Wer spricht?
Jens-Christian Wagner (*1966 in Göttingen) ist Historiker und einer der prominentesten Gedenkstättenleiter Deutschlands. Seit 2020 leitet er die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und ist Professor für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit an der Universität Jena. Sein Lebensthema ist die Geschichte der NS-Konzentrationslager und Zwangsarbeit — und der wache, streitbare Umgang mit ihr in der Gegenwart. Als offener Gegner der AfD und des rechten Geschichtsrevisionismus ist er selbst zur Zielscheibe geworden: Morddrohungen, Hassmails, sein Konterfei auf eine Todesmarsch-Gedenkstele geklebt.
Biografie
Wagner wuchs in Herzberg am Harz auf, verbrachte einige Kinderjahre in Chile — eine biografische Spur, die Jahrzehnte später zurückkehren sollte, als er an der Konzeption einer Gedenkstätte auf dem Gelände der einstigen Folter-Siedlung Colonia Dignidad mitwirkte. Von 1987 bis 1995 studierte er Mittlere und Neuere Geschichte sowie Romanische Philologie in Göttingen und Santiago de Chile. Schon seine Magisterarbeit galt dem KZ Mittelbau-Dora; 1999 promovierte er bei Bernd Weisbrod mit der Studie Verfolgungswahn und Tod über eben dieses Lager, in dem Häftlinge unter mörderischen Bedingungen die „Wunderwaffe” V2 in unterirdischen Stollen bauen mussten.
Von 2001 bis 2014 leitete er die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Nordhausen, danach bis 2020 die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten in Celle. 2020 folgte er Volkhard Knigge als Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Weimar — verbunden mit der Jenaer Professur. Seit 2010 vertritt er zudem die deutschen Bundesländer im Internationalen Komitee der Stiftung Auschwitz-Birkenau in Warschau.
Verheiratet, zwei Töchter.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Produktion des Todes. Das KZ Mittelbau-Dora | 2001 / 2015 | Seine Dissertation (ursprünglich Verfolgungswahn und Tod): Standardwerk zum Lager Mittelbau-Dora, Zwangsarbeit für die V2-Raketenproduktion. |
| Ellrich 1944–45. Konzentrationslager und Zwangsarbeit in einer deutschen Kleinstadt | 2009 | Mikrogeschichte: wie das KZ-System mitten in einer deutschen Kleinstadt sichtbar und alltäglich war — gegen die Legende vom „Nichtwissen”. |
| Menschen in Bergen-Belsen. Biografische Skizzen zu Häftlingen | 2019 | (Hg. mit Thomas Rahe) Erinnerung von den Opfern her — Biografien statt Zahlen. |
| Colonia Dignidad. Auseinandersetzungen um eine Gedenkstätte | 2024 | (Hg.) Die geschichtspolitischen Kämpfe um den Erinnerungsort der deutschen Sekten-Siedlung in Chile. |
| Rechter Geschichtsrevisionismus in Deutschland. Formen, Felder, Ideologie | 2025 | (Hg. mit Sybille Steinbacher) Analyse der rechten Umdeutung der NS-Geschichte — direkt an Wagners aktuellem Kampf. |
(Weitere Herausgeberschaften u. a. zu Todesmärschen, Bergen-Belsen, Wolfenbüttel und der Justiz im NS. Buchlinks auf genialokal.de — regionaler Buchhandel statt Amazon.)
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Das weiß fast niemand über BUCHENWALD… (Marcant-Podcast #14) — Ausführliches Gespräch (26.06.2026) über die Geschichte der KZ, Täterperspektive, Geschichtsrevisionismus und Gedenkstättenarbeit heute.
- Historiker Jens-Christian Wagner — Jung & Naiv, Folge 761 — Fast vierstündiges Grundlagengespräch (2025) über Buchenwald, NS-Erinnerung und den Umgang mit der AfD.
Kernthesen
- Täter statt nur Opfer in den Blick nehmen. Die NS-Verbrechen waren kein anonymer Apparat, sondern das Werk von Menschen mit Namen — Wissen um die Täterschaft ist Voraussetzung dafür, dass „so etwas nie wieder” mehr ist als eine Floskel.
- Die Lager waren mitten in der Gesellschaft, nicht am Rand. Zwangsarbeit fand in Kleinstädten, Fabriken, vor aller Augen statt. Die Legende vom kollektiven Nichtwissen zerbricht an der Mikrogeschichte.
- Erinnerung ist kein Besitz, sondern Arbeit. Gedenken muss jede Generation neu leisten; ein Mahnmal wirkt nur, solange die Gesellschaft den Text dahinter kennt.
- Geschichtsrevisionismus ist ein Angriff auf die Demokratie, nicht bloß auf die Geschichte. Wer die NS-Erinnerung als „Schuldkult” diffamiert, will die demokratische Selbstverständigung selbst auflösen.
- „Die NS-Verbrechen verbieten es, stolz auf die deutsche Geschichte zu sein.” (2025) — Wagners Absage an jeden „unverkrampften” Nationalstolz, der über die Verbrechen hinweggehen will.
Politische / ideologische Einordnung
Wagner ist ein streitbarer öffentlicher Intellektueller, der die politische Neutralität des Gedenkstättenleiters bewusst dort verlässt, wo er die Erinnerungskultur selbst bedroht sieht. Er forderte die CDU auf, sich von Hans-Georg Maaßen zu trennen, und erstattete gegen dessen Holocaust-Vergleiche Strafantrag wegen Volksverhetzung. Vor der Thüringer Landtagswahl 2024 schrieb er im Namen der Stiftung einen offenen Brief an die Wähler, der vor der AfD warnte. AfD-Funktionären — namentlich Björn Höcke, der eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad” fordert — untersagt er die Teilnahme an Gedenkveranstaltungen; das sei durch den gesetzlichen Auftrag der Stiftung gedeckt.
Diese Haltung hat einen Preis: Hassmails, Morddrohungen, pöbelnde Anrufe, und nach dem Wähler-Brief wurde sein Foto auf eine Todesmarsch-Gedenkstele geklebt. Für seinen Einsatz gegen rechten Geschichtsrevisionismus erhielt er 2025 den Preis „Das unerschrockene Wort”, das Bundesverdienstkreuz am Bande sowie 2026 den Erich-Mühsam-Preis. Er versteht sich nicht als Parteipolitiker, sondern als Verteidiger einer wehrhaften Erinnerungskultur — die Grenze zieht er dort, wo die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus selbst in Frage gestellt wird.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Götz Aly — dieselbe Kernfrage aus zwei Werkstätten: Aly erklärt die Verbrechensgemeinschaft gesamtgesellschaftlich-ökonomisch, Wagner belegt sie mikrogeschichtlich am Ort (Weimar, Ellrich, die Außenlager „vor der eigenen Haustür”).
- Liya Yu — Wagners Befund, dass die zur „Gefahr” erklärten Häftlinge von der Bevölkerung selbst ausgeliefert wurden, ist der historische Ernstfall von Yus Dehumanisierungs-Forschung.
- Arnd Henze — zwei Verteidiger des Erbes gegen die Kaperung: Henze bei den Widerstandsfiguren (Bonhoeffer), Wagner bei den Orten und Fakten (Buchenwald, „Geschichte statt Mythen”).
- Andreas Kemper (→ Andreas Kemper — Faschismen im 21. Jahrhundert) — Kempers Höcke-Analyse und Wagners völkische Genealogie der AfD stützen einander: der eine soziologisch, der andere historisch.












