GedankenraumHeinz-Peter Meidinger — DenkerVita
Einmal sitzengeblieben, später Deutschlands bekanntester Lehrer: Heinz-Peter Meidinger verteidigt die Note — schuld sei der falsche Umgang mit ihr, nicht die Ziffer.
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Norman Rockwell — warme, genaue Illustrationsmalerei mit leisem Humor, die Rockwell über amerikanische Schulen und Zeugnistage gelegt hat; im Bild mit einem Hauch Hopper-Licht. Die Aula eines bayerischen Gymnasiums: Vorn am Pult ein grauhaariger Schulleiter, im Vordergrund ein einzelnes Schülerpult aus den Sechzigern mit Ranzen und einem gefalteten Zeugnis mit Schleife, im Morgenlicht. Meidinger blieb als Schüler einmal sitzen und stand danach vier Jahrzehnte vorn, als Lehrer, Schulleiter, Verbandspräsident.
Prompt: A wide horizontal painting in the style of Norman Rockwell, warm detailed mid-century American illustration, oil on canvas, gentle humour and tenderness. The large assembly hall of a Bavarian grammar school with tall windows and wooden panelling. At the lectern on the stage an older grey-haired headmaster in a suit addresses the hall, steady and serious. In the foreground, at the edge of the empty first row, a single small wooden pupil's desk and chair from the 1960s, on it a satchel and a folded school report with a ribbon, as if a boy had just left it; a ray of morning light falls on the desk. Warm honey and slate-blue palette. Stylized faces, no letters, no numbers, no words, no logos, no signature, no photorealism.
Biographischer Snapshot
Heinz-Peter Meidinger (30. September 1954, Regensburg) — Gymnasiallehrer für Deutsch, Geschichte, Sozialkunde und Philosophie, 2003–2020 Schulleiter des Robert-Koch-Gymnasiums Deggendorf. Von 2004 bis 2017 Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbands, von 2017 bis 2023 Präsident des Deutschen Lehrerverbands, seit 2023 dessen Ehrenpräsident; seit Juli 2020 im Ruhestand.
Fast zwei Jahrzehnte lang die Stimme, die in Deutschland anrief, wer wissen wollte, was „die Lehrer“ denken: zu G8 und G9, Abiturnoten, Quereinsteigern, Corona-Schulschließungen. Dabei immer ein Mann des Gymnasiums und der Leistung — und einer, der als Schüler selbst einmal sitzengeblieben ist.
Wichtigstes Werk: Die 10 Todsünden der Schulpolitik (Claudius, 2021) Kernthemen: Leistung und Noten, neunjähriges Gymnasium, Zentralabitur, Lehrkräftemangel, Bildungsgerechtigkeit
Biografie
Heinz-Peter Meidinger wird 1954 in Regensburg geboren und wächst in einem Lehrerhaus auf: Der Vater ist Rektor, die Mutter Sonderschullehrerin. Ein Musterschüler ist er nicht, jedenfalls nicht in der Unter- und Mittelstufe — er bleibt einmal sitzen. Im Streitgespräch der Körber-Stiftung erinnert er sich 2022 an Lehrer, die Schulaufgaben mit der schlechtesten Note zuerst zurückgaben, an die angstvolle Stille in der Klasse, ob man gleich dran ist, und an das Gefühl, dass diese Lehrer ihre Macht genossen. Die andere Erinnerung gehört auch dazu: eine Deutscharbeit, vielleicht die beste der Klasse, und daraus der Wunsch, selbst Deutschlehrer zu werden.
Er studiert an der Universität Regensburg Deutsch, Geschichte, Sozialkunde und Philosophie für das gymnasiale Lehramt, als Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung. Ab 1984 unterrichtet er am Karl-von-Closen-Gymnasium in Eggenfelden, ab 1997 am Comenius-Gymnasium in Deggendorf, wo er auch als Seminarleiter für Deutsch Referendare ausbildet. 2003 übernimmt er die Leitung des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf und behält sie bis zu seinem Ruhestand im Juli 2020. Die Passauer Neue Presse nannte ihn zum Abschied „Deutschlands bekanntesten Lehrer“; die Laudatio hielten unter anderen zwei bayerische Staatsminister.
Parallel wächst die Verbandslaufbahn. Ab 1985 ist er Obmann im Bayerischen Philologenverband, ab 1993 dessen Pressereferent, 1999 stellvertretender Landesvorsitzender, 2001 stellvertretender Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbands (DPhV), der Interessenvertretung der Gymnasiallehrkräfte. Von 2004 bis 2017 führt er den DPhV. Im Mai 2017 wählt ihn der Deutsche Lehrerverband (DL), der Dachverband unter anderem von Philologen-, Realschullehrer- und Berufsschullehrerverbänden, zum Präsidenten — als Nachfolger von Josef Kraus. 2020 wird er bestätigt, 2023 tritt er nach sechs Jahren nicht mehr an. Sein Nachfolger wird der Augsburger Schulleiter Stefan Düll; Meidinger wird Ehrenpräsident des Verbands.
Seine Amtszeit fällt in die schwersten Jahre der jüngeren Schulgeschichte: Corona-Schulschließungen, Distanzunterricht, der größte Lehrkräftemangel seit fünfzig Jahren, über 200.000 ukrainische Kinder, die die Schulen aufnahmen. Zum Abschied 2023 beschreibt er den Mangel als „bleierne Decke, die auf allem liegt“ — und wirbt zugleich für den Beruf: „Es kann einer der schönsten Berufe sein. Man bekommt enorm viel zurück.“
Er ist verheiratet und hat eine Tochter.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Die 10 Todsünden der Schulpolitik | 2021 | Streitschrift (Claudius Verlag, München), erschienen ein halbes Jahr nach seinem Ruhestand: Sie bündelt, was er für die folgenreichsten Verfehlungen der deutschen Bildungspolitik bis 2020 hält. |
Daneben unzählige Interviews, Stellungnahmen und Verbandsbeiträge aus fast zwei Jahrzehnten an der Spitze von DPhV und DL.
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Besser lernen ohne Noten? — Streitgespräch mit Björn Nölte (Körber-Stiftung, 27.01.2022) — Meidinger verteidigt die Note gegen einen Schulleiter, der sie abgeschafft hat: Abiturnote als bester Prädiktor für Studienerfolg, Differenzierung als Aufgabe der Schule, Kritik an Noten als Kritik am Umgang mit ihnen.
- alpha-Forum: Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands (ARD alpha, 2014) — 45-minütiges Porträtgespräch über Werdegang, Gymnasium und Bildungspolitik.
Kernthesen
- Noten sind eine knappe, ehrliche Rückmeldung. Was gegen Noten vorgebracht wird, trifft meist den falschen Umgang mit ihnen — Lehrkräfte, die mit Noten Macht ausspielen, Examina, die Theoriewissen über pädagogisches Können stellen. Die Antwort sei bessere Notengebung, die Lehrkräfte schon in der Ausbildung lernen müssten, nicht Abschaffung.
- Die Abiturnote sagt etwas aus. Er verweist auf Meta-Analysen (aus den 1990er und 2000er Jahren), nach denen die Abitur-Durchschnittsnote den Studienerfolg besser vorhersagt als andere einzelne Kriterien. Wer Noten für aussagelos erkläre, verlange von Hochschulen und Arbeitgebern, Hunderte Portfolios ohne Vergleichsmaß zu lesen.
- Schule muss differenzieren. Es gebe „Abnehmersysteme“ von Schule — Ausbildung, Hochschule —, und niemand kenne die Fähigkeiten von Schülern besser als die Schule, die sie jahrelang begleitet hat. Ob Ziffer oder Verbalbeurteilung, sei zweitrangig; auf die Bewertung im Vergleich zu verzichten, nicht.
- Ohne Noten wird es ungerechter, nicht gerechter. Wo formale Maßstäbe wegfallen, zählen informelle — und die begünstigen Kinder, deren Eltern helfen können. Die Notenabschaffung schaffe keine gerechtere Welt; Bildungsungleichheit würde eher wachsen.
- Gegen Noteninflation, für Vergleichbarkeit. Er kritisiert die „Inflation der guten Noten“, verteidigt das bayerische Abitur als Maßstab und befürwortet ein länderübergreifendes Zentralabitur.
- Das neunjährige Gymnasium. Er verfocht über Jahre G9 gegen die verkürzte Schulzeit.
- Lehrkräftemangel als Grundproblem. Unqualifizierte Quereinsteiger an Grundschulen nannte er 2019 „ein Verbrechen an den Kindern“; der Beruf müsse moderner werden — keine Einbahnstraße, in der man am ersten Tag dasselbe tut wie am letzten.
Politische / ideologische Einordnung
Meidinger ist ein Verbandspolitiker des gegliederten Schulsystems: wertkonservativ, leistungsorientiert, dem Gymnasium verpflichtet. Als Student war er Stipendiat der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Der Deutsche Lehrerverband steht im Feld der Lehrerverbände der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gegenüber, die Gemeinschaftsschule und Inklusion stärker fördert — Meidinger war über Jahre einer ihrer sichtbarsten Gegenpole.
Was für ihn spricht. Er hat früh und hartnäckig auf Dinge hingewiesen, die später Konsens wurden: dass der Lehrkräftemangel absehbar war und Jahrzehnte anhalten wird, dass Quereinsteiger ohne Qualifizierung die Schwächsten am härtesten treffen, dass im Distanzunterricht gerade jüngere Kinder und solche mit Förderbedarf zurückfallen. Sein Notenargument nimmt die Gerechtigkeitsfrage ernst, statt sie den Kritikern zu überlassen. Und er kann über die eigene Schulzeit ohne Verklärung reden — die Lehrer, die die schlechteste Note zuerst verlasen, kommen in seiner Erinnerung nicht gut weg.
Was gegen ihn eingewandt wird. Kritiker sehen in ihm den Anwalt eines Systems, das früh sortiert — und die soziale Auslese mit der Sortierung gleich mitliefert, gegen die er argumentiert. Die Meta-Analysen, auf die er sich stützt, sind älter, und dass eine Note Studienerfolg vorhersagt, sagt nichts darüber, was sie unterwegs mit Kindern macht (genau hier setzt sein Gesprächspartner Björn Nölte an). In der Corona-Zeit stand er zeitweise für eine vorsichtige Linie: Im Januar 2021 begrüßte der DL die Verlängerung der Schulschließungen, im Sommer 2021 wollte Meidinger den Präsenzunterricht weiter an Inzidenzen koppeln, solange nicht alle Schüler sich impfen lassen konnten; Kommentatoren warfen den Lehrerverbänden vor, eher die eigene Klientel als die Kinder im Blick zu haben. Für Widerspruch sorgte im Januar 2023, nach den Berliner Silvesterkrawallen, die Forderung des DL nach Höchstquoten für Kinder mit Migrationshintergrund an Schulen.
Wo er schwankt. Beim Handy hat sich seine Position verschoben: Als Philologenchef hielt er ein generelles Verbot für weder sinnvoll noch durchsetzbar, 2018 sprach er sich für ein weitgehendes Handyverbot jedenfalls für jüngere Schüler aus. Sein Nachfolger Düll lehnt ein absolutes Verbot wieder ab — der Verband ringt mit derselben Frage wie die Eltern.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Björn Nölte — DenkerVita — Das Gegenüber im Körber-Streitgespräch 2022: Beide zählen die Mängel der Note offen auf, Nölte zieht daraus die Abschaffung, Meidinger die Pflicht zu gerechterer Benotung und zur Differenzierung an den Übergängen.
- Michael Hartmann — DenkerVita — Hartmanns Prinzip der Ähnlichkeit (je kleiner und informeller der Kreis der Auswählenden, desto mehr entscheidet der Habitus) liefert die soziologische Begründung für Meidingers These, ohne formale Maßstäbe zählten die informellen. Zugleich zerlegt Hartmann den Leistungsmythos, auf den sich die Abiturnote beruft.
- Daniel Markovits — DenkerVita — Wo Meidinger die Differenzierungspflicht der Schule verteidigt, beschreibt Markovits die Meritokratie als Sortiermaschine, die Privilegien vererbt und selbst ihre Gewinner erschöpft; die Gegenrechnung zur Abiturnote als bestem Prädiktor.
- Aladin El-Mafaalani — DenkerVita — Meidingers offene Frage an Nölte, wie eine Schule ohne Noten die Kopplung von Herkunft und Bildungserfolg lösen soll, ist El-Mafaalanis Lebensthema (Mythos Bildung).
Gedankenwelten-Notes
Im Bestand
sechs gedachte Verweise