Quelle: Für dich sorgen heißt für andere sorgen – warum Selbstfürsorge kein Egoismus ist
Wer spricht?
Adriaan van Wagensveld — deutschsprachiger Vipassana-Lehrer, der seit 2008 eigenständig unterrichtet und mit seiner Frau Kati mehrmals jährlich 10-tägige Retreats in Haus Tabor (Vallendar bei Koblenz) leitet.
Ausgebildet als Novize in der Thich-Nhat-Hanh-Tradition (Plum Village), nicht in der Goenka-Linie — methodisch eigenständig, verankert im Satipatthana Sutta, mit Mahayana-Einflüssen (Bodhisattva-Ideal, Ksitigarbha). Dieser Impuls-Vortrag wurde am 29. Juli 2024 für die Vipassana@Home-Gemeinschaft gehalten.
Wichtigste Formate: 10-Tage-Retreats in Haus Tabor · Vipassana@Home (Online-Gemeinschaft) · Podcast Vipassana Jetzt → DenkerVita
Inhalt
Das Paradox der leeren Fürsorge
▶ 0:00 — Adriaan beginnt mit einem Bild, das viele kennen: eine Familie, eine Beziehung, ein Freundeskreis, in dem sich alle füreinander aufopfern — und dennoch bleibt für alle etwas Wesentliches leer. Nicht weil es böswillige Menschen gibt, nicht weil jemand zu wenig gibt, sondern gerade weil alle geben. Das Paradox ist vollständig: maximale Aufopferung, maximale Leere.
▶ 1:35 — In allen Beziehungen, in denen wir wohlwollend sind, haben wir das Gefühl, dass wir alles geben, was wir geben können. Und gleichzeitig: Es ist auch sehr einfach zu sehen, was die anderen anders machen sollten, was sie mehr oder weniger tun müssten. Das Geben und das Fordern sind oft untrennbar verbunden — und genau das ist das Problem.
▶ 3:08 — Das Paradox hat zwei Seiten: Wer zu viel gibt, fühlt sich ausgelaugt. Wer zu viel bekommt, merkt bald, dass er nicht mehr geben kann. Beide Ungleichgewichte führen ins Gleiche — in die Erschöpfung des Gebens ohne Quelle.
Weitergedacht
Wenn alle in einem System wohlwollend sind und trotzdem alle leer ausgehen — ist dann das Problem im System selbst und nicht in den Personen? Und was wäre die systemische Lösung, die keine individuelle Schuldzuweisung braucht?
Vipassanas Gegenintuitiv: Zuerst bei dir ankommen
▶ 4:06 — Die Vipassana-Antwort auf das Paradox ist radikal und gegen den Instinkt: Richte dich nicht darauf, wie du den Austausch mit anderen in Balance bringst. Richte dich nicht darauf, was du noch mehr geben kannst oder wie du andere dazu bringst, mehr zu geben. Schau zuerst, dass du selbst in Ordnung kommst.
▶ 9:41 — Adriaan macht sofort klar, was er damit nicht meint: Das ist kein hedonistisches Prinzip des „Solange es mir gut geht, ist alles gut”. Es ist kein Egoismus im Sinne von: Ich bekomme, was ich will, und dann erst schaue ich nach anderen. Gemeint ist zunächst etwas viel Nüchterneres: die inneren Verstrickungen lösen, bei sich ankommen, in sich zur Ruhe kommen.
▶ 10:28 — Das Ziel ist, in Frieden zu kommen mit dem, was immer in dir da ist. Zu lernen, wahrhaftig wahrzunehmen, was bei dir eigentlich läuft. In die eigene Kraft zu kommen. Sich frei zu machen — nicht mehr abhängig zu sein von dem, was andere tun oder nicht tun, geben oder nicht geben.
„Das Beste, was du für die Menschen in deiner Umgebung tun kannst, ist, dass du für dich sorgst — und damit [beginnt], dass du in dir ankommst, in dir zur Ruhe kommst, in Frieden kommst mit was immer in dir da ist.”
Das klingt selbstbezogen. Aber der Kern ist das Gegenteil: Wer abhängig vom Verhalten anderer ist, zieht aus Beziehungen — bewusst oder unbewusst. Wer frei ist, kann geben, ohne zu ziehen.
Urlaub als spirituelle Praxis
▶ 6:25 — Adriaan schlägt vor, die Vipassana-Praxis als Urlaub zu sehen: Urlaub aus der Beziehung, aus der Arbeit, aus den Verbindlichkeiten, aus den Plänen, aus der Rolle als Mutter, Vater, Partner, Kollege. Nicht Ablenkung — sondern ein Heraustreten aus der dauerhaften Präsenz.
▶ 7:20 — Adriaan bezieht sich auf Lehrerin Datan und andere, die immer wieder gelernt haben: Das Beste, was du für deine Beziehungen, für deine Arbeit, für deine Kinder tun kannst, ist, dass du Urlaub nimmst aus deinen Rollen. Das fällt uns schwer — weil wir Urlaub als Ablenkung verstehen, nicht als Rückkehr zu sich selbst.
▶ 8:08 — Dieser Urlaub ist kein Urlaub wohin — zu interessanten Orten, zu neuen Erlebnissen. Es ist der Urlaub zu sich selbst. Die Praxis schafft den Raum, in dem es möglich wird, im eigenen Körper aufzuwachen, in den Gefühlen, in den wechselnden Stimmungen, in den Gedanken als Gedanken.
Dieser Gedanke hat therapeutische Kraft: Viele Fürsorge-Erschöpfungen entstehen nicht durch zu viel Geben, sondern durch das Fehlen dieses inneren Rückzugsortes. Wer nie wirklich ankommt, hat auch nichts zu geben — nur Reserves zu verbrauchen.
Weitergedacht
Urlaub aus den eigenen Rollen nehmen — ist das überhaupt möglich in einer Gesellschaft, die Rollenkontinuität als Verlässlichkeit bewertet? Und wie unterscheidet sich “Urlaub zu sich selbst” von Dissoziation oder Vermeidung?
Das Recht-Haben-Spiel: Juristen in der Familie
▶ 14:26 — Adriaan beschreibt eine vertraute Dynamik: der Wunsch, dass der Partner, der Gegenüber, das Richtige tut — und zwar so, wie man es erwartet. Und das Messen, ob das passiert. Macht jemand die Toilette sauber? Nimmt jemand Zeit für die anderen? Das sind Fakten, die sich am Ende tatsächlich überprüfen lassen.
▶ 20:49 — Das Resultat: Man befindet sich in einer ständigen Seilzieherei. Nicht mit einem Seil — mit vielen. Wir wollen den anderen verändern. Wir sehen, was der andere verändern kann und muss. Aber der andere sieht auch, was wir verändern können und müssen. Ein Equilibrium des gegenseitigen Festhaltens.
▶ 24:38 — Adriaan beschreibt eine Konfliktdynamik, die er in Retreats immer wieder beobachtet hat: Jemand kann zu jedem Thema genau sagen, wer wann was gesagt oder getan oder nicht getan hat. Eine lückenlose Fallakte. Man findet sich immer wieder vor einem Tribunal — wie Juristen, die miteinander um den letzten Cent ringen.
Das Entscheidende: In einer Beziehung geht es nicht um Cents und Euros. Es geht um Wohlwollen, Verständnis, Mitgefühl. Ein Rechtssystem löst das nicht — weil das Falsche gemessen wird.
▶ 28:38 — Wohlwollen und Mitgefühl brauchen kein Gericht. Sie brauchen Zeit: Zeit, den anderen reden zu lassen. Zeit, Dinge die aus der Balance geraten sind, sichtbar werden zu lassen. Und das geht nicht mit jedem — aber die Einladung bleibt.
Erinnerungen als konstruierte Wahrheit
▶ 25:25 — Eine der schärfsten Beobachtungen des Vortrags: Ein Großteil unseres Denkens über Konflikte ist das ständige Repetieren von Gesprächen, das Zusammenlegen von Fakten, das Kneten des Narrativs. Jemand hat alles präsent — weil es ständig warm gehalten wird, ständig lebendig gehalten wird.
▶ 26:14 — Und dann kommt der entscheidende Einwand: Erinnerungen bleiben nicht gleich. Jedes Mal, wenn du dich an eine bestimmte Situation erinnerst, baust du das Ding ein bisschen mehr zurecht, so dass es passt zu deiner Überzeugung.
„Jedes Mal, wenn du dir das erinnerst, bastelst du das Ding ein bisschen mehr zurecht, so dass es passt bei deiner Überzeugung — und wenn du das lang genug machst, kommt da ein Bild raus, das klar ist. So ist es. Du glaubst das. Du hast es dir so oft erzählt.”
▶ 26:59 — Wenn zwei Menschen so denken, können sie endlos über Fakten diskutieren. Beide haben ihre Wahrheit — und beide sind absolut überzeugt. Der Streit ist dann nicht mehr lösbar über Fakten, weil es keine gemeinsame Erinnerungsbasis mehr gibt.
Das ist psychologisch brisant: Gedächtnisforschung zeigt, dass Erinnerungen bei jedem Abruf rekonstruiert werden — Adriaan benennt hier ein kognitives Phänomen mit spirituellen Konsequenzen.
Weitergedacht
Wenn Erinnerungen sich bei jedem Abruf verändern — wann hört man auf, dem eigenen Gedächtnis zu glauben? Und wenn beide Parteien gleichermaßen berechtigt sind, ihrer eigenen verzerrten Erinnerung zu vertrauen, was dann?
Der Körper als tieferer Kommunikationskanal
▶ 32:33 — Adriaan beschreibt, was 20 Jahre konsequente Vipassana-Praxis bei ihm verändert hat: Er hört kaum noch zu, wenn es um Argumente und Konstrukte in einem Konfliktgespräch geht. Was er stattdessen wahrnimmt: Wie ist die Person drauf? Welche Intention ist da? Wie ist der Körper? Welche Stimmung ist aktiv?
„Was ich sehe ist: wie ist die Person drauf? Welche Intention ist gerade da? Wie ist der Körper? Mit ein bisschen Üben, wenn du deinen Körper kennst, wird es möglich, den Körper von anderen zu fühlen. Das fühlst du in deinem Körper.”
▶ 34:03 — Du öffnest dich für jemand anderen und merkst, wo es hart wird, eng wird, warm wird in dir — weil du resonierst. Du kriegst Zugang zu diesem Körper als Körper, zu diesen Gefühlen als Gefühlen, zur Stimmung. Das ist mehr Information als alle Argumente zusammen.
▶ 34:52 — Welche Stimmung ist da? In welche Richtung wirkt sie? Was ist der Untertext dessen, was gesagt wird? Vordergründig geht es um Ereignisse, Argumente, vermeintliche Fakten. Hintergründig wird kommuniziert, wie man sich fühlt.
Das ist eine radikale Umkehrung der normalen Kommunikationslogik: Nicht was gesagt wird ist das Wichtigste — sondern wie die Person dabei ist. Adriaan hat gelernt, auf dieser zweiten Ebene zu lesen. Und diese Fähigkeit ist eine direkte Frucht der Sitzpraxis: Was du auf dem Kissen lernst, wird im Kontakt mit anderen lebendig.
Kollektive Transformation: Wie individuelle Praxis die Welt verändert
▶ 49:49 — Adriaan weitet den Blick: Das Recht-Haben-Spiel ist nicht nur ein Familienproblem. Er nennt Kaliningrad, Israel-Palästina, den Balkan. Es gibt kein Richtig und Falsch draußen im Großen — und das ist auch in der Familie so. Es gibt keine Wirklichkeit, die, wenn alle sie endlich sehen, Frieden brächte.
▶ 53:07 — Wenn ein Mensch in einem System diesen Weg geht, erscheint ein anderes Licht in diesem System. Wenn diese Person auf der Suche geht und mit Jahren eine innere Geisteskultur entwickelt, kann eine andere kollektive Geisteskultur entstehen.
▶ 53:56 — Das Spiel, das wir innerlich spielen — immer wieder auf das Kissen setzen, mit Konflikten sein, nicht reagieren, sondern wahrnehmen — ist genau das Spiel, das wir auch äußerlich spielen können. Es scheint die ersten Jahre genauso aussichtslos, genauso hoffnungslos wie das innere Üben.
▶ 55:26 — Aber irgendwann schaust du zurück und siehst: da passiert was. Ich bin nicht mehr so reaktiv wie ich war. Das System ist nicht mehr so unfrei.
„Irgendwann schaust du zurück und du siehst, da passiert was. Ich bin auf dem Weg. Wir sind auf dem Weg.”
Das ist Adriaans eigentliche Botschaft: Selbstfürsorge ist nicht Rückzug aus der Welt — sie ist die Bedingung, unter der echte Verbindung möglich wird. Und echte Verbindung ist die Bedingung, unter der kollektive Transformation entsteht. Der Weg von der Sitzmatte in die Welt ist direkt — aber er führt über sich selbst.
Faktencheck
Bestätigt — Königsberg als früherer Name von Kaliningrad
Adriaan nennt Kaliningrad in einem Klammerzusatz “früher Königsberg” — das ist korrekt. Die Stadt wurde 1255 vom Deutschen Ritterorden gegründet, war Hauptstadt Ostpreußens und wurde 1946 von der Sowjetunion in Kaliningrad umbenannt. Quelle: Königsberg (Preußen) — Wikipedia
Vereinfacht — Kaliningrad als unauflösbarer Territorialkonflikt
Adriaan verwendet Kaliningrad als Illustration für unlösbare Konflikte zwischen Deutschen und Russen. Die historische Grundlage stimmt: Die Region war jahrhundertelang deutsch, wurde 1945 sowjetisch eingenommen, die Bevölkerung vertrieben. Der entscheidende Punkt fehlt jedoch: Deutschland hat im Zwei-plus-Vier-Vertrag (1990) offiziell und endgültig auf alle Gebietsansprüche verzichtet. Es gibt heute keinen aktiven Territorialstreit — Kaliningrad ist völkerrechtlich eine abgeschlossene Frage. Als rhetorische Analogie für das Prinzip “unlösbare Konflikte” funktioniert das Beispiel, als historisch präzises Modell nicht. Quellen: FOMOSO — Kaliningrad · bpb — Zwei-plus-Vier-Vertrag
Vereinfacht — Erinnerungen verändern sich bei jedem Abruf
Adriaan sagt: “Jedes Mal, wenn du dich an etwas erinnerst, baust du das Ding ein bisschen mehr zurecht.” Die Forschung zur Gedächtnis-Rekonsolidierung bestätigt die Grundrichtung: Erinnern macht Gedächtnisinhalte vorübergehend labil und prinzipiell veränderbar. Vereinfacht ist, dass Rekonsolidierung nicht bei jedem Abruf automatisch eintritt — sie hängt von Bedingungen ab (Stärke des Gedächtnisses, Art der Reaktivierung, Alter des Gedächtnisses). Als didaktisches Bild ist es vertretbar, als präziser Mechanismus übervereinfacht. Quelle: Reconsolidation and the Dynamic Nature of Memory — PMC/NIH
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Vipassana Retreats in Haus Tabor — 10-tägige und kürzere Retreats in Vallendar bei Koblenz
- Vipassana@Home — Online-Praxis & Gemeinschaft — fortlaufendes Online-Angebot für Praktizierende ohne Retreat-Möglichkeit
- Vipassana Jetzt Podcast — regelmäßige Dharma-Talks von Adriaan
Zum Faktencheck recherchiert:
- FOMOSO — Kaliningrad: Das deutsche und russische Verständnis — Analyse der aktuellen und historischen Konfliktlage
- Reconsolidation and the Dynamic Nature of Memory — PMC/NIH — Peer-reviewed Übersichtsartikel zu Rekonsolidierung und Randbedingungen
- bpb — Zwei-plus-Vier-Vertrag — Dokumentation des deutschen Gebietsverzichts 1990
Verbindungen
→ Adriaan van Wagensveld — Weniger Drama Vipassana ins Handeln
Gleicher Lehrer, komplementäre Perspektive: “Weniger Drama” beschreibt Vipassana als Alltagspraxis für gesellschaftliches Engagement — hier wird dasselbe Prinzip für Beziehungen und Fürsorge entfaltet. Die Körperwahrnehmung als Kommunikationskanal taucht in beiden Talks auf.
→ Adriaan van Wagensveld — Ksitigarbha die Wunden als Schatz
Ksitigarbha zeigt: Das Hinabsteigen in die Dunkelheit anderer ist nur möglich, wenn man zuerst bei sich selbst war. Die “Selbstfürsorge als Bedingung der Fürsorge” aus diesem Talk ist die praktische Umsetzung des Bodhisattva-Ideals.
→ Erich Fromm — Haben oder Sein
Fromms Unterscheidung zwischen Haben-Modus (Geben als Ausgabe, die man zurückfordert) und Sein-Modus (Geben aus Fülle) ist der philosophische Unterbau für Adriaans Beobachtung, dass “alle geben und alle leer bleiben”. Das Recht-Haben-Spiel in Beziehungen ist nichts anderes als der Haben-Modus in der Sprache der Fürsorge: Man gibt, um eine Schuld zu erzeugen. Adriaan bietet keine Fromm-Analyse an, aber beide kommen zur gleichen Diagnose aus verschiedenen Richtungen.
→ Matthieu Ricard — Glück, Mitgefühl und die Transformation des Geistes
Ricard formuliert das, was Adriaan praktisch zeigt, als philosophische These: Altruistisches Handeln und eigenes Wohlbefinden sind nicht Tauschgeschäft, sondern dasselbe aus verschiedenen Richtungen. Adriaans Paradox der leeren Fürsorge löst Ricard auf der Theorieebene: Wer gibt, weil er fürchtet nicht genug zu sein, gibt aus dem Haben-Modus. Eine produktive Spannung bleibt: Ricard betont die unverzichtbare Nähe zum lebenden Meister, Adriaan setzt stärker auf eigenständige Sitzpraxis.
→ Dr. Pablo Hagemeyer — Narzissmus, innere Leere und das Selbst
Hagemeyers Reparentifizierungsprozess — Kompetenzen zurückholen, das Selbst als eigenständige Instanz wieder sichtbar machen — und Adriaans “Urlaub aus den Rollen” beschreiben strukturell dieselbe Bewegung. Das Recht-Haben-Spiel ist eine milde Variante von Hagemeyers narzisstischer Regulierung via Außenbestätigung: Wer sich selbst nicht bekommt, sucht Bestätigung in der ewigen Schuldabrechnung.
→ Barbara Schmitz und Giovanni Maio — Verletzlichkeit als Stärke
Maios Kritik am Autonomiemythos trifft Adriaans Vortrag im Zentrum: Selbstfürsorge ist kein Autonomieprojekt, sondern das Gegenteil. Es geht nicht darum, sich von anderen unabhängig zu machen, sondern frei genug zu werden, um in echte Verbindung zu treten. Eine produktive Spannung: Maio würde fragen, ob der Vipassana-”Urlaub aus den Rollen” nicht selbst ein Autonomiemythos in spiritueller Sprache ist.
→ S.N. Goenka — Vipassana
Goenkas Warnung vor erzwungener Unterdrückung (der “schlafende Vulkan”) ist das technische Gegenstück zu Adriaans Beobachtung, dass das Recht-Haben-Spiel Konflikte unlösbar macht: Beide beschreiben, was passiert, wenn innere Reaktionsmuster nicht aufgelöst, sondern nur verwaltet werden. Die methodische Divergenz bleibt: Goenka lehrt strikte 10-Tage-Retreats; Adriaan (Plum Village-Linie) integriert stärker den sozialen Kontext.
→ Thich Nhat Hanh — Die Vier Edlen Wahrheiten
Adriaan stammt aus der Plum Village-Linie — sein Begriff von Selbstfürsorge als Bedingung echter Fürsorge ist direkt Thich-Nhat-Hanh-isch: Interbeing als Hintergrund bedeutet, dass wer nicht bei sich ist, nicht wirklich beim anderen sein kann. Thays Konzept des “tiefen Schauens in das eigene Leiden” als Voraussetzung für Mitgefühl ist Adriaans Paradox der leeren Fürsorge in der kanonischen Form.
→ Das unsichtbare Netzwerk — Gravitation statt Revolution
Das Netzwerk-Essay beantwortet die Kollektivfrage, die Adriaans Vortrag am Ende aufwirft: Wenn ein Mensch in einem System diesen Weg geht, erscheint ein anderes Licht — aber wie? Das Netzwerk liefert den Mechanismus (Myzel, Gravitation, Prediction Error). Adriaan gibt das Warum der inneren Arbeit, das Netzwerk das Wie seiner kollektiven Wirkung.
Weiterdenken
Was Aristoteles vielleicht gefragt hätte
- Wenn echte Fürsorge für andere bei mir selbst beginnen muss — bedeutet das, dass jedes Opfer für andere, das ich aus Erschöpfung bringe, keines ist?
- Adriaan sagt: Recht haben löst Konflikte nicht — aber was ist mit Fällen, in denen Unrecht tatsächlich passiert ist? Gibt es einen Punkt, ab dem Wohlwollen aufhört, sinnvoll zu sein?
- Die Erinnerung verändert sich bei jedem Abruf — wie kann man dann über vergangenes Unrecht sprechen, ohne dass die eigene Darstellung bereits Fiktion ist?
- Kollektive Transformation durch individuelle Praxis: Wie viele Menschen müssen diesen Weg gehen, damit er kollektiv wirkt — und wie misst man das?
- Was wäre das stärkste Argument dagegen, dass Selbstfürsorge keine Form von Egoismus ist?
→ Christine Braehler — Selbstmitgefuehl, Scham und reife Liebe
Brähler beschreibt aus klinisch-psychologischer Sicht dasselbe Paradox, das Adriaan aus der Vipassana-Praxis beschreibt: Wer aus Erschöpfung und Angst heraus gibt, gibt egozentrisch — versteckt, aber fundamental. Beide kommen zur identischen Schlussfolgerung: Selbstfürsorge ist keine Vorbedingung für Leistung, sondern für Authentizität.











