Biografie
- Politikwissenschaftler, Journalist und Publizist, geboren am 16. April 1964 in Dinslaken; römisch-katholisch, lebt in Bonn.
- Studium der Politikwissenschaft, Geschichte und des Staatsrechts (1983–1990) an der Universität Bonn und am Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po). Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung und des DAAD.
- Promotion 1993 bei Wolfgang Bergsdorf: Ziviler Ungehorsam und christliche Bürgerloyalität. Konfession und Staatsgesinnung in der Demokratie des Grundgesetzes — das Thema, das ihn bis heute trägt: Wie loyal muss, wie widerständig darf ein Christ gegenüber dem demokratischen Staat sein?
- Journalistische Anfänge: freie Mitarbeit beim WDR-Hörfunk (1987–1989), Redakteur beim Rheinischen Merkur (1989–1991). Praxisstationen unter anderem beim Institut für Demoskopie Allensbach — dort lernte er Elisabeth Noelle-Neumann noch persönlich kennen; ihre Schweigespirale ist bis heute eines seiner Werkzeuge.
- 1993–2002 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung: zuerst Referent der journalistischen Nachwuchsförderung, ab 1995 Leiter des Referats für die südwestdeutschen Hochschulen in der Begabtenförderung und Mitarbeit in der Arbeitsgruppe Kirche und Politik. 1997 gründete er mit dem Altstipendiaten Florian Ludwig das bis heute bestehende Kammerorchester der KAS.
- Seit 2002 nach einer verschleppten Borreliose gesundheitlich beeinträchtigt; arbeitet seither in begrenztem Umfang als freier Publizist. Er hat auch über die medizinische und psychosoziale Lage von Borreliose-Kranken geschrieben — eine Erfahrung der Ohnmacht gegenüber Institutionen, die seinem Blick auf Gesellschaft eine leise Grundierung gibt.
- Kirchliche und politische Ämter: Redaktionsmitglied des Junge-Union-Organs Die Entscheidung (1992–2003) · Kommission Kirche 2000 der Deutschen Bischofskonferenz (1998/99) · Lehrbeauftragter an der Gustav-Siewerth-Akademie (2005–2008) · Kuratorium des Christlichen Medienverbundes KEP / Christliche Medieninitiative Pro (seit 2010) · Diözesanpastoralrat des Erzbistums Köln (2011–2013) · CDU-Zukunftskommission „Zusammenhalt stärken – Zukunft der Bürgergesellschaft gestalten” (2014/15) · Vorstand der Gesellschaft Katholischer Publizisten (2015–2017) · Berater im ZdK-Arbeitskreis „Politische und ethische Grundfragen” (2018–2020) · seit Mai 2025 gewähltes Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) · seit Mai 2026 Jurymitglied des Katholischen Preises gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.
- Publiziert unter anderem in Herder Korrespondenz, Stimmen der Zeit, Die Politische Meinung, Blätter für deutsche und internationale Politik, Psychologie heute, Cicero, taz, Zentrum Liberale Moderne und bei DOMRADIO.
- Themenschwerpunkte: politische und ethische Grundsatzfragen · christliche Gesellschaftslehre und Wertediskurs · Religionssoziologie und Kirchenpolitik · Demoskopie und Medienwirkungen · Krise der liberalen Demokratie und Rechtspopulismus.
- Auszeichnung: Förderpreis des Katholischen Journalistenpreises (1991).
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Unter dem Anspruch des „C”. Zu den Programmentwürfen der Unionsparteien | 1993 | Frühe Vermessung des „C” in CDU und CSU — was das Christliche im Parteiprogramm überhaupt verpflichtet. |
| Ziviler Ungehorsam und christliche Bürgerloyalität | 1994 | Die Dissertation: Konfession und Staatsgesinnung in der Demokratie des Grundgesetzes — wie viel Gehorsam schuldet der Gläubige dem Rechtsstaat, wann darf das Gewissen brechen? |
| Auf Vermittler angewiesen. Wie entsteht öffentliche Meinung über die Kirche? | 1996 | Medienwirkungsforschung am Fall Kirche: Die Institution erreicht die Gesellschaft nur durch Dritte — und wird von ihnen gerahmt. |
| Leben Christen anders? Befunde der empirischen Sozialforschung | 1998 | Püttmanns Signatur-Frage, demoskopisch geprüft statt behauptet: Lässt sich religiöse Praxis in Verhalten, Vertrauen, Ehrenamt messen? |
| Christliche Erziehung als Beitrag zum Gemeinwohl | 2000 | Religiöse Bildung nicht als Privatsache, sondern als Beitrag zu den Voraussetzungen, von denen der Staat lebt. |
| Gesellschaft ohne Gott. Risiken und Nebenwirkungen der Entchristlichung Deutschlands | 2010 | Sein bekanntestes Buch. Auf breiter Datenbasis fragt er, was mit Toleranz, Vertrauen, Familie und Demokratie geschieht, wenn der christliche Grundwasserspiegel sinkt. In der FAZ rezensiert, vom jüdischen Publizisten Chaim Noll als „ein optimistisches Buch” zu diesem Thema gelobt. |
| Führt Säkularisierung zum Moralverfall? Eine Antwort auf Hans Joas | 2013 | Streitschrift gegen die These, Säkularisierung sei moralisch folgenlos — mit Zahlen statt Kulturpessimismus. |
| Wie katholisch ist Deutschland – und was hat es davon? | 2017 | Bestandsaufnahme des katholischen Deutschlands und seiner Gemeinwohlleistung — Religionssoziologie ohne Wehleidigkeit. |
Wichtige Aufsätze und Buchbeiträge (Auswahl):
| Titel | Jahr | Fundort |
|---|---|---|
| Menschenbild und Medienwirkung | 2002 | In: Nomos und Ethos. Hommage an Josef Isensee, Berlin, S. 69–101 |
| „Das sind die Werte, für die ich hier stehe am äußersten Rande” — über Alfred Delp und den Widerstand gegen Hitler | 2007 | Alfred-Delp-Jahrbuch 1/2007, S. 54–77 |
| Christliche Volkspartei ohne christliches Volk? | 2007 | Festschrift für Wolfgang Bergsdorf, Paderborn, S. 85–108 |
| Tapferkeit – die Kardinaltugend der Freiheit | 2010 | In: Die leise Diktatur. Das Schwinden der Freiheit, Aachen, S. 99–118 |
| Was ist die AfD? Und wie als Kirche mit ihr umgehen? | 2017 | In: Orth/Resing (Hrsg.): AfD, Pegida und Co. Angriff auf die Religion?, Freiburg, S. 36–57 |
| Geschlechterordnung und Familismus als Policy-Angebote des Rechtspopulismus und Autoritarismus für das katholische Milieu | 2019 | In: Gender – Nation – Religion, Frankfurt/M., S. 51–80 |
| Populistische Radikalisierungstendenzen im konservativ-katholischen Milieu Deutschlands | 2022 | In: Nothelle-Wildfeuer/Striet: Katholischer Rechtspopulismus, Freiburg |
| Christlicher ziviler Ungehorsam im demokratischen Rechtsstaat des Grundgesetzes? | 2024 | In: Zugänge zu Recht und Religionen, Bd. 2, Baden-Baden, S. 207–244 |
| Zwischen Christdemokratie und Rechtspopulismus. Wie die Merz-Union ideell schlingert und schrumpft | 2025 | Blätter für deutsche und internationale Politik 5/2025, S. 51–60 |
| Von der Demokratie zur Ochlokratie? Empirische, sozialpsychologische und tugendethische Aspekte des Rechtspopulismus | 2026 | In: Ramb/Zaborowski (Hrsg.): Religion und Politik (Koordinaten Europas 3), Göttingen, S. 236–264 |
Zwei Selbstzitate ohne verifizierten Fundort
Püttmann verweist im Göpel-Gespräch auf einen eigenen Aufsatz über „Rechtspopulismus und Narzissmus” und auf den von ihm geprägten Begriff „Militanz der Mitte”. Beide ließen sich bislang keiner konkreten Publikation zweifelsfrei zuordnen; der sozialpsychologische Strang findet sich der Sache nach im Ochlokratie-Aufsatz (2026). Ebenfalls oft zitiert, aber nicht bibliografisch greifbar: sein Warntext vor der Rechtsdrift der Union von 2015, „Die Nashörner kommen”.
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Werte NEU DENKEN mit Andreas Püttmann — Podcast „NEU DENKEN mit Maja Göpel”, 18.08.2026, ~86 Min. Das ausführlichste jüngere Gespräch: erzkatholische Herkunft, Allensbach, das „C” als Vorzeichen vor der Klammer, Verantwortungsethik, Militanz der Mitte.
- Politologe Andreas Püttmann über Konservative, Rechte, CDU & AfD — Jung & Naiv, Folge 719, 30.07.2024. Lange Befragung zur Unterscheidung von konservativ, christdemokratisch und rechts.
- Wie politisch darf Kirche sein? — Vortrag beim Ökumenischen Jahresempfang des Bistums Magdeburg, 17.06.2026, ~33 Min. Die Grenzziehung zwischen kirchlichem Zeugnis und Parteipolitik.
- Andreas Püttmann — Politologe, Publizist, Christ — DOMRADIO-Podcast Himmelklar #308, 29.07.2026, ~51 Min. Biografisches Gespräch über Glaube, Krankheit und politische Publizistik.
- Gesellschaft ohne Gott? — Quo vadis, Europa? — Vortrag bei KIRCHE IN NOT, 24.06.2011, ~28 Min. Die Kernthese des Buches im Vortragsformat.
- Leben Christen anders? — KIRCHE IN NOT, 02.11.2021, ~22 Min. Die empirische Frage nach dem Unterschied, den Glaube im Verhalten macht.
Kernthesen
- Christlich-demokratisch ist nicht konservativ. Das „C” ist bei Püttmann kein Flügel neben Liberalen und Konservativen, sondern das Vorzeichen vor der Klammer — eine Wertbindung, die alle drei Strömungen bindet. Wer es zu einer Strömung unter anderen macht, hat es schon aufgegeben.
- Verantwortungsethik vor Gesinnungsethik — und Ethik der Ziele vor Ethik der Mittel. Gute Absichten entlasten nicht von der Prüfung der Folgen; und wer edle Ziele nennt, hat damit noch keine zulässigen Mittel gerechtfertigt. Beide Achsen trennt er streng.
- Rechtspopulismus ist eine Antithese zum Christentum. Nicht bloß politisch falsch, sondern anthropologisch unvereinbar: Feindmarkierung, Erlösungsversprechen durch Ausgrenzung und ein Menschenbild ohne unbedingte Würde stehen quer zur christlichen Soziallehre. Dass ausgerechnet Teile des konservativ-katholischen Milieus anfällig sind, hat er empirisch beschrieben.
- Narzissmus als Treibstoff der Rechtsdrift. Die Verschiebung nach rechts liest er auch als Kulturkrise: Bürgerethos weicht enthemmter Selbstbezogenheit — Kränkbarkeit, Empörungslust und Verachtung als politische Ressource.
- Militanz der Mitte. Die Mitte darf nicht nur maßvoll, sie muss auch wehrhaft sein. Mit Poppers Toleranzparadoxon: Grenzenlose Toleranz zerstört die Toleranz; die liberale Demokratie schuldet ihren Feinden keine Neutralität.
- Kontextuelle Neutralität — antizyklische Positionierung. Der Intellektuelle steht nicht fix in der Mitte, sondern korrigierend gegen den Sog der Zeit. Mit Thomas Mann: „Ich neige mich auf die linke Seite, wenn der Kahn nach rechts zu kentern droht.”
- Das Böckenförde-Diktum ernst nehmen. Der freiheitliche Staat lebt von Voraussetzungen, die er nicht selbst garantieren kann — Püttmanns Lebensfrage ist, wer diese Voraussetzungen nachliefert, wenn die Kirchen leerlaufen.
- Demoskopie gehört in die Demokratie integriert. Umfragen sind weder Orakel noch Feind der Repräsentation, sondern ein Instrument, das man methodisch lesen und institutionell einbinden muss — geschult an Elisabeth Noelle-Neumanns Schweigespirale.
- Bürgerloyalität auch im Gewissenskonflikt. Wer im Rechtsstaat des Grundgesetzes lebt, schuldet ihm Loyalität; ziviler Ungehorsam bleibt die eng begrenzte Ausnahme, nicht die fromme Dauerhaltung.
Bezugsdenker, auf die er sich selbst beruft: José Ortega y Gasset (Der Aufstand der Massen, 1929) · Ernst-Wolfgang Böckenförde · Karl Popper · Konrad Adenauer · Adolf Arndt · Elisabeth Noelle-Neumann · Alfred Delp · Dostojewski.
Politische / ideologische Einordnung
Püttmann nennt sich selbst konservativ und landet im Wahl-O-Mat regelmäßig bei der Union auf Platz 1 — er ist im Milieu aufgewachsen, das er kritisiert: Junge Union, Konrad-Adenauer-Stiftung, katholische Verbände. Genau daraus bezieht seine Kritik ihre Schärfe. Die Merz-Union wirft er in den Blättern (2025) vor, „ideell zu schlingern und zu schrumpfen”: eine Verschiebung nach rechts unter Merz, Linnemann und Spahn bei gleichzeitiger Marginalisierung des Sozialflügels (CDA). Gegenüber der AfD ist er einer der schärfsten Kritiker aus dem christlich-konservativen Lager — mit dem Argument, nicht der Milieuverrat, sondern die Sache selbst verbiete das Bündnis.
Von links wird er darum gern als Kronzeuge zitiert, von rechts als Abtrünniger geführt. Beides greift zu kurz: Sein Maßstab ist nicht die Achse links–rechts, sondern die Frage, ob eine Politik die Voraussetzungen der Demokratie stärkt oder verzehrt. Wo er wirklich konservativ bleibt — in Fragen von Familie, Lebensschutz und kirchlicher Lehre — steht er quer zum säkular-progressiven Konsens, was in Rezeptionen seiner AfD-Kritik oft untergeht.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Alexander Thiele — Beide setzen den Verfassungsstaat vor die Mehrheit, ziehen daraus aber entgegengesetzte Konsequenzen: Thiele rät vom AfD-Verbot ab und will die Defizite beheben, die den Populismus groß gemacht haben; Püttmann verlangt eine „primär nicht-neutrale Positionierung um der Neutralisierung willen”. Der Jurist misstraut dem Instrument, der Demoskop dem Zeitfenster.
- Arnd Henze — Das protestantische Gegenstück: Henze beschreibt, wie die Neue Rechte Bonhoeffer als Kronzeugen kapert, Püttmann typologisiert dasselbe als zweite Strategie der Ideologien gegenüber Religion — nicht Unterdrückung, sondern Unterwanderung. Beide kritisieren ihre eigene Kirche von innen, und beide greifen zu Ionescos Nashörnern — dem Bild, in dem die Umstehenden einer nach dem anderen mitlaufen.
- Matthias Quent — Derselbe Befund aus dem gegenüberliegenden Milieu. Quent kommt über die Baseballschlägerjahre zur Wehrhaftigkeit, Püttmann über Allensbach und die Konrad-Adenauer-Stiftung; beide nennen Faschismus einen analytischen Begriff und halten die Zurückhaltung der Gemäßigten für das eigentliche Problem. Was bei Quent „Ohnmachtsverherrlichung” heißt, heißt bei Püttmann „habituell etwas lau”.
- Gesine Schwan — Zwei Wege zur selben Einsicht, dass Demokratie von Voraussetzungen lebt, die sie nicht erzeugt. Schwan sucht sie in Vertrauen und demokratischer Kultur, Püttmann in Normen, Tugenden und dem Böckenförde-Diktum. Ihre Diagnose des autokratischen Narzissmus trifft seine These vom Narzissmus als Treibstoff der Rechtsdrift fast wörtlich — nur ohne den religiösen Unterbau.
- Steffen Mau — Der empirische Einspruch. Püttmann liest Tribalismus, Entprofessionalisierung der Meinungsbildung und Ochlokratie als Verfall des Meinungsklimas; Maus Daten zeigen breiten Konsens und wenige Triggerpunkte, an denen Polarisierungsunternehmer ansetzen. Beide arbeiten mit Umfragen und kommen zu unvereinbaren Bildern desselben Landes.
- Michael Hartmann — Hartmann misst, was Püttmann beklagt: dass Herkunft in Deutschlands Eliten stärker wirkt als das Parteibuch. Püttmanns Verwunderung über die „politische Dummheit bestimmter Teile des Großbürgertums” bekommt dadurch eine unbequeme Erklärung — es ist keine Dummheit, sondern Klassenlogik, und gegen die hilft parteiinterne Bildungsarbeit wenig.
Gedankenwelten-Notes
- Andreas Püttmann — Werte NEU DENKEN — Gespräch mit Maja Göpel über Werte: das C als Vorzeichen vor der Klammer, „konservativ“ erst 1978 in der CDU-Programmatik, Rechtsstaat vor Demokratie (Adolf Arndt), Nationalismus als Ersatzreligion, Ortegas Gleichgewichtslage der Meinungen — und die „Militanz der Mitte“












