Quelle: Ökonomin Clara Mattei über die Geschichte von Austeritätspolitik — Jung & Naiv: Folge 822
Wer spricht?
Clara Elisabetta Mattei (1988, italienisch-amerikanisch) — Ökonomin, Professorin an der University of Tulsa, Oklahoma. Großnichte der italienischen Partisanin Teresa Mattei, die in den Widerstand gegen die Nazi-Besatzung ging.
Studium der Philosophie in Pavia und Cambridge; Promotion in Ökonomie an der Scuola Superiore Sant’Anna, Pisa (2016). Zuvor ~10 Jahre an der New School for Social Research, NYC.
Hauptwerk: The Capital Order: How Economists Invented Austerity and Paved the Way to Fascism (2022) — dt. Die Ordnung des Kapitals (Brumaire Verlag, 2025) Weiteres Buch: Escape from Capitalism (Simon & Schuster, 2026) Auszeichnungen: Herbert Baxter Adams Prize (2023), FT Best Book Economics 2022 Gründerin: FREE — Forum for Real Economic Emancipation (freefreeforum.org) Kernthemen: Politische Ökonomie, Geschichte des Kapitalismus, Austerität als strukturelles Merkmal, Kontinuität zwischen Liberalismus und Faschismus → DenkerVita
Inhalt
Die Umkehrung der ökonomischen Wahrheit
▶ 19:25 — Mattei beschreibt, wie die neoklassische Ökonomie eine fundamentale Umkehrung vollzogen hat: Statt zu erklären, dass Arbeitende den Wert schaffen, der dann von oben abgeschöpft wird (Arbeitswerttheorie), behauptet der Mainstream, der Markt existiere, um Konsumentenbedürfnisse zu befriedigen.
„The reality is that we are instrumental to the market and the market requires the relation of exploitation that is at its foundation.”
Die Folge: Wer arm ist, glaubt, es sei seine eigene Schuld. Die neoklassische Theorie eliminiert den Klassenbegriff — es gibt keine Ausbeutung mehr, nur noch harmonische Austauschbeziehungen, in denen jeder genau das bekommt, was er „verdient”.
▶ 26:18 — Die Arbeitswerttheorie, die schon vor Marx bei Adam Smith und David Ricardo angelegt war, wurde nach dem Ersten Weltkrieg gezielt verdrängt. Der Unternehmer wurde zum „tugendhaften Sparer” umgedeutet, der durch Rationalität und Enthaltsamkeit Kapital akkumuliert — und den Arbeiter gnädig beschäftigt.
Die Geburt der Austerität nach dem Ersten Weltkrieg
▶ 24:00 — 1919 war die kapitalistische Elite überzeugt, dass das System zusammenbricht. Die Sowjets waren aufgestiegen, Rätebewegungen breiteten sich aus. Die erste internationale Konferenz 1920 in Brüssel brachte Ökonomen an den Tisch, die mit klaren Rezepten kamen — denselben Austeritätspolitiken, die seit über hundert Jahren angewendet werden.
▶ 65:54 — Der Krieg selbst hatte gezeigt, dass politische Steuerung der Wirtschaft funktioniert: In Großbritannien wurden Schiffe verstaatlicht, weil Privatinvestoren sie an den Feind verkauften. Die Kriegswirtschaft bewies, dass ökonomische „Sachzwänge” politische Entscheidungen sind — eine Erkenntnis, die nach dem Krieg wieder unterdrückt werden musste.
Fabrikräte und Arbeiterselbstverwaltung
▶ 76:32 — In Italien ging die Bewegung besonders weit: Im Sommer 1920 besetzten Arbeiter über einen Monat lang alle Fabriken. Antonio Gramsci und die Turiner Rätebewegung (L’Ordine Nuovo) entwickelten ein radikal-demokratisches Modell: konzentrische Rätestrukturen mit ständig abwählbaren Vertretern — das Gegenteil der bürokratisierten Gewerkschaften.
Die Fabrikräte waren demokratischer als Gewerkschaften: Jeder konnte teilnehmen, nicht nur Gewerkschaftsmitglieder. Vertreter waren jederzeit abberufbar. Das Modell inspirierte sich an den russischen Sowjets und wurde von Frauen und ungelernten Arbeitern getragen, die von den Gewerkschaften ausgeschlossen waren.
Liberale und Faschisten — ökonomische Verbündete
▶ 55:15 — Luigi Einaudi, der „Vater des italienischen Liberalismus” und spätere Präsident der Republik, war ein begeisterter Unterstützer Mussolinis. Er schrieb im britischen Economist Lobeshymnen auf Mussolinis Wirtschaftspolitik: ausgeglichener Haushalt, Privatisierungen, Anziehung von Auslandskapital.
▶ 58:19 — Mussolini privatisierte Telekommunikation, Straßen und Sozialversicherungen — alles Bereiche, die gerade erst verstaatlicht worden waren. Montagu Norman, Chef der Bank of England, schrieb an J.P. Morgan: Mussolini sei „the right man at a critical moment, so as for the pendulum not to swing too far in the other direction” — die „andere Richtung” war ein Ausbruch aus dem Kapitalismus. (Faktencheck: bestätigt)
▶ 90:15 — Matteis Archivarbeit zeigt die Kohärenz: Dieselben Ökonomen, die „wissenschaftliche” neoklassische Modelle schrieben, veröffentlichten in Zeitungen klassistische Tiraden gegen Arbeiter. Die Theorie und die Verachtung waren zwei Seiten derselben Medaille.
Die Trinität der Austerität
▶ 91:47 — Matteis zentrale These: Die gängige Definition von Austerität als „Budgetkürzungen und Steuererhöhungen” ist absurd. Austerität bedeutet drei Dinge:
1. Fiskalische Austerität — Nicht das Budget kürzen, sondern Sozialleistungen abbauen, während der Staat Privatinvestoren subventioniert. Regressive Besteuerung: Arbeit wird besteuert, Kapital nicht. Mussolini schaffte Erbschafts- und Übergewinnsteuern ab, erhöhte dafür Konsumsteuern und besteuerte erstmals Menschen, die zuvor zu arm dafür waren.
2. Industrielle Austerität — Privatisierungen, Streikverbote, Lohnkürzungen per Dekret (Mussolini), Deregulierung von Arbeit, Non-Compete-Klauseln (USA heute). Alles, was Arbeiter schwächt und Kapital stärkt.
3. Monetäre Austerität — Zinserhöhungen erzeugen Massenarbeitslosigkeit und brechen Streikbewegungen. Die Bank of England erhöhte 1921 den Zinssatz um 7–8%. Selbst Keynes wollte ihn um 10% erhöhen — ein Aspekt, der in der Keynes-Rezeption gerne vergessen wird.
Austerität ist kein Politikfehler — sie ist der Kern des Kapitalismus
▶ 104:00 — Progressive Ökonomen wie Mark Blyth argumentieren, Austerität „funktioniere nicht”, weil sie kein Wachstum bringe. Mattei hält das für eine entpolitisierte Frage. Austerität funktioniert — für die Stabilisierung der Klassenverhältnisse. Sie stellt die zwei Säulen des Kapitalismus wieder her: Lohnarbeit (durch Marktabhängigkeit) und private Investition.
„Austerity is the necessary tool for capitalism to support itself. There cannot be capitalism without austerity.”
▶ 105:32 — Deshalb kann der Staat die Wirtschaft durch Sozialausgaben nicht ankurbeln — das wäre politisch gefährlich, weil es Menschen ermächtigt. Militärausgaben sind sicherer: Sie subventionieren Privatinvestoren, ohne Marktabhängigkeit zu reduzieren.
Zentralbank-Unabhängigkeit als Entdemokratisierung
▶ 114:48 — Es gibt zwei Wege zur gleichen Austerität: den faschistischen (Gewerkschaftsverbote, Folter, Mord) und den liberalen (Zentralbank-Unabhängigkeit, Technokratie). Die EZB hat in ihrer Verfassung verankert, dass keine politische Einflussnahme stattfinden darf. Der Bankier soll „never explain, never regret, never apologize”.
▶ 116:21 — Mattei zitiert Rosa Luxemburg: Reform dient der Revolution. Eine Kampagne zur Demokratisierung der Zentralbanken wäre ein wichtiger Reformschritt — auch wenn er vermutlich erst in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft vollständig umsetzbar wäre.
FREE und partizipatives Budgetieren
▶ 127:05 — In Tulsa, Oklahoma — einst Öl-Hauptstadt der Welt, erbaut auf gestohlenem Land indigener Völker — organisiert Mattei mit FREE partizipatives Budgetieren. Das Modell stammt aus Brasilien (1980er/90er) und gibt Bürgern direkte Mitsprache über öffentliche Ausgaben.
▶ 141:38 — Die lokalen Fox-News-Sender berichten über FREEs Veranstaltungen, weil sie konkrete Probleme ansprechen: Ernährungsunsicherheit (jedes vierte Kind in Oklahoma hungert), Verschuldung, Inhaftierung. 400 Menschen kamen zur letzten Veranstaltung — die meisten betrachten sich nicht als „links”.
Gegen Sektierertum — für eine neue Terminologie
▶ 138:37 — Mattei nennt sich antikapitalistisch, nicht kommunistisch oder sozialistisch — beide Begriffe seien historisch diskreditiert. Der historisch realisierte Sozialismus war selbst auster (Berlinguer in Italien, UdSSR). Die Linke sei schuld an ihrer Marginalisierung durch Sektierertum und Elitismus.
▶ 148:32 — Auf die Frage, ob Milliardäre existieren sollten: „No. No millionaires.” In einer Versammlung, in der Menschen ihre Einkommen teilen, würde niemand Millionäre akzeptieren, solange andere kein Dach über dem Kopf haben.
Faktencheck
Bestätigt — Montagu Normans Brief über Mussolini
Mattei zitiert einen Brief von Montagu Norman (Bank of England) an J.P. Morgan, in dem er Mussolini als „the right man at a critical moment” bezeichnet. Dieses Zitat ist in der Geschichtswissenschaft dokumentiert und wird auch in anderen Studien zur anglo-italienischen Finanzbeziehung der 1920er Jahre referenziert. Quelle: Clara Mattei, The Capital Order (2022), University of Chicago Press, basierend auf Archivmaterial der Bank of England.
Bestätigt — Luigi Einaudis Unterstützung für Mussolini
Luigi Einaudi (1874–1961), Ökonom und späterer Präsident der Italienischen Republik (1948–1955), schrieb tatsächlich positive Artikel über Mussolinis Wirtschaftspolitik im britischen Economist. Seine anfängliche Unterstützung des Faschismus ist in der italienischen Geschichtswissenschaft dokumentiert. Quelle: Luigi Einaudi — Treccani Enciclopedia
Bestätigt — Mussolinis Privatisierungen
Mussolini privatisierte ab 1922 tatsächlich Telekommunikation, Straßenbau und Teile der Sozialversicherung. Germà Bel (Universität Barcelona) dokumentierte 2010, dass Mussolinis Italien das erste Land war, das im 20. Jahrhundert großflächig privatisierte. Quelle: Bel, G. (2010): „Against the mainstream: Nazi privatization in 1930s Germany”, The Economic History Review
Vereinfacht — Keynes wollte 10% Zinserhöhung
Mattei behauptet, Keynes habe 1921 eine Zinserhöhung von 10% befürwortet. In seinen frühen Schriften unterstützte Keynes tatsächlich restriktive Geldpolitik, bevor er in den 1930ern seine Position grundlegend änderte (General Theory, 1936). Die genaue Zahl von 10% ließ sich nicht unabhängig verifizieren — sie stammt vermutlich aus Matteis Archivarbeit. Keine unabhängige Quelle gefunden.
Vereinfacht — Jeff Bezos zahlt 2,8% Steuern
Mattei zitiert einen Steueranwalt, der Jeff Bezos einen effektiven Steuersatz von 2,8% zuschreibt. ProPublica berichtete 2021 ähnliche Zahlen (Bezos zahlte zwischen 2014–2018 einen effektiven Bundessteuersatz von ~1%). Die genaue Zahl von 2,8% ist plausibel, stammt aber aus einer Drittquelle und hängt von der Berechnungsmethode ab. Quelle: ProPublica: „The Secret IRS Files” (2021)
Bestätigt — Gramsci starb 1937
Antonio Gramsci starb am 27. April 1937, nachdem er seit 1926 inhaftiert war. Im Interview korrigieren sich Mattei und Tilo Jung gegenseitig — die korrekte Jahreszahl ist 1937. Quelle: Encyclopædia Britannica — Antonio Gramsci
Bestätigt — Jedes vierte Kind in Oklahoma hungert
Mattei nennt die Statistik, dass jedes vierte Kind in Oklahoma von Hunger betroffen ist. Laut Feeding America (2023) liegt die Rate der Ernährungsunsicherheit bei Kindern in Oklahoma bei ca. 22%, was „ungefähr jedes vierte Kind” stützt. Quelle: Feeding America — Oklahoma
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- FREE — Forum for Real Economic Emancipation — Matteis Organisation für kritische ökonomische Bildung außerhalb der Akademie
- Clara Mattei: Die Ordnung des Kapitals (Brumaire Verlag) — dt. Übersetzung ihres Hauptwerks
Im Gespräch referenzierte Werke und Personen:
- Ellen Meiksins Wood: The Origin of Capitalism — Kapitalismus als historischer Bruch, nicht als natürliche Entwicklung
- Rosa Luxemburg: Reform oder Revolution — Reform dient der Revolution, beides ist kein Gegensatz
- Antonio Gramsci: Gefängnishefte — geschrieben 1929–1935 im faschistischen Gefängnis
- Germà Bel: Against the Mainstream: Nazi Privatization in 1930s Germany — historische Analyse von Privatisierungen unter Faschismus
- Mark Blyth: Austerity: The History of a Dangerous Idea — progressive Kritik an Austerität (von Mattei als zu unpolitisch kritisiert)
Verbindungen
→ Kevin Kuehnert — Lobbyist fuer die Zivilgesellschaft
Kühnert beschreibt den „Aufbruch ins Unpolitische” der 90er als Versäumnis — die Politik habe verlernt, ökonomisch zu denken. Mattei deutet dieselbe Entpolitisierung als Strategie: Austerität als bewusstes Werkzeug, die Verteilungsfrage stillzustellen und Kapitalmacht zu sichern. Produktive Spannung zwischen Versäumnis und Absicht.
→ Thomas Fricke — Wie die Wirtschaftskrise den Rechten nützt (Surplus)
Fricke zeigt, wie Austeritätspolitik den Rechtsruck befeuert; Mattei liefert die historische Tiefe: Austerität ist der Mechanismus, mit dem der Kapitalismus sich stabilisiert — auch durch faschistische Regierungen
→ Eva von Redecker — Dieser Drang nach Härte
Redecker analysiert den „Drang nach Härte” als Phantombesitz; Mattei zeigt den ökonomischen Unterbau: Austerität diszipliniert die Bevölkerung, damit die Kapitalordnung stabil bleibt
→ Varoufakis — 2008 Crash, Populismus und Europa
Varoufakis nennt die Griechenland-Krise einen “Bankenbailout through the back door”. Mattei liefert die historische Dimension: Austerität war nie eine Notmaßnahme, sondern das strukturelle Werkzeug zur Wiederherstellung der Klassenverhältnisse — Varoufakis’ “crime against Europe” erhält dadurch eine dunklere Dimension: vielleicht kein Irrtum, sondern ein Feature.
→ Eva von Redecker — Über den neuen Faschismus (Jung & Naiv 811)
Matteis These der liberalen-faschistischen Konvergenz ergänzt Redeckers Analyse des Technofaschismus: beide zeigen, wie Faschismus und Liberalismus ökonomisch konvergieren
→ Christoph Butterwegge — Armut NEU DENKEN
Butterwegge dokumentiert Armut in Deutschland; Mattei erklärt den strukturellen Mechanismus dahinter — fiskalische Austerität als gezielte Umverteilung von unten nach oben
→ Heinz Bude — Gesellschaft der Angst
Bude argumentiert 2014 mit Keynes: Die „periodische Euthanasie des Rentiers” sei nötig, um den Kapitalismus funktionsfähig zu halten. Mattei zeigt historisch, dass genau das systematisch verhindert wird — Austerität als politisches Werkzeug zur Stabilisierung der Kapitalordnung
→ Erich Fromm — Haben oder Sein
Fromms Kritik der Besitzorientierung trifft sich mit Matteis Analyse: Die neoklassische Ökonomie naturalisiert die Idee, dass der „tugendhafte Sparer” Reichtum verdient
→ Martyna Linartas — Unverdiente Ungleichheit
Linartas zeigt die moralische Illegitimität von Erbungleichheit; Mattei liefert die historische Erklärung, wie diese Legitimationserzählung ökonomisch konstruiert wurde
→ Philip Manow — Autoritäre Zeiten: Die Macht der Wähler
Manow analysiert die Arbeiterklasse im populistischen Spannungsfeld; Mattei erklärt, warum diese Klasse systematisch entmachtet wird: industrielle Austerität
→ Tilo Jung — Erben Wirtschaft AfD-Strategie
selber Kanal; Matteis Analyse von Kapitalakkumulation und Austerität gibt dem Thema Wirtschaftsdemokratie den theoretischen Rahmen
→ Annette Kehnel — Vom Mittelalter für die Zukunft lernen
Kehnels Commons-Forschung zeigt Alternativen zum Privateigentum; Matteis Analyse zeigt, warum deren Zerstörung (Privatisierung) strukturell zum Kapitalismus gehört
→ Walther Ziegler — Marx in 60 Minuten
Marx’ Akkumulations- und Konzentrationstheorie ist das theoretische Fundament für Matteis Austeritätsanalyse: „Große Kapitale schlagen kleine Kapitale” — Mattei zeigt empirisch, wie Austeritätspolitik diese Konzentration politisch absichert
→ Walther Ziegler — Smith in 60 Minuten
Smith als intellektueller Urahn des Freimarkt-Dogmas, dessen Wohlstandsversprechen Mattei als strukturell unmöglich entlarvt
→ taz Reingehen — ICE-Razzia Hyundai und ein Jahr Schwarz-Rot
Schwarz-Rot-Koalition als Austeritätsfall: Kürzung des Ernährungsetats um 25%, Abwicklung der Proteinstrategie, Unterordnung des Klimaschutzes unter Wachstumsideologie — Matteis Muster des politisch gewählten Rückbaus lebt in der Gegenwart.
→ Steffen Mau — Spaltung der Gesellschaft
Mau ergänzt Matteis Austeritätsanalyse um den diskursiven Schutzmechanismus: asymmetrisches Agenda Setting sorgt dafür, dass Sozialleistungsbetrug skandalisiert wird, Steuervermeidung aber nicht
→ Steffen Mau — Triggerpunkte Konsens und Konflikt
Maus „demobilisierte Klassengesellschaft” als Ergebnis von Matteis Austeritätslogik: Die Verteilungsfrage bleibt ein gesättigter, unaufregenbar gehaltener Konfliktraum
→ Demirovic und Lorey — Foucaults Gouvernementalitaet
Matteis Austerität als Disziplinierung ist Gouvernementalität avant la lettre: Wirtschaftspolitik als Regierungstechnik, genau das, was Foucault an der Freiburger Schule analysiert
→ taz Reingehen — ICE-Razzia Hyundai und ein Jahr Schwarz-Rot
Schwarz-Rot-Koalition als Austeritätsfall: Die Kürzung des Ernährungsetats um 25
→ Martin Sonneborn — Endloser Krieg
Sonneborn beschreibt die Symptome, Mattei liefert die historische Diagnose: 290 Mrd Ukraine-Hilfe, Bürger zahlen durch Inflation — das ist Austerität als Klassenpolitik. Kriegsausgaben fließen nach oben (Rüstungsindustrie), Kosten nach unten (Sozialkürzungen).
→ MONITOR — Fleischindustrie Menschen als Ware
Matteis Austeritätslogik in individueller Form: Die 10.000-Euro-Schulden der Fleischarbeiter funktionieren wie ein privates Austeritätsregime — sie disziplinieren wirksamer als jedes Arbeitsrecht und machen Widerstand ökonomisch unmöglich.
→ Walther Ziegler — Rawls in 60 Minuten
Rawls’ Differenzprinzip als Gegenmodell zu Matteis Austeritätslogik: Wo Rawls fordert, dass Ungleichheit den Schwächsten nützen muss, zeigt Mattei historisch, dass Austerität die Schwächsten gezielt belastet, um die Kapitalordnung zu stabilisieren — ein systematischer Verstoß gegen beide Grundsätze der Gerechtigkeit.
→ Studio Bonn — Extremer Reichtum
Mattei liefert die historische Tiefe zur Steuervermeidungsindustrie, die Studio Bonn für die Gegenwart beschreibt. Die $900/h-Berater sind die modernen Erben von Matteis Austeritätsmaschinerie: Beide sichern Kapitalinteressen gegen demokratische Umverteilung — einmal historisch, einmal aktuell.
→ Christoph Hein — Geooekonomie NEU DENKEN
Matteis These (Austerität als politisches Disziplinierungsinstrument) ergänzt Heins Analyse der westlichen Doppelmoral: Liberalisierung im globalen Süden fordern, Subventionen zu Hause schützen. Beide zeigen: „Regelbasierte Ordnung” war immer auch Machtinstrument
→ Kojin Karatani — Tauschformen und die Ueberwindung der Triade
Mattei liefert die empirische Anatomie für Karatnais strukturelle These: Kapital, Staat und Nation kooperieren — die Brüsseler Konferenz 1920 zeigt das Borromäische Muster in Reinform. Karatani erklärt theoretisch, warum das so sein muss (Mode B und Mode C verstärken sich gegenseitig), Mattei zeigt es historisch an einem konkreten Fall.
→ NANO Talk — Arbeiten wir zu wenig oder voellig falsch
Matteis Austeritätspolitik als Arbeitsdisziplinierung verbindet sich mit Schaupps “halbe Demokratie”-Kritik: Wir wählen Regierungen, nicht Arbeitsbedingungen — und das ist kein Versehen, sondern historisch konstruiert.
→ Doerre - Klassen Kapitalismus und Demokratie
Dörres Begriff des autoritären Liberalismus (Heller 1932) ist das theoretische Pendant zu Matteis empirischer Austeritätsgeschichte: Mattei zeigt, wie liberale Regierungen den Faschismus begrüßten, um die Arbeiterklasse zu disziplinieren — Dörre zeigt, dass diese Konfiguration (Freiheit für Kapital + Repression der Folgen) strukturell wiederkehrt, nicht historische Ausnahme ist.
→ Tilo Wesche - Rechte der Natur Eigentum Kolonialismus
Mattei zeigt, dass Liberalismus und Faschismus historisch die kapitalistische Eigentumsordnung gegen Systemveränderung verteidigten. Wesche liefert den vorgelagerten Schritt: Das Eigentumsrecht war schon bei seiner kolonialen Ausrollung als Machtinstrument konstruiert. Beide beschreiben denselben Mechanismus — Eigentumsordnung als Schutzwall — auf verschiedenen Zeitebenen.
→ Wendy Brown - Wie Neoliberalismus die Demokratie bedroht
Matteis historischer Befund operationalisiert Browns Theorie: Was Brown als “stealth revolution” — die Aushöhlung der Demokratie durch Marktlogik — beschreibt, zeigt Mattei historisch als Austeritätspolitik in Aktion: Wirtschaftspolitik als gezielte Disziplinierungstechnik, die demokratische Kontrolle des Kapitals systematisch schwächt.












