Biographischer Snapshot
Wer spricht?
PD Dr. rer. nat. Jürgen Kornmeier ist Neurobiologe und Mathematiker — und seit Juli 2022 Direktor des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg, jenem 1950 von Hans Bender gegründeten Haus, das Spuk, Telepathie und Nahtoderfahrungen mit den Mitteln der Wissenschaft untersucht, statt sie zu glauben oder zu verlachen. Studiert hat er Biologie und Mathematik in Freiburg (1998), promoviert wurde er 2002 über Wahrnehmungswechsel bei mehrdeutigen Bildern, habilitiert 2013 in Neurobiologie mit einer Arbeit über die Frage, was im Gehirn geschieht, wenn sich die Wahrnehmung ändert — aber nicht der Reiz. Dazwischen liegen sechs Jahre funktionelle Sehforschung an der Freiburger Universitäts-Augenklinik, zuletzt als stellvertretender Sektionsleiter; seit 2008 ist er zurück am IGPP, seit 2013 Privatdozent an der Fakultät für Biologie und Koordinator der Forschungsgruppe „Wahrnehmung und Kognition”. Publiziert hat er vor allem in PLOS ONE, Scientific Reports und Frontiers — zum Necker-Würfel und bistabiler Wahrnehmung, zu EEG-Korrelaten von Zeitfenstern im Sehen, zu Netzhautveränderungen bei Depression, Schizophrenie und Autismus, zu Duft als Gedächtnishelfer im Schlaf. Seine Kernbegriffe: mehrdeutige Reize als Labormodell, perzeptuelle und mentale Instabilität, Wahrnehmung als Konstruktion, das Geist-Materie-Problem.
Biografie
Kornmeier kommt nicht von der Parapsychologie her, sondern von der Zahl und vom Auge. Biologie und Mathematik in Freiburg, Magister und Erstes Staatsexamen 1998 — eine Kombination, die erklärt, warum sein Zugang zu den „Grenzgebieten” nie der des Sammlers von Anekdoten ist, sondern der des Messenden: Was lässt sich ins Labor holen, quantifizieren, replizieren?
Der Wendepunkt liegt in der Promotion (2002): „Wahrnehmungswechsel bei mehrdeutigen Bildern — EEG-Messungen zum Zeitverlauf neuronaler Mechanismen”. Der Necker-Würfel ist ein Strichbild, das die Physik nicht ändert und trotzdem umkippt — der Reiz bleibt identisch, die Welt im Kopf springt. Genau in dieser Lücke zwischen Reiz und Erlebnis siedelt Kornmeier seine ganze Arbeit an: Sie ist der Beweis im Kleinen, dass Wahrnehmung nichts Empfangenes ist, sondern etwas Gebautes.
Es folgen sechs Jahre in der Sektion Funktionelle Sehforschung der Universitäts-Augenklinik Freiburg (2002–2008, ab 2004 als stellvertretender Leiter) — die harte klinische Schule der Sehmessung, die später Kooperationen mit der Psychiatrie tragen wird (Netzhaut-Auffälligkeiten bei Depression, Schizophrenie, Autismus).
2008 kehrt er ans IGPP zurück, 2013 habilitiert er sich mit „Ambiguous Figures — What happens in the brain when perception changes but not the stimulus?” und wird Privatdozent an der Fakultät für Biologie. Seit Juli 2022 leitet er das Institut, das Hans Bender 1950 gegründet hat — als Vorstandsvorsitzender und Institutsleiter.
Die Brücke zwischen beiden Welten ist bei ihm keine Volte, sondern eine Hypothese: Außergewöhnliche Erfahrungen häufen sich in Phasen mentaler Instabilität — Pubertät, Krise, Trauma. Und Instabilität ist genau das, was er seit zwanzig Jahren im Labor erzeugt, wenn er einen Würfel zeigt, der sich nicht entscheiden kann. Der mehrdeutige Reiz wird zum Modell für ein mehrdeutiges Leben.
Publikationen
Kornmeier arbeitet nicht in Buchform, sondern in Zeitschriften. Eine Auswahl, die die Achsen seines Werks zeigt:
| Arbeit | Jahr | Worum es geht |
|---|---|---|
| Spontaneous Necker-cube reversals may not be that spontaneous — Frontiers in Human Neuroscience | 2023 | Der Umschlag im Würfel ist womöglich weniger zufällig, als er sich anfühlt — Zweifel am eigenen Erleben von Spontaneität |
| Top-down resolution of visual ambiguity — knowledge from the future or footprints from the past? — PLOS ONE | 2021 | Wie Vorwissen entscheidet, was wir sehen: Erwartung oder Gedächtnisspur? |
| What happens in the brain of meditators when perception changes but not the stimulus? — PLOS ONE | 2019 | Meditierende und der mehrdeutige Reiz — geübte Aufmerksamkeit im EEG |
| EEG correlates of cognitive time scales in the Necker-Zeno model for bistable perception — Consciousness and Cognition | 2017 | Mit Harald Atmanspacher: ein quantentheoretisch inspiriertes Zeitmodell der bistabilen Wahrnehmung |
| Visual imagination can influence visual perception — Scientific Reports | 2024 | Vorstellung greift ins Sehen ein — ein Paradigma, um Imagination messbar zu machen |
| Positive and Negative Hysteresis Effects for the Perception of Geometric and Emotional Ambiguities — PLOS ONE | 2018 | Wahrnehmung hat Trägheit — bei Formen wie bei Gesichtern |
| Presenting rose odor during learning, sleep and retrieval helps to improve memory consolidation — Scientific Reports | 2023 | Rosenduft im Klassenzimmer und im Schlaf: Laborbefund im echten Leben geprüft |
| Prevalence of visual snow and relation to attentional absorption — PLOS ONE | 2022 | „Visual Snow” — wenn das Sehsystem eigenes Rauschen sichtbar macht |
| Spacing learning units affects both learning and forgetting — Trends in Neuroscience and Education | 2022 | Zeitliche Abstände beim Lernen wirken auf beides — Behalten und Vergessen |
| Structural and functional retinal alterations in patients with paranoid schizophrenia — Translational Psychiatry | 2022 | Die Netzhaut als Fenster zur Psychiatrie |
Vollständige Publikationsliste: igpp.de — Jürgen Kornmeier
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Neurobiologe Jürgen Kornmeier über „Grenzgebiete der Psychologie” — Jung & Naiv: Folge 838 (16.07.2026, 4h23) — das lange Gespräch: IGPP, Bewusstsein, Wahrnehmung, Parapsychologie, Pauli & C.G. Jung, Hypnose, Spuk, Telepathie, Nahtoderfahrungen, Institutsgründer Hans Bender.
- Das Geist-Materie-Problem und die Grenzen von Wahrnehmung und Erkenntnis (IGPP Freiburg, 01/2026) — sein Grundvortrag: Wo endet, was wir wissen können, wenn das Wissende selbst gebaut ist?
- Außergewöhnliche Wahrnehmungszustände als Labormodell für außergewöhnliche Erfahrungen (IGPP Freiburg) — die Brücke: mentale Instabilität als gemeinsamer Nenner von Necker-Würfel und außergewöhnlicher Erfahrung.
- 75 Jahre Grenzgebietsforschung in Freiburg (mit Eberhard Bauer, 16.09.2025) — Institutsgeschichte und die Figur Hans Bender.
- Wie Duft bei der Gedächtnisbildung helfen kann — Ringvorlesung am Bernstein Center Freiburg (18.12.2023).
Kernthesen
- Wahrnehmung ist Konstruktion, kein Empfang. Der Necker-Würfel liefert den Beweis im Labor: Der Reiz bleibt exakt gleich, das Erlebnis kippt. Was wir „die Welt” nennen, ist die beste Hypothese des Gehirns über sie.
- Der mehrdeutige Reiz ist ein Labormodell für außergewöhnliche Erfahrung. Außergewöhnliche Erlebnisse häufen sich in Phasen mentaler Instabilität — Pubertät, Krise, Trauma. Instabilität lässt sich im Labor kontrolliert erzeugen und messen, statt sie nur zu erzählen.
- Vergangenheit und erwartete Zukunft bauen die Gegenwart mit. Was wir jetzt sehen, ist von Vorwissen und Vorhersage durchsetzt — die Wahrnehmung ist zeitlich tief, nicht ein Schnappschuss.
- Grenzgebiete verdienen Methode, nicht Glaube und nicht Spott. Spuk, Telepathie, Nahtoderfahrung sind zuerst Berichte von Menschen — und damit legitime Gegenstände empirischer Forschung, mit derselben Strenge wie jedes andere Phänomen.
- Das Geist-Materie-Problem ist offen — und die Offenheit ist der Befund. Wie mentales Erleben und physische Prozesse zusammenhängen, ist nicht gelöst; die Grenzen der Erkenntnis gehören mit ausgewiesen, statt weggeredet.
Verbindungen zu anderen Denkern
Claus-Christian Carbon — Der nächste Nachbar im Fach: derselbe Laborbefund, zwei Temperamente. Carbon macht aus der Konstruktion eine These über die Welt („Die Welt, die du wahrnimmst, existiert nicht da draußen”), Kornmeier macht daraus eine Aussage über sein Messgerät.
Rebecca Böhme — Teilt den Predictive-Processing-Rahmen vollständig, zieht die Realitätsgrenze aber schärfer: Man kann hingehen und anfassen, die Welt kann uns eines Irrtums überführen. Kornmeiers Institut erforscht genau die Phänomene, die sich diesem Kriterium entziehen.
David Chalmers — Kornmeier unterschreibt das Hard Problem (die Himbeere, deren Rot er nie mit fremden Augen sehen wird) und lehnt die Lösung ab. Wo Chalmers die Fundamentalgrößen erweitert, zählt Kornmeier die 22 konkurrierenden Theorien und liest sie als Beleg des Nichtverstehens.
Markus Gabriel — Gabriel verwirft als „Welt des Zuschauers” genau das Modell, in dem Kornmeier misst. Der Philosoph entscheidet über den Status der Perspektive, der Empiriker zeigt, wovon ihr Zustandekommen abhängt.
Edgar Morin — „Ich glaube nichts, halte aber alles für möglich” ist Morins principe dialogique in sieben Wörtern: zwei widersprüchliche, beide nötige Logiken ohne Synthese. Morin baut daraus eine Methode für ein Jahrhundert, Kornmeier eine Selbstbindung für den Laboralltag.
Jacob Beautemps — Dieselbe Tugend der Zurückhaltung aus entgegengesetzten Richtungen: Beautemps dämpft eine Prognose, die wahrscheinlich zutrifft, Kornmeier einen Befund, der wahrscheinlich nicht überzeugt.
Harald Atmanspacher · Hartmann Römer · Michael Bach — die drei Männer, die seinen Weg bestimmten: der theoretische Physiker, der ihm die Kippfiguren gab und freie Hand ließ; der Universalgelehrte, der die verallgemeinerte Quantentheorie aus dem Pauli-Jung-Dialog formalisierte; und der Sehforscher aus der Augenklinik, der die Ko-Betreuung übernahm, weil Kornmeier jemanden für die Praxis brauchte. „Meine Chefs waren meistens schlauer als ich, was ich immer toll fand.”












