Quelle: Debatte NEU DENKEN mit Bernhard Pörksen und Maja Göpel

Wer spricht?

Bernhard Pörksen (1969, Freiburg) — Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Geprägt durch die Begegnung mit Heinz von Foerster und Humberto Maturana, verbindet er Konstruktivismus, Systemtheorie und Kommunikationspsychologie zu einer konkreten Bildungsvision für die vernetzte Gesellschaft. Sohn des Sprachwissenschaftlers Uwe Pörksen.

Wichtigste Werke: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners (1998), Die große Gereiztheit (2018), Die Kunst des Miteinander-Redens (2020, mit Schulz von Thun), Zuhören (2025) Kernkonzepte: Filterclash, Redaktionelle Gesellschaft, Ich-Ohr/Du-Ohr, Medienmündigkeit → DenkerVita

Maja Göpel (1976, Bielefeld) — Transformationsforscherin, Honorarprofessorin an der Leuphana Universität Lüneburg, Mitbegründerin Scientists for Future, Gründerin Mission Wertvoll. Ehemalige Generalsekretärin des WBGU. Verbindet Systemtheorie, politische Ökonomie und Nachhaltigkeitsforschung mit dem Ziel, gesellschaftliche Transformation demokratisch und kooperativ zu gestalten.

Wichtigste Werke: Unsere Welt neu denken (2020), Wir können auch anders (2022), Werte (2025) Kernkonzepte: Great Mindshift, Transformative Literacy, Zukunftsgerechtigkeit → DenkerVita


Inhalt

Konstruktivismus als Werkzeug — nicht als Ideologie

▶ 3:57 Pörksen erzählt, wie er über die Begegnung mit Heinz von Foerster zum Konstruktivismus kam — als 27-jähriger Volontär schrieb er dem 87-jährigen Kybernetiker einen Brief, kündigte seinen Job und verbrachte drei Wochen auf einem Hügel in Kalifornien mit ihm. Daraus entstand Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.

Heute sieht Pörksen den Titel kritisch: Die fröhliche Distanz zu allem Faktischen sei ihm „abhanden gekommen”. Der Satz könnte als Playbook für alternative Fakten gelesen werden. Für ihn war der Konstruktivismus immer eine Philosophie der Unterlegenen — ein Korrektiv gegen ideologische Wahrheitsansprüche. Doch in einer Welt, in der Wahrheitsrelativismus dominant wird, braucht es ein Gegenkorrektiv.

„Für mich war die Bereitschaft, sich irritieren zu lassen, sich erschüttern zu lassen, überhaupt ein wesentliches Merkmal von echtem Denken.” ▶ 10:02

Göpel ergänzt die Unterscheidung zwischen Ideologie und Weltbild: Weltbilder halten wir leicht und hinterfragen sie — Ideologien sind geschlossen, selbstimmunisierend und im Extremfall gewaltbereit. Pörksen schärft: Dem Ideologen fehle „die Leichtigkeit, das Tänzerische, der Humor”.

Wirklichkeit erster und zweiter Ordnung

▶ 17:38 Paul Watzlawicks Unterscheidung wird zum analytischen Werkzeug: Wirklichkeit erster Ordnung ist das empirisch Feststellbare — ob jemand der Vater eines Kindes ist, lässt sich überprüfen. Wirklichkeit zweiter Ordnung ist die Ebene der Sinnkonstruktion und Bedeutungszuschreibung. Hier beginnt der Konstruktivismus zu leben, ohne in ein „es gibt gar nichts Gesichertes” zu kippen.

Göpel verknüpft dies mit der Wissenschaftstheorie: Der Positivismus wollte die eine Wahrheit immer besser herausschälen. Der Konstruktivismus erlaubt den Tanz zwischen Erkenntnis und Offenheit — aber dieser Tanz wird missbraucht, wenn Naturwissenschaften pauschal als „Ideologie” delegitimiert werden.

Zwei Ohren des Zuhörens

▶ 22:09 Pörksens Kernkonzept, aufbauend auf Schulz von Thuns Vier-Ohren-Modell:

  • Ich-Ohr (egozentrische Aufmerksamkeit): Stimmt das, was der andere sagt, mit dem überein, was ich ohnehin glaube? — Im Extremfall hört man nur sich selbst. Dies sei die dominante Form des Zuhörens.
  • Du-Ohr (nicht-egozentrische Aufmerksamkeit): In welcher Welt stimmt das, was der andere mir sagt? — Ein anderes Wort für Offenheit. Christine Thürmer-Rohr nennt es „innere Gastfreundschaft”.

„Erkenne das Andere als Anderes in seiner Fremdheit, in seiner Schönheit, in seinem Schrecken. Das wäre so etwas wie der kategorische Imperativ des Du-Ohr-Zuhörens.” ▶ 22:54

Dialog, Diskussion, Debatte — die drei Ds

▶ 25:59 Pörksen unterscheidet: In Debatte und Diskurs geht es hemdsärmeliger zur Sache — wer die besseren Gründe hat, steht besser da. Im Dialog dagegen gilt das dialogische Credo: Mit Nietzsche, Arendt oder Schulz von Thun beginnt die Wahrheit zu zweit. Dialog ist ein „Tanz des Denkens”, in dem alle die Ruhebank fester Wahrheiten verlassen und gemeinsam ins Offene aufbrechen.

Das Problem: Die gegenwärtige Diskurslandschaft wird durch Sofortetikettierung zerstört — „Woke-Terrorist”, „weißer alter Mann”, „hysterische Feministin”, „Klimaraff”. Diese blitzschnelle Verfeindung ist ein sicheres Rezept, um das Kommunikationsklima zu ruinieren.

Gamifizierung von Grausamkeit

▶ 34:15 Göpel beschreibt, wie das Trump-Regime den Raum des Denkbaren umschreibt: KI-generierte Videos, die Grausamkeit spielerisch inszenieren, nehmen dem Dokumentarischen seinen „Edge”. Die Gamifizierung macht es möglich, Grausamkeit zu ertragen — ja, sie einzuüben.

Pörksen bestätigt aus seiner Erfahrung im Silicon Valley: ▶ 35:46 Er erlebte eine „Kommunikation wie in Watte” — tiefe Apolitik, Suche nach dem „Untergangsversteck” (Zweitstaatsbürgerschaft in Portugal), während vor Ort Menschen deportiert werden. Die von Trump geprägte Öffentlichkeit sei ein „Trainingslager der mentalen Verwahrlosung” — Einübung in das Ertragen von Grausamkeit.

Fünf Mythen der Debattenkultur — Techniken der Abkühlung

▶ 51:02 Pörksen entfaltet fünf Korrektive gegen überhitzte Diskurse:

1. Untergangsmythos ▶ 51:48 — Wir leben in einer „Gesellschaft der Gleichzeitigkeiten”: Ja, es gibt Hass und Hetze — aber auch Hypersensibilität und ein authentisch respektvolles Miteinander-Reden. Das Negative ist medial überrepräsentiert, das Positive unterbelichtet.

2. Rezeptmythos ▶ 52:36 — Die Suche nach dem perfekten Kommunikationsrezept führt in die Irre. Stattdessen braucht es robuste Zivilität: manchmal das dialogische Zuhören, manchmal die konfrontative Abgrenzung. Pörksens Zukunftstugend: respektvolle Konfrontation — die Position scharf kritisieren, ohne die Person abzuwerten. Hit the ball, not the player.

3. Dialogmythos ▶ 53:23 — Vorschnelle Dialogbehauptungen sind gefährlich. Zwei Stunden mit einem AfD-Vertreter werden als „gelingender Dialog” inszeniert — aber Menschen erkennen Heuchelei sofort. Wenn Dialog nur Fassadenkommunikation ist, zerstört er Vertrauen.

4. Filterblasenmythos ▶ 56:30 — Eli Parisers These der algorithmischen Selbstisolation ist empirisch nicht belegt. Pörksens Gegenkonzept: Filterclash — wir leiden nicht unter zu wenig, sondern unter zu viel Konfrontation mit anderen Weltsichten. Jeder Klick ist „ein Ticket in ein anderes Wirklichkeitsuniversum”. Das erzeugt eine Gereiztheit als Grundstimmung. Göpel wendet ein, dass durch die Übernahme von X durch Musk eine kuratierte Schließung stattfinde — Pörksen räumt ein, dass „digitaler Feudalismus” die Schließung leichter mache.

5. Polarisierungsmythos ▶ 68:40 — Das Polarisierungsgefühl in Europa ist im Vergleich zu den USA übertrieben. Pörksens Unterscheidung: Zu viel Spektakelpolarisierung (personalisiertes Auftrumpfen), zu wenig programmatische Polarisierung (Ringen um sachlich begründete Gegensätze, Visionen statt Emotionen).

Medienbildung und öffentlich-rechtlicher Rundfunk

▶ 41:54 Pörksen fordert eine „in dieser Dimension nie gekannte Investition in Medienbildung” — nach dem Vorbild Finnlands, das durch die propagandistische Bedrohung Russlands eine systematische Medienmündigkeit entwickelt hat. Der Digitalpakt sei gescheitert, weil man glaubte, „der Abwurf von Paletten mit iPads” erzeuge magisch Medienkompetenz.

Zum ÖRR: Die Verunsicherung sei groß, die Begriffe unklar. Es brauche Figuren, die den Informationsauftrag mit geschärften Begriffen vertreten — nicht „Anything Goes” als Reaktion auf den Vorwurf, „links-grün versifft” zu sein, sondern engagierte Objektivität.

Anstand als demokratische Grundtugend

▶ 49:30 Göpel spricht über ihr Buch Werte und das Schlusskapitel „Anstand”: Ohne die Bereitschaft, das Du-Ohr aufzumachen, seien Demokratien paralysiert. Aber diese Entscheidung liege in jedem selbst — und Viktor Frankls „Raum zwischen Reiz und Reaktion” müsse aktiv betreten werden.

Schmerzen der Sichtbarkeit

▶ 64:06 Pörksens Schlussmetapher: Frühere Medien waren Öllampen, dann Glühbirnen — jetzt haben wir Neonlicht. Wir sehen den obszönen Reichtum, die bitterste Armut, die Grausamkeit und manchmal auch das Schöne. Das Netz erzeugt eine „schockierende Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren” (Iris Radisch). Diese permanente Differenzerfahrung — wie Fluggäste, die durch die Business Class zur Economy laufen müssen — ist eine Ursache der Gereiztheit.


Faktencheck

Bestätigt — Filterblasen empirisch nicht belegt

Pörksen behauptet, Eli Parisers Filterblase sei empirisch nicht nachweisbar. Das bestätigt die Forschung: Eine Metastudie von Möller et al. (2020) in Internet Research und Studien von Guess et al. (2023) zeigen, dass algorithmische Personalisierung die Informationsvielfalt weniger einschränkt als angenommen. Quelle: Guess et al., Science 2023

Bestätigt — Finnland als Vorbild für Medienkompetenz

Finnland führt seit 2016 systematisch Medienkompetenz im Lehrplan, als Reaktion auf russische Desinformation. Das Land belegt regelmäßig den ersten Platz im Media Literacy Index des European Policies Initiative Center. Quelle: Open Society Institute Sofia — Media Literacy Index 2024

Vereinfacht — Kuratierte Schließung auf X

Göpel spricht an, dass X unter Musk rechtspopulistische Inhalte bevorzuge. Berichte und Studien (u.a. vom Center for Countering Digital Hate) zeigen tatsächlich algorithmische Bevorzugung bestimmter Inhalte, aber die Effekte sind kontextabhängig und schwer von organischem Nutzerverhalten zu trennen. Die Situation ist komplexer als eine einfache „Kuratierung von rechts”. Keine unabhängige Quelle gefunden, die eine systematische Default-Manipulation eindeutig belegt.

Bestätigt — Polarisierungsgefühl in Europa übertrieben

Pörksen stellt fest, das Polarisierungsgefühl in Europa sei im Vergleich zu den USA übertrieben. Die Studie „Perception vs. Reality” von More in Common (2019/2022) zeigt, dass Europäer die gesellschaftliche Spaltung systematisch überschätzen — die tatsächliche Meinungsvielfalt ist geringer als wahrgenommen. Quelle: More in Common — The Perception Gap


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Gespräch erwähnte Werke:

  • Bernhard Pörksen & Heinz von Foerster: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners (1998)
  • Bernhard Pörksen: Die große Gereiztheit (2018)
  • Bernhard Pörksen: Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen (2025)
  • Bernhard Pörksen & Friedemann Schulz von Thun: Die Kunst des Miteinander-Redens (2020)
  • Maja Göpel: Werte. Ein Kompass für die Zukunft (2025)
  • Eli Pariser: The Filter Bubble (2011)
  • Paul Watzlawick — Konzept der Wirklichkeit erster und zweiter Ordnung
  • Viktor Frankl — „Raum zwischen Reiz und Reaktion”

Verbindungen

Agnes Callard - Warum lohnt sich ein sokratisches Leben

Pörksens Arendt-Zitat „Die Wahrheit beginnt zu zweit” ist Callards Kernthese ausformuliert: Denken ist dialogisch. Beide setzen gegen Etikettierung und Floskel-Bescheidenheit das echte Gespräch als den Ort, an dem Prüfung überhaupt erst geschieht.

Hartmut Rosa — Resonanz und Unverfügbarkeit

Pörksens Du-Ohr ist Rosas Resonanz in kommunikativer Form: sich berühren und verändern lassen, statt nur am eigenen Weltbild abzugleichen. Rosas Unverfügbarkeit erklärt, warum Dialog nicht herstellbar ist — man muss die Ruhebank verlassen

Hannah Arendt — Denken ohne Geländer

Pörksen zitiert Arendt explizit: „Die Wahrheit beginnt zu zweit.” Arendts Denken ohne Geländer ist die philosophische Voraussetzung für das Du-Ohr-Zuhören — Sofortetikettierung ist genau das Geländer, das Arendt abwerfen wollte

Jonathan Haidt — Kann ein gespaltenes Amerika heilen

Haidts Moral Foundations Theory ist das psychologische Fundament des Filterclash: Menschen bewohnen nicht andere Meinungen, sondern andere moralische Universen

Claus-Christian Carbon — Wahrnehmung und Wirklichkeit

Carbon liefert die neurowissenschaftliche Empirie für Pörksens Konstruktivismus: Wir sehen, was wir zu sehen erwarten — Filterclash beginnt in der Wahrnehmung selbst

Wilhelm Heitmeyer — Die Durchrohung der Gesellschaft

Heitmeyers „Durchrohung” analysiert strukturell, was Pörksen kommunikativ als „Gamifizierung von Grausamkeit” beschreibt: die Normalisierung von Empathieverlust

Erich Fromm — Psychoanalyse des Faschismus

Fromms „autoritärer Charakter” liefert die psychoanalytische Tiefenstruktur für Pörksens Beobachtung von Trump als Sektenführer

Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer

Mausfelds Analyse der Manipulation unterhalb der Bewusstseinsschwelle erklärt, warum Sofortetikettierung so wirksam ist: Labels aktivieren Abwehr, bevor das Du-Ohr zuhören kann

Aladin El-Mafaalani — Misstrauensgemeinschaften und was die AfD wirklich stoppt (taz FUTURZWEI-Talk)

El-Mafaalanis „Misstrauensgemeinschaften” sind die soziologische Grundlage des Filterclash: Wo Vertrauen erodiert, wird jede Kommunikation zum Ich-Ohr-Abgleich

Gesine Schwan — Macht NEU DENKEN

Selbe Podcast-Reihe; Schwans „Gestaltungsmacht” ist die politische Praxis zu Pörksens kommunikativer Theorie

Christoph Butterwegge — Armut NEU DENKEN

Selbe Podcast-Reihe; Butterwegges Analyse struktureller Ungleichheit ergänzt Göpels Forderung nach Zukunftsgerechtigkeit

Maja Goepel — Mut zur Zukunft

Göpel entwickelt die Debattenkultur-Analyse weiter: „Wirklichkeitsraum kuratieren” als operative Antwort auf die Konstruktionsmacht von Sprache.

Akkudoktor — Lanz und die Energiewende

Praxisbeispiel für Erregungsökonomie: Lanz belohnt populistische Zuspitzung zur Energiewende, Fakten bleiben auf der Strecke

Markus Gabriel — Soziale Netzwerke Neue Theorie

Gabriel liefert die ontologische Grundlage für Pörksens Filterclash: Soziale Netzwerke bieten „Sozialität ohne Triangulation” — reine Perspektivenvielfalt ohne korrigierenden Gegenstand. Das ist die strukturelle Ursache der „großen Gereiztheit”, die Pörksen kommunikationswissenschaftlich beschreibt.

Steinke und Marinić — Quo vadis Meinungsfreiheit?

Steinke und Marinić diagnostizieren dieselbe Krankheit wie Pörksen — aber von der politisch-juristischen Seite. Marinićs “Durchlauferhitzer” ist Pörksens “Filterclash” im Demokratiekontext; ihre “performative Meinungsfreiheitsdebatte” ist Pörksens “Spektakelpolarisierung” mit konkretem politischen Inhalt. Wo Pörksen Kommunikationswerkzeuge liefert, benennen Steinke/Marinić die politischen Akteure, die diese Werkzeuge strategisch einsetzen.

Topfvollgold — Die Wahrheit über die Öffentlich-Rechtlichen

Der Realitätstest für Pörksens „redaktionelle Gesellschaft”: ÖRR-Insider fordern bei Schönauer exakt die dialogische Transparenz, die Pörksen als Gegenmittel beschreibt — „die Programmzahlerinnen auf Augenhöhe informieren, wofür ihr Geld ausgegeben wird”. Die Note zeigt aber auch, warum das scheitert: Bürokratische Abstimmungsschleifen machen jede Stellungnahme „immer unschärfer”, bis die Institution wie ein unbelehrbares Bollwerk wirkt.