Quelle: Lügen der Kernenergie — Folge 1/6: Kernenergie ist sicher (#RestartThinking) Serie: Mario Buchinger — Es gibt keine Renaissance der Kernenergie
Wer spricht?
Mario Buchinger — Physiker, Transformationsexperte, RestartThinking (Österreich). Hat AKW von innen gesehen, beschäftigte sich bereits in der Schulzeit intensiv mit Kernphysik. Betreibt das Format GesternKleber Fails — kritische Auseinandersetzung mit Desinformation in der Energiepolitik.
Kontext & Einleitung
Buchinger eröffnet seine sechsteilige Serie „Lügen der Kernenergie” mit der Grundfrage: Ist Kernenergie sicher? Er positioniert sich explizit als Physiker, der die Technologie nicht ignoriert oder nicht versteht — sondern gerade weil er sie kennt, zu dem Schluss kommt: Sie ist eine Hochrisikotechnologie.
Das Dakota-Sprichwort, das er eingangs zitiert, gibt die Rahmung vor: „Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab.” Kernenergie ist dieses tote Pferd. Trotzdem wird es von einer Bubble hartgesottener AKW-Fans weiter geritten — und genau diese Bubble bedient er mit dieser Serie.
Vorab hält er eine politische Korrektur fest, die ihm wichtig ist: Den deutschen Atomausstieg haben CDU, CSU und FDP 2011 beschlossen — nicht Robert Habeck, nicht die Grünen. Der Hinweis ist kein Randdetail, sondern Buchinger wiederholt ihn in fast jeder Folge der Serie, weil er zu den am häufigsten verdrehten Tatsachen in der Debatte gehört.
Historische Einordnung: Kernspaltung und ihre Herkunft
Buchinger gibt einen physikhistorischen Abriss, der gezielt eine Verbindung zieht, die in der Pro-Kernenergie-Debatte gerne verschwiegen wird:
- Die Kernspaltung wurde in den frühen 1930er Jahren am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin entdeckt — durch Otto Hahn, Lise Meitner und Fritz Straßmann.
- Lise Meitner war eine der wenigen Physikerinnen der Epoche. Als jüdische Wissenschaftlerin floh sie vor dem Naziterror, erkannte aber 1939 im Briefwechsel mit Hahn, dass sie einen Atomkern gespalten hatten — etwas, das bis dahin als unmöglich galt.
- Die zivile Nutzung in AKW ist eine direkte Ableitung der Forschung für Atomwaffen. Kernenergie und Nuklearsprengköpfe haben eine unmittelbare historische und technologische Verbindung — eine Tatsache, die in der öffentlichen Diskussion um „saubere Kernkraft” regelmäßig ausgeblendet wird.
- Die 1960er/70er Jahre waren das „goldene Atomzeitalter” — eine Zeit, in der man glaubte, alle Energieprobleme der Zukunft seien damit gelöst. Die damalige Euphorie überholte den Sachverstand. Seitdem summieren sich die Haverien, die Kostenexplosionen und das ungeklärte Entsorgungsproblem.
Das Grundprinzip eines AKW formuliert Buchinger in Anlehnung an Harald Lesch prägnant: Man nutzt die stärkste Kraft des Universums (die starke Kernkraft) — um Wasser zu kochen. Dann Dampf, Turbine, Generator, Strom. Die Technologie ist physikalisch faszinierend. Aber die Frage der Beherrschbarkeit ist damit nicht beantwortet.
Kernaussagen: Warum Kernenergie keine sichere Technologie ist
1. Supergau-Wahrscheinlichkeit: 200-mal höher als geglaubt
Das Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz hat nach Fukushima (2011) die statistische Häufigkeit schwerer Kernenergie-Unfälle neu berechnet. Ergebnis:
Die Wahrscheinlichkeit eines Supergaus liegt bei einem Ereignis alle 10 bis 20 Jahre — das ist 200-mal höher als man vor 2012 angenommen hatte.
Die historische Datenlage stützt das: Tschernobyl, Three Mile Island, Fukushima, mehrere kleinere Zwischenfälle in Frankreich und der Sowjetunion (viele davon erst Jahrzehnte später öffentlich bekannt).
2. Keine Versicherung — kein Markt
Die Versicherungslogik ist eindeutig: Eine Versicherung berechnet ihre Prämie aus Eintrittswahrscheinlichkeit × Schadenshöhe.
- Der Schadensstopf der deutschen AKW-Betreiber für den Fall eines Supergaus beläuft sich auf ca. 2,2–2,3 Milliarden Euro.
- Ein realistischer Supergau-Schaden liegt im Bereich mehrerer Billionen Euro — allein durch die Kontamination großer Landflächen und die Folgeschäden über Jahrzehnte.
- Würde man ein AKW gemäß normaler Haftpflicht-Versicherungsregeln versichern, ergäbe sich eine Jahresprämie von ca. 72 Milliarden Euro pro Reaktorblock. Bei solchen Kosten wäre der Strom schlicht nicht mehr bezahlbar.
- Kein privater Versicherer übernimmt das Risiko vollständig. Die Gesellschaft trägt es — unsichtbar, unberechnet, ohne Wahl.
Das ist keine linksgrüne Meinung, sondern schlichte Versicherungsmathematik.
3. Tschernobyl: Die offiziellen 4.000 Toten vs. die Realität
AKW-Fans verweisen gerne auf eine Metrik: offizielle Todesopfer pro erzeugte Kilowattstunde — und Kernenergie sieht dabei bemerkenswert gut aus.
Das Argument ist methodisch unehrlich:
- Das Tschernobyl-Unglück wird offiziell mit 4.000 Todesopfern angegeben.
- Realistischere Schätzungen kommen auf 1,4 Millionen Tote — unter Einbeziehung von Spätfolgen, Krebserkrankungen durch radioaktive Kontamination der Nahrungskette, Schilddrüsenkrebs, Bluterkrankungen.
- Das Problem: Wenn jemand in der Steiermark 1986–88 kontaminiertes Wildschwein oder Pilze (die radioaktive Isotope besonders stark anlagern) gegessen hat und 10–20 Jahre später an Krebs erkrankt, ist der kausale Zusammenhang statistisch kaum nachzuweisen. Genau das macht die Abschätzung der wahren Todesopfer so schwierig — und genau das wird systematisch ausgenutzt.
4. Klimawandel verschärft das Sicherheitsrisiko
AKW brauchen kontinuierliche Kühlung — auch nach dem Abschalten, weil die Kernspaltung physikalisch nicht vollständig zum Stillstand gebracht werden kann, sondern nur moderiert wird. Kein Hebel, der die Reaktion stoppt — nur einer, der sie verlangsamt.
Mit steigenden Temperaturen durch die Klimakrise:
- Wird Kühlwasser in Flüssen und Seen wärmer und knapper.
- In Frankreich wurden Grenzwerte für Kühlwassertemperaturen mehrfach nach oben korrigiert, nur um den Betrieb aufrechtzuerhalten.
- Irgendwann ist diese Grenze erreicht — dann wird ein AKW, das eigentlich kühlen müsste, selbst zum Sicherheitsrisiko.
5. Strahlungsbelastung auch im Normalbetrieb
Die Sicherheitsfrage ist nicht nur auf den GAU beschränkt:
- Leukämieraten bei Kindern in der Nähe von Kernkraftwerken sind erhöht — die Datenlage ist nicht absolut eindeutig, aber es gibt wissenschaftlich fundierte Hinweise.
- Nach der Abschaltung von AKW-Anlagen ist die Leukämierate messbar zurückgegangen.
- Uran selbst ist ein toxisches Element, dessen Einfluss auch im Kühlwasser nachweisbar ist.
- Tritium (ein radioaktives Wasserstoffisotop, Abfallprodukt des Betriebs) wurde in erhöhter Konzentration in Kühlwasser der Umgebung bestimmter AKW nachgewiesen.
Buchinger fasst zusammen: Kernenergie ist keine sichere Energieform — weder bei GAU, noch bei Kleinzwischenfällen, noch im Normalbetrieb.
Faktencheck
Bestätigt: Supergau-Wahrscheinlichkeit laut MPI für Chemie
Die Studie des Max-Planck-Instituts für Chemie (Mainz) von 2012 (Lelieveld et al.) kommt tatsächlich zu dem Ergebnis, dass die Häufigkeit schwerer AKW-Unfälle statistisch deutlich höher ist als die offiziellen Risikoanalysen suggerierten. Der Zeitraum von „alle 10–20 Jahre” für einen Supergau entspricht den publizierten Ergebnissen.
Bestätigt: Atomausstieg war Entscheidung von CDU/CSU+FDP (2011)
Der Beschluss zum Atomausstieg nach Fukushima fiel unter der Regierung Merkel (CDU/CSU + FDP) im Juni 2011. Historisch eindeutig belegbar. Robert Habeck verlängerte die Laufzeit der letzten drei Reaktoren 2022 sogar um mehrere Monate bis April 2023.
Bestätigt: Keine privatwirtschaftliche Haftpflichtversicherung für AKW
Kein privater Versicherer übernimmt das Vollhaftungsrisiko für ein Kernkraftwerk. In Deutschland decken die Betreiber-Rückstellungen einen Bruchteil des möglichen Schadens. Dies ist ein strukturelles Marktversagen — die Gesellschaft trägt das Restrisiko implizit.
Bestätigt: Historische Verbindung Kernenergie — Atomwaffen
Die zivile Kernkraft entstand direkt aus der militärischen Forschung. Das Manhattan-Projekt und spätere Rüstungsprogramme bildeten die Grundlage für kommerzielle Reaktoren. Keine seriöse Wissenschaftsgeschichte bestreitet diesen Zusammenhang.
Vereinfacht: Tschernobyl-Todesopfer „1,4 Millionen"
Die Schätzung von 1,4 Mio. Toten stammt aus einem IPPNW/Greenpeace-Report (Gould, 2006) und ist in der Wissenschaft umstritten. Andere seriöse Studien (z.B. TORCH-Report) schätzen 30.000–60.000 Langzeitkrebstote durch Tschernobyl. Die WHO/IAEA-Zahl von 4.000 gilt als zu tief (weil sie nur direkte Strahlenopfer erfasst), die 1,4-Millionen-Zahl gilt als zu hoch. Die Wahrheit liegt in einem schwer bestimmbaren Mittelfeld. Buchinger hat recht, dass die offiziellen Zahlen systematisch zu tief sind — aber die Höchstschätzung ist ebenfalls methodisch angreifbar. (Faktencheck: vereinfacht)
Vereinfacht: Leukämie-Erhöhung in AKW-Nähe
Die Datenlage ist tatsächlich uneinheitlich. Die KiKK-Studie (Deutschland, 2007) fand eine erhöhte Leukämierate bei Kindern unter 5 Jahren in der Nähe von AKW — ohne einen eindeutigen biologischen Mechanismus identifizieren zu können (die Strahlenwerte im normalen Betrieb gelten als zu niedrig für eine direkte Kausalerklärung). Buchinger kommuniziert die Unsicherheit fair, betont sie aber weniger als nötig wäre.
Bestätigt: Kühlproblem durch Klimaerwärmung — Frankreich als Beispiel
In den Hitzesommern 2022 und 2019 mussten mehrere französische Reaktoren die Leistung drosseln oder abschalten, weil die Kühlwassertemperatur der Loire und Rhône die zulässigen Grenzwerte überstieg. Die Grenzwerte wurden tatsächlich temporär angehoben (mit Genehmigung der ASN). Dieser Mechanismus ist dokumentiert und wird mit zunehmender Klimaerwärmung häufiger auftreten.
Verbindungen
→ Mario Buchinger — Es gibt keine Renaissance der Kernenergie
Überblicksnote zur sechsteiligen Serie. Diese Folge liefert das Fundament für Buchingers Gesamtthese: Kernenergie ist nicht nur teuer und nicht skalierbar, sondern grundlegend unsicher.
→ Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit
Das Beharren auf der Erzählung „Kernenergie ist sicher” trotz gegenteiliger Datenlage illustriert Bonhoeffers Beobachtung: Fakten verfangen nicht mehr, wenn jemand sich kollektiver Überzeugungen versichert hat. Die AKW-Fanbubble ist genau jene Gemeinschaft, gegen die Argumente abprallen.
→ Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer
Die Differenz zwischen offiziellen 4.000 und realistisch 30.000–1.400.000 Tschernobyl-Todesopfern ist ein Musterbeispiel für das, was Mausfeld als Manipulation der öffentlichen Wahrnehmung durch selektive Informationsbewirtschaftung beschreibt. Wer nur den offiziellen IAEA-Wert kommuniziert, betreibt aktive Rahmensetzung.
→ Carlo Cipolla — Die fünf Gesetze der Dummheit
Die Strategie der AKW-Fans, offiziell gezählte Todesopfer durch erzeugte kWh zu teilen und daraus „Sicherheit” zu konstruieren, ist eine methodisch unehrliche Metrik — die schadet der gesellschaftlichen Debatte, ohne irgendjemanden zu nützen. Cipollas dritter Typus.











