GedankenraumBjörn Nölte — DenkerVita
Sobald die Note steht, ist das Lernen vorbei: Björn Nölte, Schulaufseher und Lehrerbildner aus Potsdam, setzt Lerndialoge, Portfolios und Feedforward an die Stelle der Ziffer.
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Honoré Daumier — Ölskizze in Umbra und Grau, menschenfreundliche Satire, wie Daumier sie über Gerichtssäle und Versammlungen legte. Ein Elternabend in der Grundschule: Erwachsene in Mänteln auf Kinderstühlen, fast alle heben die Hand, nur ein Mann in der Mitte lässt seine auf den Knien und schaut auf eine Kinderzeichnung. Nölte erzählt, er sei in der Berliner Elternversammlung jedes Mal der Einzige gewesen, der gegen Noten stimmte, nicht einmal seine Frau habe er überzeugen können.
Prompt: A wide horizontal painting in the style of Honoré Daumier, 19th-century French oil sketch, loose expressive brushwork, dark warm umber and grey tones with one patch of warm window light. A parents' evening in a primary school classroom: only grown-up adults, mothers and fathers in coats, sit squeezed onto tiny children's chairs at low tables, almost all of them raising one hand high in a vote, earnest and a little comical. In the centre one tall middle-aged man in a simple jacket keeps both hands resting on his knees, calm, quietly looking at a child's colourful drawing pinned on the wall. The woman next to him raises her hand. No children present. Children's drawings, a small globe on a shelf. Gentle humane satire, stylized faces, no letters, no numbers, no words, no signature, no monogram, no photorealism.
Biographischer Snapshot
Björn Nölte — Lehrer für Deutsch, Geschichte und Politik, Lehrerbildner und Schulaufsicht. Bei der Evangelischen Schulstiftung in der EKBO (Berlin-Brandenburg), einem der größten freien Schulträger der Region, verantwortlich für die Schulaufsicht über deren Schulen; 2022 als Schulrat vorgestellt. Zuvor Oberstufenkoordinator in Potsdam und sieben Jahre Hauptseminarleiter in der Referendarsausbildung am Studienseminar Potsdam. 2020 Mitgründer des Instituts für zeitgemäße Prüfungskultur, 2021 zusammen mit Philippe Wampfler Herausgeber von Eine Schule ohne Noten (hep).
Biografie
Der Augenblick, der Björn Nölte nach eigener Erzählung erschüttert hat, war eine Kurswahlberatung. Als Oberstufenkoordinator beriet er Schülerinnen, die Medizin studieren wollten. Biologie als Leistungskurs lag nahe, sie wählten Kunst, weil das den Abiturschnitt heben sollte, den das Medizinstudium verlangt. Die Note hatte das Interesse aus dem Weg geräumt. Von dieser Szene erzählt er, wenn man ihn nach seinem Verhältnis zu Noten fragt.
Nölte unterrichtete Deutsch, Geschichte und politische Bildung an verschiedenen Gymnasien, zuletzt als Oberstufenkoordinator an der Voltaireschule in Potsdam (so das Profil des Goethe-Instituts; in der Moderation der Körber-Stiftung heißt sie „ein staatliches Gymnasium in Potsdam“). Diese Funktion hatte er laut der Moderation bis etwa 2020 inne. Parallel bildete er angehende Lehrkräfte aus: sieben Jahre war er Hauptseminarleiter und Fachseminarleiter Geschichte am Studienseminar Potsdam. Aus dieser Zeit stammt eines seiner liebsten Beispiele. Seine Referendarinnen und Referendare durften freiwillig digitale Portfolios anlegen, mit Unterrichtseinheiten, Projekten und Rückmeldungen. Die einstellenden Schulleitungen hätten sich, so berichtet er, mehr für diese Portfolios interessiert als für die Note im Staatsexamenszeugnis. An einer späteren Schule, die ihre Lehrkräfte selbst auswählen durfte, habe man selten die Bewerber mit dem besten Notenschnitt genommen.
Im eigenen Geschichtsunterricht erprobte er über vier Jahre ein Verfahren, das seine Schüler halb im Scherz „Master or Die“ nannten. Jeder sucht sich zu Beginn des Halbjahres eine anspruchsvolle Quelle, zu der es keine fertige Analyse im Netz gibt, und arbeitet fast das ganze Halbjahr daran, digital, mit so viel Rückmeldung von Lehrer und Mitschülern, wie er will. Das Ziel ist für alle dasselbe: eine sehr gute Quellenanalyse. Nach Nöltes Darstellung erreichten es alle; die Klausur am Ende hielten die Schüler für überflüssig.
2020 gründete er mit Gleichgesinnten das Institut für zeitgemäße Prüfungskultur (e. V.), aus der Überzeugung, dass verändertes Lernen veränderte Prüfungen braucht. Seither ist er die Stimme dieser Debatte in Lehrerfortbildungen, an Hochschulen, in Podcasts und vor Parlamenten. Im Juni 2024 nahm er schriftlich Stellung zu einer Anhörung im Landtag Nordrhein-Westfalen. Bei der Evangelischen Schulstiftung, zu der auch die notenfrei arbeitende Evangelische Schule Berlin Zentrum (ESBZ) gehört, verantwortet er die Schulaufsicht. 2022 nannte ihn die Körber-Stiftung Schulrat; das Niedersächsische Kultusministerium führt ihn in einer späteren Podcastfolge als „Referent der Evangelischen Schulstiftung“.
Geburtsjahr, Herkunft und Studienort sind öffentlich nicht belegt. Ob „Schulrat“ und „Referent“ zwei Stationen sind oder nur zwei Bezeichnungen für dieselbe Aufgabe, bleibt ebenfalls unklar.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Eine Schule ohne Noten. Neue Wege zum Umgang mit Lernen und Leistung | 2021 | Mit Philippe Wampfler (hep Verlag, Bern, 133 S., ISBN 978-3-0355-1966-2). Herausgeberband mit Beiträgen weiterer Autorinnen und Autoren aus der Praxis. Die These: Wer Noten abschafft, darf sie nicht durch Sternchen ersetzen, sondern muss die ganze Lernkultur ändern, mit lernförderlicher Rückmeldung, Lerndialogen und Kompetenznachweisen. |
| Stellungnahme zur Anhörung im Landtag NRW (Drucksache 18/1555) | 2024 | Schriftliche Stellungnahme vom 11.06.2024: Schulnoten seien kein diagnostisches, bewertendes oder förderndes Instrument, sondern ein veralteter Notbehelf; ihr Gebrauch solle zurückgefahren, nicht gestärkt werden. |
| Eine Schule ohne Noten (Beitrag, PDF) | 2025 | Beitrag für Grundschule aktuell (Grundschulverband); online gestellt im April 2025, Erscheinungsdatum des Heftes nicht geprüft. |
| „Erfolgreiches Lernen hat nichts mit Bewertung zu tun“ (Berliner Zeitung) | o. J. | Gespräch mit Nölte und Wampfler: zwei Lehrer, die Noten ablehnen und eine andere Prüfungskultur fordern (hinter Bezahlschranke, Erscheinungsdatum nicht geprüft). |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Björn Nölte und Heinz-Peter Meidinger — Besser lernen ohne Noten? — Streitgespräch der Körber-Stiftung, 27.01.2022, moderiert von Johanna Schoener (ZEIT). Nölte gegen den damaligen Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands: Noten-Paradox, „Master or Die“, Portfolios, die ESBZ (YouTube)
- Bildung GROẞ denken, Folge 6: Björn Nölte — Gespräch mit der niedersächsischen Kultusministerin Julia Willie Hamburg über zeitgemäße Prüfungskultur, neue Prüfungsformate und die Rolle der KI bei Prüfungen (YouTube; Erscheinungsdatum nicht geprüft)
- Marktplatzplauderei #40: Alternative, zeitgemäße Prüfungsformate — Podcastfolge, in der Nölte von seinen Erfahrungen mit alternativen Prüfungsformaten erzählt (Audio)
Kernthesen
- Das größte Paradox der Pädagogik. Seit rund 40 Jahren sei wissenschaftlicher Konsens, dass Noten weder vergleichbar noch reliabel noch valide sind, und trotzdem bestimme nichts den Schulalltag so stark wie sie. Meidinger widerspricht im Streitgespräch: Die Kritik zeige die Grenzen der Noten, nicht ihre Überflüssigkeit.
- Die Note beendet das Lernen. Sobald eine Note unter der Arbeit steht, interessiere sich niemand mehr für das Drumherum. Kein Schüler überarbeite eine benotete Klausur mit den Hinweisen am Rand; das Blatt werde weggelegt.
- Feedforward statt Rückblick. Rückmeldung im Prozess, solange man noch etwas ändern kann, ist für ihn etwas grundlegend anderes als die Begründung einer Note im Nachhinein. Das gelinge vor allem digital, weil sich Arbeiten dort fortlaufend überarbeiten lassen.
- Alle können Meister werden. Die Vorstellung einer Glockenkurve, nach der es gute Noten nur gibt, weil es schlechte gibt, nennt er eine fatale Haltung. In „Master or Die“ erreichen alle dasselbe hohe Ziel, nur unterschiedlich schnell; wer früher fertig ist, wendet sich anderem zu.
- Die Ziffer wird zur Schublade. Schüler erlebten sich als „Zweier-“ oder „Vierer-Schüler“ und trügen diese Schublade durch ihre ganze Schulzeit.
- Selbsteinschätzung statt Fremdurteil. Noten erzeugen Fremdbeurteilung: Jemand sagt mir, wie ich bin. Lerndialoge, wie sie die ESBZ führt, sollen Schüler befähigen, selbst zu sagen, wo sie stehen, und sie an den Bewertungskriterien beteiligen. Nach seiner Angabe schneidet die ESBZ beim Abitur regelmäßig überdurchschnittlich ab.
- Kompetenznachweise für die Übergänge. Für Arbeitswelt und Hochschule brauche es ein Bild der Fähigkeiten, aber besser über direkte Nachweise wie digitale Portfolios. Studienplätze nach der Abiturnote zu verteilen, nennt er „eigentlich ein Wahnsinn“.
- Nicht über Nacht. Er will keinen Sprung ins Notenlose, sondern zeigt, was sich schon im bestehenden System verändern lässt, bis Schüler selbst sagen, die Klausur brauche es eigentlich nicht mehr.
Bildungspolitische Einordnung
Nölte steht in der Tradition der Reformpädagogik und der neueren Debatte um digitale Lernkultur, für die im deutschsprachigen Raum auch sein Mitautor Philippe Wampfler steht. Ein parteipolitisches Profil ist öffentlich nicht erkennbar. Er spricht aus kirchlicher Trägerschaft, also von einem freien Schulträger aus, der mehr Spielraum hat als staatliche Schulen. Seine Positionen finden inzwischen auch in Kultusministerien Gehör, wie das Gespräch mit der niedersächsischen Ministerin zeigt. Die Gegenposition vertreten Lehrerverbände: Heinz-Peter Meidinger hält vergleichende Bewertung für eine Aufgabe der Schule, weil Hochschulen und Betriebe als „Abnehmer“ eine Differenzierung brauchen.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Heinz-Peter Meidinger — DenkerVita — Das Gegenüber im Körber-Streitgespräch 2022: dieselbe Diagnose (Noten hängen an Lehrkraft, Klasse und Erwartung), der entgegengesetzte Schluss. Meidinger will die Note gerechter machen, Nölte will sie überflüssig machen.
- Gerald Hüther — DenkerVita — Hüthers Gebot, niemanden „zum Objekt“ seiner Bewertungen zu machen, und seine Initiative Schule im Aufbruch teilen Nöltes Kern: Die Note ist Fremdurteil, und Lernen gelingt im Dialog zwischen Subjekten.
- André Zimpel — DenkerVita — Zimpels Feedback als Dialog statt Bewertung und seine Kritik der Normalverteilung stützen Nöltes Lerndialoge und seine Ablehnung der Glockenkurve, nach der gute Noten schlechte brauchen.
- Stephan Marks — DenkerVita — Marks' „Scham zumuten, ohne zu beschämen“ beschreibt die Aufgabe, an der Nöltes Lerndialoge nach seinem eigenen Eingeständnis am schwersten tragen: einen Misserfolg mitzuteilen, ohne ihn mit der Ziffer „abzuurteilen“.
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