Quelle: Es gibt keine Renaissance der Kernenergie — Ursula von der Leyen und die pinken Einhörner (#RestartThinking, März 2026)

Wer spricht?

Mario Buchinger — Physiker, Transformationsexperte, Autor. Österreicher, betreibt den YouTube-Kanal RestartThinking. Format: GesternKleber Fails — kritische Auseinandersetzung mit Desinformation und wissenschaftlichem Populismus. Hat 2024/25 eine sechsteilige Serie zu den Mythen der Kernenergie produziert.

Anlass: Mitte März 2026 sprach EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf einer Atomkraft-Lobby-Konferenz bei Paris. Sie bezeichnete den Rückgang der nuklearen Stromerzeugung als „strategischen Fehler” Europas und nannte Kernenergie „bezahlbar, versorgungssicher und emissionsarm”. Buchinger widerlegt diese drei Aussagen systematisch.


Politischer Kontext

  • Der deutsche Atomausstieg wurde 2011 von der Regierung Merkel (CDU/CSU + FDP) nach Fukushima beschlossen — nicht von den Grünen. Robert Habeck verlängerte 2022 die Laufzeit der letzten drei Reaktoren um ~3,5 Monate bis April 2023.
  • Österreich, Dänemark und Norwegen haben nie Kernkraftwerke im Betrieb gehabt — und versorgen sich dennoch zuverlässig mit Strom.
  • UvdL entstammt einer CDU-Familie mit Gorleben-Geschichte: Ihr Vater Ernst Albrecht wählte das niedersächsische Gorleben als Atommüll-Zwischenlager — politisch motiviert, geologisch umstritten.

Falschaussage 1: „Kernenergie ist bezahlbar”

  • Es gibt keinen einzigen Business Case weltweit, bei dem ein AKW privatwirtschaftlich gebaut und rentabel betrieben wurde.
  • Der französische Staatskonzern EDF steht mit ~€70–80 Mrd. in der Kreide. Frankreich deckelt den Strompreis künstlich auf ~€40–42/MWh — die weit höheren Realkosten wandern in den Staatshaushalt.
  • Das Fraunhofer Institut beziffert die Gestehungskosten für Kernenergie auf 40–50 Cent/kWh — die teuerste Energieform im direkten Vergleich.
  • Konkrete Kostenkatastrophen der letzten Jahre:
ProjektGeplantTatsächlichKostensteigerungVerzögerung
Olkiluoto 3 (Finnland)€3 Mrd.€11 Mrd.+267 %14 Jahre
Flamanville 3 (Frankreich)€3,3 Mrd.€23,7 Mrd.+618 %12 Jahre
Hinkley Point C (Großbritannien)€19 Mrd.€56,8 Mrd. (laufend)>200 %7+ Jahre (noch in Bau)
  • Für AKW gibt es keine privatwirtschaftliche Haftpflichtversicherung — kein Versicherer übernimmt das Risiko. Die Gesellschaft trägt es.
  • Wer über „hohe Kosten der Energiewende” klagt und gleichzeitig Kernenergie fordert, widerspricht sich fundamental.

Falschaussage 2: „Kernenergie ist versorgungssicher”

  • 2022, als die Energieknappheit durch Russlands Vollinvasion der Ukraine eskalierte, waren gut die Hälfte der französischen Reaktoren in der Wartungspause. Nicht deutsche Reaktoren mussten einspringen — sondern deutsche Kohlekraftwerke für ausgefallene französische Kapazität.
  • Flamanville 3 (Neubau, 2024 fertiggestellt) musste in den ersten Betriebswochen wegen Rissen im Reaktordeckel heruntergefahren werden.
  • AKW können nicht flexibel geregelt werden: Start und Stopp dauern viele Stunden. Sie sind damit ungeeignet für ein Energiesystem mit fluktuierenden Erneuerbaren.
  • Mit zunehmender Klimaerwärmung wächst das Kühlproblem: In Hitze- und Dürresommern wird Kühlwasser zu warm oder zu knapp — mehrfach schon mussten Reaktoren wegen überhitztem Flusswasser gedrosselt werden.
  • Rohstoffabhängigkeit: Der weltweit größte Uranexporteur ist Kasachstan (russlandnah). Rosatom (Russland) hält Anteile an zahlreichen Uranminen und Anreicherungsanlagen, darunter die Brennelementefabrik in Lingen (Deutschland).
  • Das Konzept der „Grundlast” (konstante Dauererzeugung) ist ein Relikt der 1950er–60er Jahre. Modernes Energiemarktdesign braucht Synchronität zwischen Angebot und Bedarf — nicht starre Grundlast.

Falschaussage 3: „Kernenergie ist emissionsarm”

  • Kernenergie ist nicht CO₂-frei. Der vollständige Lebenszyklus (Uranabbau, Anreicherung, Bau, Rückbau) ergibt:
    • Bei hochwertigen Erzen: 40–60 g CO₂/kWh
    • Bei schlechteren Erzen (zunehmend nötig): realistisch >100 g CO₂/kWh
    • Zum Vergleich: Wind und Photovoltaik — einstellig bis niedrige zweistellige g CO₂/kWh
  • Der oft zitierte „saubere” Live-Wert auf Plattformen wie Electricity Maps zeigt nur den Betriebszustand — nicht die Gesamtkette.
  • Hinzu kommt die radioaktive Kontamination: Das ungeklärte Endlagerproblem ist eine eigenständige planetare Grenze (Stockholm Resilience Institute: „Einbringen neuartiger Substanzen”).
  • Der Atommüll aus den 1970er–80er Jahren strahlt heute noch fast genauso stark wie bei seiner Entstehung. Kein einziges Endlager der Welt ist auf eine Millionen-Jahre-Skala gesichert. Das Forschungsfeld der Atomsemiotik beschäftigt sich damit, wie man Gefahrenstätten für Lebensformen in 50.000 oder 300.000 Jahren kennzeichnet.
  • Flamanville 3 hat in seinen ersten Betriebsmonaten (Stand 2025) mehr Strom verbraucht als erzeugt.

Es gibt keine Renaissance

Die IEA (International Energy Agency, AKW-freundlich) projiziert im wahrscheinlichsten STEPS-Szenario:

  • Nuklearer Anteil an der Weltstromerzeugung 2024: 10,1 %
  • Projektion 2050: 7,9 % — also sinkend

Mehr Reaktoren gehen in den nächsten Jahrzehnten weltweit vom Netz, als neue geplant sind.

SMRs (Small Modular Reactors): Existieren nicht als marktfähiges Produkt. Der Proof of Concept für modulare Massenproduktion fehlt vollständig. Für Wirtschaftlichkeit müssten 4.000–6.000 Einheiten gebaut werden — das wäre eine Verzehnfachung des heutigen globalen Reaktorparks. Schwedens Plan für 5–10 neue AKW ist inzwischen auf maximal fünf SMRs geschrumpft — für die sich keine privaten Investoren fanden.

Weitere „pinke Einhörner”: Thoriumreaktoren, Flüssigsalzreaktoren, Kugelhaufenreaktoren — Forschungsprojekte, keine Energieversorgungs-Option.


Warum propagieren Menschen trotzdem Kernenergie?

Zwei Erklärungslinien (Buchinger + Christian Stöcker, Männer, die die Welt verbrennen):

  1. Issue Ownership: Erneuerbare Energien sind grün konnotiert. Wer sie ablehnt, braucht eine Alternativ-Erzählung für „klimafreundliche Energie”. Kernenergie bietet dieses Alibi.
  2. Fossil-Lobby: Wer Kernenergie propagiert, propagiert indirekt fossile Energie. AKW sind zu langsam (Jahrzehnte bis Fertigstellung) und zu unzuverlässig, um Industrieländer zu versorgen — das Ergebnis ist Abhängigkeit von Kohle und Gas. Die Fossil-Lobby profitiert davon, Milliarden in Kernenergieversprechen zu binden, die die Energiewende verzögern.

Faktencheck

Bestätigt: Atomausstieg war CDU/CSU+FDP-Entscheidung (2011)

Die Entscheidung zum beschleunigten Atomausstieg nach Fukushima traf die Regierung Merkel mit CDU/CSU und FDP. Habeck verlängerte die Laufzeit 2022 sogar kurzfristig. Dies ist historisch eindeutig belegt.

Bestätigt: Massive Kostenüberschreitungen bei Neubauten

Olkiluoto 3 (+267 %, 14 Jahre Verzögerung), Flamanville 3 (+618 %, 12 Jahre), Hinkley Point C (>200 %, noch in Bau) — alle Zahlen durch öffentliche Berichte, Rechnungshöfe und Betreiber bestätigt.

Bestätigt: Frankreich exportierte 2022 keinen Überschussstrom — im Gegenteil

Als die Energiekrise 2022 eskalierte, waren rund die Hälfte der französischen Reaktoren in Wartung. Frankreich musste Strom importieren. Deutsche Kohlekraftwerke liefen für den europäischen Ausgleich — nicht wegen des deutschen AKW-Ausstiegs, sondern wegen französischer Verfügbarkeitsprobleme. Vielfach dokumentiert.

Bestätigt: Keine private Haftpflichtversicherung für AKW

Kein privater Versicherer übernimmt das Haftungsrisiko eines Kernkraftwerks vollständig. Dies ist EU-weit Konsens und ein wesentliches Marktversagen-Argument.

Bestätigt: IEA-Projektionen zeigen sinkenden Nuklearanteil im STEPS-Szenario

IEA World Energy Outlook bestätigt: Im STEPS-Szenario sinkt der Nuklearanteil bis 2050 gegenüber heute.

Vereinfacht: „Kernenergie ist nicht versorgungssicher"

Frankreich deckt rund 65–70 % seines Strombedarfs durch Kernkraft — das funktioniert grundsätzlich. Die Versorgungssicherheits-Schwäche ist real (Wartungsausfall 2022, Kühlprobleme), aber Buchinger überspitzt: Kernenergie kann ein System stabilisieren, auch wenn sie kein ideales Ergänzungsmodell für Erneuerbaren-reiche Netze ist.

Vereinfacht: CO₂-Bilanz „nicht emissionsarm"

Der Vergleich mit Wind/PV ist korrekt — Kernenergie ist deutlich CO₂-intensiver als Erneuerbare. Aber gegenüber Kohle (800–1000 g/kWh) und Gas (400–500 g/kWh) ist sie tatsächlich deutlich emissionsärmer. Buchinger räumt diesen Vergleich selbst ein, betont aber zu Recht, dass der relevante Benchmark Wind/PV sein sollte, nicht Kohle.

Vereinfacht: EDF-Schulden ~€70–80 Mrd.

EDF wies 2022 eine Nettoverschuldung von ca. €64 Mrd. aus; nach Renationalisierung und neuen Investitionen liegt sie höher. Die Größenordnung stimmt, die exakte Zahl variiert je nach Berechnungsbasis.

Vereinfacht: „Kein Land kann mit Kernenergie versorgt werden"

Buchinger überspitzt hier. Frankreich betreibt sein Industrieland seit Jahrzehnten überwiegend mit Kernkraft. Der korrekte Punkt ist: Ein zukünftiges Energiesystem mit hohem Erneuerbaren-Anteil ist mit starren Grundlast-Reaktoren schwer kombinierbar — das ist ein anderes Argument als „Versorgung unmöglich”.


Verbindungen

Gutachter Kail - Stromversorgung 2038 ohne Gaskraftwerke

Beide entkräften dasselbe Grundlast-Argument, mit dem Atom und neue Gaskraftwerke begründet werden. Buchinger zeigt über Kosten und Bauzeiten, dass die Kernkraft-„Renaissance” ein Mythos ist; Kail rechnet vor, was die geforderte „verlässliche Grundlast” 2038 konkret füllen muss (104,6 GW Dunkelflaute-Lücke) — und dass der Bestand reicht. Die negative und die positive Hälfte derselben These.

Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit

Buchinger verwendet explizit die „Dummheits”-Rhetorik: Wer 2026 noch die Kernenergie-Platte spielt, zeigt „elementare Verständnisprobleme in Mathematik, Physik und logischem Denken.” Bonhoeffers Diagnose — Fakten verfangen nicht, wenn jemand sie schlicht nicht wahrhaben will — beschreibt genau das von Buchinger beklagte Phänomen.

Carlo Cipolla — Die fünf Gesetze der Dummheit

Die Frustration über Menschen, die trotz klarer Datenlage immer wieder die gleichen falschen Argumente vorbringen, ist ein Paradefall für Cipollas viertes Gesetz: Dumme schaden anderen und sich selbst ohne erkennbaren Eigennutzen.

Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer

Die Fossil- und Atomlobby operiert nach dem Muster systematischer Desinformation, das Mausfeld als „unterhalb der Bewusstseinsschwelle” wirkend beschreibt. „Issue Ownership” ist eine Form von Agenda-Setting, die Mausfeld als Kerntechnik politischer Manipulation analysiert.

Andreas Kemper — Technofaschismus und die AfD

Kemper beschreibt, wie die AfD und der rechte Flügel Technologie (insb. KI, Fossile) als Instrumente zur Machterhaltung nutzen. Die Verbindung zwischen Fossil-Lobby und reaktionärer Politik findet sich bei Buchinger explizit: Kernenergie-Propaganda = Fossil-Propaganda.

Heiner Flassbeck — Krise und Rechtsruck

Die ökonomischen Fehler in der Energiepolitik (zu langsamer Ausbau Erneuerbarer, fossile Abhängigkeit) haben laut Flassbeck Anteil am politischen Rechtsruck. Buchinger beschreibt, wie die neue Bundesregierung (CDU-FDP) die Energiewende aktiv sabotiert.

Eva von Redecker — Dieser Drang nach Härte

Das Beharren auf Kernenergie und Fossilem als „harte Realität” gegen „grünen Idealismus” ist eine Form der Härte-Fetischisierung, die Redecker als charakteristisch für neofaschistische Zeitströmungen beschreibt.


Einzelne Folgen der Serie (Notes)


Querverweis: Die 6-teilige Serie „Lügen der Kernenergie”

Mario Buchinger verweist in diesem Video ausdrücklich auf seinen Sechsteiler mit den vollständigen Quellenverzeichnissen:

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Playlist: GesternKleber Fails SERIE — Lügen der Kernenergie