Worum es geht

Spätestens 2038 ist Schluss mit der Kohle, und der Strombedarf steigt durch Wärmepumpen, E-Autos und Industrie massiv. Die naheliegende Angst: Ohne neue Gaskraftwerke gehen in der Dunkelflaute die Lichter aus. Diese Note rechnet die Physik nüchtern durch — und zeigt, dass die gefürchtete 104,6-Gigawatt-Lücke über vier Säulen aus dem Bestand schließbar ist, ohne einen einzigen fossilen Neubau. Es ist kein Optimismus, sondern eine Bilanz: Last gegen gesicherte Leistung, sauber zu Ende gerechnet.

Quelle: Wie sichern wir die Stromversorgung 2038 – OHNE neue Gaskraftwerke?

Wer spricht?

„Gutachter Kail – Physik & Fakten” — ein Sachverständiger, der auf seinem YouTube-Kanal energiepolitische Behauptungen anhand der „nackten physikalischen Gesetze” durchrechnet, transparent gegen die Datenbasis des Umweltbundesamtes. Er betreibt aktuell eine Petition gegen den geplanten Neubau fossiler Gaskraftwerke — eine erkennbare, aber offen deklarierte Agenda. Seine Rechnung deckt sich nach eigener Angabe mit den Modellierungen des DIW Berlin und der Energy Watch Group.


Die Zielgröße: 120 Gigawatt, jede Sekunde

▶ 1:34 Erst die Lastseite. Wärmepumpen, E-Autos und die Elektrifizierung der Industrie treiben den Bruttostromverbrauch bis 2038 auf rund 800 TWh/Jahr. Das bedeutet im Winter eine permanente Grundlast von etwa 95 GW — und in der knackig kalten Spitzenstunde schießt der Bedarf auf 120 GW hoch.

Das ist die unverhandelbare Zahl. Diese 120 GW müssen zu jeder einzelnen Sekunde stehen, sonst kippt das Netz. Auf der Erzeugerseite sehen die offiziellen Ausbaupfade bis 2038 rund 320 GW Photovoltaik und 180 GW Wind vor — zusammen 500 GW installierte Nennleistung. Die Verwirrung der ganzen Debatte steckt im Unterschied zwischen diesen beiden Zahlen: 500 GW Nennleistung sind nicht 500 GW gesicherte Leistung. Was zählt, ist nicht der Sonnentag, sondern der schlimmste Moment.

Der schlimmste Moment: zehn Tage Dunkelflaute

▶ 3:09 Das Extremszenario: dichter Nebel, verhangener Himmel, absolute Windstille — über zehn Tage. Der verbreitete Einwand lautet, dann komme „gar nichts mehr an”. Das ist physikalisch falsch, aber die ehrliche Zahl ist ernüchternd:

  • PV: Moderne Module nutzen diffuses Restlicht. Selbst bei dichter Wolkendecke liefern die 320 GW noch knapp 2 % im Peak — 6,4 GW.
  • Wind: Bricht im Extremfall auf 5 % der Nennleistung ein, an Land und auf See zusammen noch 9 GW.

Macht eine verlässliche erneuerbare Einspeisung von rund 15,4 GW im härtesten Winter. Die Bilanz für die Spitzenstunde:

120 GW Bedarf − 15,4 GW Erneuerbare = 104,6 GW Netzlücke

Über die gesamten zehn Tage summiert sich das Defizit auf rund 19,1 TWh Energie. Das ist die Lücke, an der sich die ganze Debatte entscheidet — und genau die Zahl, die das Gaskraftwerk-Argument scharf macht.

Weitergedacht

Wenn schon 2 % Restleistung aus PV verlässlich sind — warum dominiert in der öffentlichen Debatte das Bild der vollständigen Null? Wem nützt es, die Dunkelflaute als totalen Blackout zu erzählen statt als 104,6-GW-Lücke, die man beziffern und füllen kann?

Vier Säulen schließen die Lücke — aus dem Bestand

▶ 3:55 Kails Kernpunkt: Die 104,6 GW lassen sich „logisch und wirtschaftlich” decken — komplett ohne fossile Neubauten.

SäuleBeitragWie
1 — Biomasse-Flexibilisierung8 GWBestehende Biogas-/Biomasseanlagen laufen nicht mehr stumpf durch, sondern werden im Winter gezielt hochgefahren — gesicherte Leistung auf Abruf.
2 — Europäischer Stromimport15 GWÜber die HGÜ-„Gleichstromautobahnen” vertraglich abgesichert, primär skandinavische Wasserkraft.
3 — Batterie-Kaskade & V2GKurzzeitGroßspeicher plus Millionen bidirektional angebundene E-Autos fangen die Tag-Nacht-Wechsel ab — aber nach den ersten Stunden energetisch leer.
4 — H₂-Backup + Tiefengeothermie~82 GWBestehende Gaskraftwerke auf grünen Wasserstoff umrüsten; Tiefengeothermie entlastet das Stromnetz über die Fernwärme.

Säulen 1 und 2 schrumpfen die Spitzenlücke von 104,6 auf knapp 82 GW. Die Batterien (Säule 3) glätten die schnellen Schwankungen, lösen aber nicht die Dauerlast über zehn Tage — Kurzzeitspeicher sind eben kurz.

▶ 5:27 Für die verbleibenden 82 GW Dauerlast braucht es thermische Spitzenlastkraftwerke als reine Systemsicherung. Und hier liegt die Pointe — und der Grund, warum eine Petition gegen neue Gaskraftwerke und das Vertrauen in Gas-Backup kein Widerspruch sind:

„Wir haben in Deutschland bereits über 30 GW an modernen Gaskraftwerken im Bestand. Wir müssen sie nicht neu bauen. Wir müssen diese bestehenden Anlagen auf grünen Wasserstoff umrüsten.”

▶ 6:13 Ergänzt um dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung und Tiefengeothermie — die Stadtwerke München, Schwerin und Hamburg bohren bereits jetzt nach grundlastfähiger Wärme aus 3.000 m Tiefe und speisen sie in die Fernwärmenetze. Das entlastet das Stromnetz im Winter um genau jene Gigawatt, die man sonst teuer rückverstromen müsste.

Der geschlossene Kreislauf: Wasserstoff als Saisonspeicher

▶ 7:00 Womit verbrennen die Backup-Kraftwerke die fehlenden 19,1 TWh? Mit grünem Wasserstoff, der im Sommer bei massiven Stromüberschüssen per Elektrolyse erzeugt und im rund 200 TWh großen Gasnetz zwischengespeichert wird. Das ist der entscheidende konzeptionelle Schritt: Das Problem ist nicht die Jahresmenge an Energie — Sonne und Wind liefern übers Jahr im Überfluss —, sondern die zeitliche Verschiebung vom überschüssigen Sommer in den knappen Winter. Wasserstoff im bestehenden Gasnetz ist der Saisonspeicher, der diese Brücke schlägt.

Damit schließt sich die Rechnung: Sommerüberschuss → Elektrolyse → Gasnetz → Winterrückverstromung im umgerüsteten Bestand. Kein fossiler Neubau, kein „spekulativer Optimismus”, sondern — in Kails Worten — „das thermodynamische Ursache-Wirkungs-Prinzip sauber zu Ende gedacht”.

Eigene Einschätzung

Die Stärke dieser Rechnung ist didaktisch: Sie übersetzt die diffuse Angst vor dem Blackout in eine einzige, prüfbare Zahl — 104,6 GW — und zeigt, dass die Lücke aus vorhandener Infrastruktur stammt, nicht aus fehlender Technologie. Ihre Schwäche ist das Wort „vertraglich abgesichert”: Die 15 GW Skandinavien-Import unterstellen, dass die Nachbarn in derselben europaweiten Dunkelflaute exportieren können und wollen — Wind weht selten nur über Deutschland nicht. Und der grüne Wasserstoff in der nötigen Menge ist 2038 eine ambitionierte Annahme, kein Bestand. Die Note ersetzt also nicht die Debatte über die letzten Prozent — aber sie verschiebt sie vom „ob überhaupt” zum „wie genau”, und das ist der ehrlichere Streit.


Faktencheck

Bestätigt — Strombedarf-Anstieg auf ~800 TWh

Die Größenordnung deckt sich mit etablierten Szenarien. Fraunhofer ISE (REMod) rechnet sogar mit 1.150–1.650 TWh bis 2045; das UBA und die offiziellen Lastprognosen sehen für die späten 2030er einen Bruttostromverbrauch im Bereich 750–850 TWh. Quelle: Fraunhofer ISE — Wege zu einem klimaneutralen Energiesystem

Bestätigt — 100 % Erneuerbare sind modelliert machbar

Mehrere unabhängige Modellierungen (DIW, Energy Watch Group/LUT, Jacobson, Fraunhofer ISE) kommen zum Schluss, dass ein vollständig erneuerbares Stromsystem technisch machbar und kosteneffizient ist. Quelle: LUT/EWG — Global Energy System based on 100% Renewable Energy

Vereinfacht — 15 GW Import „vertraglich abgesichert" in der Dunkelflaute

Stromimport ist ein realer Baustein (60 % der deutschen Importe stammen aus Skandinavien/Dänemark). Aber die Annahme, in einer zehntägigen, großräumigen Dunkelflaute stünden verlässlich 15 GW zur Verfügung, ist optimistisch: Wetterlagen mit Flaute erstrecken sich oft über ganz Mitteleuropa, und Exportländer priorisieren in der Knappheit ihren Eigenbedarf. Die Modelle (Clack et al., PNAS 2017) verorten genau hier — bei den „letzten Prozent” — die teuerste und unsicherste Stelle. Quelle: IEEE Spectrum — Can the U.S. grid work with 100 % renewables?

Vereinfacht — grüner Wasserstoff im Maßstab von 19 TWh/Jahr

Das Konzept (Sommer-Elektrolyse → Gasnetz → Winter-Rückverstromung) ist physikalisch stimmig und Teil seriöser Szenarien. Die Menge — viele TWh grüner Wasserstoff plus die nötige Elektrolyse- und Speicherinfrastruktur — existiert 2026 erst in Ansätzen. Die Annahme ist ein Ausbau-Pfad, kein gesicherter Bestand. Keine unabhängige Quelle widerspricht dem Prinzip; die Unsicherheit liegt im Tempo.

Bestätigt — Tiefengeothermie der Stadtwerke

München (SWM), Schwerin und Hamburg betreiben bzw. bohren aktiv Tiefengeothermie-Projekte für die kommunale Fernwärme. Schwerin speist seit 2023 Geothermie ins Fernwärmenetz; München verfolgt das Ziel klimaneutraler Fernwärme bis 2040. Quelle: Stadtwerke München / Stadtwerke Schwerin (Projektdaten der Versorger).


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung — die wissenschaftliche Daten-Baseline:

  • Umweltbundesamt (UBA) — Fachdaten zur Entwicklung des Bruttostromverbrauchs; Stromverbrauchs-Szenarien & Lastprofile (800 TWh / 120 GW Spitze)
  • DIW Berlin — Studien zur vollständigen Dekarbonisierung des Stromsektors (Modellierung 100 % Erneuerbare)
  • Energy Watch Group (EWG) — wissenschaftliche Modellierungen für autarke, erneuerbare Energiesysteme (rechnet 100 % bereits für 2030 als realistisch vor)
  • Stadtwerke München, Schwerin & Hamburg — technische Daten zur kommunalen Fernwärme-Entlastung durch Tiefengeothermie
  • Petition gegen den Neubau fossiler Gaskraftwerke (openPetition)

Ergänzende Studien (für den Faktencheck herangezogen):


Verbindungen

Energie

Diese Note ist die konkrete Antwort auf die offene Panorama-Frage „Wie sichert man die Versorgung ohne neue Gaskraftwerke?“. Wo das Panorama die politische Blockade dokumentiert (Reiches StromVKG, Batterie-Ausschluss), liefert Kail die physikalische Gegenrechnung: Die Lücke ist beziffert (104,6 GW) und aus dem Bestand schließbar.

Mario Buchinger — Es gibt keine Renaissance der Kernenergie

Beide entkräften dasselbe Grundlast-Argument, mit dem Atom und neue Gaskraftwerke begründet werden — Buchinger über die Kosten- und Zeitrechnung der Kernkraft, Kail über die Frage, was die „verlässliche Grundlast” konkret füllen muss und kann.

erneuerbare tv — Bidirektionales Laden Vehicle-to-Grid

Kails Säule 3 (Batterie-Kaskade aus Millionen E-Autos) ist genau das V2G-Prinzip — die fahrende Flotte als größter verteilter Kurzzeitspeicher.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Wenn die ganze Sicherheitsfrage an einer einzigen Zahl hängt — den 82 GW Dauerlast in der Flaute — warum streiten wir über Erzeugung statt über Speicher und Flexibilität?
  • Kail nimmt an, Skandinavien exportiere 15 GW, wenn Deutschland sie braucht. Aber was, wenn die Flaute ganz Europa zugleich trifft — bricht die Rechnung dann, oder nur die bequemste Säule?
  • Wenn der Bestand an Gaskraftwerken reicht und nur umgerüstet werden muss — wem nützt dann die politische Erzählung, man brauche milliardenschwere Neubauten?
  • Was wäre das stärkste Gegenargument gegen diese Rechnung — und hält Kails Optimismus beim grünen Wasserstoff ihm stand?