen zwischen 18 und 68 wurden gefragt, wie sehr sie sich in den letzten zehn Jahren verändert haben und wie sehr sie sich in den nächsten zehn verändern werden. In jedem Alter sagten sie: Bisher viel. Ab jetzt kaum noch. Die Forscher nannten es die Illusion vom Ende der Geschichte (Quoidbach, Gilbert & Wilson 2013, doi:10.1126/science.1229294). Mit zwanzig hält man sich für fertig. Mit fünfzig wieder.

Und dann kommt etwas hinzu, das die Prophezeiung festhält. Wir definieren uns über unsere Haltung. Wer etwas lange und laut vertreten hat, für den ist es nicht mehr nur eine Meinung, es ist ein Stück von ihm. Sie zu ändern, fühlt sich an, als gäbe man sich selbst auf. Also bleiben wir konsistent. Auch dann, wenn die eigene Erfahrung längst in eine andere Richtung zeigt.


Zwei Freuden, zwei Prophezeiungen

Ein Freund von mir liebt das Knobeln. Er arbeitet an Systemen, an dem, was im Hintergrund läuft und nicht ausfallen darf, und die größte Freude ist für ihn, ein Problem zu durchdringen, bis es sich löst. Das will er sich nicht nehmen lassen. Die KI nutzt er trotzdem, als Werkzeug, wo es passt. Ein Gegner ist er nicht. Aber wenn wir darüber sprechen, was sie mit unserer Arbeit macht, klingt er wie jemand, der einen Verlust kommen sieht.

Ich klinge anders. Wenn ich programmiere, genieße ich es, nicht mehr in jedes Detail zu müssen. Ich kann Dinge umsetzen, die ich mir vorher nicht hätte vorstellen können. Meine Kreativität hat mehr Raum. Wenn ich darüber spreche, was die KI mit unserer Arbeit macht, klinge ich wie jemand, der eine Befreiung kommen sieht.

Wir haben beide recht. Über uns.

Claude hat dafür im Gespräch eine Unterscheidung gefunden, die mir geholfen hat: Beim Knobeln ist der Weg das Ziel. Nimmt man den Weg weg, bleibt nichts. Beim Erschaffen ist der Weg ein Mittel. Nimmt man Teile davon weg, bleibt mehr Platz für das, was entstehen soll. Zwei verschiedene Freuden. Zwei verschiedene Bedürfnisse. Und wir arbeiten an sehr verschiedenen Dingen.

Falsch wird es erst in dem Moment, in dem aus für mich ein für alle wird, und aus jetzt ein von nun an. Dann wird aus einem Selbstporträt eine Prophezeiung.

Weitergedacht

Welche Vorhersage über die Zukunft machst du gerade mit großer Sicherheit — und wie viel davon ist eigentlich eine Beschreibung dessen, was du dir wünschst oder was du fürchtest?


Eine Angst, die in Jahrtausenden rechnet

Ich glaube, bei meinem Freund ist es vor allem eine Angst. Dass wir in einem Hype, der im Augenblick fast nur in eine Richtung läuft, menschliche Fähigkeiten aufgeben, die wir uns über Jahrtausende erarbeitet haben. Und dass sie dann womöglich nicht mehr zurückkommen.

Diese Angst ist begründet. Man sollte sie nicht abtun.

Sie ist alt. In Platons Phaidros erzählt Sokrates von einem ägyptischen König, dem die Schrift als Geschenk angeboten wird, als Mittel für Gedächtnis und Weisheit. Er lehnt ab: Sie werde Vergessen in die Seelen bringen, weil die Menschen sich auf das Geschriebene verlassen statt auf das, was sie in sich tragen. Er hatte halb recht. Die großen Gedächtniskulturen, die ganze Epen auswendig weitergaben, gibt es nicht mehr. Dafür kam anderes.

Claude hat mir den Mechanismus genannt, der diese Angst so ernst macht: Man vermisst nicht, was man nie gelernt hat. Wer heute das Knobeln abgibt, spürt noch, dass etwas fehlt. Wer es nie gelernt hat, spürt nichts. Den Verlust bemerkt nur die Generation, die ihn verursacht. Danach ist er unsichtbar, und mit ihm verschwinden die, die ihn bezeugen könnten.

Und doch ist auch diese Angst eine Prophezeiung. Genau wie der Hype, gegen den sie sich richtet. Der eine sieht nur Befreiung kommen, der andere nur Verlust, und beide sprechen über eine Zukunft, die noch niemand kennt. Begründet und prophetisch schließen sich nicht aus. Eine Angst kann recht haben und trotzdem zu früh fertig sein.

Der Unterschied liegt vielleicht darin, ob sie offen bleibt für das, was man unterwegs erlebt.


Der Riss

Bei mir ist das passiert.

Meine eigene Prophezeiung, die von der Befreiung, hat beim Programmieren einen Riss bekommen. Ich habe so viel abgegeben, dass ich oberflächlich wurde. Es gab ein Feature, über das ich so gut wie nichts wusste. Ich konnte es nicht erklären. Nicht einmal, wie die Einstellungen funktionieren.

Das hat mich nach unten gezogen. Und es hat an meinem Selbstverständnis als Programmierer gekratzt.

Seitdem versuche ich, bei der Arbeit nicht mehr zu viel abzugeben. Die Erfahrung war lauter als die Prophezeiung.


Warum es beim Denken anders ist

Hier in den Gedankenwelten nutze ich die KI auch, zum Philosophieren, um ein Thema zu ergründen. Und hier erlebe ich das Verhältnis als ausgewogen. Ich bekomme Impulse, ich denke weiter, ich entscheide. Schon das Nachdenken mit einer anderen Instanz als der eigenen wirkt.

Wahrscheinlich hängt das auch damit zusammen, dass ich mich im Denken schon immer für begabter gehalten habe als im Programmieren. Mit den Programmier-Nerds konnte ich mich nie vergleichen. In einer Diskussion fühle ich mich gleichwertig. Und wo man sich gleichwertig fühlt, gibt man nicht so leicht ab.

Claude hat eine zweite Erklärung danebengestellt: Code hat einen äußeren Test, ein Gedanke nur einen inneren. Code läuft oder läuft nicht, man kann ihn übernehmen, ohne ihn verstanden zu haben. Ein Gedanke hat keinen Compiler. Die einzige Probe ist, ob er einen überzeugt, und das weiß man nur, wenn man ihn selbst gedacht hat.

Kleist hat um 1805 einen kleinen Aufsatz geschrieben, Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. Der Gedanke, schreibt er, ist oft nicht fertig, bevor man spricht. Er entsteht beim Sprechen, mit einem Gegenüber, das dafür nicht einmal klüger sein muss. L'idée vient en parlant. Das erlebe ich hier. Beim Programmieren habe ich Antworten genommen. Hier nehme ich Impulse.

Dann hat Claude mir widersprochen. Auch „bei den Gedankenwelten passiert mir das nicht" sei eine kleine Prophezeiung. Und es stellte dieselbe Frage, die mich beim Programmieren erwischt hatte: Könnte ich die Note von heute erklären, ohne sie aufzumachen?

Da hatte es mich.

Ich lese die Notes meistens nicht einmal mehr ganz durch. Ich feile kaum noch selbst am Text. Früher, als ich noch geschrieben habe, habe ich viel Zeit damit verbracht, eine Nuance hinzuzufügen, die Sprache anzupassen. Das fällt hier fast ganz weg. Wenn ich etwas ändere, dann über Claude.

Und doch fühlt es sich nicht an wie beim Programmieren. Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr geschrieben, und durch dieses Gespräch bekomme ich einen Teil davon zurück. Es ist dem Schreiben ähnlich, nur mit einem direkten Impuls. Ich lege Wert auf meine Worte, aber ich wäge sie im Eingabefenster nicht mehr ab. Manchmal antwortet Claude dann mit etwas, das mir schon bewusst war, das ich aber nicht hingeschrieben hatte. In einem eigenen Text hätte ich es ergänzt.

Entscheidend ist für mich etwas anderes: dass mein Denken angeregt wird. Manchmal mehr, manchmal weniger.

Weitergedacht

Wo nimmst du Antworten, wo Impulse — und woran merkst du den Unterschied, bevor es zu spät ist?


Was gute Gesellschaft hat

Ich denke gern in guter Gesellschaft. Im Gespräch selbst nehmen sich ein Mensch und eine Maschine manchmal wenig. Der Vorteil der Maschine ist, dass sie immer da ist.

Genau darin liegt die Gefahr. Was ständig verfügbar ist, ist bequem, und das Bequeme setzt Anreize. Man verliert das Gesellschaftliche leicht aus dem Blick, wenn das andere so viel einfacher ist.

Claude hat ergänzt, was ihm fehlt: Ein Mensch widerspricht aus einem gelebten Leben. Er erinnert sich beim nächsten Treffen an das, was man gesagt hat. Und er hat etwas zu verlieren. Eine Maschine widerspricht aus Text, vergisst zwischen den Gesprächen und verliert nichts.

Vielleicht ist das auch ein Mittel gegen die eigene Prophezeiung. Ein Gegenüber, das widerspricht. Wer nur mit sich selbst denkt, bestätigt sich selbst.


Fest im Wie, offen im Was

Claude hielt dagegen, dass Beständigkeit auch etwas Gutes ist. Wem man vertraut, der bleibt sich treu. Die Falle liege darin, was man festhält. Es gebe eine Schicht, die bleiben darf: wie man mit Menschen umgeht, wie mit der Wahrheit. Und eine, die sich wandeln darf: die Ansichten, die Prognosen, das Bild davon, was die Maschine mit uns macht. Fest im Wie, offen im Was.

Ich habe das schon einmal aufgeschrieben, ohne es so zu nennen. Über einen alten Text von mir, vor ein paar Monaten:

*„Und es gibt auch heute kein Wort, das ich ändern würde. Und dennoch hat sich meine Welt komplett geändert. Das ist doch erstaunlich und rätselhaft zugleich."


Verbindungen


Weiterdenken

Was übersehe ich?
  • Ich halte mich im Denken für gleichwertig und im Programmieren nicht. Ist das ein Befund — oder auch eine Prophezeiung über mich, die ich seit Jahren konsistent halte?
  • Wenn der Verlust nur von der Generation bemerkt wird, die ihn verursacht: Wer sollte dann entscheiden, was bewahrt werden muss?
  • Mein Freund und ich sehen dieselbe Maschine und prophezeien Gegenteiliges. Was würden wir sehen, wenn jeder einen Monat lang so arbeiten müsste wie der andere?
  • Wenn ein Gegenüber das Mittel gegen die eigene Prophezeiung ist: Was geschieht mit einer Gesellschaft, deren bequemstes Gegenüber nie müde wird und nie etwas zu verlieren hat?

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verlinktdieselbe Quelle, nie verlinkt