Wer spricht?
Elmar Theveßen (*3. Juni 1967 in Viersen) ist einer der profiliertesten deutschen Auslandsjournalisten — seit 2019 Leiter des ZDF-Studios in Washington, D.C., davor über ein Jahrzehnt stellvertretender Chefredakteur des ZDF. Aufgestiegen als Terrorismus-Experte nach dem 11. September, ist er heute die deutsche Stimme, die aus nächster Nähe beschreibt, wie eine Demokratie von innen ausgehöhlt werden kann. Für seine Arbeit erhielt er 2023 den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis; 2026 hielt er als Tübinger Mediendozent den Vortrag „Die neue Weltunordnung”.
Biografie
Theveßen wuchs als zweiter von drei Söhnen eines Möbelhändlers im niederrheinischen Viersen auf. Nach dem Abitur studierte er in Bonn Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft — und nebenbei, an der American University in Washington, „Foreign Policy” und „Journalism”. Diese frühe Doppelbindung an Deutschland und die USA sollte sein ganzes Berufsleben tragen: Amerika war für ihn nie nur ein Berichtsgebiet, sondern ein zweites Zuhause.
1991 stieg er beim ZDF ein, zunächst im Studio Bonn, ab Mitte der Neunziger als Korrespondent in Washington. Der Wendepunkt kam am 11. September 2001. In der öffentlichen Wahrnehmung wurde Theveßen von da an der „Terror-Fritze” des ZDF — der Erklärer der Anschläge, der Radikalisierung, der Schläfernetzwerke. Aus dieser Rolle wuchs eine ganze Bücherreihe über islamistischen Terror, Nachrichtendienste und die Frage, wie westliche Demokratien mit Bedrohung umgehen, ohne sich selbst zu verlieren.
2003 wurde er Chef vom Dienst der ZDF-Hauptredaktion „Aktuelles”, von 2007 bis 2019 leitete er sie und war zugleich stellvertretender Chefredakteur des Senders — mitverantwortlich für heute und das heute-journal. 2019 dann die Rückkehr an den Ort seiner journalistischen Prägung: als Leiter des ZDF-Studios Washington. Er kam an, um Trumps erste Amtszeit zu Ende zu begleiten, blieb durch die Biden-Jahre und erlebte Trumps Rückkehr — und wurde so zum Chronisten eines Landes, das er einst als Ideal verstand und heute als Warnung beschreibt.
2024 bewarb er sich um die WDR-Intendanz (unterlag Katrin Vernau), 2026 wurde er Tübinger Mediendozent. Sein Terrorismus-Blick auf Radikalisierung wandelte sich dabei zum Blick auf die Erosion der Demokratie von innen — dieselbe Grundfrage, neue Bühne.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Deadline. Wie das System Trump die Demokratie aushöhlt | 2025 | Spiegel-Bestseller: die schleichende Zerstörung demokratischer Institutionen unter Trumps zweiter Amtszeit — aus der Perspektive des Korrespondenten vor Ort. |
| Kampf der Supermächte. Amerika und China auf Konfrontationskurs | 2022 | Die geopolitische Rivalität zwischen den USA und China und was sie für die Weltordnung bedeutet. |
| Die Zerstörung Amerikas. Wie Donald Trump sein Land und die Welt für immer verändert | 2020 | Bilanz von Trumps erster Amtszeit — der Auftakt zu Theveßens Trump-Trilogie. |
| Terror in Deutschland. Die tödliche Strategie der Islamisten | 2016 | Analyse islamistischer Bedrohung und das Plädoyer für eine „menschengetriebene” statt rein „sicherheitsgetriebene” Politik. |
| Nine-Eleven. Der Tag, der die Welt veränderte | 2011 | Rekonstruktion des 11. September und seiner Folgen — ausgezeichnet mit dem Deutschen Fernsehpreis (Doku). |
| Die Bush-Bilanz | 2004 | Frühe kritische Abrechnung mit der US-Außenpolitik unter George W. Bush. |
| Schläfer mitten unter uns | 2002 | Sein erstes großes Terror-Buch: Warnungen vor 9/11 gab es genug — nur ein Dialog der Kulturen führe aus der Sackgasse. |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Die neue Weltunordnung. Donald Trump und der Angriff auf die Demokratie — Tübinger Mediendozentur, Juni 2026: der große Vortrag über die Auflösung der regelbasierten Weltordnung und den autoritären Drift der USA.
- Die neue Weltunordnung — Livestream (Universität Tübingen) — Vollständige Aufzeichnung der Mediendozentur-Veranstaltung.
- Regelmäßig zu Gast bei Markus Lanz und Maybrit Illner sowie als Analyst im ZDF-auslandsjournal — die laufende Einordnung der US-Politik aus Washington.
Kernthesen
- Trumps „One-and-Done-Syndrom”. Die von Theveßen geprägte Diagnose: Ein Präsident, der jede Aufgabe für erledigt hält, sobald er einmal gehandelt hat — Politik als Geste statt als Prozess, ohne Follow-through, ohne institutionelles Gedächtnis.
- Demokratie stirbt von innen, nicht durch den Putsch. Nicht der Panzer vor dem Parlament, sondern die schrittweise Aushöhlung: Justiz, Presse, Verwaltung werden nicht abgeschafft, sondern gebeugt. „System Trump” meint das Zusammenspiel von Präsident, Parteimedien und einigen mächtigen Plattform-Eigentümern.
- Der Angriff auf den unabhängigen Journalismus ist der Kern. Wer Pressefreiheit und Meinungsfreiheit untergräbt, zieht der Demokratie den Boden weg — Theveßen erlebt das am eigenen Leib (Ausweisungsforderungen gegen ihn 2025).
- Von der sicherheits- zur menschengetriebenen Politik. Roter Faden schon aus seinen Terror-Büchern: Der „Krieg gegen den Terror” allein mit Militär und Geheimdiensten sei gescheitert — man müsse um „Köpfe und Herzen” kämpfen, nicht nur Bedrohungen bekämpfen.
- Die alte Weltordnung löst sich auf. Die regel- und wertebasierte Ordnung weicht einem neuen Autoritarismus; die USA, einst ihr Garant, werden zu ihrem Bruchpunkt.
Politische / ideologische Einordnung
Theveßen steht im liberal-demokratischen Spektrum des öffentlich-rechtlichen Journalismus und macht aus seiner Alarmbereitschaft gegenüber Trump keinen Hehl — er beschreibt ihn als Bedrohung für die amerikanische Demokratie. Genau diese Deutlichkeit macht ihn zur Zielscheibe: Von rechts wird ihm mangelnde Distanz vorgeworfen (Kritiker führen scharfe Zuschreibungen bis hin zu Faschismus-Vergleichen an); die Trump-Regierung forderte 2025 gar seine Ausweisung, nachdem er in einer Talkshow eine verkürzte Aussage über den ermordeten Charlie Kirk gemacht hatte — für die er sich später korrigierte und entschuldigte. Diese Episode gehört zum ehrlichen Bild: Theveßen ist ein klar positionierter, streitbarer Analytiker, kein neutraler Chronist — und er ist selbst korrigierbar. Der ZDF-Fernsehrat stellte sich gegen den politischen Druck von außen und verteidigte die unabhängige Berichterstattung.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Cathryn Clüver Ashbrook — Beide berichten aus dem transatlantischen Zwischenraum über den Umbau der US-Republik, beide zum 250. Geburtstag der USA. Sie als Politologin über das System, er als Korrespondent über das Handwerk der Einordnung — komplementäre Blicke auf denselben Patienten.
- Nadia Zaboura — Zabouras Medienstrukturanalyse (False Balance, Faszinationsjournalismus, Normalisierung) und Theveßens „Normalisierungsfalle“ beschreiben dasselbe Versagen von zwei Seiten: sie die Berufslogik, er die Praxis am Einzelfall.
- Leonhard Dobusch — Dobuschs „Performing Balance by Practicing Bias“ ist die begriffliche Fassung von Theveßens Plädoyer für den „zweiten Satz“: Ausgewogenheit, die das Unnormale einebnet, gegen Einordnung als Pflicht.
- Eva von Redecker — Redeckers „Phantombesitz“ und die „Rücknahme der Nachkriegsordnung“ liefern die Theorie zu Theveßens Feldbeobachtung des McKinley/Monroe-Revisionismus (Grönland, Hemisphäre als Einflusssphäre).
- Arlie Russell Hochschild — Hochschilds „Stolen Pride“ erklärt, warum Theveßens Rat an die Demokraten trägt: „Politik auch für die, die dreimal Trump gewählt haben“ — die emotionale Ökonomie hinter dem Kernklientel, das gerade zu kippen beginnt.
- Martin Andree — Andrees Analyse der Plattform- und Medienmacht rahmt Theveßens Sorge um die „News Deserts“ und die öffentlich-rechtliche Infrastruktur als demokratisches Gegengewicht.












