Biographischer Snapshot
Wer spricht?
Matthias Quent (1986 in Arnstadt, Thüringen) — Soziologe, Rechtsextremismusforscher, Professor für Soziologie des Extremismus und der Extremismusprävention an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Gründungsdirektor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena (2016–2021).
Wichtigste Werke: Rassismus, Radikalisierung, Rechtsterrorismus (2016), Deutschland rechts außen (2019), Keine Macht der Ohnmacht (2026) Kernkonzepte: Verherrlichung der Ohnmacht, Normalisierung rechter Gewalt, NSU als Gesellschaftsdiagnose, wehrhafte Demokratie
Biografie
Matthias Quent wächst in den 1990er-Jahren in Thüringen auf — in genau der Region, aus der auch Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe stammen, die späteren Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Als Kind und Jugendlicher erlebt er, wie rechtsextreme Strukturen nicht am Rand existieren, sondern mitten in der Gesellschaft: in Jugendclubs, auf Schulhöfen, in der Alltagskultur ostdeutscher Kleinstädte nach der Wende. Was andere später als Geheimdienstversagen analysieren, kennt Quent als gelebte Realität.
Diese Prägung führt ihn an die Friedrich-Schiller-Universität Jena — Soziologie. Seine Dissertation wird zur wissenschaftlichen Aufarbeitung dessen, was ihn seit der Jugend beschäftigt: Wie entstand der NSU? Nicht nur als Behördenversagen, sondern als Produkt einer Gesellschaft, die rechte Gewalt systematisch verharmlost, übersieht und duldet. Das Ergebnis erscheint 2016 als Rassismus, Radikalisierung, Rechtsterrorismus bei Springer VS — eine der gründlichsten soziologischen Analysen des NSU-Komplexes.
Im selben Jahr gründet er das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena und leitet es fünf Jahre lang. Das IDZ wird zum Ankerpunkt der Thüringer Zivilgesellschaft: Monitoring rechter Strukturen, Beratung, Forschung zu Hasskriminalität. Es ist keine Elfenbeinturm-Einrichtung, sondern Schnittstelle zwischen Wissenschaft und demokratischer Praxis — genau dort, wo Demokratie am meisten unter Druck steht.
2019 erscheint Deutschland rechts außen bei Piper — ein Buch, das die Frage stellt, die nach dem Aufstieg der AfD dringlicher wird als je zuvor: Wie greifen die Rechten nach der Macht, und was können wir dagegen tun? Quent analysiert die Strategien der Neuen Rechten und argumentiert: Die Gefahr liegt nicht nur in der AfD als Partei, sondern in der schleichenden Normalisierung rechtsextremer Positionen im Mainstream. Themenübernahme durch demokratische Parteien legitimiert das Original.
Seit 2022 ist er Professor für Soziologie des Extremismus und der Extremismusprävention an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Im Februar 2026 erscheint sein neuestes Buch: Keine Macht der Ohnmacht (Piper) — über das politische Gefühl der Ohnmacht, seine Instrumentalisierung durch autoritäre Bewegungen, und die Frage, wie Demokratien wehrhaft bleiben. Parallel ist er zu Gast im NEU DENKEN-Podcast von Maja Göpel — Thema: Extremismus NEU DENKEN.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Rassismus, Radikalisierung, Rechtsterrorismus | 2016 | Dissertation: Wie der NSU entstand und was er über die Gesellschaft verrät. Soziologische Tiefenanalyse des NSU-Komplexes als Symptom strukturellen Rassismus (Springer VS) |
| Deutschland rechts außen | 2019 | Wie die Rechten nach der Macht greifen — und wie wir sie stoppen können. Strategien der Neuen Rechten und Gegenstrategien der Demokratie (Piper) |
| Keine Macht der Ohnmacht | 2026 | Ohnmacht als politisches Gefühl, ihre Instrumentalisierung durch autoritäre Bewegungen, und Wege zur wehrhaften Demokratie (Piper) |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- MONITOR — AfD-Erfolg trotz Skandalen: Warum wählen so viele Menschen die AfD? — Quent analysiert die AfD als Bewegung, die „Irrationalität präferiert” und Ohnmacht verherrlicht (WDR/ARD, 2026)
- Extremismus NEU DENKEN — NEU DENKEN Podcast mit Maja Göpel — Über Radikalisierung, Ohnmacht als politisches Gefühl und wehrhafte Demokratie (Mission Wertvoll, 2026)
Kernthesen
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Ohnmacht als Herrschaftsinstrument: Die „Verherrlichung der Ohnmacht” ist ein zentrales Mittel autoritärer Bewegungen. Dem Einzelnen wird eingeredet, er könne nichts tun — außer eine starke Partei, einen starken Führer zu unterstützen. Erst wird Ohnmacht erzeugt, dann wird die Bewegung als einziger Ausweg präsentiert.
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Rechtsextremismus kommt aus der Mitte: Der NSU war kein Betriebsunfall der Geheimdienste, sondern Produkt einer Gesellschaft, die rechte Gewalt strukturell verharmlost. Rechtsextremismus entsteht nicht am Rand — er wird in der gesellschaftlichen Mitte geduldet, verharmlost und ermöglicht.
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Irrationalität als Angebot: Die AfD wird nicht für ein rationales Programm gewählt, sondern dafür, dass sie „die Fesseln der Realität, der Komplexität, der Wirklichkeit sprengt” — wie Donald Trump. Es geht nicht um Inhalte, sondern um Erlösung von der Komplexität.
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Normalisierung als Strategie: Die schrittweise Verschiebung des Sagbaren — durch Themenübernahme demokratischer Parteien, durch Medien-Dauerpräsenz, durch algorithmische Verstärkung — macht rechtsextreme Positionen gesellschaftsfähig. Normalisierung ist kein Nebeneffekt, sondern Kernstrategie.
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Wehrhafte Demokratie braucht Zivilgesellschaft: Demokratie verteidigt sich nicht nur durch Verfassungsschutz und Parteiverbote, sondern durch aktives zivilgesellschaftliches Engagement, Bildungsarbeit und institutionelle Unterstützung demokratischer Strukturen vor Ort.
Politische Einordnung
Quent ist parteilich ungebunden, aber klar demokratisch positioniert. Er forscht aus einer engagiert-wissenschaftlichen Perspektive, die Rechtsextremismus als gesamtgesellschaftliches Problem versteht — nicht als Randphänomen. Seine Analysen sind empirisch fundiert, aber nicht wertfrei: Er argumentiert offensiv für die Verteidigung demokratischer Institutionen und zivilgesellschaftlicher Strukturen. Von rechten Medien und der AfD wird er regelmäßig angegriffen — was er als Bestätigung seiner Relevanz versteht, nicht als Einschüchterung.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Valentina Chiofalo — Quent analysiert soziologisch, warum die AfD Ohnmacht instrumentalisiert und Normalisierung rechter Positionen vorantreibt; Chiofalo prüft juristisch, ob die AfD verfassungswidrig handelt. Beide kämpfen für wehrhafte Demokratie, aber mit völlig unterschiedlichen Werkzeugen — Quent erklärt das Warum, Chiofalo arbeitet am juristischen Ob.
- Bijan Moini — Beide zivilgesellschaftliche Akteure gegen die AfD: Moini rechtlich-strategisch (GFF), Quent soziologisch-präventiv (IDZ, Rechtsextremismusforschung). Unterschiedliche Fronten desselben Projekts: Demokratieschutz.
Gedankenwelten-Notes
- MONITOR — AfD-Erfolg trotz Skandalen — Quent als Experte: „Verherrlichung der Ohnmacht” und Irrationalität als AfD-Geschäftsmodell
- Matthias Quent und Maja Goepel — Extremismus NEU DENKEN — Systematische Entfaltung der Ohnmachtsthese: Fromms vier Reaktionsmuster, Löwensteins Faschismus-Definition, Clusteranalyse, Faschismus als Antwort auf die Klimakrise












