Wer sie ist

Jesidin, geboren 2004 in Shingal (Sindschar, Nordirak). Am 3. August 2014 — sie war zehn — wurde sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern vom sogenannten „Islamischen Staat” verschleppt und zehn Monate gefangen gehalten. Heute lebt sie in Tübingen, hat ein Buch über diese Zeit geschrieben und spricht an Schulen, Universitäten und in Ausschüssen des Bundestages. Nicht als Politikerin. Als Zeugin.


Biografie

Herkunft und Kindheit. Geboren 2004 in Shingal (kurdisch für Sindschar) im Nordirak, in einer jesidischen Familie (kupferblau, 22.02.2025). Nach ihrer eigenen Schilderung in der funk-/TRU-DOKU-Reportage wuchs sie mit sieben Geschwistern auf; ihr Vater betrieb eine eigene Werkstatt (TRU DOKU, 12.04.2022).

Der 3. August 2014. Am Morgen dieses Tages überfielen IS-Kämpfer die Region Sindschar. Nach UN-Angaben wurden über 5.000 Jesidinnen und Jesiden getötet, weit mehr entführt und versklavt (bpb, Hintergrund aktuell). Jihan Alomar wurde an diesem Tag als Kind zusammen mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern verschleppt (Münchner Kammerspiele).

Zehn Monate Gefangenschaft. Sie war rund zehn Jahre alt. Über das, was in diesen Monaten geschah, spricht sie selbst — in ihrem Buch, in Lesungen, in der Reportage. Diese Vita gibt es nicht wieder; wer es wissen will, soll es von ihr hören, nicht aus zweiter Hand. Die Dauer wird in den meisten Quellen mit zehn Monaten angegeben (HÁWAR.help, Cine k, ZDF/funk) — der Tübinger Festivalbericht nennt abweichend acht Monate. Nach Darstellung der Caritas Münster wurde sie von einem Verwandten freigekauft (Caritas Münster).

Flucht und Ankunft in Deutschland. 2015 konnte ein Teil der Familie Alomar befreit werden; über das Sonderkontingent Baden-Württemberg für jesidische Frauen und Kinder aus dem Irak kam Jihan nach Deutschland (Münchner Kammerspiele). HÁWAR.help datiert die Ankunft auf 2016 (HÁWAR.help) — Befreiung 2015, Einreise 2016 ist die plausible Lesart, die Quellen decken sich hier nicht exakt. Im Interview mit der Stelle für Jesidische Angelegenheiten erinnert sie sich an den Beauftragten des Landes, Michael Blume, dem ihre Familie das Programm verdankt (SJA). Seither lebt sie mit Mutter und Geschwistern in Tübingen, wo sie zur Schule ging; im SJA-Interview sprach sie vom Realschulabschluss, dann Abitur, und vom Wunsch, Politikwissenschaft zu studieren.

Die Vermissten — Stand 2026

Ihre Schwester Sawsan (auch Suzan / Susan) war 16, als der IS sie von der Familie trennte. Sie überlebte fünf Jahre als Sklavin und drei Jahre versteckt im Camp Al-Hol in Syrien, wurde 2022 nach acht Jahren Gefangenschaft gefunden und befreit und kam 2023 in Deutschland an — die Schwestern sind in Tübingen wiedervereint (HÁWAR.help, Video vom 07.08.2023). Ihr Vater und einer ihrer Brüder gelten seit 2014 als vermisst (HÁWAR.help, Cine k, Stand der Filmveröffentlichung 2024). Im SJA-Interview sprach sie von rund zehn verlorenen Familienmitgliedern, darunter ihr Vater und zwei Onkel. Eine belastbare Angabe nach 2024 zum Vater ließ sich nicht finden — die Lücke bleibt hier offen stehen, statt sie zu füllen.

Auszeichnungen. HÁWAR.help-Menschenrechtspreis, GermanDream-Award (HÁWAR.help-Portrait, 21.05.2024, Münchner Kammerspiele).


Öffentliche Arbeit, Kanäle & Engagement

Sie ist keine Berufsautorin und keine Politikerin. Was sie tut, tut sie als Überlebende, die erzählt, weil sonst niemand mehr erzählen kann.

Das Buch

TitelDankbarkeit — Die schlimmste Zeit meines Lebens
MitautorenMarvin Jiyan Balletshofer (†), in Zusammenarbeit mit Zinê Balletshofer und Bêrîvan Kaya
Verlag / JahrMARBA GmbH, Tübingen — 2. Auflage 2021, 4. Auflage 2022, 159 Seiten
ISBN978-3-949121-04-3
KatalognachweisDeutsche Nationalbibliothek
Erlösegehen zum großen Teil an HÁWAR.help — sie selbst verdient daran keinen Cent (SJA, kupferblau)

Bezug — geprüft am 03.08.2026

Das Buch erscheint im Kleinverlag MARBA (Tübingen) und ist nicht über den genialokal-Katalog auffindbar; die frühere Bestellseite dieschlimmstezeitmeineslebens.com ist offline (Domain löst nicht mehr auf). Über die ISBN 978-3-949121-04-3 lässt es sich im Buchhandel bestellen, ein Bestandsnachweis existiert bei der DNB. Kein erfundener Kauflink.

Das Buchprojekt entstand mit dem Filmemacher Marvin Jiyan Balletshofer, der noch vor der Fertigstellung bei einem Autounfall starb; seine Mutter Zînê Balletshofer vollendete das Buch mit ihr (SJA).

HÁWAR.help

Sie arbeitet mit der Menschenrechtsorganisation von Düzen Tekkal zusammen — als Wertebotschafterin und in den School Talks, den Schulgesprächen der Organisation (SJA).

  • HÁWAR.help — Website · Spenden
  • Dokumentarfilm „Bêmal — Wo ist unsere jesidische Heimat? / Bêmal — Heimatlos. 10 Jahre Völkermord an den Jesiden” (2024, 86 Min., Regie Düzen Tekkal & David Körzdörfer). Der Film begleitet vier jesidische Geschwisterpaare — Jihan und Sawsan sind eines davon; Sawsan spricht darin erstmals öffentlich über ihre Jahre in Gefangenschaft. Ausgezeichnet mit dem Human Rights Film Festival Award 2024. → Filmseite HÁWAR.help · Kinoseite Cine k (die ARD-Mediathek-Fassung ist inzwischen depubliziert — Link tot, geprüft 03.08.2026)
  • Kurzdokumentation „Dankbarkeit — Ein Portrait von Jihan Alomar” (2024, Regie Marvin Balletshofer & Stefan Schmidt, gedreht u.a. im Irak, dem verstorbenen Regisseur gewidmet) → HÁWAR.help-Seite

Bildungsarbeit — Lesungen, Vorträge, Schulgespräche

Sie ist mit dem Buch in die Öffentlichkeit getreten und spricht seither regelmäßig an Schulen, Universitäten und in Bildungseinrichtungen. Belegte Stationen (Auswahl):

Kanäle


Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

  • Erzählen ist die Arbeit, die bleibt. Sie hat nichts in der Hand außer ihrer Geschichte — und benutzt sie. „Ich will, dass die Welt erfährt, welches Unrecht meinem Volk angetan wurde” (SJA). Nicht mehr, nicht weniger, wie sie selbst hinzufügt.
  • Gegen das Vergessen heißt: bis Shingal wieder steht. Ihr Maßstab ist kein Symbol, sondern ein Ort: „Ich hoffe auf den Tag, an dem man sagt: Wir bauen Shingal wieder auf. Wenn das erreicht ist, habe ich auch meine Arbeit in der Öffentlichkeit getan” (kupferblau). Erinnerung ohne Wiederaufbau ist ihr zu wenig.
  • Jesiden sollen über Jesiden sprechen. Sie nimmt die Bühne selbst, statt beschrieben zu werden — das Prinzip, das Co-Regisseur Körzdörfer für „Bêmal” formuliert: es habe eine enorme Kraft, wenn nicht mehr Geschichten über Jesiden erzählt würden, sondern sie sich die Sprachrohre selbst nähmen.
  • Die Jugend ist die Adresse. Ihre Bildungsarbeit richtet sich bewusst an junge Menschen — dort werde Bewusstsein und Hilfsbereitschaft „von Grund auf” gebaut. „Es soll nicht umsonst gewesen sein, was uns widerfahren ist.”
  • Heimat ist nicht ein Ort, sondern mehrere gleichzeitig. „Irak ist meine Heimat, Shingal ist meine Heimat. Aber ich will da nicht mehr hin.” Und im gleichen Atemzug: Tübingen, Deutschland, Shingal, Irak, ihre Religion, ihre Familie — „das zeigt, was alles meine Identität ist.”
  • Sichtbarkeit hat einen Preis, den sie zahlt. Auf die Frage nach Anfeindungen und Gefahr für ihre Sicherheit antwortet sie, sie habe daran nicht gedacht — sondern daran, ihr Volk in die Öffentlichkeit zu bringen, damit sich das nie wiederholt.

Politische Einordnung

Sie ist Zeitzeugin, nicht Parteipolitikerin. Was sich belegen lässt, sind vier Forderungen, die sie selbst öffentlich vertritt:

  1. Anerkennung des Völkermords — der Bundestag hat den Genozid Anfang 2023 als solchen anerkannt (bpb); ihre Arbeit gegen das Vergessen läuft weiter.
  2. Aufklärung und Erinnerungsarbeit — Lesungen, School Talks, Vorträge, Filme; die Arbeit mit jungen Menschen als Kern.
  3. Suche nach den Verschollenen — Tausende jesidische Frauen und Kinder gelten weiter als vermisst, darunter ihr Vater und ein Bruder. Die Befreiung ihrer Schwester Sawsan 2022 ist der Beweis, dass Suchen nicht vergeblich ist.
  4. Schutz der Gemeinschaft — auch in Deutschland. Sie benennt die Abschiebungen jesidischer Geflüchteter in den Irak; „Bêmal” macht sie zum Thema (im Film wird eine Familie über Nacht abgeschoben). Über ihre eigene Lage sagt sie: „Natürlich ist die Angst da, aus Deutschland abgeschoben zu werden” (kupferblau). Für die Lage im Irak liegt ein Gutachten von Pro Asyl vor (PDF, 23.04.2024).

Eine Parteizugehörigkeit, ein politisches Mandat oder eine Positionierung über diese Themen hinaus ist nicht belegt — und wird hier nicht hineingelesen.

Was offen bleibt

Kein Geburtsdatum, nur das Jahr 2004. Kein bestätigter Stand zum Vater nach 2024. Widersprüchliche Angaben zur Dauer der Gefangenschaft (acht vs. zehn Monate) und zum Ankunftsjahr (2015 Befreiung vs. 2016 Einreise); die HÁWAR-Portraitseite nennt außerdem irrtümlich „2015” als Jahr der Verschleppung, während alle übrigen Quellen den 3. August 2014 belegen. Kein bekannter Studien- oder Berufsweg nach dem Abitur.


Verbindungen zu anderen Denkern

  • Duezen Tekkal — Dieselbe Nacht des 3. August 2014, zwei Enden derselben Geschichte: Tekkal flog als Journalistin hin und gründete daraus HÁWAR.help, Alomar wurde an diesem Morgen als Kind verschleppt und spricht heute für genau diese Organisation. Der Unterschied ist die Rolle — Tekkal führt Thesen (die „bösen Zwillinge”, die Frauenfrage) und ist dafür angreifbar; Alomar bringt ein Zeugnis, das niemand widerlegen kann, und braucht keine These.
  • Malala Yousafzai — Die engste Parallele im Bestand: ein Kind, das islamistische Gewalt überlebte und daraus einen Beruf des Sprechens machte, mit derselben Adresse — die Jugend, das Klassenzimmer. Beide nehmen die Bühne selbst, statt beschrieben zu werden. Die Reibung ist die Reichweite: Malala hat eine globale Forderung (zwölf Jahre Schule für jedes Mädchen), Alomars Maßstab ist ein einziger Ort — „bis Shingal wieder steht”.
  • Jens-Christian Wagner — Wagner arbeitet dort, wo Alomars Weg endet: an dem Punkt, an dem keine Zeitzeugen mehr leben und die Erinnerung ohne sie getragen werden muss. Sein Satz „Erinnerung ist kein Besitz, sondern Arbeit” ist die institutionelle Fassung ihres Antriebs — und seine Erfahrung mit Morddrohungen und Revisionismus zeigt, was Alomar mit „Sichtbarkeit hat einen Preis” meint.
  • Wolfgang Kaleck — Alomars Forderungen sind juristisch, nicht symbolisch: Straftribunal für IS-Täter, Suche nach den Verschollenen, kein Abschiebebescheid für Überlebende. Kaleck liefert dafür den Begriff — Recht als Werkzeug der Machtlosen, Menschenrechte als „konkrete Utopie” — und die unbequeme Diagnose dazu: dass derselbe Rechtsstaat, der den Genozid 2023 anerkannte, Überlebende in den Irak abschiebt, ist genau die Glaubwürdigkeitslücke, die er beschreibt.
  • Michel Friedman — Friedman lebt die Generation danach: Kind von Holocaust-Überlebenden, dessen öffentliches Sprechen aus einem geerbten Trauma kommt. Alomars Gemeinschaft nennt das eine „traumatische Religion”, in der die eigene Vernichtung mitgezählt wird. Was bei Friedman weitergegeben wurde, hat sie selbst erlebt — beide zeigen, dass Zeugenschaft nicht mit der Erfahrung endet, sondern mit ihr beginnt.

Gedankenwelten-Notes