Dritter Teil einer Reihe. Fundament: Das unsichtbare Netzwerk — Die Macht in Dir · Das unsichtbare Netzwerk — Potenziale und Gefahren Entstanden am 24.05.2026. Aus einem Gespräch über IT Mario - 40.000 Bundestagsreden analysiert — Höckes Selbstbeschreibung als Auslöser, Zhao Tingyangs Sprachphilosophie als Tiefenschicht.


Höcke hat es öffentlich gesagt. Das ist das Bemerkenswerte — nicht der Inhalt, der ist alt:

„Wer die Begriffe prägt, der prägt die Sprache. Wer die Sprache prägt, der prägt das Denken. Wer das Denken prägt, prägt den politischen Diskurs. Und wer den politischen Diskurs prägt, der beherrscht die Politik.”

Das ist kein AfD-Geheimnis. Es ist Wittgenstein in Politikersprache: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.” Aristoteles hätte genickt. Gramsci auch. Was Höcke tut, ist das Werkzeug benennen — während er es benutzt. Hybris oder Kalkül? Beides. Er vertraut darauf, dass sein Publikum es als Kompetenz hört, nicht als Eingeständnis.

Das Werkzeug selbst ist neutral. Es gehört wirklich jedem. Die Frage ist nicht ob man es benutzt — man benutzt es immer, sobald man spricht — sondern wie. Zur Öffnung oder zur Schließung. Um Komplexität sichtbar zu machen oder um sie auf ein Klischee zu reduzieren.


Das Nomen friert ein — das Verb fließt

Zhao Tingyang hat eine präzisere Diagnose als alle politischen Kommentatoren zusammen: Unsere Sprache ist nomenbasiert. Schon im Paläolithikum — Überlebensfrage: Löwe oder Antilope? giftig oder essbar? — haben Substantive die Denkstruktur geprägt. Sie klassifizieren, identifizieren, fixieren: das ist X.

„Links.” „Rechts.” „Mitte.” Alles Substantive. Sie frieren ein, was Bewegung war. Und sobald sie eingefroren sind, werden sie besetzt.

El-Mafaalani hat das am Wort „alternativ” gezeigt: In den 1970ern war es links besetzt — Gegenkultur, Aufbruch, taz, Grüne. Heute bedeutet es fast ausschließlich: Misstrauen. Jemand hat das Wort umgedreht. Das ist Höckes Prinzip in der Praxis — nur dass die Rechte hier gewonnen hat, ohne einen Schuss abzufeuern.

Dasselbe mit „Mitte”: semantisch maximal offen, maximal kolonisierbar. Die CDU hat sie besetzt. „Die bürgerliche Mitte.” Vergiftet durch Vereinnahmung. Das ist die Schwachstelle jedes Nomens: Es bietet Angriffsfläche.

Weitergedacht

El-Mafaalani zeigt, wie „alternativ” von links nach rechts wanderte — wer entscheidet eigentlich, wann ein Wort gekippt ist? Und gibt es Wörter, die man prinzipiell nicht kolonisieren kann — oder ist jedes Nomen am Ende besetzbar?


Populismus als Nomenisierungsstrategie

IT Marios Populismus-Dreimerkmal — Antielitarismus, Antipluralismus, Komplexitätsreduktion — liest sich anders, wenn man es durch Zhaos Brille betrachtet: Es ist Nomen-Denken in Reinform.

„Das Volk.” „Die Elite.” „Der Verrat.” Drei Substantive, die ein geschlossenes Bedeutungssystem bilden. Sie frieren das ein, was in Wirklichkeit fließt: Interessen, Koalitionen, Klassenlagen, Widersprüche innerhalb des „Volkes” selbst. Populismus ist deshalb nicht nur rhetorische Vereinfachung — es ist ontologische Erstarrung. Wer sagt „das Volk will”, behauptet, dass dieses Volk bereits fertig definiert ist. Nie im Werden. Immer schon vollendet.

Das Antipluralismus-Merkmal zeigt das am deutlichsten: Pluralismus wäre das Zugeständnis, dass das Volk aus verschiedenen, sich widersprechenden Gruppen besteht — also kein Substantiv ist, sondern ein Prozess. Populismus kann das strukturell nicht zulassen, ohne sich selbst aufzugeben. Er braucht das starre Nomen „das Volk” so notwendig wie ein Gebäude sein Fundament.

IT Marios Befund, dass die AfD beim Populismus-Score führt, bedeutet dann: Sie betreiben das nomenbasierte Denken konsequenter als alle anderen. Höckes Programm — Begriffe prägen — ist nicht nur Strategie. Es ist das Wesen der populistischen Erkenntnisform: Erst das Volk nominalisieren, dann als sein Sprecher auftreten. Die Kategorie schafft den Politiker, nicht umgekehrt.


Der Lernende und die Versuchung des neuen Begriffs

Das Gespräch, aus dem dieser Gedanke entstand, kreiste lange um die Frage: Was ersetzt links/rechts? Was ist der bessere Begriff für die eigentliche Achse — offen/geschlossen, mündig/unmündig, fragend/behauptend?

Und dann passierte etwas Interessantes: je länger man darüber nachdachte, desto weniger wollte man einen neuen Begriff.

Weil jeder neue Begriff denselben Weg gehen müsste wie links/rechts. 1789: Sitzordnung in der Nationalversammlung, semantisch leer. Danach: Generationen von Kämpfen, Verrat, Blut, Symbolen — bis die Wörter ihre Bilderwelt hatten. Das kann man nicht designen. Man kann nur anbieten und warten, ob es lebt. Und wer wartet, bis es lebt — der hat auch keine Kontrolle mehr darüber, womit es sich füllt.

Der Impuls, neue Kategorien zu schaffen, ist selbst Nomen-Denken. Man will das Flüssige festhalten. Einen Typ definieren: der Fragende. Eine Achse einrichten: hier die Offenen, da die Geschlossenen. Aber das Verb, das man eigentlich meint — das Fragen, das Unterwegs-Sein — stirbt im Moment seiner Nominalisierung.


Die Grenze des Lernenden

Die Haltung des Lernenden hat eine Schwachstelle. Sie muss sie haben — sonst wäre sie selbst ein Dogma.

Die ehrliche Frage, die das Gespräch zu dieser Note gestellt hat: Wann wird „ich bin immer noch lernend” zur Schutzbehauptung? Wann ist das Fragen zu Ende und das Handeln geboten? Kann man angesichts von Faschismus noch „fragend” sein? Angesichts einer Klimakrise, in der die Wissenschaft seit Jahrzehnten antwortet?

Die Antwort, die sich nicht ganz auflöst: Ja und nein.

Das Fragen endet nie — aber was sich verändert, ist der Aggregatzustand der Erkenntnis. Beim Klimawandel gibt es gesichertes Wissen. Die offene Frage ist nicht mehr „findet er statt?”, sondern „wie handeln wir?“. Der Lernende, der hier noch den Anfänger spielt, weicht aus. Das ist Missbrauch der Haltung — Fragen als Alibi für Entscheidungslosigkeit.

Aber: Wer handelt, muss nicht aufhören zu fragen. Marcant hat die rechte Szene verlassen — eine Entscheidung, kein Zögern. Und trotzdem führt er keine neuen Dogmen ein. Er handelt und fragt gleichzeitig. Das ist der Unterschied zwischen fragend als Verb (Praxis, die auch Entscheidungen trägt) und fragend als Substantiv (eine Identität, die vor Entscheidungen schützt).

Der Lernende, der immer noch lernt, hat keine Ausrede für Feigheit. Er hat nur eine Verpflichtung: Wenn er etwas weiß, muss er es sagen. Auch wenn es wehtut. Auch wenn es gegen ihn geht. Das Verb schützt nicht vor Verantwortung — es verlangt sie, unter erhöhtem Bewusstsein für die eigene Fehlerbarkeit.

Weitergedacht

Marcant handelt und fragt gleichzeitig — ist das eine Praxis, die man lernen kann, oder braucht man dafür eine bestimmte Geschichte, einen bestimmten Weg durch die Dunkelheit? Und: Gibt es Bereiche, wo das eigene „Noch-Fragen” schon lange Ausweichen war?


Fragend als Verb, nicht als Kategorie

Was bleibt, wenn man auf den neuen Begriff verzichtet?

Eine Haltung. Eine Praxis. Ein Verb.

Fragend — nicht „der Fragende”. Nicht eine Identität, die man annimmt und dann verteidigt. Sondern ein Modus, in dem man sich bewegt: immer noch unterwegs, nie fertig, nie angekommen. Der Lernende, der weiß, dass er nie genug gelernt hat — und darin nicht seine Schwäche erkennt, sondern seine Stärke. Weil wer nie ankommt, nie etwas zu verteidigen hat.

Das ist der Gegenentwurf zu Höckes Strategie, nicht als Gegenstrategie — denn das wäre wieder Nomen-Denken: wir besetzen die Begriffe zurück — sondern als Weigerung, im Nomen-Modus zu spielen.

Zhao würde sagen: Verb-Denken ist nicht die Abschaffung des Nomen-Denkens. Es ist die zweite Dimension, die bisher fehlte. 50 % des Denkens bleibt nomenbasiert — das ist unvermeidlich und gut so. Aber die anderen 50 % brauchen eine Philosophie des Werdens, nicht des Seins.

El-Mafaalani würde ergänzen: Ausgefeilte Kommunikationsstrategien — auch gut gemeinte — stärken das Misstrauen derer, die du erreichen willst. Weil Misstrauende professionelles Framing sofort als Manipulation identifizieren. Die einzige Kommunikation, die durch geht, ist die, die kein Kalkül trägt. Marcant macht das vor: keine Angriffsfläche, kein Dogma, keine Flanke.

Mausfeld würde ergänzen: Macht braucht Apathie. Und Apathie entsteht, wenn der Diskurs so sehr von Begriffen dominiert wird, dass echtes Denken gar nicht mehr möglich scheint. Die Weigerung, im Kategorien-Krieg mitzumachen, ist deshalb nicht Rückzug — sie ist Unterbrechung.

Habermas hätte hier Einwände. Seine Diskursethik ist der akademische Versuch, dasselbe Problem zu lösen: Wie führt man Diskurs ohne Machtasymmetrie? Die „ideale Sprechsituation” setzt voraus, dass alle Teilnehmer gleich und in gutem Glauben argumentieren. Das ist der blinde Fleck. Verb-Denken und die Haltung des Lernenden setzen keine ideale Situation voraus — sie arbeiten in der asymmetrischen, schmutzigen Wirklichkeit. Das ist ihre Stärke: nicht utopisch, sondern praxisfähig.

Weitergedacht

Zhao sagt, Verb-Denken braucht keine Abschaffung des Nomen-Denkens, sondern die fehlende zweite Dimension. Kann man diese zweite Dimension trainieren — oder verändert sie sich nur durch echte Erschütterungen, durch Momente, in denen die eigenen Kategorien zusammengebrochen sind?


Was das für Gedankenwelten bedeutet

Es gibt hier einen Standpunkt. Das wird nicht verleugnet. Aber der Standpunkt ist kein Nomen — er ist ein Verb.

Nicht: „Wir sind Aufklärer” — das wäre eine Kategorie, die sofort besetzt werden kann. Sondern: wir klären auf — immer noch, nicht fertig, nicht angekommen.

Nicht: „Wir sind offen” — das ist so leer wie „Mitte”. Sondern: wir fragen — auch wenn die Antwort wehtut. Besonders dann.

Das Zigeunerschnitzel-Beispiel aus dem Gespräch macht das konkret: Ein Wort kann Geschichte tragen, ohne die Haltung des Sprechers zu determinieren. Erzwungener Sprachwandel adressiert die Oberfläche — die Haltung darunter verändert er nicht, oft verhärtet er sie. Was verändert: echte Begegnung. Das Gespräch, das durchdringt. Die Frage, die nicht anklagt. Das Fragen als Praxis, nicht als Bekenntnis.

Die Stärke ist nicht die Kategorie. Die Stärke ist die Bewegung.


Nachtrag: Vom Lehrling zum Lernenden

Diese Note wurde mit dem Wort „Lehrling” geschrieben. Und dann, beim Lesen der fertigen Überschrift, passierte genau das, worüber sie handelt.

Das Wort „Lehrling” hat sich verschoben — nicht durch politische Entscheidung, sondern durch institutionellen Drift. Ausbildungsordnungen, Berufsschulbürokratie, der Begriff „Azubi” (Auszubildender), der ihn in Deutschland formal verdrängt hat. „Lehrling” klingt heute nach Handwerk, nach Hierarchie, nach einem klar definierten Anfang mit vorgesehenem Ende. Nach jemandem, der noch ganz am Anfang steht — und nirgendwo anders stehen darf. Der Lehrling wird Geselle, der Geselle Meister. Das Wort trägt seine eigene Überwindung schon in sich.

Das war nicht die Absicht. Die Absicht war: jemand, der nie aufhört zu lernen. Jemand, dem Demut keine Schwäche ist, sondern Stärke.

Aber der Resonanzraum war weg. Beim Lesen der Überschrift — nicht beim Nachdenken, sondern beim Lesen — hat sich etwas verändert. Das Wort sprach nicht mehr an. Das ist nicht Analyse. Das ist das, was Vipassana Sensation nennt: Bewusstsein vor dem Urteil. Der Körper wusste es, bevor der Verstand den Satz formuliert hatte.

„Lernender” trifft es besser. Nicht weil es politisch korrekter wäre — das ist der falsche Maßstab, und er widerspräche dem Zigeunerschnitzel-Gedanken direkt. Sondern weil es grammatikalisch näher an der Wirklichkeit ist: ein substantiviertes Partizip Präsens. Einer, der gerade lernt. Das Verb ist noch drin. Die Bewegung ist noch drin.

Und vor allem: Der Begriff schließt keine Entwicklungsstufe aus. Auch der Meister ist Lernender — nicht trotz seiner Meisterschaft, sondern wegen ihr. Weil wer wirklich meisterhaft ist, weiß, wie viel er noch nicht weiß. Das ist Sokrates’ Einsicht: die Unwissenheit nicht als Mangel, sondern als Erkenntnisform. Aristoteles würde hinzufügen: thaumazein — das Staunen — ist der Anfang der Philosophie, und er hat kein Ende.

Der Lehrling definiert durch Abgrenzung: noch kein Geselle, noch kein Meister. Der Lernende definiert durch Praxis: wer lernt, wo immer er steht. Er spricht nicht mehr davon, wer er ist — sondern wie er handelt und dass er stets im Prozess sich befindet.

Weitergedacht

Das Wort hat sich verändert, ohne dass jemand es gefordert hat — von innen, durch Resonanzverlust. Ist das der einzige Weg, wie authentische Sprachveränderung funktioniert? Und wenn ja: Was folgt daraus für alle gut gemeinten Sprachgebote von außen?


Verbindungen


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Habermas setzt auf die ideale Sprechsituation — aber wenn ein Akteur das Verb-Denken selbst als Taktik einsetzt, um offen zu wirken, ohne es zu sein: was unterscheidet ihn dann noch vom Nomen-Denker, der seinen Dogmatismus verbirgt?
  • Populismus nominalisiert das Volk — wie würde eine verbale Politik aussehen, die dasselbe Gemeinschaftsgefühl erzeugt, ohne zu totalisieren? Gibt es eine Erzählung von „wir” ohne das Einfrieren?
  • Der Lernende schützt vor Dogma, aber nicht vor Feigheit — wo ist die eigene Grenze zwischen aufrichtigem Fragen und bequemem Nicht-Entscheiden? (Diese Frage darf nicht weggedacht werden.)
  • Wittgenstein sagt, die Grenzen der Sprache sind die Grenzen der Welt — gibt es ein Denken vor dem Begriff? Vipassana behauptet das: Bewusstsein vor dem Urteil. Was wäre das für ein Denken — und könnte es politisch fruchtbar gemacht werden?
  • Höcke benennt sein Werkzeug öffentlich, während er es benutzt — ist das Hybris, oder eine neue Form der Legitimation: weil ich es offen sage, ist es kein Betrug?