Quelle: Warum wir leiden… und wie Ksitigarbha einen Ausweg zeigt — Vipassana Retreat Vortrag
Wer spricht?
Adriaan van Wagensveld — deutschsprachiger Vipassana-Lehrer, der seit 2008 eigenständig unterrichtet und mit seiner Frau Kati mehrmals jährlich 10-tägige Retreats in Haus Tabor (Vallendar bei Koblenz) leitet. Hintergrund: Ausgebildet als Novize in der Thich-Nhat-Hanh-Tradition (Plum Village), nicht in der Goenka-Linie — methodisch eigenständig, verankert im Satipatthana Sutta, mit Mahayana-Einflüssen (Bodhisattva-Ideal, Ksitigarbha). Beim hier dokumentierten Vortrag leitete er sein 88. 10-tägiges Retreat (3. Januar 2026).
Formate: 10-Tage-Retreats · Vipassana@Home (Online) · Podcast Vipassana Jetzt · Wöchentlicher YouTube-Livestream Website: vipassana-jetzt.com
Inhalt
Was sucht der Geist in Stille?
Adriaan eröffnet mit einer ungewöhnlich direkten Frage: Im Retreat bist du von der Außenwelt abgekoppelt — keine Entscheidungen, keine Darstellung, keine Erwartungen anderer. Was sucht der Geist dann?
„Wenn keine Gedanken verlangt werden, wenn klar ist, dass du keine Entscheidungen treffen brauchst, dass du dich nicht mal ein Gesicht geben brauchst — wie schaust du in die Welt?”
Er nennt seinen liebsten Wunsch für Retreatteilnehmer:
„Mögen deine Wünsche Wirklichkeit werden — damit du erfahren kannst, wohin du geneigt bist.”
Das ist keine Ironie, sondern eine präzise didaktische Einladung: Wünsche in Erfüllung gehen lassen und beobachten, welchen Hunger sie hinterlassen. Die Retreatbedingung macht sichtbar, was sonst im Rauschen der Alltagsreize verborgen bleibt.
Eigene Einschätzung
Das ist ein geschickter Einstieg. Die Frage “Was suchst du wirklich?” ist im Alltag unzugänglich — zu viel Lärm, zu viele Ablenkungen, zu viele soziale Rollen. Vipassana macht den Geist lesbar. Was ich dort in mir vorfinde, ist oft überraschend: weniger Frieden als erwartet, mehr Gier und Unruhe. Genau das ist der Ausgangspunkt.
Drei Erklärungsmodelle — und Adriaans Pragmatismus
Adriaan stellt drei konkurrierende Weltbilder vor, ohne eines als wahr zu erklären:
1. Buddhistischer Pragmatismus: Der Buddha hat 45 Jahre unterrichtet ohne eine der großen metaphysischen Fragen zu beantworten. Kein Gottesbeweis, kein Seelenmodell. Sein Ziel war nicht Erklärung, sondern Befreiung. Was immer hilft auf dem Weg — das ist es.
2. Seele/Karma-Modell: ▶ 8:54 Jeder Mensch als Seele mit karmischer Ladung, die eine Geburt auswählt, um bestimmte Erfahrungen zu machen. Nach dem Tod greift die Ladung nach der nächsten Inkarnation. Aufgabe im Leben: dieses Erfahrungspotential so gut wie möglich zu nutzen — oder sich zu befreien.
3. Bewusstsein zuerst (Panpsychismus): ▶ 11:18 Nicht Gehirn erzeugt Bewusstsein — sondern Bewusstsein ist der Ausgangspunkt, aus dem Materie entsteht. Adriaan zitiert die Pflanzenforscherin Monica Gagliano, die nachwies, dass Mimosen lernfähig sind — ohne zentrales Nervensystem. Wenn Pflanzen eine Form von Intelligenz/Bewusstsein haben, was bedeutet das für unser Bild der Wirklichkeit?
Adriaans Fazit:
„Ich weiß es nicht. Es ist auch nicht wichtig. Es geht um Befreiungspragmatismus.”
Wenn wir nicht wissen, welches Modell stimmt — und das können wir nicht wissen — dann können wir wählen. Und er wählt das Modell, das am meisten zum Leben und zur Befreiung beiträgt.
Eigene Einschätzung
Das ist intellektuell ehrlich und gleichzeitig pragmatisch konsequent. Was mich an diesem Ansatz anspricht: Er gibt das Bedürfnis nach metaphysischer Gewissheit auf, ohne die Fragen zu verwerfen. Die Modelle bleiben als Orientierungsrahmen — nicht als Dogmen. Was mich leicht stört: Es bleibt offen, ob die Wahl des Modells wirklich frei ist oder ob sie durch Erziehung, Erfahrung und Wunschdenken geprägt wird. Vielleicht ist Adriaans “freie Wahl” schon durch seinen Thich-Nhat-Hanh-Hintergrund vorgeformt.
Das Bodhisattva-Ideal: Raus oder zurückkehren?
Hier liegt der philosophische Kern des Vortrags. Der frühe Buddhismus (Theravada) zielt auf vollständige Befreiung — das Austreten aus dem Kreislauf der Wiedergeburt, Parinirvana. Adriaan sagt, ihm habe das nie gestimmt:
„Als ich zum ersten Mal hörte, dass es darum geht, völlig frei zu werden, damit du dich auflösen kannst — habe ich das als unstimmig empfunden.”
Das Mahayana/Bodhisattva-Ideal gibt eine andere Antwort: Wer Befreiung erlangt, kehrt zurück — mit dem Eid, so lange wiederzukehren, bis das letzte Lebewesen befreit ist. Nicht Auflösung, sondern Dienst.
Adriaan erkennt das Paradox: Der Buddha selbst, der Befreiung erlangte, hätte gehen können — und blieb 45 Jahre. Irgendwas in ihm hielt ihn. Dieses “Irgendwas” formalisierte sich später zum Bodhisattva-Ideal.
Eigene Einschätzung
Das ist die Spannung zwischen zwei tief verschiedenen spirituellen Grammatiken: Befreiung als Austritt vs. Befreiung als Rückkehr. Ich finde das Bodhisattva-Ideal menschlich ansprechender — vielleicht weil es nicht verlangt, die Welt zu verlassen, um frei zu sein. Aber ich frage mich, ob es nicht auch eine Form von Anhaftung an die Welt ist. Vielleicht ist das die produktive Spannung: nicht vollständige Loslösung, sondern freies Engagement.
Ksitigarbha: Der Bodhisattva der inneren Hölle
Ksitigarbha (Sanskrit: Kṣitigarbha, “Erdgebärende”) ist ein Bodhisattva des ostasiatischen Mahayana-Buddhismus — ikonisch mit Eisenstab und Kristall, der in die Hölle hinabsteigt, um die Leidenden zu befreien.
Adriaan erklärt die Symbolik: Der Eisenstab schlägt bei jedem Schritt auf den Boden — die Höllentore öffnen sich. Das Kristall: Weg zur Läuterung, rein und klar. Was Ksitigarbha einzigartig macht: Er selbst war einmal in der Hölle. Er ist kein Himmelswesen aus Gnade, sondern jemand, der den Weg kennt — weil er ihn gegangen ist.
Das führt zur praktischen Frage: Was ist die “innere Hölle”? Adriaan erklärt sie am Beispiel von Emotion und Identifikation:
„Ich bin wütend” — dann bist du in der Hölle. Eine genauere Beschreibung ist: Wut wird wahrgenommen im Wahrnehmungsfeld.
Der Unterschied ist fundamental: Im ersten Fall bist du die Emotion. Im zweiten Fall beobachtest du sie. Das ist der Kern des Satipatthana — der vier Grundlagen der Achtsamkeit. Wut existiert, aber sie ist nicht du. Das Feuer brennt lokal, nicht überall.
Manche Menschen sitzen in Höllen, aus denen kein Ausweg sichtbar ist: Warten auf Entschuldigung von jemandem, der nicht bereit oder bereits tot ist. Das ist eine Hölle ohne Ausgang — außer durch den eigenen Tod oder die nächste Geburt.
Ksitigarbha zeigt: Es gibt einen dritten Weg.
Die Wunden als Schatz
Das ist die entscheidende Umkehrung des gesamten Vortrags:
„Was jetzt deine Verletzungen sind, was jetzt deine Verwirrung, Verblendung — wird, wenn du dich befreit hast, dein größter Schatz. Damit kannst du in die Hölle rein und überzeugend zeigen: Ich war da. Und ich habe einen Weg rausgefunden.”
Ksitigarbha ist nicht trotz seiner Erfahrung in der Hölle wirksam — wegen ihr. Wer selbst angekettet war und sich befreit hat, kann glaubwürdig sagen: “Es geht.” Das Himmelswesen aus Gnade kann das nicht.
Und Adriaan macht es persönlich: Er beschreibt seine eigene Überforderung — er konnte nicht mit manchen Menschen in seinem Leben in Frieden kommen, und fragte sich: Wie soll ich anderen helfen, wenn ich das nicht einmal selbst kann?
Die befreiende Einsicht war:
„Ich muss auch was für die anderen übrig lassen. Ich bin nicht allein unterwegs. Wo ich nicht das passende Instrument bin, ist vielleicht jemand anders.”
Du musst nicht vollständig befreit sein, um zu helfen. Die Wunden sind kein Hindernis — sie sind das Werkzeug.
Eigene Einschätzung
Das resoniert tief. Der häufige spirituelle Irrtum ist, dass man erst “fertig” sein muss, bevor man etwas geben kann. Adriaans Umkehrung sagt: Gerade weil du verletzt bist, kannst du helfen — authentisch, ohne die Kondeszendenz des Unversehrten. Das gilt weit über Spiritualität hinaus: Ein Therapeut, der selbst Krisen erlebt hat, kann anders begleiten als jemand, der nur gelernt hat. Die eigene Wunde ist keine Schwäche, die versteckt werden muss — sie ist die Brücke.
Die Flöte — Reinigung als spirituelle Praxis
Adriaan verwendet ein Bild aus der indischen Tradition (Krishna): Die spirituelle Praxis ist das Reinigen der Flöte. Die Flöte muss so rein werden, dass Gottes Atem unverzerrt durch sie klingt — dass nicht das Ego, sondern etwas Größeres durch den Menschen wirkt.
„Vielleicht muss man die Flöte doch regelmäßig ordentlich durchpusten?”
Das ist eine freundliche Formulierung für etwas Ernstes: Vipassana als Reinigungspraxis — nicht Leistung, sondern Transparenz.
Weiterführende Quellen
In der Video-Beschreibung:
- Vipassana Jetzt — Retreats — 10-tägige Retreats in Haus Tabor, Vallendar
- Vipassana@Home — Online-Gemeinschaft und Praxis
- Podcast Vipassana Jetzt
- YouTube @ungeskriptet (Ben) — Podcast, dessen Abschlussfrage den Vortrag abschließt
Im Vortrag zitiert:
- Monica Gagliano — Pflanzenforscherin, deren Mimosa-Experimente Adriaan für Bewusstseinsforschung heranzieht (Thus Spoke the Plant, 2018)
Verbindungen
- Fabian Bernhardt — Ist die Rache der Ursprung der Moral? — Die kontemplative Umkehrung von Bernhardts Befund: Dieselbe Verletzung, aus der die Rache entspringt, wird hier zum Tor des Mitgefühls statt zum Ausgangspunkt der Vergeltung — die Wunde als Schatz, nicht als Vergeltungsschuld. Ergänzt Bernhardts Vergeben-Versöhnen-Motiv um eine gelebte Praxis.
- Vipassana — Anatta — Die Unterscheidung “Ich bin wütend” vs. “Wut wird wahrgenommen im Wahrnehmungsfeld” ist Anatta in Praxis: Adriaan beschreibt exakt das Auflösen der Ich-Identifikation durch Satipatthana-Witnessing.
- Vipassana — Dukkha — Adriaans Kernthese (“Wunden als Schatz”) ist eine Antwort auf Dukkha, die über Goenkas Diagnose hinausgeht: Leiden als Brücke statt als Feind.
- Vipassana — Metta — Das Bodhisattva-Ideal steht in direkter Spannung zu Goenkas Metta: bei Goenka Frucht persönlicher Reinigung, bei Adriaan Eid vor vollständiger Befreiung — Richtungspfeil umgekehrt.
- Matthieu Ricard — Glück, Mitgefühl und die Transformation des Geistes — Ricard und Adriaan teilen das Bodhisattva-Verständnis von Mitgefühl als aktivem Abstieg in fremdes Leiden.
- Barbara Schmitz und Giovanni Maio — Verletzlichkeit als Stärke — Identische These aus säkularer Medizinethik: Verletzlichkeit als Ort echter Begegnung, nicht Schwäche.
- Vipassana — Upekkha — Gleichmut bei Goenka als höchste Praxis vs. Adriaans Mahayana: Upekkha muss sich in aktives Mitgehen transformieren. Spannung Theravada/Mahayana.
- Dr. Pablo Hagemeyer — Narzissmus, innere Leere und das Selbst — Hagemeyers “innere Leere” und Adriaans “innere Hölle” psychologisch verwandt; Ksitigarbha als Archetypus des Therapeuten, der das Dunkel kennt.
- Hans-Peter Dürr — Die neue Physik — Adriaans “Wir wissen es nicht, also können wir wählen” resoniert mit Dürrs Plädoyer gegen harte Ontologien.
- Thich Nhat Hanh — Die Vier Edlen Wahrheiten — Thay ist Adriaans erklärter Hauptlehrer (Plum Village). Was Thay “deep looking into ill-being” nennt, ist bei Adriaan die Praxis, die Wunde als Schatz zu begreifen — dieselbe Bewegung: nicht wegsehen, sondern hineingehen.
- Adriaan van Wagensveld — Weniger Drama Vipassana ins Handeln — Komplementärer Vortrag: Vipassana als Laienpraxis und engagierter Buddhismus im Alltag
- David Chalmers — Das Hard Problem des Bewusstseins — Chalmers liefert die analytisch-philosophische Begründung für den Panpsychismus, den Adriaan als eines von drei Weltbildern pragmatisch diskutiert. Wo Adriaan sagt „Ich weiß es nicht”, besteht Chalmers darauf, dass die ontologische Frage entscheidend ist.
- Christine Braehler — Selbstmitgefuehl, Scham und reife Liebe — Brählers CFT-Haltung entspricht dem Ksitigarbha-Archetypus: mitfühlend aus eigener Kenntnis des Leidens. Ihre Scham-Beschreibung (klebrig-schlüpfrig, unfassbar) benennt genau den Höllenzustand, aus dem Ksitigarbha den Weg herausweist.
→ Maoz Inon & Aziz Abu Sarah — The Future is Peace
Die Wunde als Tor, nicht als Rachegrund: Was hier kontemplativ gelehrt wird, leben zwei Hinterbliebene im politischen Ernstfall — der teuerste Verlust wird zum Ausgangspunkt der Friedensarbeit.












