Biographischer Snapshot
Wer spricht?
Martin Heidegger (1889, Meßkirch — 1976, Freiburg) — Einer der einflussreichsten und umstrittensten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Begründer der Fundamentalontologie.
Sohn eines Küfermeisters und Mesners aus dem ländlichen Baden. Vom Theologiestudenten zum radikalen Erneuerer der Philosophie. Schüler Husserls, Lehrer Arendts, geistiger Vater des Existenzialismus — obwohl er sich davon distanzierte.
Wichtigste Werke: Sein und Zeit (1927), Die Frage nach der Technik (1953), Beiträge zur Philosophie (postum 1989) Kernkonzepte: Dasein, Fundamentalontologie, In-der-Welt-Sein, Sorge, Das Man, Eigentlichkeit, Sein-zum-Tode, Geworfenheit, Gestell
Biografie
Martin Heidegger wird 1889 in Meßkirch geboren — ein kleines Städtchen in Oberschwaben, katholisch bis in die Grundmauern. Sein Vater ist Küfermeister und Mesner, die Familie einfach. Der Ortspfarrer erkennt das Talent des Jungen und verschafft ihm ein Stipendium fürs Gymnasium in Konstanz, dann Freiburg.
Der junge Heidegger will Priester werden. 1909 tritt er in den Jesuitenorden ein — und verlässt ihn nach wenigen Wochen wegen Herzbeschwerden. Er studiert Theologie und Philosophie in Freiburg, bricht das Theologiestudium 1911 ab und wendet sich ganz der Philosophie zu. Es ist ein Bruch, der sein Denken vorwegnimmt: weg von der überlieferten Antwort, hin zur radikalen Frage.
1913 promoviert er, 1915 habilitiert er sich. Im Ersten Weltkrieg leistet er Wetterdienst — fronttauglich ist er nicht. Der eigentliche Wendepunkt kommt 1919: Heidegger wird Assistent von Edmund Husserl in Freiburg. Von Husserl übernimmt er die phänomenologische Methode — zu den Sachen selbst! — und radikalisiert sie in eine Richtung, die Husserl nie vorgesehen hatte.
1923 geht Heidegger als außerordentlicher Professor nach Marburg. In diesen fünf Marburger Jahren entsteht Sein und Zeit. Hannah Arendt, 18 Jahre alt, wird seine Studentin und seine Geliebte — eine Beziehung, die er bestimmt und die beide ein Leben lang verfolgen wird.
1927 erscheint Sein und Zeit — und macht Heidegger schlagartig zum meistdiskutierten Philosophen Europas. Arendt erinnert sich: Es war, als ginge „das Gerücht vom heimlichen König” um. 1928 kehrt Heidegger nach Freiburg zurück — auf Husserls Lehrstuhl.
Dann 1933: Heidegger wird Rektor der Universität Freiburg und tritt der NSDAP bei. Seine Rektoratsrede fordert „Volksgemeinschaft” und „Führung und Gefolgschaft” an der Universität. Er denunziert Kollegen. Husserl, sein jüdischer Lehrer, dem er Sein und Zeit gewidmet hatte, wird der Universitätszugang verwehrt — Heidegger unternimmt nichts. 1941 streicht er die Widmung an Husserl. Ein Jahr später tritt er vom Rektorat zurück, bleibt aber NSDAP-Mitglied bis Kriegsende.
Nach 1945: Lehrverbot, psychischer Zusammenbruch, stille Jahre der Neuorientierung. Karl Jaspers, einst Freund, empfiehlt im Entnazifizierungsverfahren die Suspension vom Lehramt. 1949 wird Heidegger als Mitläufer eingestuft. 1950 nimmt Hannah Arendt den Kontakt wieder auf — sie verteidigt sein Denken, nie seine Politik. Eine öffentliche, unzweideutige Reue über seine NS-Verstrickung äußert Heidegger nie.
Im Spätwerk vollzieht Heidegger die Kehre: weg von der Daseinsanalyse, hin zur Seinsgeschichte, zur Technik-Kritik und zur Sprache. Der aktive Fragesteller wird zum Hörenden — Gelassenheit statt Zugriff. Heidegger stirbt 1976 in Freiburg. Die ab 2014 publizierten Schwarzen Hefte entfachen die Debatte um seinen Antisemitismus neu.
Bücher und Publikationen
- Sein und Zeit (1927) — Genialokal
- Was ist Metaphysik? (1929) — Genialokal
- Kant und das Problem der Metaphysik (1929) — Genialokal
- Der Ursprung des Kunstwerks (1935/36) — Genialokal
- Brief über den Humanismus (1947) — Genialokal
- Die Frage nach der Technik (1953) — Genialokal
- Unterwegs zur Sprache (1959) — Genialokal
- Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis) (postum 1989) — Genialokal
- Schwarze Hefte (postum ab 2014) — Genialokal
- Gesamtausgabe (106 Bände, seit 1975) — Genialokal
Empfehlenswerte Videos und Vortraege
- Heidegger in 60 Minuten — Dr. Walther Ziegler — Verständliche Einführung in die Kernkonzepte von Sein und Zeit
Kernthesen
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Die Seinsfrage ist vergessen. Die gesamte abendländische Philosophie hat vergessen, nach dem Sinn von Sein zu fragen — sie hat sich in Einzelontologien (Biologie, Soziologie etc.) verloren, ohne die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis zu klären.
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Das Dasein ist kein isoliertes Subjekt. Der Mensch ist immer schon In-der-Welt-Sein — die cartesianische Subjekt-Objekt-Trennung ist eine nachträgliche Abstraktion, nicht die gelebte Erfahrung.
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Eigentlichkeit erfordert das Vorlaufen zum Tod. Die meisten Menschen leben im Man — sie tun, was man eben tut. Nur die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit kann das Dasein aus der Verlorenheit im Anonymen herausreißen und in die Eigentlichkeit führen.
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Die Technik ist nicht bloß Werkzeug. Im Gestell der modernen Technik wird alles — Natur, Mensch, Welt — zum berechenbaren Bestand degradiert. Die Menschheit braucht eine Kehre vom rechnenden zum besinnlichen Denken.
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Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. In der Krise — individuell wie gesellschaftlich — liegt die Möglichkeit der Umkehr. Der Mensch ist so gebaut, dass große Gefahr auch große Besinnung auslösen kann.
Politische Einordnung
Heideggers politische Biografie ist eine der schmerzlichsten der Philosophiegeschichte. Sein NSDAP-Beitritt 1933 war keine bloße Anpassung — die Rektoratsrede zeigt genuine Begeisterung für die „Selbstbehauptung der deutschen Universität” unter nationalsozialistischen Vorzeichen. Er denunzierte Kollegen und verriet seinen Lehrer Husserl durch Schweigen.
Nach dem Krieg: kein klares Bekenntnis, keine unzweideutige Reue. Im posthum veröffentlichten Spiegel-Interview (1966/1976) dominiert Rechtfertigung. Die Schwarzen Hefte (ab 2014) enthüllen antisemitische Äußerungen, die eine seinsgeschichtliche Deutung des Judentums versuchen — eine Debatte, die bis heute nicht abgeschlossen ist.
Die philosophische Wirkung ist davon nicht abtrennbar, aber auch nicht darauf reduzierbar. Arendt, Gadamer, Derrida, Levinas — sie alle haben das Denken weitergetragen und transformiert, teils in expliziter Distanz zum politischen Heidegger.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Hannah Arendt — Schülerin, Geliebte, lebenslange intellektuelle Gegenspielerin. Arendt verteidigte sein Denken und kritisierte seine Politik. Ihre Konzepte der Natalität und des Handelns sind Gegenentwürfe zu Heideggers Sein-zum-Tode
- Arthur Schopenhauer — Beide sehen das Leben als Herausforderung, nicht als Geschenk. Schopenhauers Wille zum Leben resoniert mit Heideggers Sorgecharakter des Daseins — der Ruf des Gewissens, der zum Weiterleben ruft
Gedankenwelten-Notes
- Walther Ziegler — Heidegger in 60 Minuten — Einführungsvortrag in die Kernkonzepte von Sein und Zeit












