Worum es geht

Ein Rapper liest zehn Zeilen vor und lässt raten: Shakespeare oder Hip-Hop? Fast alle liegen falsch — und aus diesem Irrtum wird eine Frage danach, wer das Recht hat, klug zu sein. Akala führt in Glasgow vor, dass Shakespeares Versmaß und Rap denselben Puls haben, buchstäblich: Er rappt Sonett 18 über einen Beat und dann noch einmal über doppeltes Tempo. Dahinter liegt eine Bildungskritik (wie schafft es die Schule, etwas so Musikalisches langweilig zu machen?), eine Herkunftsgeschichte des MC, die bei den westafrikanischen Griots beginnt, und ein Argument über seelische Gesundheit: Was macht es mit einem Vierzehnjährigen, wenn niemand, der aussieht wie er, als denkfähig gezeigt wird?

Anlass — 53 Jahre Hip-Hop (11. August)

Am 11. August 1973 gab Cindy Campbell im Gemeinschaftsraum der 1520 Sedgwick Avenue in der Bronx eine Back-to-School-Party, um Geld für Schulkleidung zusammenzubekommen. Ihr Bruder Clive legte auf und begann, die Breaks zwischen zwei Plattenspielern zu verlängern. Aus diesem Abend leitet der Hip-Hop seine Herkunft ab — seit 2021 auch offiziell, per einstimmigem Beschluss des US-Senats.

Dass der Geburtstag auf diesen Tag fällt, ist eine nachträgliche Setzung und umstritten: Afrika Bambaataa hält den 12. November 1974 für richtig, weil man da beschloss, das Ganze Hip-Hop zu nennen. Selbst der überall kursierende Flyer jener Party ist nachträglich angefertigt (→ Faktencheck). Akalas Vortrag geht noch weiter zurück und macht aus dem Streit einen Nebenschauplatz — für ihn beginnt die Geschichte nicht in der Bronx.

Auf dasselbe Datum fällt der UN-Welttag der Steelpan. → Steelpan — Was aus einem Trommelverbot wurde

Quelle: GCPH Seminar Series 9, Lecture 1 — Akala presents Hip Hop Shakespeare (Glasgow Centre for Population Health, The Lighthouse, 20.11.2012, 0:42 h — das Video wurde erst später hochgeladen)

Wer spricht?

Akala (Kingslee James McLean Daley, *1983) ist britischer Rapper, Autor und autodidaktischer Historiker — aufgewachsen in Kentish Town, Nord-London, als Sohn einer schottisch-englischen Mutter und eines jamaikanischen Vaters. MOBO-Award 2006, Gründer der Hip-Hop Shakespeare Company (2009). Als er hier spricht, ist er neunundzwanzig und noch nicht der Autor, als den ihn heute die meisten kennen: Natives: Race and Class in the Ruins of Empire erscheint erst sechs Jahre später.

Dass er diesen Vortrag ausgerechnet vor dem Glasgow Centre for Population Health hält — einer Einrichtung für öffentliche Gesundheit —, ist kein Zufall: Sein Argument endet bei der Frage, was Sprache und Zugehörigkeit mit seelischer Gesundheit machen.

DenkerVita


Der Test, den man verlieren soll

▶ 0:47 Jeder Hip-Hop-Shakespeare-Workshop beginnt gleich. Akala liest zehn einzelne Zeilen vor, das Publikum stimmt per Handzeichen ab: Shakespeare oder Hip-Hop?

„Sleep is the cousin of death” — achtzig Prozent des Saals tippen auf Shakespeare. Es ist Nas. ▶ 3:05 Akala schiebt die Lesart nach, die den Unterschied macht: Neben der offensichtlichen Metapher trägt die Zeile eine zweite Bedeutung, weil to sleep im Slang von Queensbridge heißt, nicht aufzupassen — und in dieser Gegend ist Unaufmerksamkeit tatsächlich lebensgefährlich. Ein Doppelsinn, der nur trägt, wenn man den Ort kennt.

▶ 3:51 „Who inflicted this bitter sickness?” — neunundneunzig Prozent sagen Shakespeare. Es ist GZA vom Wu-Tang Clan. ▶ 5:21 „Being so great, I have no need to beg” — das wiederum ist Shakespeare, Richard II.

▶ 7:38 Der Test ist so gebaut, dass man ihn verliert. Akala erwähnt beiläufig, dass Ian McKellen den Workshop bei der offiziellen Gründung mit ihm zusammen moderiert hat — und selbst er lag bei einigen daneben.

▶ 8:23 Die Pointe ist keine über Literatur:

„Unser Blick auf Kunst beruht nicht unbedingt auf der Qualität der Kunst, sondern oft darauf, wie wir sie empfangen — wie über sie geschrieben wird, wie sie in den Medien präsentiert wird.”

▶ 9:08 Und dann der Sprung ins Soziale: Kinder aus bestimmten Vierteln Glasgows würden dämonisiert, Kinder aus anderen nicht — unabhängig davon, wie sie sich verhalten. Man könne der nächste Einstein sein; aus der falschen Siedlung werde man trotzdem nicht so gelesen.

Das Verfahren ist elegant, weil es niemanden belehrt. Der Saal produziert sein eigenes Beweisstück: Zwanzig Sekunden nach dem letzten Handzeichen weiß jeder im Raum aus eigener Anschauung, dass sein Urteil über die Qualität einer Zeile davon abhing, welchem Milieu er sie zuordnete. Man kann das nicht wegdiskutieren, man hat gerade die Hand gehoben.

Derselbe Puls

▶ 9:55 Dann geht Akala vom Argument zur Demonstration. Der jambische Pentameter — fünf Doppelschläge, unbetont-betont — sei kein akademisches Ornament. Er lässt das Publikum die Hand aufs Herz legen: Wenn es in Ordnung ist, schlägt es in Zweiergruppen, ein Auftakt und ein Schlag. (Als Merkhilfe schön, als Herleitung nicht haltbar — sonst bliebe unerklärt, warum die Franzosen den Alexandriner schreiben. Akala benutzt das Bild als Brücke zu Beats pro Minute, nicht als Beweis.)

▶ 10:41 Ein Beat setzt ein, und Akala rappt Sonett 18 — Shall I compare thee to a summer’s day —, ohne ein Wort zu ändern.

▶ 11:26 Der eigentliche Beweis kommt danach. Wer Texte über Beats schreibt, weiß: Eine Strophe für 70 bis 80 BPM lässt sich nicht einfach auf Grime-Tempo legen, auf 140 — man muss neu schreiben, der Fluss ist ein anderer. Akala legt dasselbe Sonett auf das doppelte Tempo. Es trägt.

Ein Detail verrät dabei mehr über ihn als der ganze Vortrag: Er muss die letzten beiden Zeilen jedes Mal wiederholen. Eine Hip-Hop-Strophe hat sechzehn Takte, ein Sonett vierzehn — nach vierzehn fühlt es sich für ihn unfertig an. Der Vergleich läuft hier gerade nicht auf Gleichheit hinaus; die beiden Formen haben verschiedene Atemlängen, und das merkt man erst, wenn man sie tatsächlich hintereinander macht.

▶ 12:58 Danach lässt er den Saal den Prolog von Romeo und Julia im Call-and-Response lernen, Zeile für Zeile, mit Klatschen als Beat — ▶ 17:44 bis das Publikum die sechs Zeilen ohne ihn schafft. Zehn Minuten für etwas, wofür Schule Wochen braucht und dabei niemanden gewinnt.

Wie man etwas Musikalisches langweilig macht

▶ 18:30 Hier liegt der Ursprung des ganzen Projekts, und Akala formuliert ihn als Rätsel:

„Wie schaffen wir es, etwas so Schönes, so Musikalisches zu nehmen — und es langweilig zu machen?”

Er nimmt die Lehrer ausdrücklich aus der Schusslinie; sein Vorwurf gilt dem Lehrplan. Man habe Shakespeare in eine intellektuelle Gottheit verwandelt und darüber vergessen, dass der Mann Performance-Dichtung schrieb, für Leute auf einer Bühne.

▶ 19:15 Die erste Begegnung mit Shakespeare, sagt er, gehöre aufgeführt, gesungen, gerappt — nicht als Text zum Analysieren auf den Tisch gelegt. Sein Gegenbeispiel sitzt: Man gebe jemandem die Zeilen von Redemption Song ohne die Musik und bitte ihn, das erst mal zu lesen. Es bleiben Wörter auf Papier. Auch Ilias und Odyssee, erinnert er, begannen als mündliche Überlieferung.

▶ 20:00 Dann räumt er den Ballast weg, den Schüler mitschleppen. Shakespeare war vornehm — Received Pronunciation existierte zu seinen Lebzeiten gar nicht. Der als größter Schriftsteller der englischen Sprache geltende Mann hat das, was uns als korrektes Englisch beigebracht wird, nie gehört. Man merke es an den Reimen: mood und blood reimten sich damals, weil beide wie mud klangen. Akala verweist auf seinen Freund Ben Crystal, der mit seinem Vater Aufführungen in der historischen Aussprache macht.

▶ 20:46 Und weiter: Shakespeare experimentierte mit Grammatik und Rechtschreibung und erfand Wörter — assassination etwa. (Faktencheck: vereinfacht — Thomas Smith benutzte das Wort 1572, vierunddreißig Jahre vor Macbeth*. Das OED verzeichnet den frühesten Beleg, nicht den Erfinder.)* Also genau das, was man Jugendlichen im Unterricht verbietet. Als lebendes Gegenbeispiel führt Akala José Saramago an, der mit seitenlangen Sätzen ohne Punkt den Nobelpreis bekam.

Eigene Einschätzung

Der Punkt trägt weiter, als er ihn treibt. Was Akala beschreibt, ist ein Kanonisierungsverfahren, das seinen Gegenstand konserviert und dabei entschärft: Erst wird ein Regelbrecher zur Autorität erklärt, dann werden aus seinem Werk die Regeln abgeleitet, an denen die nächsten Regelbrecher scheitern. Shakespeare wird als Maßstab benutzt, um genau die Freiheit zu verweigern, aus der er selbst schrieb. Das ist kein Versehen des Lehrplans — es ist die Funktionsweise von Kanon.

▶ 21:31 Danach dreht er das Messer in die andere Richtung, gegen die Rap-Kritik. Man fahre durch London und sehe Kinoplakate mit Waffen; wenn Hollywood das tue, fördere es keine Gewalt, wenn Rapper es täten, schon.

▶ 22:16 Und die Vergangenheit werde ebenso beschönigt: In Titus Andronicus werden zwei Männer zerteilt, in eine Pastete gebacken und ihrer Mutter serviert. Shakespeare war Gesellschaftskommentator seiner Zeit — im London jener Jahre hingen Köpfe auf der London Bridge, es wurde öffentlich gehängt und gevierteilt.

„Mich beschäftigt nicht so sehr, ob eine Rap-Zeile gewalttätig ist. Mich beschäftigt, ob sie poetisch ist — welche Qualität die Dichtung hat, welche Qualität die Sprache hat.”

Das ist die härteste Stelle des Vortrags, und Akala macht es sich dabei nicht leicht: Er sagt ausdrücklich, dass er nicht alles mag, was aus dem Genre kommt. Er verlangt für beide Seiten denselben Maßstab, keinen Freibrief für eine.

Der MC und der Griot

▶ 23:03 Für den zweiten Teil holt Akala weit aus. Afroamerikanische Musik werde in einem kulturellen Vakuum präsentiert, weil über die afrikanischen Gesellschaften, aus denen sie kommt, entweder nichts oder Falsches bekannt sei. Er zeigt Benin, Great Zimbabwe, Timbuktu — dasselbe Material wie in seinem Oxforder Vortrag (→ Akala — Die verlorenen Seiten der Menschheitsgeschichte), hier aber mit anderem Zweck: Es soll eine Abstammungslinie begründen, nicht das Geschichtsbild korrigieren.

▶ 31:26 Denn worauf er hinauswill, ist eine Berufsgruppe. Diese Gesellschaften waren nach Kasten organisiert, und zwar nach Tätigkeit: Schmiedefamilien, Lederarbeiterfamilien — und die Griots. Dichter, Sänger, Historiker, Genealogen in einer Person. Obwohl es Schriftkultur gab, lag das heiligste Wissen der Gesellschaft, ihre Geschichte, sogar die Legitimität der Herrschaft, bei diesen Leuten.

▶ 32:12 Ihre Ausbildung sei formal gewesen und habe einundzwanzig Jahre gedauert: sieben Jahre Gesang, sieben Jahre Sprache, sieben Jahre Instrument. (Faktencheck: vereinfacht — für das saubere Dreimal-Sieben findet sich kein ethnographischer Beleg; dokumentiert sind rund zehn Jahre, und die drei Fächer laufen parallel. Auch ist das System westafrikanisch, nicht panafrikanisch.)

▶ 32:57 Von dort zieht er die Linie in die Neue Welt. Congo Square in New Orleans, wo versklavte Afrikaner sonntags frei hatten und sich zu Hunderten mit Trommeln und Rezitation versammelten — als Ort, an dem der Jazz „offiziell” geboren worden sein soll, wie er selbst vorsichtig formuliert. Brasilien mit den Yoruba-Traditionen hinter dem Karneval. Jamaikas Soundsystem-Kultur, aus der Reggae kam. ▶ 33:43 Und dort, wo diese Stränge sich in den Siebzigern in New York wiedertreffen, entsteht Hip-Hop.

Damit setzt er die Bronx-Erzählung in Klammern, ohne sie zu bestreiten. Die Vorstellung, rhythmisches Reimen über einen Trommelschlag habe vor vierzig Jahren angefangen, nennt er schlicht absurd — man könne sich auf YouTube das Golden Gate Quartet aus den Dreißigern ansehen. Sein Vergleich: Man verstehe Bruce Lee nicht, wenn man nur seine Geburt in Amerika kennt und nicht die Jahrtausende chinesischer Kampfkunst dahinter.

▶ 34:28 Den Schlussstein liefert er über die Etymologie: hip komme vom Wolof-Verb hipi — „die Augen öffnen und sehen”, ein Wort der Erleuchtung; hop aus dem Englischen für Bewegung. Hip-Hop also: intelligente Bewegung. Die Gründer hätten „genau gewusst, was sie taten, als sie es benannten”. Er merkt selbst an, dass nichts davon von ihm stamme; KRS-One habe darüber einen ganzen Song gemacht.

Genau hier bricht die Kette. (Faktencheck: falsch.) Die Wolof-Herleitung ist eine 1968 tentativ geäußerte Vermutung, die seither weitergereicht wird, ohne je belegt worden zu sein — Wolof schreibt das Wort xippi, ohne h. Und die Prägung von hip hop ist gut dokumentiert und trug keinerlei Bedeutungsabsicht: Keith „Cowboy” Wiggins scattete 1978 „hip/hop” als Nachahmung eines Marschtritts, um einen Freund zu veralbern, der zur Army ging.

Es trifft ausgerechnet den Teil, der Akala am wichtigsten ist — die wissende Benennung. Bemerkenswert bleibt trotzdem, was der Irrtum leistet: Eine Kultur, der man Voraussetzungslosigkeit vorwirft, versorgt sich rückwirkend mit einer Ahnenreihe. Das ist dieselbe Bewegung, die er dem Lehrplan vorhält, nur in die andere Richtung. Man kann beides sehen und muss sich nicht entscheiden — die Herkunftslinie über Congo Square und die Soundsystems ist real, die Etymologie ist es nicht.

▶ 35:13 Von dem stammt auch die Unterscheidung, die Akala übernimmt: Rap ist etwas, das man tut. Hip-Hop ist etwas, das man lebt.

Wer das Recht hat, klug zu sein

▶ 35:59 Zum Schluss wird es persönlich, und hier liegt der Grund, warum er vor einem Public-Health-Institut spricht. Mit zwölf, dreizehn, aus einer alleinerziehenden Familie ohne Geld, aber mit dem Hackney Empire im Rücken, wo sein Stiefvater arbeitete, traf ihn eine Band:

„Der Wu-Tang Clan hat es buchstäblich sexy gemacht, intelligent zu sein. Sie benutzten Wörter wie ‚benevolent’ in einem Rap-Song.”

Und dann seien sie in die Schule gegangen und hätten Texte geschrieben, bei denen galt: je größer die Wörter, je eloquenter, desto besser der MC.

▶ 36:45 Entscheidend war für ihn die Balance. Die Gruppe kam aus den Siedlungen von Staten Island — Stapleton und Park Hill, im Wu-Vokabular „Killa Hill” —, einer der härtesten Gegenden New Yorks: angeschossen, im Gefängnis gewesen, alle Klischees. Sie stritten das nicht ab und gaben sich nicht als andere aus. Aber sie spielten auch ihre Intelligenz nicht herunter.

▶ 37:31 Er sagt, Hip-Hop habe sein Leben gerettet, und schiebt sofort nach, er wisse nicht, ob das übertrieben wäre. Mit dreizehn, entfremdet von der Schule, kurz vorm Abbruch, habe er in dieser Dichtung Trost gefunden — und ein Selbstwertgefühl: dass Leute wie er klug sein können.

▶ 38:17 Daraus wird das eigentliche Argument des Abends:

„Wenn du ständig als Chav und Hoodie bezeichnet wirst und nie jemanden wie dich siehst, der so dargestellt wird, als hätte er das Recht, intelligent zu sein — als dürfte er Hüter von Wissen sein —, dann wirkt sich das schwer auf deine seelische Gesundheit aus.”

▶ 39:49 Als Beleg dafür, wie offen intellektuell diese Kultur war, zitiert er RZAs 12 Jewels, einen Text über Aggregatzustände, Dimensionen und die Macht der Rede — „Worte töten so schnell wie Kugeln” —, den Jugendliche auswendig konnten. Und er verweist darauf, dass GZA gerade mit einem Physiker am MIT an einem Album namens Dark Matter arbeite, um jungen Leuten Physik beizubringen.

Aus dem Abstand von über einem Jahrzehnt liest sich das doppelt. Das Album ist bis heute nicht erschienen. Was daraus wurde, war etwas anderes und Haltbareres: Zusammen mit dem Pädagogen Christopher Emdin baute GZA das Schulprogramm Science Genius auf, in dem New Yorker Schülerinnen und Schüler naturwissenschaftliche Raps schreiben und gegeneinander antreten. Der Rapper wurde nicht zum Popularisierer von Physik — er wurde zum Anlass, dass Jugendliche selbst welche schreiben. Was, gemessen an Akalas eigenem Argument, das bessere Ergebnis ist.

Eigene Einschätzung

Was Akala hier beschreibt, ist etwas anderes als Repräsentation im üblichen Sinn. Es geht ihm nicht darum, jemanden aus der eigenen Gruppe irgendwo zu sehen, sondern darum, ihn denkend zu sehen. Die Kränkung, die er benennt, ist präziser als „Ausgrenzung”: Man wird nicht vom Ort ausgeschlossen, sondern von der Rolle. Man darf Sportler sein, Musiker, Opfer — Hüter von Wissen nicht. Und weil das nirgends ausgesprochen wird, kann man es auch nirgends bestreiten. Es erklärt auch, warum die Wu-Tang-Wirkung so groß war: Sie kam nicht von außen als Angebot, sondern von Leuten aus demselben Treppenhaus.

▶ 40:35 Seine Pädagogik folgt daraus direkt. Warum, fragt er, hören ihm Jugendliche zu, die als schwer erreichbar gelten, sogar in Gefängnissen — und wollen dann etwas über Shakespeare wissen?

„Wenn ich mich von dir bevormundet fühle, werde ich das Wissen ablehnen. Wenn ich mich geliebt fühle, wenn ich mich einbezogen fühle, wenn es sich anfühlt, als sei es für mich — dann lasse ich mich darauf ein.”

▶ 41:20 Er stellt klar, dass er nichts gegen Dissertationen und Prüfungen habe; es gehe um den Weg dorthin. Und er endet mit einer offenen Frage statt einer Lösung: In postindustriellen Gesellschaften bilde man keine Massen von Fabrikarbeitern mehr aus — wozu also Bildung? Welche Art von Menschen soll sie hervorbringen?

„Es scheint mir, dass wir zu dieser Diskussion noch keinen Schluss gefunden haben.”

Eigene Einschätzung

Dass er hier nicht antwortet, ist die stärkste Entscheidung des Vortrags. Einer, der vierzig Minuten lang vorgeführt hat, wie gut sein Verfahren funktioniert, hätte an dieser Stelle bequem sein eigenes Modell zur Antwort erklären können. Er tut es nicht — er stellt seine Arbeit als einen kleinen Teil einer ungelösten Frage dar. Das ist dieselbe Zurückhaltung, die in seiner Vita als Haltung vermerkt ist: historische Herleitung statt moralischer Gewissheit.


Faktencheck

Falsch — Wolof-Etymologie von „hip"

Die Herleitung geht auf eine 1968 tentativ formulierte Vermutung des Afrikanisten David Dalby zurück und wird seither weitergereicht, ohne je belegt worden zu sein. Der Einwand der Lexikographie ist schlicht: Wolof kennt das Graphem h in diesem Wort gar nicht — es heißt xippi. Jesse Sheidlower (Herausgeber des OED) fasst zusammen, die These sei „stark nur, weil sie richtig klingt, und früh nur, weil behauptet wird, sie sei früh”. Der belegte Ursprung von hip ist unbekannt; die frühesten Belege stammen von 1900 und stehen nicht in erkennbar afroamerikanischem Kontext. Die Prägung des Kompositums hip hop ist dagegen gut dokumentiert und trägt keine Bedeutungsabsicht: Keith „Cowboy” Wiggins scattete 1978 „hip/hop” als Nachahmung eines Marschtritts, um einen zur Army gehenden Freund zu veralbern; Lovebug Starski beansprucht die Prägung ebenfalls. Damit fällt genau der Teil, der Akalas These trägt — die bewusste, wissende Benennung. Zu seinen Gunsten: Er schreibt die Herleitung ausdrücklich KRS-One zu und beansprucht keine Originalität. Quelle: Slate — The real history of „hip” (Jesse Sheidlower) · Keef Cowboy · Rolling Stone — Lovebug Starski

Falsch — Der berühmte Flyer vom 11.08.1973

Nicht von Akala behauptet, aber Teil desselben Gründungsmythos und für die Note relevant: Das überall kursierende Kärtchen mit Graffiti-Lettering — „a DJ Kool Herc Party” — ist keine zeitgenössische Quelle. Cindy Campbell hat 2022 bestätigen lassen, dass der im Netz als echte Einladung geführte Flyer nicht existiert; jemand hat ihn später nachgeschaffen. Drei Indizien stützen das: Die verbürgten Herc-Flyer von 1974/75 sind schmuckloser Klartext; die echten Einladungen schrieb Cindy einzeln von Hand auf Karteikarten; und als Gäste sind Namen aufgeführt, die 1973 noch nicht zu Hercs Crew gehörten. Das Bild lief trotzdem zum 37., 40. und 50. Geburtstag durch Presse und Bildagenturen. Das entkräftet die Party nicht, nur ihren Beleg. Quelle: J. Vognsen — Hip Hop history or hearsay? · Forbes — Cindy Campbell Talks The Birth Of Hip Hop

Bestätigt — Griots als Kaste nach Tätigkeit

In den Mande-Gesellschaften Westafrikas bilden die Griots (jeli/jali) zusammen mit Schmieden und Lederarbeitern die endogame Standesgruppe der nyamakala — Zugehörigkeit nach Beruf, vererbt. Der Griot ist tatsächlich Dichter, Sänger, Musiker, Historiker und Genealoge in einer Person, und er ist Träger der Herrschaftslegitimität: Wer regieren will, braucht den, der die Abstammung erzählen kann. Quelle: Thomas A. Hale, Oral Tradition 12/2 · Graeme Counsel — The Griots of West Africa

Vereinfacht — „21 Jahre Ausbildung, 7+7+7"

Für das saubere Dreimal-Sieben ließ sich in der ethnographischen Literatur keine unabhängige Quelle finden. Die dokumentierte Praxis sieht anders aus: Der Unterricht beginnt mit sieben oder acht Jahren und ist typischerweise um das achtzehnte Lebensjahr abgeschlossen — rund zehn Jahre, und die drei Fächer laufen parallel, nicht nacheinander. Strategisch relevanter ist die zweite Hälfte: Das nyamakala-System ist westafrikanisch (Sahel/Mande-Raum), nicht panafrikanisch — die Ausweitung auf „ganz Afrika” stützt den Bogen von Westafrika über Brasilien und Jamaika bis in die Bronx mehr, als die Ethnographie ihn trägt. Quelle: Keine unabhängige Quelle für „21 Jahre”; zur belegten Dauer: Lessons from the Griot Families of Mali

Vereinfacht — Congo Square

Der Kern hält: Der Louisiana-Code Noir von 1724 machte den Sonntag zum arbeitsfreien Tag, und die Versammlungen auf der Place des Nègres sind mit Trommeln, Tanz und Hunderten von Teilnehmenden gut bezeugt. Die Datierung stimmt jedoch nicht: New Orleans wurde erst 1718 gegründet — ein 17. Jahrhundert gibt es dort nicht. Die Blüte der Sonntagsversammlungen liegt im 19. Jahrhundert; erst eine Stadtverordnung von 1817 wies Congo Square förmlich als einzigen erlaubten Ort aus, um 1840 endeten sie. Beim Jazz formuliert Akala selbst vorsichtig — Historiker sehen dort die rhythmische Wurzel, nicht den Geburtsakt einer Musik, die ein halbes Jahrhundert später entstand. Quelle: 64 Parishes — Congo Square

Bestätigt — Rap wurde nicht in den 1970ern erfunden

Das Golden Gate Quartet nahm 1937 „The Preacher and the Bear” auf — gesprochen-rhythmisierte Erzählung über Swing-Puls, in der Rezeption regelmäßig als einer der frühesten „Raps” geführt. Cab Calloway kodifizierte in derselben Zeit die Jive-Sprache (sein Hepster’s Dictionary, 1938). Der weitere Befund stützt Akala: talking blues, Signifying/Dozens, die gepredigte Kanzelrhetorik der Black Church und das jamaikanische toasting sind seit Langem als Vorläufer beschrieben. Quelle: Vocal Group Hall of Fame — The Golden Gate Quartet · OUPblog — Origins of hip hop

Bestätigt — Received Pronunciation gab es zu Shakespeares Zeit nicht

RP als kodifizierter Prestige-Akzent entstand erst um 1800, als sich die Oberschicht hörbar vom aufsteigenden Bürgertum absetzen wollte. David und Ben Crystals Original Pronunciation-Arbeit zeigt, dass rund zwei Drittel der Sonett-Reime im modernen Englisch nicht mehr funktionieren, in OP aber schon — blood und mood gehören zu den Standardbeispielen. Eine Präzisierung: In OP näherten sich beide Wörter eher dem oo-Vokal an; das heutige „mud”-Klangbild von blood setzte sich erst später durch. Am Argument ändert das nichts. Quelle: Folger Shakespeare Library — Pronouncing English as Shakespeare Did

Vereinfacht — „Shakespeare erfand assassination"

Der Klassiker aus dem Englischunterricht, und er hält nicht: Sir Thomas Smith benutzte assassination 1572 in einem Brief — vierunddreißig Jahre vor Macbeth. Der Irrtum entsteht durch ein Missverständnis des OED: Das Wörterbuch verzeichnet den frühesten schriftlichen Beleg, nicht den Erfinder. Shakespeares Texte wurden gedruckt und durchgearbeitet wie kaum etwas sonst aus seiner Zeit — die 1.700 bis 2.000 „Erstbelege” sind zu großen Teilen ein Überlieferungseffekt. Akalas eigentliches Argument — Shakespeare spielte mit Grammatik und Wortbildung so, wie wir es Schülern verbieten — bleibt unberührt. Quelle: Merriam-Webster — 10 Words Shakespeare Never Invented · Colin Gorrie — No, Shakespeare didn’t invent those words

Vereinfacht — Jambischer Pentameter als Herzschlag

Eine Merkhilfe, keine Erkenntnis. Es gibt keine Forschung, die das Versmaß aus der Kardiologie herleitet. Der stärkste Einwand ist einfach: Alle Menschen haben einen Herzschlag; wäre der Jambus deshalb natürlich, bliebe unerklärlich, warum die Franzosen den Alexandriner schreiben. Die tragfähigere Erklärung ist sprachlich — der Fünfheber liegt nah an der englischen Sprechbetonung und ist für Schauspieler gut memorierbar. Akala benutzt das Bild funktional, nicht als Beweis. Quelle: Derek Mong — Iambic Pentameter Has Nothing to Do with Your Heart

Bestätigt — Die Pastete in Titus Andronicus

Titus tötet Chiron und Demetrius, backt sie in eine Pastete und serviert sie bei Tisch — allerdings der Mutter, Tamora. Der Rest der Rahmung stimmt: Das elisabethanische London kannte öffentliches Hängen, Vierteilen und aufgespießte Köpfe auf der London Bridge; Shakespeares Gewalt war das Register seiner Zeit. Quelle: Titus Andronicus

Falsch — „Ehebruch der Frau rechtfertigte die Enthauptung"

Diese Nebenbemerkung des Vortrags ist nicht haltbar und steht darum nicht im Text oben. Ehebruch fiel im elisabethanischen England unter die Kirchengerichte — Buße, öffentliche Beschämung, kein Todesurteil. Tötete ein Mann seine Frau, war das Mord. Erst 1671 erkannten die Gerichte den in flagranti ertappten Ehebruch als Provokation an — und zwar für die Tötung des Liebhabers, mit Herabstufung auf manslaughter; der erste Fall, in dem die Tötung der untreuen Ehefrau so gemildert wurde, datiert auf 1810. Die rechtliche Asymmetrie verlief umgekehrt: Tötete eine Frau ihren Mann, war das petty treason — Verbrennen auf dem Scheiterhaufen. Das Bild stammt vermutlich von Anne Boleyn und Catherine Howard — die wurden wegen Ehebruchs enthauptet, aber als Hochverrat an der Thronfolge, ein Sonderrecht der Krone, kein Recht des Ehemanns. Quelle: Legal History Miscellany — The Short History of the Infidelity Defence · Petty treason

Bestätigt — José Saramago

Nobelpreis für Literatur 1998, als bislang einziger portugiesischsprachiger Autor. Sein Stil ist genau der beschriebene: kaum Interpunktion, Dialog ohne Anführungszeichen in die Erzählung eingeschmolzen, Sätze über mehrere Seiten. Quelle: NobelPrize.org

Vereinfacht — GZA, „Dark Matter" und der MIT-Physiker

Zum Zeitpunkt des Vortrags (20.11.2012) eine korrekte Momentaufnahme. Die Zuschreibung „einer der führenden Physiker am MIT” ist allerdings zu eng — es war ein Kreis: David Kaiser (MIT), Forscher an Cornell und Harvard, Neil deGrasse Tyson, und für den pädagogischen Teil Christopher Emdin (Columbia), mit dem GZA das Schulprogramm Science Genius B.A.T.T.L.E.S. aufbaute. Das Programm existiert und wirkt. Das Album nicht: Dark Matter war für 2014 angekündigt und ist bis heute unveröffentlicht. Quelle: Rolling Stone — GZA Talks Lectures, Science and „Dark Matter” · Christopher Emdin

Vereinfacht — Wu-Tang aus den Stapleton Projects

Stapleton ist die halbe Adresse. Der Clan formierte sich zwischen zwei Siedlungen auf Staten Island: Stapleton Houses (u.a. Ghostface Killah) und Park Hill, im Wu-Vokabular „Killa Hill” (u.a. Method Man, Raekwon); GZA wird meist Brooklyn zugerechnet. Dass die Gegend zu den härtesten New Yorks zählte, ist unbestritten — die Verkürzung auf einen Block ist Bühnen-Kurzschrift. Quelle: Wax Poetics — Chamber Music: the Wu-Tang Clan origin story

Bestätigt — Die Zuordnungen im Quiz

Stichprobe geprüft, alles trifft zu: „Being so great, I have no need to beg” steht in Richard II, Akt 4, Szene 1. „I am reckless what I do to spite the world” spricht der Erste Mörder in Macbeth, Akt 3, Szene 1. „Sleep is the cousin of death” ist Nas, „N.Y. State of Mind” (Illmatic, 1994). „Maybe it’s hatred I spew…” ist Eminems Vers auf „Renegade” (Jay-Z, The Blueprint, 2001). „To destroy the beauty from which one came” ist Jay-Z, „You Must Love Me” (1997). Die GZA-Zeile „Who inflicted this bitter sickness” ließ sich keinem Track sicher zuordnen — an der Pointe des Quiz ändert das nichts. Quelle: Folger — Richard II, Akt 4, Szene 1

Bestätigt — Hip Hop Celebration Day, 11. August

S.Res. 331 wurde am 29.07.2021 eingebracht, von Chuck Schumer getragen und einstimmig angenommen. Bezugspunkt ist die Back-to-School-Party, die Cindy Campbell am 11.08.1973 in der 1520 Sedgwick Avenue veranstaltete — Miete 25 Dollar, Eintritt 25 Cent für Frauen, 50 für Männer, 21 bis 4 Uhr —, aufgelegt von ihrem Bruder Clive „DJ Kool Herc” Campbell. Afrika Bambaataas Gegendatum stimmt ebenfalls: Er nannte den 12.11.1974 — den Tag, „an dem wir beschlossen, diese ganze Kultur Hip-Hop zu nennen”. Kein Widerspruch in der Sache, sondern zwei verschiedene Fragen: wann die Elemente zusammenkamen, und wann sie einen Namen bekamen. Quelle: Congress.gov — S.Res. 331 · 1520 Sedgwick Avenue

Was der Faktencheck über den Vortrag zeigt

Zwei der drei falschen Befunde liegen an derselben Stelle: dort, wo eine Kultur sich rückwirkend eine Herkunft baut — die Wolof-Etymologie, der nachgeschaffene Flyer. Beides ist keine Täuschung, sondern Gründungsarbeit. Und beides ist bemerkenswert, weil es dieselbe Bewegung ist, die Akala dem Lehrplan vorwirft, nur in die andere Richtung: Wer wissen will, woher er kommt, richtet sich die Herkunft nach Bedarf. Die tragende Linie — Griots, Congo Square, Soundsystems, Bronx — bleibt davon unberührt; sie ist belegt, sie braucht die Etymologie nicht.


Weiterführende Quellen

  • The Hip-Hop Shakespeare Company — das 2009 von Akala gegründete Bildungsprojekt
  • Glasgow Centre for Population Health — Veranstalter der Seminarreihe
  • Akala: Natives — Race and Class in the Ruins of Empire (2018) — genialokal
  • Akala: The Dark Lady (2021) — Roman über einen Taschendieb im elisabethanischen London — genialokal
  • David & Ben Crystal: Shakespeare’s Words / Aufführungen in Original Pronunciationgenialokal
  • José Saramago — im Vortrag als Beispiel für preisgekrönten Regelbruch genannt — genialokal
  • Im Vortrag zitierte Künstler: Nas · GZA und RZA (Wu-Tang Clan) · Jay-Z · Eminem · Big Pun · KRS-One · Public Enemy

Belege und Gegenlektüre (Sherlock):


Verbindungen

Suraj Yengde — Annihilation of Caste

Die präziseste Brücke. Yengdes Satz — „An untouchable thinking is itself a sin in a Vedic Hindu order” — ist Akalas „Recht, intelligent zu sein” in der Grammatik der Kaste: nicht Ausschluss vom Ort, sondern von der Rolle des Wissenshüters. Auch Akalas Rückdatierung des Hip-Hop von der Bronx nach Westafrika teilt Yengdes Misstrauen gegen den amerikazentrierten Blick auf die Welt.

Ngugi wa Thiongo — Decolonizing the American University

Ngũgĩs Passage über die Versklavten, die aus verbotenen Sprachen neue schufen, endet beim Hip-Hop; Akala verlängert dieselbe Linie rückwärts bis zu den Griots. Und beide zeigen an derselben Sprache, wie Norm entsteht — bei Ngũgĩ das Englische als Werkzeug der Herrschaft, bei Akala die Received Pronunciation, die Shakespeare selbst nie gehört hat.

Steelpan — Was aus einem Trommelverbot wurde

Am selben Kalendertag entstanden, und die Verbindung trägt über das Datum hinaus. Naipauls Verdikt „in Westindien wurde nichts geschaffen” ist Akalas verweigertes Recht auf Klugheit, ausgesprochen über ein ganzes Volk. Und die ungelernten Stimmer, die hämmernd ein bis heute kaum beschriebenes akustisches System fanden, sind der Beweisfall für seine These: Denkfähigkeit wird dort vermutet, wo man sie erwartet.

Ken Ono — Wenn das Wissen billig wird

Onos „unentdeckte Ramanujans” und Akalas Vierzehnjähriger, der nie jemanden wie sich als Hüter von Wissen sieht, beschreiben denselben Ausfall von zwei Seiten: dort das übersehene Talent, hier das Selbstbild, das gar nicht erst entsteht. Akalas Wu-Tang-Satz ist dabei die Antwort auf Onos Frage nach dem Staunen — es braucht jemanden aus demselben Treppenhaus, der es vormacht.

Lukas Baerfuss — Die Fesseln der eigenen Herkunft

Bärfuss sagt, wer keine Ahnengalerie habe, besitze dafür lebendige Erinnerung — Akala führt die Berufsgruppe vor, die genau das war: die Griots. Und wo Bärfuss beim Ehrendoktor nicht weiß, ob man das auf die Visitenkarte druckt, beschreibt Akala dieselbe Habitus-Grenze eine Etage früher: den Dreizehnjährigen, dem niemand die Rolle zeigt, die Bärfuss später nicht zu tragen weiß.

Arlie Hochschild — Stolen Pride

Hochschilds Gesprächspartner in Pikeville sieht zwischen seinem Leben und dem der schwarzen Innenstadt keinen Unterschied „except for the music”. Dieselbe Chemie aus Verachtung und Scham, zwei Ausgänge: Dort wird sie an jemanden verkauft, der sie in Fremdschuld verwandelt; bei Akala verwandelt der Wu-Tang Clan sie in den Anspruch, Hüter von Wissen sein zu dürfen.

Gefangene des Systems — Elitenerziehung und die Verrohung der Macht

Die Gegenprobe von oben. Was an Eliteschulen als Selbstverständlichkeit mitgeliefert wird — die Vermutung, denkfähig und zum Wissen berufen zu sein —, wird in Akalas Vierteln stillschweigend entzogen. Beide Seiten zahlen, verschieden: hier „exzellente Schafe” ohne Vorstellung vom Leben jenseits der Prüfung, dort Kinder, die Klugheit gar nicht erst für sich reklamieren.

Wer die Begriffe praegt — Sprache, Macht und die Haltung des Lernenden

„Das Nomen friert ein, was Bewegung war” — angewandt auf einen ganzen Autor. Shakespeare erfand Wörter, brach Grammatik und schrieb für die Bühne; als Kanon liefert er die Regeln, an denen die nächsten Regelbrecher scheitern. Dazu die Pointe zur Begriffshoheit über das „richtige” Englisch, das es zu seinen Lebzeiten nicht gab.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Der Saal rät falsch, weil er Zeilen nach Milieu sortiert statt nach Qualität. Bei welcher Kunst, die ich ablehne, habe ich das Urteil je gefällt, ohne die Herkunft mitzuwiegen — und woran würde ich den Unterschied merken?
  • Shakespeare brach Grammatik, erfand Wörter und schrieb fürs Publikum; heute wird an ihm gemessen, was Schüler nicht dürfen. Ist Kanonbildung immer eine Entschärfung — oder gibt es eine Form, das Regelbrechende mitzuüberliefern?
  • Akala verlangt für Rap denselben Maßstab wie für Shakespeare: nicht ob gewalttätig, sondern ob poetisch. Hält der Maßstab auch dort, wo eine Zeile poetisch und menschenverachtend ist?
  • Er verlegt den Ursprung des Hip-Hop von der Bronx zu den Griots. Was gewinnt eine Kultur, wenn sie ihre Herkunft weiter zurückdatiert — und was verliert sie an dem konkreten Abend, an dem tatsächlich etwas Neues passierte?
  • „Das Recht, intelligent zu sein” — wem habe ich dieses Recht schon einmal stillschweigend abgesprochen, ohne es je auszusprechen?