Biographischer Snapshot
Wer spricht?
Prof. Dr. Claus-Christian Carbon (kurz „CCC”, *1971 in Schweinfurt) — Wahrnehmungspsychologe und seit Oktober 2008 Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre an der Universität Bamberg. Er leitet die internationale Forschungsgruppe EPÆG (Ergonomie, Psychologische Æsthetik, Gestalt) und erforscht, wie das Gehirn Wirklichkeit herstellt — von der Erkennung von Gesichtern über die Wertschätzung von Design bis zu kognitiven Landkarten. Über 240 begutachtete Fachartikel; seit 2021 Dekan der Fakultät Humanwissenschaften.
Schwerpunkt: empirische Ästhetik — die messbare, aber bewegliche Frage, warum uns etwas gefällt.
Biografie
Carbon kam von zwei Seiten zur Wahrnehmung: Er studierte in Trier zuerst Psychologie (Diplom 1998), dann Philosophie (Magister 1999) — die eine Disziplin misst, die andere fragt, was das Gemessene bedeutet. Diese Doppelspur zieht sich durch sein ganzes Werk.
Promoviert wurde er 2003 an der Freien Universität Berlin (magna cum laude) mit einer Arbeit über die frühen Prozesse der Gesichtserkennung — wie das Gehirn in Sekundenbruchteilen aus einem Muster ein Gesicht macht. Die Habilitation folgte 2006 an der Universität Wien; dazwischen und danach arbeitete er unter anderem an der Technischen Universität Delft in den Niederlanden. Seit 2008 hält er den Bamberger Lehrstuhl.
Sein Forschungsfeld ist bewusst breit: Wahrnehmungs- und Gedächtnispsychologie, kognitive Ergonomie, Innovations- und Designforschung — und als roter Faden die empirische Ästhetik. Carbon nimmt dabei ernst, was die akademische Psychologie lange als zu banal übersah: die Alltagswahrnehmung. Wie wir ein Auto schön finden, warum ein neues Design zunächst befremdet und später selbstverständlich wirkt, wie sich ein Gesicht ins Gedächtnis brennt — für ihn keine Nebensachen, sondern der eigentliche Ort, an dem Wahrnehmung geschieht.
Die EPÆG-Gruppe, die er leitet, ist ein weltweites Netzwerk von Forschenden zur empirischen Ästhetik und Gestaltpsychologie. Carbon ist zudem in mehreren Fachzeitschriften als Herausgeber aktiv (u.a. im Feld der Wahrnehmungsforschung) und ein sichtbarer Wissenschaftskommunikator, der auch über Verschwörungsdenken und die Psychologie des „Postfaktischen” spricht.
Bücher & Publikationen
- Am Anfang war die Verschwörungstheorie (mit Marius Raab und Claudia Muth, Springer, 2017) — eine kultur- und wahrnehmungspsychologische Reise durch Ursprung, Reiz und Gefahr von Verschwörungstheorien, mit praktischen Hinweisen zum Umgang.
- Fechner (1866): The Aesthetic Association Principle (mit Stefan Ortlieb u.a., i-Perception, 2020) — kommentierte Übersetzung eines Gründungstextes der empirischen Ästhetik; zeigt, wie tief Carbons Arbeit in Gustav Theodor Fechners Erbe wurzelt.
- Über 240 begutachtete Fachartikel zu Gesichtsverarbeitung, empirischer Ästhetik, Design-Innovation, kognitiven Karten und Methodenentwicklung — Übersicht auf seinem Google-Scholar-Profil.
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Warum du die Welt nie so siehst, wie sie wirklich ist — ausführliches Podcast-Interview (1:40:44) über die Konstruiertheit von Wahrnehmung, Realität und Identität. Grundlage der Cortex-Note.
- Was dich wirklich anzieht — und warum es nicht an Schönheit liegt — Vortrag über empirische Ästhetik und die Dynamik von Anziehung (2025).
- Interview „Autoland Deutschland — Quo Vadis” — Carbon über die Psychologie von Design und Produktwertschätzung am Beispiel Automobil.
Kernthesen
- Wahrnehmung ist aktive Konstruktion, keine Abbildung. Wir sehen nicht die Welt, sondern das Modell, das unser Gehirn aus Sinnesdaten, Erwartung und Erfahrung fortlaufend erzeugt. Die scheinbar unmittelbare Realität ist eine Leistung, kein Empfang.
- Ästhetik ist messbar — aber beweglich. Was gefällt, lässt sich empirisch erfassen; doch der Geschmack folgt Innovationszyklen. Ein neues Design wird erst abgelehnt, dann vertraut, dann schön. Schönheitsurteile sind kein fester Wert, sondern ein Prozess in der Zeit (Adaptation).
- Der Geist passt sich an, was er oft sieht. Wiederholte Reize verschieben den Maßstab — Gesichter, Formen, Marken. Wahrnehmung ist damit auch eine Geschichte der Gewöhnung, mit allen Chancen und Manipulationsrisiken, die das birgt.
- Alltagswahrnehmung ist ein ernstzunehmender Forschungsgegenstand. Gerade das scheinbar Triviale — warum ein Auto gefällt, wie ein Gerücht sich festsetzt, wann ein Gesicht vertraut wirkt — ist der Ort, an dem sich die Gesetze der Kognition zeigen.
Verbindungen zu anderen Denkern
→ Albert Moukheiber
Moukheiber und Carbon teilen die Grundthese: Das Gehirn empfängt die Welt nicht, es baut sie — aus Erwartung, Erfahrung und Sinnesdaten. Moukheiber betont die kognitiven Verzerrungen und den Selbstbetrug, Carbon die Ästhetik und die Adaptation; zusammen ergeben sie ein doppeltes Porträt eines Organs, das lieber ein stimmiges Modell erzeugt als ein wahres Bild.
→ Rebecca Böhme
Hier reibt sich etwas produktiv: Beide gehen vom konstruierenden Gehirn aus, aber Böhme lehnt Carbons starke „Halluzinations”-Lesart ab — für sie bleibt die Wahrnehmung an reale Signale des Körpers gebunden. Der Streit markiert die Grenze des Konstruktivismus: Wie frei erfindet das Gehirn wirklich, und wo zieht der Leib es zur Ordnung?
→ Markus Gabriel
Gabriel kommt von der anderen Seite: Sein Neuer Realismus wehrt sich dagegen, die Welt in ein bloßes Hirnmodell aufzulösen — wir erfassen Wirklichkeit, nicht nur Simulationen von ihr. Carbons empirischer Konstruktivismus ist damit Gabriels philosophischer Gegenspieler; an ihrer Reibung lässt sich die ganze Frage nach Wahrnehmung und Realität schärfen.
→ Walther Ziegler
Was Carbon empirisch misst, hat Kant philosophisch vorgedacht: dass wir nie das Ding an sich sehen, sondern die von unseren Anschauungsformen geprägte Erscheinung. Zieglers Kant-Darstellung liefert das erkenntnistheoretische Fundament, auf dem Carbons Laborbefunde zur konstruierten Wahrnehmung wie eine späte Bestätigung wirken.
→ Bernhard Pörksen
Carbon erforscht, warum Verschwörungsdenken den Geist reizt und wie das Postfaktische wahrnehmungspsychologisch entsteht; Pörksen beschreibt dieselbe Lage von der Medien- und Öffentlichkeitsseite. Beide fragen, wie in einer Welt konstruierter Wahrnehmungen noch geteilte Wirklichkeit möglich ist — der eine im Kopf, der andere im Diskurs.
Cortex-Notes
- Claus-Christian Carbon — Wahrnehmung und Wirklichkeit — Podcast-Interview über Wahrnehmung als Konstruktion, Realität, Identität und Konstruktivismus
- Rebecca Boehme — So trickst du dein Gehirn aus — Böhme bezieht sich abgrenzend auf Carbons stärkeren Konstruktivismus (sie lehnt die „Halluzinations”-These ab)












