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Gedankenraum
Panorama·8. Oktober 2026·1:00 h·19 Belegstellen

Was macht Schule mit uns?

Ein Schemel in der Ecke, eine Empfehlung nach der vierten Klasse, eine Ziffer unter der Klassenarbeit, ein Handy in der Tasche: Fünf offene Fragen dazu, was Schule aus Kindern macht, und die Stimmen, die sich an ihnen reiben.

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Albert Anker — Schweizer Genremalerei des 19. Jahrhunderts, warmes Fensterlicht, honigfarbenes Holz. Eine Dorfschulstube: Kinder verschiedenen Alters an langen Bänken, aufmerksam, flüsternd, müde. Rechts an der Tafel ein Junge, der sich verrechnet hat, mit roten Wangen, und seine Lehrerin kniet neben ihm auf Augenhöhe und zeigt ruhig auf den Fehler. In der Ecke dahinter ein leerer Schemel mit dem Gesicht zur Wand, darauf eine verstaubte Eselsmütze. Anker hat sein Leben lang Dorfschulen gemalt, mit Zärtlichkeit für jedes einzelne Kind. Seine Hand passt, weil das Panorama genau das fragt: was in diesem Raum mit jedem Einzelnen geschieht. Der Schemel steht für die alte Pädagogik, die nicht mehr benutzt wird und doch noch im Zimmer steht.

Prompt: Albert Anker oil painting, 1200x500 wide banner, warm 19th-century Swiss village schoolroom genre scene, soft natural window light from the left, honey-colored wooden benches and floorboards, whitewashed walls. Rows of children of different ages sit at long wooden desks with slates and inkwells; some look up attentively, one girl whispers to her neighbour, a small boy in the back row rests his head on his folded arms. At the blackboard on the right a boy stands with chalk in his hand after a wrong sum, cheeks flushed; his young teacher kneels beside him at his eye level, one hand resting lightly on the board, calmly pointing at the mistake. In the far corner behind them stands an empty wooden stool facing the wall, with a faded paper cone hat lying on it, covered in dust. Gentle realism, tender detail, muted ochre, umber, slate blue and white. Stylized faces, no text, no letters on the board, no signature, no monogram, no photorealism.

Worum es geht

Jeder war dort, und jeder trägt etwas davon mit sich: einen Lehrer, der einen gesehen hat, eine Stunde, in der man an der Tafel stand und nicht weiterwusste, eine Empfehlung nach der vierten Klasse, die den Weg vorgab. Dieses Panorama fragt, was Schule aus Kindern macht, als Ort der Scham und der Würde, der Macht über Kinder, der Sortierung nach Herkunft, als Ort, an dem bewertet wird, und als Antwort auf die Frage, wozu wir überhaupt lernen. Fünf offene Fragen, zu jeder das, was man darüber weiß, und die Stimmen aus den Gedankenwelten, die einander widersprechen, jede mit einem Klick an der Stelle, an der sie es sagt.

Ein wachsendes Panorama

Die meisten Panoramen sind Momentaufnahmen. Dieses wächst: Wenn eine Note in ihrer Nachbesprechung eine dieser Fragen vertieft, kommt ihre Stimme hierher, und was sie an Forschung mitbringt, auch. Die erste war Stephan Marks und Aladin El-Mafaalani im Oktober 2026. Unten steht, welche Notes seither dazukamen.

Offen vermerkt: Dem Bestand fehlte fast ganz eine leistungsbetonte, konservative Stimme zur Pädagogik der Nähe; Münkler war die einzige, Maas zum Teil. Seit Oktober 2026 spricht Heinz-Peter Meidinger für die Note, eine Stimme bleibt dünn. Auch zum Lehrkräftemangel gibt es bisher kaum mehr als einen Nebensatz.

Aus der Praxis sprechen seit Oktober 2026 drei Schulleiter mit, vom Podium Schule von unten der Leuphana-Utopie-Konferenz 2026, moderiert von Reinhard Kahl: Stefan Ruppaner (Alemannenschule Wutöschingen), Bianca Freudenberg-Rehage (Sylt) und Björn Lengwenus (Stadtteilschule Alter Teichweg, Hamburg). Eine eigene Note hat das Gespräch nicht, ihre Stimmen führen mit Zeitstempel ins Video. Das Podium warb für eine Sache, und auf der Bühne widersprach niemand; die einzige kritische Frage aus dem Saal galt der Landespolitik. Die Lücke beim Lehrkräftemangel schließen die drei nicht.


Beschämen oder schonen?

„Traditionell ist Schule in Deutschland Beschämung“, sagt der Schamforscher Stephan Marks, und für das Wort traditionell spricht Katharina Rutschkys Quellensammlung Schwarze Pädagogik (1977). Für die Gegenwart relativiert die Forschung das Bild. In 11.474 protokollierten Unterrichtsszenen der INTAKT-Studie waren etwa drei Viertel anerkennend oder neutral, etwa ein Viertel verletzend oder ambivalent, knapp sechs Prozent stark verletzend (Prengel et al. 2016, keine Zufallsstichprobe). Beschämung ist häufig, aber nicht die Regel.

Was sie anrichtet, ist gut untersucht. Über 108 Studien hängt Scham stärker mit Depressivität zusammen als Schuld, am stärksten die externe Scham, das schlechte Bild von sich durch die Augen der anderen (Kim, Thibodeau & Jorgensen 2011, doi:10.1037/a0021466, Meta-Analyse). Über alle Erziehungsstudien hinweg gehen psychologische und harsche Kontrolle mit mehr Problemverhalten einher, der warme und fordernde Stil mit weniger (Pinquart 2017, doi:10.1037/dev0000295, Meta-Analyse über 1.435 Studien).

Das Schonen ist keine Antwort. Überhöhtes Lob bringt gerade Kinder mit niedrigem Selbstwert dazu, Herausforderungen zu meiden (Brummelman et al. 2014, doi:10.1177/0956797613514251). Die Schweizer Fehlerforscher Fritz Oser und Maria Spychiger beschreiben das „Bermuda-Dreieck“: Die Lehrkraft übergeht den Fehler, ruft ein anderes Kind auf, und der Fehler verschwindet ungenutzt (Lernen ist schmerzhaft, 2005). Den dritten Weg trifft eine Meta-Analyse am genauesten: Scham führt zu Wiedergutmachung und Selbstverbesserung, wenn das Versagen reparierbar erscheint, und zu Rückzug, wenn nicht (Leach & Cidam 2015, doi:10.1037/pspa0000037). Im Mathematikunterricht lässt sich das als Fehlerklima messen; die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen, sinkt in der fünften und sechsten Klasse, ein gutes Fehlerklima bremst den Abfall (Dresel et al. 2024, doi:10.1111/bjep.12697).

Die Stimmen

Weitere Stimmen (9)
  • Hartwin Maas: Die Gegenkante: Helikoptereltern räumen jeden Konflikt weg, und Kinder ohne Übung im Scheitern brechen später zusammen.
  • Bianca Freudenberg-Rehage (46:53, Schule von unten): Mentoren sagen ihren Referendaren „ich habe gelitten im Ref, jetzt musst du auch mal leiden“, und wer das durchzieht, gibt es an die nächste Generation weiter. Ihr eigener Weg in der Schule „begann früh mit Beschämung und Vorführung“3:04.
  • Stefan Ruppaner (59:15, Schule von unten): „Du sollst das ruhig auch schlecht in der Schule haben. Das härtet ab“ — das hält er für grundfalsch.
  • Stephan Marks (Publikumsfragen): Aus der Schwarzen Pädagogik ist man ins Gegenteil gesprungen, „du brauchst dich nicht zu schämen“, und beides hilft nicht.
  • El-Mafaalani über Marks: Ein großzügig gebautes Bildungssystem sagt: „Egal was du machst, du gehörst immer dazu.“
  • Christine Brähler: Der innere Kritiker ist verinnerlichte Schelte, ein Präventivschlag, um nicht von anderen geschimpft zu werden.
  • Maren Urner: Die Freedom Writers: Schüler, die Schule, Lehrerin und sich selbst hassten, wurden durch Hoffnung erreicht, nicht durch Disziplin.
  • Gerald Hüther: Wer bewertet und belehrt, macht das Kind zum Objekt; führen darf man nur einladend.
  • Robert Musil: Demütigung gedeiht im toten Winkel der Institution, den eine Erziehung zur Fassade erzeugt.
Die Reibung

El-Mafaalanis schlimmste Scham wurde sein stärkster Antrieb, Felix kehrte erst durch die Bloßstellung um; Lengwenus' Vater trägt seine Schulscham sechzig Jahre später noch, und Spitzers Lisa an der Tafel lernt nur Angst. Krauthausen trennt die Niederlage, die zum Kind gehört, von der, die andere ihm bereiten. Entscheidet die Lehrkraft, ob ein Scheitern zur Zumutung oder zur Demütigung wird — oder entscheidet das Kind, und zwar erst Jahre später?


Wer bestimmt über Kinder?

Die UN-Kinderrechtskonvention gibt Kindern in Artikel 12 das Recht, in allen sie berührenden Angelegenheiten gehört zu werden. Ins Grundgesetz haben es die Kinderrechte bis 2026 nicht geschafft; die Monitoring-Stelle des Deutschen Instituts für Menschenrechte nennt ihre Berücksichtigung im Koalitionsvertrag 2025 „unzureichend“. Bei der Europawahl 2024 wählten 16-Jährige erstmals mit, die 16- bis 20-Jährigen zu 60,3 Prozent, bei 64,7 Prozent insgesamt (Bundeswahlleiterin). Die internationale Forschung zum Wahlalter 16 findet die Wirkung „nicht negativ und oft positiv“, abhängig davon, wie eine Reform eingeführt wird (Eichhorn & Bergh 2021, doi:10.1093/pa/gsab019, Review).

In der Schule selbst ist Mitsprache selten. Ein offenes Diskussionsklima im Unterricht sagt späteres politisches Engagement voraus, besonders bei Benachteiligten (Campbell 2008, doi:10.1007/s11109-008-9063-z). Die Internationale Studie zur politischen Bildung fand in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein zwar häufig Klassensprecherwahlen, aber weniger als ein Fünftel der Jugendlichen erlebte projektbezogene oder diskursive Beteiligung: die Bereitschaft hoch, die Gelegenheit selten (ICCS 2022, Abs et al. 2024, doi:10.31244/9783830998228.01). Adultismus, die strukturelle Macht der Erwachsenen über Kinder, ist als Begriff ausgearbeitet (Liebel & Meade, Adultismus, 2023), empirisch aber kaum gemessen.

Die dunkle Seite der Macht über Kinder hat Namen. An der Odenwaldschule wurden über 130 Betroffene gezählt; die Aufarbeitung beschreibt, wie das reformpädagogische Ideal der Nähe dem Missbrauch Deckung gab (Keupp et al. 2019, doi:10.1007/978-3-658-23363-1). Nähe schützt also nicht von selbst. Was schützt, beschreibt Erich Fromm als rationale Autorität: eine, die auf Kompetenz beruht und sich überflüssig machen will. Die Erziehungsforschung findet ihr Gegenstück im warmen und fordernden Stil (Pinquart 2017, s. o.).

Wie wenig Kinder in der Schule mitentscheiden, zeigen Befragungen seit zwanzig Jahren übereinstimmend. Zu Hause bestimmen drei Viertel der Zwölf- bis Achtzehnjährigen viel mit, in der Schule rund jeder Siebte (Fatke & Schneider 2005); Grundschulkinder bestimmen in der Schule am häufigsten den Sitznachbarn (World Vision Kinderstudie 2018). Beteiligung wirkt mäßig, aber gerichtet: auf Selbstwert, demokratische Kompetenz und das Verhältnis zu den Erwachsenen, kaum auf Leistung, fast nie schädlich (Mager & Nowak 2012, doi:10.1016/j.edurev.2011.11.001). Autonomieunterstützung durch Lehrkräfte sagt die Lernmotivation stärker voraus als die durch Eltern (Bureau et al. 2022, doi:10.3102/00346543211042426); die Schule hätte den größeren Hebel und nutzt ihn am wenigsten. Gefragt zu werden reicht dabei nicht: Beteiligung braucht Raum, Stimme, Gehör und Einfluss (Lundy 2007, doi:10.1080/01411920701657033).

Die Stimmen

Weitere Stimmen (12)
  • Robert Musil (zweiter Befund): Die Institution bestraft nicht die Grausamkeit, sondern die Störung: Das Opfer fliegt, die Täter bleiben.
  • Eine Berliner Grundschullehrerin: Weinende Mädchen wollten mit zum Schwimmen, sie musste sie abweisen: „Das musst du mit deinem Vater verhandeln.“
  • Aladin El-Mafaalani (zweiter Befund): Die netten Eltern nehmen den Jungen den Hebel zur Rebellion gegen schlechte Zustände.
  • Björn Lengwenus (12:14, Schule von unten): Mit zwölf wollte er ein Schachturnier ausrichten, und der Hausmeister verweigerte ihm den Schlüssel zur Aula: „du bist ja erst 12 Jahre alt“. Damals schwor er sich, eines Tages selbst so einen Schlüsselbund zu tragen.
  • Bianca Freudenberg-Rehage (34:33, Schule von unten): „Unsere Schule gehört den Kindern“; die Erwachsenen halten den Rahmen, und ein Raum, der verletzlich sein darf, erfahre wenig Verletzung.
  • Aladin El-Mafaalani (Grundschule): „Die autoritärsten Familien ermöglichen ihren Kindern mehr Beteiligung als der Durchschnitt unserer Grundschulen“ — in der Richtung belegt, in der Spitze nicht gemessen.
  • Judith Mangelsdorf: Schlimmer, als nicht gefragt zu werden, ist es, gefragt zu werden, wenn die Antwort keinen Unterschied macht.
  • Markus Gabriel: Kinder reden klüger über KI als Konzernchefs; er will moralische Innovation statt Tradition und ein Kinderwahlrecht.
  • Der Zukunftsrat: Zehn- bis Zwanzigjährige prüfen jede Parlamentsentscheidung öffentlich, ohne Veto, mit Begründungspflicht.
  • Luc: Das Internat als totale Institution erzeugt Verlassenheit und Abspaltung, aus der später kalte Macht wird.
  • Gerald Hüther: „Du darfst niemals einen anderen Menschen zum Objekt machen“, auch der Vater den Sohn nicht.
  • Kathinka Beckmann: Wer Systeminteressen vor den Anspruch des Einzelnen stellt, macht die Jugendhilfe zur Wohnort-Lotterie.
Die Reibung

Weisbands Tochter beruft ein Kinderparlament ein, Lehmann will gefragt statt verwaltet werden, Paschke will Kinder vorerst schützen. An der Alemannenschule bekommt einen Schlüssel für Tag und Nacht, wer Verantwortung übernimmt, und bei Musil quälen Zöglinge einen Mitschüler in einer Kammer, die kein Erwachsener sieht. Wie viel unbewachten Raum schulden Erwachsene den Kindern, wer darf ihn wieder entziehen — und mit welcher Autorität im Sinne Fromms, der rationalen oder der bequemen?


Sortiert die Schule nach Herkunft?

PISA 2025 brachte Deutschland in allen drei Bereichen den Tiefststand seit Beginn der Studie: Mathematik 464, Lesen 465 Punkte. Das oberste Viertel nach sozialem Status liegt 125 Punkte vor dem untersten, im OECD-Schnitt sind es 85; der Status erklärt 19 Prozent der Leistungsunterschiede, im Schnitt 12. Seit 2015 ist die Lücke gewachsen, weil die Benachteiligten abfielen (Deutsches Schulportal, PISA 2025). In den Naturwissenschaften hing die Leistung nie seit Beginn der Studie so eng an der Herkunft: Das obere Kompetenzniveau erreichen zwei Prozent der Jugendlichen aus benachteiligten Familien und rund 25 Prozent aus privilegierten (Bildungsserver, PISA 2025). Ein Drittel der deutschen Fünfzehnjährigen hält Schule für Zeitverschwendung. Der IQB-Bildungstrend 2024 fügt einen Gegenbefund hinzu: Der Rückgang seit 2018 trifft privilegierte und weniger privilegierte Jugendliche etwa gleich stark.

Die Weichen fallen früh. Kinder der oberen Dienstklasse brauchen nach IGLU 2021 für eine Gymnasialpräferenz ihrer Lehrkraft 510 Lesepunkte, Arbeiterkinder 560, ein Unterschied von mehr als einem Schuljahr. International erhöht frühe Aufteilung die Ungleichheit, ohne erkennbaren Leistungsgewinn (Hanushek & Wößmann 2006, doi:10.1111/j.1468-0297.2006.01076.x); Reformen zu späterer Aufteilung senkten sie in 21 Ländern, allerdings vor allem durch Verluste der Privilegierten (Van de Werfhorst 2019, doi:10.1086/705500). Noch früher liegt die Kita: Benachteiligte Kinder profitieren am stärksten von ihr und besuchen sie am seltensten (Cornelissen et al. 2018, doi:10.1086/699979).

Nur ein Teil der Lücke ist Leistung: In einer Hamburger Vollerhebung entsteht beim Wechsel aufs Gymnasium fast die Hälfte des Herkunftsunterschieds aus Entscheidungen bei gleichen Noten, beim Studienwunsch überwiegen diese Entscheidungen (Scharf et al. 2020, doi:10.1007/s11618-020-00981-7). Was dort fehlt, ist oft ein Mensch, der dem Kind sagt, dass es das kann, und den kann man stellen. Jugendliche, die ein Jahr lang Studierende als Mentoren bekamen, verbesserten sich bei Mathenote, Geduld und Berufsorientierung um mehr als eine halbe Standardabweichung, wenn sie aus ärmeren Familien kamen; bei Bessergestellten änderte sich nichts (Resnjanskij et al. 2024, doi:10.1086/726905, RCT). Grundschulkinder aus einkommensschwachen Familien, die per Los ehrenamtliche Mentoren bekamen, wechselten um rund 20 Prozent häufiger auf eine höhere Schulform (Falk, Kosse & Pinger 2020, IZA DP 13387, Arbeitspapier).

Was Lehrkräfte erwarten, spielt mit, aber weniger, als man denkt. Selbsterfüllende Prophezeiungen gibt es, sie sind klein und summieren sich kaum, außer bei stigmatisierten Gruppen (Jussim & Harber 2005, doi:10.1207/s15327957pspr0902_3). Und ob die Bildungsexpansion Ungleichheit abbaut oder nur verschiebt, ist strittig. Privilegierte weichen auf die nächsthöhere oder bessere Stufe aus (Lucas 2001, doi:10.1086/321300), in acht europäischen Ländern ist die Herkunftsungleichheit im 20. Jahrhundert trotzdem breit gesunken (Breen et al. 2009, doi:10.1086/595951). Ob das 2024 gestartete Startchancen-Programm (4.000 Schulen, 20 Milliarden Euro über zehn Jahre) wirkt, weiß noch niemand; die Evaluation läuft bis 2030 (LIfBi), und was bis Herbst 2026 vorliegt, sind Mittelabflüsse, keine Lernstände.

Auch die Note selbst sortiert mit. Lehramtsstudierende bewerteten ein identisches Diktat schlechter, wenn es von „Murat“ statt von „Max“ stammte (Bonefeld & Dickhäuser 2018, doi:10.3389/fpsyg.2018.00481), und Lehrkräfte bewerteten dieselbe Arbeit schlechter, wenn sie sie einem ärmeren Kind zuschrieben (Doyle, Easterbrook & Harris 2022, doi:10.1111/bjep.12541, präregistriert). Gleiche Noten stehen an verschiedenen Schulen für deutlich verschiedenes Können (Hübner et al. 2024, doi:10.1007/s11618-024-01216-9). Was die Benachteiligung im Experiment verschwinden ließ, war allerdings eine Fehlertabelle, ein klares Kriterium, und kein Verzicht auf die Note (Peter, Karst & Bonefeld 2024, doi:10.3389/feduc.2024.1386016); offene, verbale Urteile lassen dem Ermessen mehr Raum. Das Bundesverfassungsgericht hielt 2017 die Abiturnote für ein sachgerechtes Kriterium, verbot aber, nach ihr allein auszuwählen (1 BvL 3/14).

Die Stimmen

Weitere Stimmen (12)
  • Björn Nölte: Der Notenvergleich bevorzugt, wer den „heimischen Bücherschrank“ hat, und ist darum „wahnsinnig ungerecht“.
  • Heinz-Peter Meidinger: Die Note spiegelt die Herkunft, aber ohne Noten verschwindet die Kopplung nicht; wie wollte eine notenfreie Schule sie lösen?
  • Michael Hartmann: Herkunft schlägt sogar das Parteiprogramm; Großbürgerkinder stellen ein Viertel der Elite.
  • André Zimpel: Gegen den Determinismus: Nicht Herkunft, nicht Intelligenz, die Selbsteinschätzung entscheidet.
  • Manfred Spitzer (zweiter Befund): Armut in den ersten tausend Tagen prägt das Gehirn, und das ist kaum mehr auszugleichen.
  • Lukas Bärfuss (zweiter Befund): Der Ehrendoktor liegt in seiner Hand, aber er weiß nicht, ob er ihn auf die Visitenkarte drucken darf.
  • Michael Hartmann (zweiter Befund): Eine Quote nach sozialer Herkunft statt nach Geschlecht oder Migrationshintergrund.
  • Schmitt und Schulz: Mit Markovits: Bildung ist vom Aufstiegs- zum Kastenmechanismus geworden.
  • Luc: Die Elite hält ihre eigene Reproduktion für Meritokratie.
  • Düzen Tekkal: „Kannst du arbeiten, nicht: kannst du Deutsch“ — der Bildungsnotstand der Gastarbeiterkinder ist bis heute nicht eingeholt.
  • Hes Sedik und Sahar: Bildung ist der Türöffner zur Anerkennung, doch Sahars Name wurde vor der Klasse an der Tafel „korrigiert“.
  • Barbara Bleisch: Schülerinnen und Schüler brauchen womöglich mehr, als ihnen gerechterweise zusteht.
Die Reibung

Liegt der Abgrund schon vor der Schule (Spitzers dreißig Millionen Wörter, die Kita), entsteht er in der Schule (Maas' vierte Klasse, Yus Lehrer) oder erst im Kopf des Kindes (Zimpels Selbsteinschätzung, Akalas Recht, klug zu sein)? Bärfuss nennt seinen Aufstieg Glück, Friedman den seinen eine Lehrerin, die mehr tat, als sie musste, und Welzer erinnert sich an einen Staat, der daraus ein Programm machte. Was misst dann Münklers „Bereitschaft“ — und lässt sich ein Zufall wie Friedmans Lehrerin zur Pflicht machen, ohne dass er aufhört, Zuwendung zu sein?


Braucht Lernen eine Note?

Seit über hundert Jahren weiß man, dass Noten wackeln. Schon 1912 gaben amerikanische Lehrkräfte demselben Aufsatz Werte über fast die ganze Skala; in Deutschland machte Karlheinz Ingenkamps Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung (1971) daraus einen Klassiker. Dieselbe Leistung ist in einer starken Klasse weniger wert als in einer schwachen, und wer unter Starken lernt, hält sich für schwächer, in allen 26 Ländern einer großen Vergleichsstudie (Marsh & Hau 2003, doi:10.1037/0003-066X.58.5.364). Wertlos sind Noten trotzdem nicht. Sie messen ein Gemisch aus Leistung und Arbeitsverhalten und sagen spätere Bildungswege voraus (Brookhart et al. 2016, doi:10.3102/0034654316672069, Review); Lehrerurteil und Testleistung hängen mit r ≈ 0,63 zusammen (Südkamp, Kaiser & Möller 2012, doi:10.1037/a0027627, Meta-Analyse), und die deutsche Abiturnote sagt den Studienerfolg besser voraus als jedes andere einzelne Kriterium (Trapmann et al. 2007, doi:10.1024/1010-0652.21.1.11, Meta-Analyse).

Als Rückmeldung im Lernen schneidet die Ziffer schlechter ab als das Wort. Seit Ruth Butlers Experiment weiß man, dass ein Kommentar verpufft, wenn eine Note danebensteht (Butler 1988, doi:10.1111/j.2044-8279.1988.tb00874.x); eine Meta-Analyse findet Noten gegenüber Kommentaren bei Leistung und Motivation unterlegen, gegenüber gar keiner Rückmeldung bei der Leistung überlegen (Koenka et al. 2021, doi:10.1080/01443410.2019.1659939). Aber auch Feedback kann schaden: Über ein Drittel aller Feedback-Interventionen verschlechterte die Leistung, wenn es auf die Person zielte (Kluger & DeNisi 1996, doi:10.1037/0033-2909.119.2.254). Und Prüfen selbst lehrt; Übungstests mit wenig auf dem Spiel senken sogar die Angst (Yang et al. 2023, doi:10.1007/s10648-023-09801-w). Wird die Ziffer durch bestanden / nicht bestanden ersetzt, wie im Medizinstudium, steigt das Wohlbefinden bei gleicher Leistung (Spring et al. 2011, doi:10.1111/j.1365-2923.2011.03989.x, Review).

Der bisher beste Test an Kindern ernüchtert beide Lager. In einem Feldversuch mit 35 notenfreien und 40 Vergleichsgrundschulen unterschieden sich rund 2.300 Kinder bis zum Ende der dritten Klasse weder in Leistung noch in Angst, Lernfreude oder Wohlbefinden, nur im Interesse an Mathematik (Hübner et al. 2026, doi:10.1007/s10648-026-10156-1). Renate Valtins Zeugnisstudie deutet an, warum: Wie es Kindern geht, hängt mehr am Selektionsdruck hinter der Note und an der einzelnen Lehrkraft als an der Form des Urteils (Was ist ein gutes Zeugnis?, 2002). Langzeitstudien über die Grundschule hinaus fehlen, und was einzelne Reformschulen berichten, ersetzt sie nicht. Die Alemannenschule Wutöschingen schreibt keine Klassenarbeiten, und ihr erster Abiturjahrgang kam nach Angabe ihres langjährigen Schulleiters auf einen Schnitt von 1,7, bei 2,17 im Landesdurchschnitt. Das ist eine kleine Kohorte von Jugendlichen, die diesen Weg selbst gewählt haben, und gleiche Noten stehen an verschiedenen Schulen für verschiedenes Können (Hübner et al. 2024, s. o.).

Die Stimmen

Weitere Stimmen (3)
  • Heinz-Peter Meidinger (zweiter Befund): Jede Lehrkraft, die den Hauptzweck ihrer Arbeit in der Notenvergabe sieht, hat ihren Beruf verfehlt; die Note ist „nur ein Nebenprodukt“.
  • Stephan Marks: Kinder werden den ganzen Schultag mit dem konfrontiert, was sie nicht können.
  • Erich Fromm, weitergedacht: Lernen in der Schule wird leblos, wenn es auf das Besitzen von Noten zusammenschrumpft.
Die Reibung

Nölte sagt, die Note beende das Lernen; Maas, wer nie scheitern darf, zerbricht später; Bleisch, Vertrauen müsse vor dem Beweis kommen. Und an 75 Grundschulen merkte man am Ende kaum, ob es Noten gab, während die Alemannenschule, die keine Klassenarbeiten schreibt, sich mit einem Abiturschnitt ausweist. Wenn die Ziffer so wenig ändert, was hat dann so viel Angst gemacht — die Zahl, oder die Weiche, die an ihr hängt?


Wozu ist Schule da?

Die Frage klingt alt und hat gerade zwei neue Prüfsteine. Der erste ist das Smartphone. Hier widersprechen sich die Befunde, und man sollte sie nebeneinander stehen lassen. In England stiegen nach Handyverboten die Prüfungsleistungen leicht, am stärksten bei Leistungsschwachen (Beland & Murphy 2016, doi:10.1016/j.labeco.2016.04.004); in Schweden fand die Replikation keinen Effekt (Kessel et al. 2020, doi:10.1016/j.econedurev.2020.102009). In Norwegen zeigte sich im Mittel nichts, bei Mädchen aber weniger psychologische Behandlungen und weniger Mobbing für alle (Abrahamsson 2026, doi:10.3368/jhr.0224-13403r2). An 30 englischen Schulen unterschied sich das Wohlbefinden nicht (Goodyear et al. 2025, doi:10.1016/j.lanepe.2025.101211). Eine randomisierte Studie fehlt. Auch dass das Handy die Aufmerksamkeit zerstört, ist schwächer belegt, als es klingt: Jugendliche, die digitale Medien sehr häufig nutzten, berichteten zwei Jahre später etwas öfter von ADHS-Symptomen, ein gesicherter, aber bescheidener Zusammenhang (Ra et al. 2018, doi:10.1001/jama.2018.8931).

Dahinter steht die ältere Frage, ob Schule Aufmerksamkeit lehren kann, wie Simone Weil es von ihr verlangte. Die naheliegende Antwort, eine Stunde Achtsamkeit, trägt kaum. Gegen aktive Vergleichsgruppen bleibt über 33 randomisierte Studien an Kindern und Jugendlichen kein Effekt auf die Aufmerksamkeit (Dunning et al. 2019, doi:10.1111/jcpp.12980, Meta-Analyse), und im größten Versuch, MYRIAD mit 84 englischen Schulen und 8.376 Jugendlichen, war nach einem Jahr kein Unterschied zu sehen (Kuyken et al. 2022, doi:10.1136/ebmental-2021-300396). Weils eigene Behauptung, jedes Fach übe die Aufmerksamkeit, ist die alte Lehre von der formalen Bildung, und sie hält nicht. Latein und Geometrie schulten schon in Thorndikes Versuch von 1924 das allgemeine Denken kaum mehr als andere Fächer, und auch Hirntraining, Schach und Musik übertragen sich kaum auf anderes (Sala & Gobet 2019, doi:10.1016/j.tics.2018.10.004). Für ihren zweiten Satz, dass die vergebliche Mühe nicht verloren ist, gibt es dagegen einen Beleg: Wer sich erst an einer Aufgabe abmüht und dann unterrichtet wird, versteht das Konzept im Mittel besser als umgekehrt, nur bei den Jüngsten nicht (Sinha & Kapur 2021, doi:10.3102/00346543211019105, Meta-Analyse).

Der zweite Prüfstein ist die künstliche Intelligenz. Die Hälfte der deutschen Fünfzehnjährigen nutzt laut PISA 2025 wöchentlich Chatbots zum Lernen. Was man an ein Gerät auslagert, behält man schlechter und gewinnt dafür Platz im Kopf; die Psychologie nennt das cognitive offloading (Risko & Gilbert 2016, doi:10.1016/j.tics.2016.07.002, Übersicht). Für Sprachmodelle ist die Lage dünn. Im Laborversuch, aus dem der Begriff der „kognitiven Schulden“ stammt, konnten Studierende, die ihren Essay mit ChatGPT geschrieben hatten, kurz danach kaum daraus zitieren (Kosmyna et al. 2025, doi:10.48550/arXiv.2506.08872, Preprint, 54 Personen). In einem Feldexperiment an türkischen Schülern verbesserte GPT-4 das Üben, aber wer sich darauf stützte, schnitt ohne die Maschine schlechter ab; ein Tutor, der Hinweise statt Lösungen gibt, milderte das (Bastani et al. 2025, doi:10.1073/pnas.2422633122). Solider ist, was man ohne KI weiß. Was man selbst hervorbringt, behält man besser als Gelesenes (Bertsch et al. 2007, doi:10.3758/BF03193441, Meta-Analyse), und was man aus dem Gedächtnis abrufen muss, sitzt fester als Wiedergelesenes (Roediger & Karpicke 2006, doi:10.1111/j.1467-9280.2006.01693.x). Den Aufsatz kann man darum nicht auslagern, ohne das Lernen mit auszulagern. Langzeitstudien aus Schulen gibt es kaum, und eine viel zitierte Meta-Analyse mit großem Effekt wurde 2025 zurückgezogen. Ausführlicher: Verlernen wir das Denken, wenn wir es auslagern?

Ob alle Kinder in dieselbe Klasse gehören, ist in Deutschland weniger entschieden, als das Wort Inklusion vermuten lässt. Im Schuljahr 2022/23 lernten 4,2 Prozent aller Schülerinnen und Schüler an einer Förderschule, kaum weniger als 2008/09 mit 4,8; von den Kindern mit Förderbedarf werden 55,6 Prozent weiter getrennt unterrichtet (Bertelsmann Stiftung / Klemm 2024). Den Mitschülern schadet die gemeinsame Klasse nach zwei Meta-Analysen nicht, und Kinder mit Lernschwierigkeiten lernen dort kognitiv mehr (Szumski et al. 2017, doi:10.1016/j.edurev.2017.02.004; Krämer et al. 2021, doi:10.3102/0034654321998072). Im IQB-Ländervergleich lasen und rechneten Grundschulkinder mit Förderbedarf an Regelschulen deutlich besser als vergleichbare Kinder an Förderschulen (Kocaj et al. 2014, doi:10.1007/s11577-014-0253-x, Matching-Studie), trauten sich dort aber weniger zu, weil sie sich mit Stärkeren verglichen (Kocaj et al. 2018, doi:10.1016/j.cedpsych.2018.09.004). Eine internationale Campbell-Übersicht findet im Mittel weder Gewinn noch Schaden, bei durchweg schwachen Studien (Dalgaard et al. 2022, doi:10.1002/cl2.1291). Nebeneinandersitzen ist noch kein Dazugehören: In Regelklassen haben Kinder mit Förderbedarf im Schnitt weniger Freunde (Koster et al. 2010, doi:10.1080/10349120903537905, Einzelstudie, Niederlande). Messbar gewinnen dagegen die anderen, und den saubersten Beleg liefert ein Fall ohne Behinderung. Als Delhi Privatschulen verpflichtete, arme Kinder aufzunehmen, wurden deren reiche Mitschüler großzügiger und diskriminierten weniger (Rao 2019, doi:10.1257/aer.20180044, natürliches Experiment).

Was Schule darüber hinaus leistet, ist schwer zu messen. Ob politische Bildung die Wahlbeteiligung hebt, ist kaum belegt (Manning & Edwards 2014, doi:10.1080/00131911.2013.763767). Und die vielzitierten Effektgrößen-Ranglisten à la Hattie sind methodisch umstritten; im Feld gilt schon ein Effekt von 0,2 als groß (Kraft 2020, doi:10.3102/0013189X20912798). Unter all dem liegt eine nüchterne Zahl: Zum Schuljahr 2026/27 sind rund 10.000 Lehrerstellen unbesetzt, zwölf Prozent der Lehrkräfte haben keine anerkannte Lehramtsqualifikation (Deutsches Schulportal; Bildungsbericht 2026).

Die Stimmen

Weitere Stimmen (18)
  • Hartwin Maas: Siebzig Prozent nutzen KI für Hausaufgaben; Auslagern verhindert Bildung, und Halbbildung ist ihr Todfeind.
  • Manfred Spitzer: Musik, Sport und Theater sind die wichtigsten Fächer; das Problem der Lehrlinge ist nicht Bruchrechnen, sondern dass sie nichts mehr wollen.
  • Quent und Kazim: Quent: Formale Bildung ist die Trennlinie. Kazim: Der Juraprofessor schrieb „Eine Ratte bleibt eine Ratte“.
  • Akala: Postindustrielle Gesellschaften bilden keine Fabrikarbeiter mehr aus, und wen Bildung stattdessen hervorbringen soll, ist offen.
  • Sanya Lehmann: Gegen Verbote; Social Media ist auch Wissens- und Identitätsraum.
  • Rebecca Böhme: Was wir trainieren müssen, ist Aufmerksamkeitskontrolle, den Raum zwischen Reiz und Reaktion; schnelle Achtsamkeitshäppchen leisten das nicht, es braucht Monate und Jahre.
  • Björn Lengwenus (14:31, Schule von unten): Nach ihren Lieblingsorten gefragt, nannten seine Schüler den Wald, den Strand, das Handy, nie die Schule. Er will alle Schulen vier Wochen anhalten, damit die ganze Gesellschaft klärt, was Kinder in einer Zeit mit KI wissen müssen (19:09, 50:41).
  • Reinhard Kahl (43:51, Schule von unten): Die Schule der Industriegesellschaft gab deren DNA weiter, das Funktionieren; sie könnte zur Werkstatt einer Gesellschaft werden, die sich verändert, ein Zukunftslabor statt einer „Anstalt des Funktionierens“44:36.
  • Manfred Spitzer (zweiter Befund): Handyverbote helfen vor allem den schwächsten zwanzig Prozent.
  • Hartwin Maas (zweiter Befund): Philosophie ab der Kita, für Ambiguitätstoleranz und Urteilskraft.
  • Markus Gabriel: Ethikunterricht ab dem Kindergarten — warum Einmaleins, aber keine Moral?
  • Düzen Tekkal: „Haben wir diese Werte überhaupt unterrichtet? Das haben wir nicht.“
  • Tiana: Gehorsam vor Urteilsvermögen: Die Schule lehrt Ausdauer statt Kritik.
  • Erich Fromm: Das Gegenmittel gegen den Faschismus beginnt in der Schule: lehren, auszudrücken, was man fühlt und denkt.
  • Malala Yousafzai: Zugang ohne Qualität ist eine verdeckte Niederlage; Bildung heißt, ein eigenes Leben träumen zu dürfen.
  • André Zimpel: Inklusion heißt Brücken bauen; wer Autisten nach Verwertbarkeit einsetzt, beutet sie aus.
  • Judith Mangelsdorf: „Zugehörigkeit schlägt Algorithmus.“
  • Aladin El-Mafaalani: Das schlechteste PISA-Ergebnis ist „durchgeflutscht“, weil die Boomer keine Eltern mehr sind.
Die Reibung

Ruppaner überlässt das Erklären gern einem geduldigen Avatar und behält für die Schule das gemeinsame Erleben. Simanowski hält das Ordnen, das man dabei abgibt, für das Lernen selbst, und Weil will gerade an der Aufgabe, die sich nicht sofort löst, die Aufmerksamkeit schulen. Dahinter streiten Geis-Thönes künftige Steuerzahler, Weisbands verantwortliche Bürger und Chrupallas Vorwurf der Gesinnung. Was muss ein Kind mühsam selbst können, wenn eine Maschine es ihm jederzeit abnehmen kann — und wer entscheidet das: der Arbeitsmarkt, die Demokratie oder das Kind?


Nachbesprechungen, die hierher führen

DatumNoteVertieft
04.10.2026Stephan Marks und Aladin El-Mafaalani — Unter der Wut die Scham?Gründungsnote · Beschämen oder schonen: Kim et al. 2011, Leach & Cidam 2015 (reparierbares Versagen), Pinquart 2017, Brummelman 2014, Dresel 2024, INTAKT, Oser/Spychiger; Cyrulniks „kleine Gefäße“ gegen Pluess/Belsky
08.10.2026Björn Nölte und Heinz-Peter Meidinger — Besser lernen ohne Noten?Neue Frage Braucht Lernen eine Note?: Butler 1987/1988, Koenka 2021, Kluger & DeNisi 1996, Testing-Effekt, Pass/Fail (Bloodgood, Reed, Spring), Feldversuch Hübner et al. 2026, Valtin 2002 · Sortiert die Schule nach Herkunft: Notenbias (Bonefeld, Doyle), Fehlertabelle (Peter et al. 2024), BVerfG 2017, Hübner et al. 2024
04.10.2026Henrike von Scheliha und Aladin El-Mafaalani — Minderheitenschutz für Kinder?Wer bestimmt über Kinder: Mitbestimmung Familie vs. Schule (Fatke & Schneider 2005, World Vision 2018, Kinderrechte-Index 2025), Wirkung (Mager & Nowak 2012, Bureau et al. 2022), Lundys vier Bedingungen; von Scheliha mit der ganzen Begründung, El-Mafaalanis Grundschul-Satz geprüft
08.10.2026Simone Weil — Aufmerksamkeit, die seltenste GroßzügigkeitAufmerksamkeit schulen? Achtsamkeit an Schulen (Dunning 2019, MYRIAD), Mediennutzung (Ra 2018), formale Bildung, Productive Failure
08.10.2026Roberto Simanowski — SprachmaschinenAuslagern an die KI: Risko & Gilbert, Kosmyna (Preprint), Lee et al., Generierungs- und Testing-Effekt → mündliche Prüfung
08.10.2026Raúl Krauthausen — Teilgabe statt TeilhabeGehören alle Kinder in dieselbe Klasse? Exklusionsquote, Kocaj 2014/2018, Dalgaard 2022, Kontakt, Koster 2010
08.10.2026Welzer und Bleisch — Großzügigkeit und GegenwärtigkeitSortiert die Schule nach Herkunft? PISA 2025, Scharf 2020, Mentoring-RCTs, Startchancen

Verbindungen

→ Warum wählen Menschen Autoritäre?

Wer in der Schule gelernt hat, dass er nicht zählt, wählt später womöglich die, die ihm sagen, er zähle doch. Dort steht die Ebene des Gesprächs mit den Erwachsenen; hier die Jahre davor.

→ Wie kommt man aus der rechten Szene wieder heraus?

Die Frage „Wie gerät man hinein?“ endet oft in der Schulzeit: belastende Kindheit, Ohnmacht, eine Clique, die mehr Anerkennung gibt als die Klasse. Schlaffer nennt die Schule ausdrücklich als Weiche.

→ Das Glück des Schmieds

Münklers Aufzug und Bärfuss' Glück stehen in beiden: Was die Schule an Herkunft nicht ausgleicht, rechnet die Gesellschaft später als Verdienst ab.

→ Wie kann Demokratie funktionieren?

„Was braucht Demokratie von ihren Bürgern?“ — die Antwort beginnt in der Schule, beim offenen Klassenklima und bei Wahlalter 16.

→ Was macht die KI aus unserem Denken?

Hier steht die KI nur als Prüfstein der Schule, dort als eigene Frage: ob das Auslagern das Denken verkümmern lässt, mit Simanowski, Eilenberger und der ganzen Forschung zum cognitive offloading.

→ Henrike von Scheliha und Aladin El-Mafaalani — Minderheitenschutz für Kinder?

Die ausführliche Fassung der Stimme von Scheliha in „Wer bestimmt über Kinder?“: Rechte statt Großzügigkeit, ein Zukunftsrat, die Murmelwahl in der Kita und der Satz, die autoritärsten Familien beteiligten ihre Kinder mehr als die Grundschule.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Wenn Scham nur dann bessert, wenn der Fehler reparierbar ist — welche Fehler macht unsere Schule unreparierbar, und für wen?
  • Kinder haben ein Recht, gehört zu werden, und dürfen doch nicht wählen, nicht den Lehrer wählen und kaum über den Stundenplan mitreden. Was müssten sie können, damit wir ihnen mehr zutrauen — und können Erwachsene das?
  • Die Lücke zwischen oben und unten ist in Deutschland größer als fast überall, und sie wuchs, weil die Schwächsten zurückfielen. Was wäre eine Schule, die zuerst an die Schwächsten denkt — und wer würde sie nicht wollen?
  • Wenn eine Maschine bald jede Hausaufgabe lösen kann: Was bleibt dann von der Schule, das kein Programm ersetzen kann?
  • Welcher Lehrer, welche Lehrerin hat dich gesehen — und woran hast du es gemerkt?

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

Stephan Marks und Aladin…Unter der Wut die Scham?Raúl KrauthausenTeilgabe statt TeilhabeHarald Welzer und Barbara…Großzügigkeit und GegenwärtigkeitHenrike von Scheliha und…Björn Nölte und Heinz-Peter…Besser lernen ohne Noten?Was macht die KI aus unserem…Simone WeilAufmerksamkeit, die seltenste…Roberto SimanowskiSprachmaschinen und der…Warum wählen Menschen…Wie kommt man aus der…Das Glück des SchmiedsWie kann Demokratie…Heinz-Peter MeidingerDenkerVitaManfred SpitzerHirnforscher FeldbachMarcantAusstieg aus der rechten SzeneTiana TravelsDas amerikanische BetriebssystemAndreas ZimpelNeurodiversitätHartwin MaasBildung NEU DENKENGöpel, Bleisch,…Verhärten. Überall. Und nun?PresseclubWer regiert die Hauptstadt?…

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