Biographischer Snapshot
Wer spricht?
Jean-Paul Sartre (21. Juni 1905, Paris – 15. April 1980, Paris) — Philosoph, Romancier, Dramatiker, Publizist und politischer Aktivist. Hauptvertreter des Existentialismus und die Paradefigur des französischen Intellektuellen im 20. Jahrhundert.
Aufgewachsen ohne Vater im Bücherhaushalt seines Großvaters, kleinwüchsig, auf einem Auge früh erblindet und schielend — und mit zwölf entschlossen, ein großer Schriftsteller zu werden. Studium an der École normale supérieure, Philosophielehrer, ein Jahr in Berlin bei Husserls Phänomenologie. Kriegsgefangenschaft im Stalag XII D in Trier, danach das besetzte Paris, in dem sein Hauptwerk entstand. Lebenslange offene Konstellation mit Simone de Beauvoir. 1964 Ablehnung des Literaturnobelpreises. Ab 1973 fast völlig blind. Bei seiner Beerdigung folgten 50.000 Menschen dem Sarg.
Wichtigste Werke: Der Ekel (1938), Das Sein und das Nichts (1943), Geschlossene Gesellschaft (1944), Der Existentialismus ist ein Humanismus (1946), Die Wörter (1964) Kernkonzepte: Existenz vor Essenz · Verurteiltsein zur Freiheit · das Nichts · mauvaise foi · Für-andere-Sein · engagierte Literatur
Biografie
Ein Toter, der Platz macht
Jean-Baptiste Sartre, Marineoffizier, starb fünfzehn Monate nach der Geburt seines Sohnes an Gelbfieber, das er sich in Indochina zugezogen hatte. Der Sohn hat daraus später keine Wunde gemacht, sondern eine These. In Die Wörter schreibt er über diesen Tod, er sei das große Ereignis seines Lebens gewesen: Er legte die Mutter von Neuem in Ketten und gab ihm die Freiheit. Kein Vater, kein Über-Ich, kein vorgezeichneter Weg — das Fehlen war der erste leere Raum, in den er sich entwerfen musste.
Er wuchs bei Charles Schweitzer auf, dem Großvater, einem Deutschlehrer und Onkel Albert Schweitzers, in einer Wohnung voller Bücher und zu Hause unterrichtet. Bis zehn kaum Kontakt zu anderen Kindern. Eine Linsentrübung im rechten Auge, das nach und nach erblindete und immer stärker schielte. Klein, hässlich nach eigenem Urteil, in der Schule verspottet — und genau deshalb, so hat er es später gelesen, ein früher Beweis seiner eigenen Philosophie: Der Mensch ist nichts als das, wozu er sich macht. Er beschloss, Schriftsteller zu werden. Er wurde es.
1917 heiratete die Mutter erneut, die Familie zog nach La Rochelle. Der Zwölfjährige verkraftete es schlecht. In der Familie des Großvaters wie in der des Stiefvaters fühlte er sich de trop — überzählig. Aus diesem Gefühl, überflüssig zu sein, hat er eine Theorie der Kontingenz gebaut: dass menschliches Leben ein Zufallsprodukt ist und keinen von höherer Stelle verbürgten Sinn hat.
Berlin, Husserl, und die Frage nach dem Bewusstsein
Nach der ENS und einem zunächst missglückten Staatsexamen (1928 nur Platz 50, ein Jahr darauf der erste) unterrichtete er Philosophie in Le Havre. 1933/34 ging er als Stipendiat nach Berlin — im ersten Jahr des Nationalsozialismus, was er selbst kaum kommentierte — und las Husserl. Die Phänomenologie gab ihm das Werkzeug: Bewusstsein ist nie ein Ding mit Inhalt, sondern immer Bewusstsein von etwas, ein Gerichtetsein, das selbst leer bleibt. Aus dieser Leere wurde später das Nichts.
Gefangenschaft und das besetzte Paris
1939 eingezogen, im Juni 1940 kurz vor dem Waffenstillstand mit seiner Einheit gefangen genommen. Im Stalag XII D in Trier verbrachte er, wie er selbst sagte, fast glückliche Monate: Freundschaften über alle Milieugrenzen, ein zu Weihnachten mit Kameraden aufgeführtes Stück. Zum ersten Mal lebte der Einzelgänger in einem Kollektiv, in dem er gebraucht wurde — die Erfahrung, aus der sein späteres Engagement wächst. Im März 1941 kam er mit einem Gefälligkeitsattest frei (Teilerblindung des rechten Auges). Beauvoir war frappiert von der Starrheit des Moralismus, den er aus dem Lager mitbrachte.
Die Widerstandsgruppe Socialisme et liberté, die er daraufhin gründete, blieb folgenlos und wurde 1942 aufgelöst; die Kommunisten hielten ihn für einen kleinbürgerlichen Intellektuellen und streuten sogar, er sei Gestapo-Agent. Der Widerstand, den er tatsächlich leistete, war der des Schreibtischs. Und hier liegt die Merkwürdigkeit, an der sich jede Sartre-Lektüre reibt: Das Sein und das Nichts, das Buch von der Freiheit, die nicht verlorengehen kann, entstand 1942 im besetzten Paris und erschien 1943 durch die deutsche Zensur. Am selben Ort, an dem der Spielraum des Handelns so schmal war wie selten, besteht er darauf, dass die Freiheit unverlierbar bleibt. Man kann das für zynisch halten oder für das Wichtigste, was in diesem Jahrhundert gesagt wurde.
Im Mai 1944, noch unter der Besatzung, wurde Huis clos uraufgeführt — der Skandalerfolg, der ihn endgültig ins Zentrum des intellektuellen Paris setzte.
Beauvoir — der Pakt
1929 lernten sie sich vor der Agrégation kennen. Was daraus wurde, hielten sie in einem Pakt fest: eine „notwendige” Liebe, daneben ausdrücklich erlaubte „kontingente” Beziehungen, dazu die Verpflichtung, einander alles zu erzählen. Fünfzig Jahre lang gemeinsame Arbeit, gegenseitiges Gegenlesen, gemeinsames Reisen — und nie ein gemeinsamer Haushalt.
Der Pakt hat einen Preis gehabt, den vor allem Dritte zahlten: junge Frauen aus Beauvoirs Schülerinnenkreis, die in die Konstellation hineingezogen wurden und in der Rechnung der beiden Freiheiten kaum vorkamen. Die Freiheitsphilosophie stößt hier auf ihren eigenen blinden Fleck — dass sie, praktisch angewandt, die Freiheit derer aufzehren kann, die weniger Macht in die Beziehung mitbringen. Beauvoir liegt seit 1986 neben ihm auf dem Friedhof Montparnasse.
Der Bruch mit Camus, 1952
Les Temps Modernes, die Zeitschrift, die Sartre 1945 gründete, war die Kanzel der französischen Nachkriegslinken. Von dort aus zerlegte 1952 eine Rezension Camus’ Der Mensch in der Revolte — Camus hatte die revolutionäre Gewalt und die Idee einer historischen Notwendigkeit verworfen. Sartre schrieb ihm daraufhin einen offenen Brief und warf ihm Verrat an den Zielen der Linken vor. Die Freundschaft war zu Ende, die Linke stellte sich hinter Sartre, Camus stand allein.
Es war kein Streit über Stil, sondern über eine einzige Frage: Darf man auf dem Weg zur Befreiung töten? Sartre sagte damals ja, Camus nein. Die Geschichte hat Camus recht gegeben. Die Spannung ist trotzdem nicht erledigt, weil Sartres Vorwurf — dass die reine Hände fordernde Moral sich aus der Verantwortung stiehlt — nicht einfach falsch ist.
Der abgelehnte Nobelpreis, 1964
Im September 1964 sickerte durch, dass er Favorit sei; Sartre schrieb der Schwedischen Akademie, er werde ablehnen. Sie verlieh ihm den Preis am 22. Oktober trotzdem. Seine Begründung, veröffentlicht über den schwedischen Verleger, hat zwei Teile. Persönlich: Ein Autor solle seine Positionen nur mit seinen eigenen Mitteln vertreten — er „sollte sich also weigern, sich in eine Institution verwandeln zu lassen”. Sachlich: Er kämpfe für die friedliche Koexistenz von Ost und West, und dieser Kampf dürfe nicht von Institutionen der einen Seite geadelt werden; einen Leninpreis hätte er ebenso abgelehnt.
Es ist die konsequenteste Anwendung seiner eigenen Philosophie auf sich selbst: Wer eine Auszeichnung annimmt, lässt sich ein Wesen zusprechen — den Nobelpreisträger Sartre — und hört auf, bloß das zu sein, wozu er sich in jedem nächsten Satz macht. (Da die Statuten eine Ablehnung nicht vorsehen, gilt er weiterhin als Preisträger.)
Blindheit und das letzte Jahrzehnt
Ab 1973 war er nach mehreren Schlaganfällen fast völlig blind und konnte nicht mehr selbst schreiben. Das große Flaubert-Projekt Der Idiot der Familie blieb unvollendet. Er ließ sich vorlesen, gab Interviews, trat auf, verkaufte 1970 auf offener Straße die verbotene maoistische La Cause du peuple — die Polizei wagte nicht, ihn festzunehmen. Beauvoir stand ihm bis zuletzt bei. Er starb am 15. April 1980; 50.000 Menschen begleiteten den Sarg durch Paris.
Bücher & Publikationen
Philosophie:
- Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts (1943) — Genialokal-Suche — das Hauptwerk: Freiheit, Nichts, mauvaise foi, Für-andere-Sein
- Jean-Paul Sartre: Der Existentialismus ist ein Humanismus (1946) — Genialokal-Suche — der Vortrag, mit dem er sich gegen die Vorwürfe verteidigte; kürzester Einstieg
- Jean-Paul Sartre: Kritik der dialektischen Vernunft (1960) — Genialokal-Suche — der Versuch, Existentialismus und Marxismus zu versöhnen
- Jean-Paul Sartre: Das Imaginäre (1940) — Genialokal-Suche — phänomenologische Psychologie der Einbildungskraft
Romane und Erzählungen:
- Jean-Paul Sartre: Der Ekel (1938) — Genialokal-Suche — der Durchbruch: Kontingenz als körperliche Erfahrung
- Jean-Paul Sartre: Die Mauer (1939) — Genialokal-Suche — Erzählungen; die Titelgeschichte über drei zum Tode Verurteilte im Spanischen Bürgerkrieg
- Jean-Paul Sartre: Die Wege der Freiheit (1945–49) — Genialokal-Suche — Romantrilogie über Frankreich zwischen München und Besatzung
Theater:
- Jean-Paul Sartre: Geschlossene Gesellschaft (1944) — Genialokal-Suche — drei Tote in einem Raum ohne Ausgang; Quelle des Satzes „Die Hölle, das sind die anderen”
- Jean-Paul Sartre: Die Fliegen (1943) — Genialokal-Suche — Orest-Stoff als verdeckte Widerstandsparabel
- Jean-Paul Sartre: Die schmutzigen Hände (1948) — Genialokal-Suche — die Gewaltfrage als Drama, vier Jahre vor dem Bruch mit Camus
Autobiografie und Studien:
- Jean-Paul Sartre: Die Wörter (1964) — Genialokal-Suche — die Kindheit als Selbstverhör; ausschlaggebend für den Nobelpreis
- Jean-Paul Sartre: Baudelaire (1947) — Genialokal-Suche — die existenzialpsychoanalytische Studie, an der er mauvaise foi durchspielt
- Jean-Paul Sartre: Der Idiot der Familie (1971–72) — Genialokal-Suche — die unvollendete Flaubert-Biografie, sein monumentalstes Projekt
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Sartre in 60 Minuten — Dr. Walther Ziegler (1:02 h) — die beste kompakte Einführung: Existenz vor Essenz, Verurteiltsein zur Freiheit, mauvaise foi, der Blick des anderen. Grundlage der Note Walther Ziegler — Sartre in 60 Minuten
- Jean Paul Sartre — Hinter der Maske des großen Rebellen (1:31 h) — Dokumentarfilm über Leben, Ruhm und die politischen Wendungen
- Sternstunde Philosophie — Jean-Paul Sartre: Zum 100. Geburtstag (55 min) — SRF-Gespräch mit Thomas Macho über Sartres Nachwirkung
Kernthesen
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Existenz vor Essenz. Der Mensch existiert zuerst und bestimmt sein Wesen danach — es gibt keine vorgegebene Natur, keinen Plan, kein Schicksal. „Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht.” Das ist die Umkehrung von zweitausend Jahren Metaphysik und zugleich eine Absage an Triebschicksal, Herkunft und Milieu als letzte Erklärung.
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Zur Freiheit verurteilt. Wir haben uns nicht selbst erschaffen und sind trotzdem für alles verantwortlich, was wir tun. Verurteilt ist wörtlich gemeint: Die Freiheit ist keine Gabe, sondern eine Last, die man nicht abgeben kann. Auch die Weigerung zu wählen ist eine Wahl, auch Passivität hat Konsequenzen. Jede Entscheidung schließt andere Möglichkeiten aus — Sartre nennt das existenzielles Schuldigwerden.
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Mauvaise foi — die Unaufrichtigkeit. Weil die Freiheit Angst macht, flieht man in die Behauptung, determiniert zu sein: durch Kindheit, Charakter, Umstände. „Ich bin eben so.” Das ist keine Selbsterkenntnis, sondern der bequemste Selbstbetrug, weil er die Verantwortung an eine Vergangenheit abtritt, deren Bedeutung wir in Wahrheit selbst noch festlegen.
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Das Für-andere-Sein und der Blick. Unter dem Blick des anderen werde ich zum Objekt in einer Welt, die mir nicht gehört — die Urszene ist die Scham. Zugleich brauche ich diesen Blick, denn nur durch ihn erfahre ich, dass ich überhaupt bin. Daraus folgt Sartres härtester Satz über das Zusammenleben: „Der Konflikt ist der ursprüngliche Sinn des Für-andere-Seins.” Und daraus folgt auch die berühmteste, meistmissverstandene Zeile — „Die Hölle, das sind die anderen”: kein Menschenhass, sondern die Beschreibung eines Zustands, in dem man sich nicht mehr ändern und darum dem Urteil der anderen nicht mehr entkommen kann.
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Engagierte Literatur. Schreiben ist kein Rückzug, sondern eine Handlung mit Adressat: Der Schriftsteller enthüllt die Welt, und wer sie enthüllt, ist für das mitverantwortlich, was danach mit ihr geschieht. Aus diesem Prinzip folgen Les Temps Modernes, die Petitionen, die Tribunale — und die Ablehnung des Nobelpreises.
Politische Einordnung
Sartre war der einflussreichste linke Intellektuelle Europas nach 1945 — und die Bilanz seiner Urteile fällt gespalten aus. Beides gehört in dieselbe Vita, nicht in zwei getrennte.
Was trägt. Les Temps Modernes (ab 1945) machte die Zeitschrift zum politischen Instrument und gab einer ganzen Nachkriegsgeneration eine Sprache. Er stellte sich früh und ohne Rückversicherung gegen die französischen Kolonialkriege: Im Algerienkrieg unterzeichnete er 1960 das Manifest der 121, das Wehrdienstverweigerern Recht gab, während der Staat die Folter in Algier deckte — dafür wurde sein Pariser Appartement zweimal von der OAS gesprengt. 1967 saß er dem Russell-Tribunal zu den US-Kriegsverbrechen in Vietnam vor. 1956 brach er wegen des Einmarschs in Ungarn öffentlich mit der KPF. 1979 zog er mit Raymond Aron, seinem alten Gegner, für „Ein Schiff für Vietnam” an einem Strang. Er hat nie gefragt, ob eine Position ihm nützt.
Was nicht trägt. Nach seinen Reisen in die Sowjetunion in den fünfziger Jahren hörte er auf, den Stalinismus zu kritisieren, und sprach von einer Freiheit der Kritik, die es dort nicht gab — die längste und folgenreichste Beschönigung seines Lebens. 1952 stellte er sich in der Duclos-Affäre auf die Seite der Kommunisten und opferte dafür die Freundschaft mit Camus, der recht behalten sollte. Von 1970 bis 1973 war er Weggefährte der französischen Maoisten, zu einer Zeit, als die Kulturrevolution nicht mehr unbekannt war. Sein Vorwort zu Frantz Fanons Die Verdammten dieser Erde (1961) rechtfertigt antikoloniale Gewalt in einer Schärfe, die weit über Fanons eigenen Text hinausgeht — für viele Leser bis heute der Punkt, an dem seine Philosophie der Verantwortung in ihr Gegenteil kippt. 1974 besuchte er Andreas Baader in Stammheim und nannte ihn einen politischen Häftling. Und 1977 unterschrieb er, zusammen mit Beauvoir und sechzig weiteren französischen Intellektuellen, eine in Le Monde und Libération veröffentlichte Petition zur Entkriminalisierung sexueller Kontakte mit Minderjährigen — ein Dokument, das im Ausland früher als in Frankreich als das gelesen wurde, was es war.
Das Muster. Sartre irrte fast immer in dieselbe Richtung: dorthin, wo eine Sache zur Befreiung erklärt wurde. Er hat den Blick des anderen so genau beschrieben wie kein Zweiter und dabei den Blick derer übersehen, die unter den von ihm verteidigten Regimen lebten. Wer ihn liest, muss beides aushalten — dass die Analyse der Unaufrichtigkeit von jemandem stammt, der seine eigene über Jahre nicht bemerkt hat.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Albert Camus — dieselbe Ausgangslage, eine sinnlose Welt ohne vorgegebenes Wesen, und daraus zwei unvereinbare Konsequenzen. Camus zieht aus der Absurdität eine Grenze (Revolte ja, Revolution nein, weil jede Ideologie die Gegenwart für eine erfundene Zukunft opfert), Sartre zieht aus der Freiheit die Pflicht zum Engagement — auch zum blutigen. Der Bruch von 1952 war kein Zerwürfnis unter Freunden, sondern der Punkt, an dem sich zeigte, dass die Freiheit ohne Maß nicht auskommt.
- Simone Weil — zwei entgegengesetzte Antworten auf dieselbe Lage: Sartre will, dass das Ich sich entwirft und die Welt nach sich formt; Weil will, dass es sich zurücknimmt, damit Wirklichkeit überhaupt hereinkommt. Wo er die Passivität als mauvaise foi durchschaut, sieht sie in ihr die einzige Haltung, in der man einen anderen Menschen wirklich wahrnimmt. Und sie ging an die Fräsmaschine, während er über die Freiheit des Arbeiters im Café schrieb — der Vorwurf, den keine noch so gute Analyse abwehrt.
- Martin Heidegger — Sartre las ihn als Vorläufer und übernahm das Grundgerüst (das In-der-Welt-Sein, das Man, die Uneigentlichkeit, aus der bei ihm mauvaise foi wird). Heidegger hat die Vereinnahmung im Brief über den Humanismus zurückgewiesen: Wer „Existenz vor Essenz” sagt, drehe den Satz der Metaphysik nur um und bleibe damit in ihr gefangen; es gehe nicht um den Menschen, der sich macht, sondern um das Sein, das sich zeigt. Der Streit ist der zwischen einem Denken, das den Menschen zum Autor macht, und einem, das ihn zum Hörenden erklärt — mit der bekannten politischen Bilanz auf beiden Seiten.
- Sigmund Freud — Sartres härtester theoretischer Gegner: Er bestreitet das Unbewusste nicht als Beobachtung, sondern als Konstruktion. Wer verdrängt, muss wissen, was er zu verdrängen hat — also gibt es keine Instanz „hinter” dem Bewusstsein, sondern nur ein Bewusstsein, das sich selbst belügt, und genau das ist mauvaise foi. Damit fällt Freuds Trost weg: Wenn die Kindheit kein Schicksal ist, sondern eine Bedeutung, die ich ihr fortlaufend gebe, bleibt keine Vergangenheit übrig, an die sich die Verantwortung abtreten ließe.
- Karl Marx — die Spannung, an der Sartre dreißig Jahre gearbeitet hat: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein” steht Wort gegen Wort gegen die These, dass der Mensch nichts ist als das, wozu er sich macht. Die Kritik der dialektischen Vernunft ist der Versuch, beides zusammenzuhalten — Freiheit als das, was der Einzelne aus dem macht, was die Verhältnisse aus ihm gemacht haben. Dass ihn ausgerechnet dieses Bündnis politisch am weitesten von seiner eigenen Verantwortungsphilosophie wegtrug, gehört zu dieser Verbindung dazu.
- Hannah Arendt — beide kommen von Heidegger her und landen an entgegengesetzten Enden des Zwischenmenschlichen. Für Sartre ist der Blick des anderen die Verdinglichung und „der Konflikt der ursprüngliche Sinn des Für-andere-Seins”; für Arendt ist Pluralität die Bedingung, unter der überhaupt etwas Neues anfangen kann — Freiheit entsteht bei ihr nicht trotz, sondern zwischen Menschen. Näher sind sie sich beim Gegenteil des Denkens: Was Arendt als Gedankenlosigkeit beschreibt, ist bei Sartre die Unaufrichtigkeit — nur nennt sie es einen Ausfall des Urteils, er eine Wahl, die man leugnet.
- Byung-Chul Han — „Die Hölle, das sind die anderen” und Hans Diagnose vom „Verschwinden des Anderen” lesen sich wie zwei Zeitalter derselben Frage. Sartre beschreibt einen, der unter dem fremden Blick zum Objekt erstarrt; Han einen, den kein fremder Blick mehr trifft, weil ihm nur noch Gleiches begegnet. Und Hans Leistungssubjekt, das sich als Herr und Knecht in einer Person freiwillig ausbeutet und das Selbstverwirklichung nennt, ist mauvaise foi mit umgedrehtem Vorzeichen: nicht mehr „ich kann nicht anders”, sondern „ich will es ja selbst”.
- Walther Ziegler — vermittelt Sartres Denken im Vault
Cortex-Notes
- Walther Ziegler — Sartre in 60 Minuten — die Tiefenanalyse: Existenz vor Essenz, die Perlenkette der Vergangenheit, Furcht und Angst, das dreifache Scheitern der Liebe
- Diese 6 Gedanken könnten dein Leben neu ordnen — Folge 2 — zwei von Scobels sechs Sätzen sind Sartre: die Verurteilung zur Freiheit und „die Hölle, das sind die anderen”












